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“Die heilige Hure” - Kirche unterwegs zum himmlischen Jerusalem
(Eine Predigt auf dem Hintergrund von Offb 21,10-14, 22-23, gehalten in der Jesuitenkirche am 9. Mai 2010 um 11. 00 und um 18 00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-05-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Die Szene spielte sich in den 80-er Jahren ab. Der unvergessliche Dogmatikprofessor und auch ehemalige Dekan der Fakultät P. Raymund Schwager SJ nahm eine kommissionelle Diplomprüfung in Dogmatik ab. Ein indischer Student aus dem Canisianum schwitzte vor der Kommission. "Was ist Kirche?", lautete schließlich die Frage. "Kirche? - Eine kleine Hure!", antwortete der Student. Die Kommission schaute verdutzt drein und fragte: "Wie bitte?" "Die Kirche ist eine kleine Hure!", wiederholte der Student. "Woher haben sie so etwas?", fragte spontan P. Schwager. "Niewiadomski erzählt das beim Dogmatischen Repetitorium", entgegnete der Student.

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Liebe Schwestern und Brüder, diese kleine Anekdote, die sich durchaus dazu eignet, eine universitäre Wanderlegende zu sein, soll das Thema der heutigen Predigt entkrampfen. "Die heilige Hure: Kirche unterwegs zum himmlischen Jerusalem" - so steht es auf dem Plakat. Das Thema greift bloß ein altkirchliches Motiv auf. Schon die Kirchenväter bezeichneten ja die Kirche mit dem Titel: "casta meretrix" - die keusche Hure. Der indische Student schnappte also schon etwas vom dogmatischen Stoff auf und verband diese Information mit eigenen Assoziationen. "Casta meretrix" - keusche Hure! Schon in den ersten Jahrhunderten der Existenz der Kirche war also das theologische Bewusstsein lebendig, dass es eine unaufgebbare Spannung gibt: die Spannung zwischen der sündigen und der heiligen Kirche. Kirche sei eine Hure, eine Prostituierte, die ja immer und immer wieder Christus die Treue bricht: Christus und auch den Menschen, die sie immer und immer wieder verrät, beleidigt und auch im Stich lässt. Weil sie sich an jene verkauft, die mehr bieten können: an die Mächtigen und Reichen. Hure, weil sie Pfründe anhäuft, aber auch weil sie den Menschen nach dem Mund redet. Hure, weil sie nicht vor Missbrauch zurückschreckt, um auf ihre Kosten zu kommen; weil sie Tricks anwendet, um Menschen zu verführen. Hure und Prostituierte also ..., und trotzdem keusch!

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Keusch nur deswegen, weil sie von ihrem eigentlichen Bräutigam, jenem Bräutigam, den sie ja immer und immer wieder verrät, weil sie von diesem Bräutigam, weil sie von Christus reingewaschen wird. Mag ihre Sünde auch rot sein wie Scharlach, Er und nur Er wäscht sie, und sie wird immer von Neuem weißer als Schnee. Keusch aber auch, weil sie sein mystischer Leib bleibt, weil ihr Christus niemals sein Wort und sein Sakrament entziehen kann. Er und nur Er allein kann ja sich selber niemals verraten. Keusch schlussendlich, weil es in ihr unzählige ganz normale Heilige des Alltags gibt, die stillen Beter, die einfachen Gläubigen, Menschen, die da sind ..., die im kirchlichen Bordell ausharren; mehr noch: weil sie den Anschein kirchlicher Verkommenheit durch ihr Vertrauen verwandeln, weil sie zupacken, dort zupacken, wo Not am Mann ist: zupacken ... und so der kirchlichen Sorge um die Menschen eine konkrete Gestalt geben - und ein menschliches Gesicht. Die unzähligen anonymen Seelsorgerinnen und Seelsorger des Alltags. "Casta meretrix" also, die keusche Hure.

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Immer und immer wieder lösten theologische Denker und kirchliche Hierarchen diese Spannung auf, schoben so einen der Pole in den Vordergrund ihrer Wahrnehmung, dass das spannungsreiche Bild der Kirche zum platten Abziehbild wurde: für Skandalschlagzeilen und Erbauungsschriften geeignet. Erzürnt über die korrupte Kurie des Papstes in Rom löste Martin Luther die Spannung auf und qualifizierte die Kirche als den Inbegriff der apokalyptischen Hure von Babylon und den Papst als Antichristen. Nachhaltiger und verhängnisvoller war die Konzentration auf das andere Extrem der Spannung. Durch den Wandel und die Umbrüche an der Schwelle zur Moderne verunsichert, isolierten sich die so genannten Getreuen des Papstes, wanderten freiwillig ins klerikale Ghetto ..., nannten die Kirche gar "societas perfecta", eine vollkommene Gesellschaft, sahen also nur noch die platte Heiligkeit und den Anstand in ihren eigenen Reihen. Und dies hauptsächlich deswegen, weil die Welt außerhalb der kirchlichen Mauern für sie zum Inbegriff der Schlechtigkeit und der Sünde verkam. Damit reduzierten sie die spannungsgeladene Heiligkeit der Kirche auf eine verlogene Scheinheiligkeit. Klerikaler "Mief", der nach frischer Luft schreit ...

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Warum aber dieses Thema am heutigen Sonntag? In der Lesung haben wir das tolle Bild der ecclesia triumphans wahrgenommen: Kirche als himmlisches Jerusalem. Ein Mega-Jubilierladen mit unzähligen Eingangstüren, erleuchtet durch die Herrlichkeit Gottes. "Wow!", müsste man ausrufen und Halleluja singen. Wäre es nicht angebrachter, im Kontext einer solchen Lesung, im Kontext der allseitig wahrgenommenen Krisen unserer Welt, am Sonntag, an dem wir den Muttertag feiern, die Kirche als "Mater et Magistra" zu preisen, als Mutter und Lehrmeisterin? Der legendäre Papst Johannes XXIII. konnte seiner Enzyklika problemlos diesen Titel geben: Mater et Magistra. Dankbar sah die damals durch die Kubakrise an den Rand des atomaren Desasters geratene Welt in dem lächelnden und gütigen Papst, der sich um die Deeskalierung der Bedrohung bemühte, den Inbegriff einer Kirche, die Mater et Magistra bleiben sollte: Lehrmeisterin in sozialen und ethischen Fragen. In Tagen aber, in denen unsere Öffentlichkeit Lüge und Vertuschung gar mit Vertretern des bischöflichen Amtes assoziiert, muss sich auch die Magistra selber zuerst demütig daran erinnern, dass der eigentliche Magister Jesus Christus bleibt, und dass sie selber ihn und seine Lehre auch verraten kann. Gerade dann verraten kann, wenn sie problemlos in die Rolle der Pharisäer und Schriftgelehrten schlüpft, in die Rolle jener selbstgerechten Hirten und Hierarchen, die im Namen des Gesetzes die Ehebrecherin steinigen wollen und an der kleinen Sünderin ein Exempel statuieren wollen, ein Exempel, das ihre eigene Sündhaftigkeit verdeckt. Diese Art von Magisterium, diese Art der Lehrverkündigung verrät den Lehrer und auch seine Lehre. Denn er selber schloss sich der Meute der Pharisäer und Schriftgelehrten nicht an, vielmehr identifizierte er sich mit der Ehebrecherin. Er konnte - weil er der Sündenlose war - nur Er konnte zwischen Sünde und Sünderin unterscheiden, er konnte die Sünde auch problemlos beim Namen nennen, ohne die Sünderin zu verletzen. Die Kirche aber, gerade weil ihre Heiligkeit nur eine Heiligkeit der heiligen Hure ist, die Kirche ist nie vor der Gefahr gewappnet, im Namen ihres Meisters auch Steine zu werfen ..., und um die Sünde zu benennen, auch die Menschen zu opfern, auszugrenzen, zu verletzen, gar zu töten. Je mehr die Kirche in ihrer Selbstwahrnehmung die spannungsgeladene Heiligkeit auflöst, je mehr wir alle in unserer gläubigen Haltung die demütige Bodenständigkeit verlieren, in der wir bekennen, dass auch wir Sünder sind, umso mehr tendiert die Kirche dazu, die Menschen und damit auch Christus zu verraten. Deswegen tut es ihr gut, sich eher mit der Ehebrecherin zu identifizieren und sich ein Dreifaches zu vergegenwärtigen. Zuerst: dass sie gesündigt hat. Dann sollte sie sich aber auch dessen vergewissern, dass Christus die Meute der selbstgerechten Kritiker, die darüber froh sind, dass die Kirche nicht besser sei als sie selber, unter Umständen gar schlechter, dass Christus diese Kritiker (wie eben alle Kritiker) in die Grenzen ihrer eigenen Sündhaftigkeit verweist. Schlussendlich aber - und das ist das Entscheidende - sollte sie sich vor Augen zu führen, dass Christus sie heiligt, in ihrer Sünde heiligt, sie die treulose Hure also zu einer heiligen Hure wandelt. Damit sie weiterhin ein Stolperstein bleibe: auf dem Weg der Menschheit ins himmlische Jerusalem. Ein Stein des Anstoßes und dies im besten Sinn des Wortes: Stolperstein für alle selbstgerechten Kulturen, auch für die medial strukturierte Kultur des 21. Jahrhunderts. Denn als arme Kirche der Sünder bleibt sie die heilige Kirche. Weil misera, weil arm und sündig, kann sie eben zur misericordia, zur Barmherzigkeit in dieser Welt werden. Nicht automatisch, sondern durch die Liebe dessen, der selber der Inbegriff der misericordia bleibt: Er, die menschgewordene Liebe und Barmherzigkeit unseres Gottes.

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Der große Innsbrucker Theologe Karl Rahner hat den Akt dieser Identifizierung der Kirche mit der Ehebrecherin meisterhaft in einem kleinen Text auf den Begriff gebracht: "Die Schriftgelehrten und Pharisäer - es gibt solche ja nicht nur in der Kirche, sondern überall und in allen Verkleidungen - werden immer wieder ‘die Frau’ vor den Herrn schleppen und sie mit dem geheimen Hochgefühl, dass ‘die Frau’ - Gott sei Dank - doch auch nicht besser ist als sie selbst, anklagen: ‘Herr, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden. Was sagst du dazu?’ Und diese Frau wird es nicht leugnen können. Nein, es ist ein Ärgernis. Es gibt nichts zu beschönigen; sie denkt an ihre Sünden, weil sie diese wirklich begangen hat, und sie vergisst darüber (wie könnte die demütige Magd anders) die verborgene und offenbare Herrlichkeit ihrer Heiligkeit. Und so will sie nicht leugnen. Sie ist die arme Kirche der Sünder. Ihre Demut, ohne die sie nicht heilig wäre, weiß nur von ihrer Schuld. Und sie steht vor dem, dem sie angetraut ist, vor dem, der sie geliebt und sich für sie dahingegeben hat, um sie zu heiligen, vor dem, der ihre Sünde besser kennt als ihre Ankläger. Er aber schweigt. Er schreibt ihre Sünde in den Sand der Weltgeschichte, die bald ausgelöscht sein wird - und ihre Schuld mit ihr. Er schweigt eine kleine Weile, die uns wie Jahrtausende erscheint. Und er verurteilt diese Frau nur durch das Schweigen seiner Liebe, die begnadet und freispricht. In allen Jahrhunderten stehen neue Ankläger neben ‘dieser Frau’ und schleichen immer wieder davon, einer nach dem anderen, von den Ältesten angefangen; denn es fand sich nie einer, der selbst ohne Sünde war. Und am Ende wird der Herr mit der Frau allein sein. Und dann wird er sich aufrichten und die Buhlerin, seine Braut, anblicken und sie fragen: ‘Frau, wo sind sie, die dich anklagen? Hat keiner dich verurteilt?’. Und sie wird in unsagbarerer Reue und Demut antworten: ‘Keiner Herr’. Und sie wird verwundert sein und fast bestürzt, dass keiner es getan hat. Der Herr aber wird ihr entgegengehen und sagen: ‘So will auch ich dich nicht verurteilen’. Er wird ihre Stirn küssen und sprechen: ‘Meine Braut, heilige Kirche.’" (Karl Rahner: "Kirche der Sünder")

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