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Aufstieg und Fall! Wozu noch Kirche?
(Predigt zu Palmsonntag 2010, gehalten in der Jesuitenkirche am 28. März 2010 um 11 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-04-12

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Was nimmt denn das moderne Auge am heutigen Tag wahr? Die Sackgasse des Aufstiegs und die Sackgasse des Falls. Was hätten da die medialen Schlagzeilen berichtet über jenen Morgen in Jerusalem, den wir heute in dieser Kirche liturgisch vergegenwärtigen? - "Der kometenhafte Aufstieg eines neuen Idols!" Der Mann in den besten Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mitten unter der jubelnde Menge, auf dem Weg in die Hauptstadt. Alle Augen auf ihn gerichtet. Der Rausch des Aufstiegs, dem Aufstieg und dem Rausch eines Top-Managers, dem Höhenflug eines Top-Sportlers, der Oscar-Nacht eines Filmstars nicht ganz unähnlich. Buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht, scheint er all die Hoffnungen der Masse zu verdichten. Wie ein junger Gott strahlt er die kraftstrotzende Gesundheit und die kraftstrotzende Potenz aus, zeigt den Glanz einer VIP-Persönlichkeit!

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Welcher Zeitgenosse strukturiert sein Leben nicht nach dieser Logik? Welche modernen Eltern sehen ihre Kinder nicht auf diesem Weg nach oben? Wer träumt nicht davon, Einfluss zu haben? Wer will nicht Zielobjekt der Bewunderung und des Neides sein? Liebling der Massen! Und auch ihr Spielball. Spielball jener jubelnden Menge, die sich im Handumdrehen in eine hasserfüllte Meute verwandeln kann. Freilich wagt keiner daran zu denken, dass im Aufstieg der Fall meistens schon vorprogrammiert ist. Ganz schön verdrängend leben wir also alle in einer atemberaubenden und atemraubenden Zeit, boxen uns immer nach oben durch, steigen problemlos auf den Köpfen jener, die gestrauchelt sind, hinauf und denken: mich wird es nicht treffen, ich bin doch unverwundbar? Und doch! Schneller als man denkt, werde auch ich auf jene Straße umdirigiert, die unweigerlich zum Fall führt. Der Fall in den Abgrund scheint ja in unserer Welt die Kehrseite des Aufstiegs zu sein. Gestern noch von allen bejubelt, heute schon am Boden. Mit einer Flache in der Hand. Vor allem aber einsam. Einsam, genau so einsam, wie man schon im Rausch des Aufstiegs einsam gewesen ist. So paradox es klingen mag: der moderne Mensch erlebt beide Wege als eine Sackgasse, den Aufstieg und den Fall. Beide enden in der erschrecklenden Einsamkeit: der Einsamkeit des Top-Managers, des Top-Politikers und der Einsamkeit des Helden mitten in der ihm zujubelnden Menge. Aber auch in der Einsamkeit des sprichwörtlichen Durchschnittsmenschen von der Straße. Vor allem aber in der Einsamkeit des Opfers, das von der Meute von der angeblichen Freunden und Feinden umgeben ist.

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So überraschend es auch klingen mag: am heutigen Tag kreuzen sich zwei moderne Sackgassen. Und die Kreuzung dieser beiden Sackgassen: der Sackgasse des Aufstieg und der Sackgasse des Falls, diese Kreuzung stellt den Inbegriff der erschreckenden Banalität des menschlichen Lebens dar. Milliarden von Menschen erleben diese Logik tagtäglich: Sie steigen auf und sie fallen hinunter, mit oder auch ohne die Fernsehkameras, mit oder auch ohne Aufsehen. Laut schreiend im Jubel oder in der Klage. Bloß an eigenen Tränen erstickend, den Tränen des Glücks oder aber den Tränen der Verzweiflung. Milliarden von Menschen erleben dies sowohl im Aufstieg als auch im Fall.

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Wozu brauchen wir noch Kirche in dieser Welt? - fragen Tausende von verunsicherten Katholiken in unseren Breitengraden. Wozu eine Kirche, die doch nichts anderes tut, als das, was andere tun und dies sowohl im Aufstieg und im Fall, sowohl im Erfolg als auch im Versagen? Wozu eine Kirche, die unter Umständen noch schlimmere Dinge tut? Taugt sie noch zu etwas anderem als bloß zu einer Projektionsfläche für Skandale, eine Projektionsfläche, die aber letztendlich doch ersetzbar ist? Wozu soll man in dieser Kirche bleiben?

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Liebe Schwestern und Brüder, es ist die Kirche und nur die Kirche, die mitten in dieser Welt, einer Welt, die durch die Banalität der Logik von Aufstieg und Fall geprägt ist, es ist die Kirche, die diese Banalität sprengt und ihr - also der Banalität selber - einen tieferen Sinn verleiht, weil sie die Passion des menschgewordenen Gottes feiert, um den menschgewordenen Gott auf der Kreuzung dieser beiden Sackgassen menschlichen Lebens verkündet. Er - und das ist der eigentliche Qualitätsausweis des christlichen Glaubens - lässt sich mit uns hinauf katapultieren in die rauschenden Höhen des Aufstiegs und er lässt sich auch hinunter stürzen in die erschreckenden Tiefen unseres Versagens, unserer Schuld, unserer Endlichkeit: der Endlichkeit der Krankheit und der Endlichkeit des Todes. Und das tat er und tut er auch einzig und allein darum, dass wir nicht einsam sind. Nicht einsam: weder im Aufstieg und schon gar nicht einsam im Fall. So tief dieser Fall auch sein mag! Palmsonntag, Karfreitag, Osternacht verdichten dieses Glaubensmysterium.

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Weder am Aufstieg eines Stars, eines Top-Managers noch am Fall eines Kirchenmannes vermag der Mensch einen Sinn für sein eigenes Leben zu gewinnen, auch wenn viele Zeitgenossen sich dies denken, wenn sie meinen, ihr Leben lang aus der Kraft der Träume und aus der Kraft der Skandale leben zu können. Der Sinn liegt einzig und allein darin, dass Gott selber in Jesus Christus in unsere Sackgassen herabsteigt, in meine eigenen Sackgassen. Die Kirche - und das ist die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten, jene Toten, die durch ihren Tod diese Wahrheit bezeugen - feiert jahrein, jahraus die Karwoche und verwandelt damit die banale Kreuzung der beiden Sackgassen unseres Lebens in ein lebensspendendes Kreuz, das Kreuz der Hingabe. Seien wir froh und auch stolz darüber, dass uns das Geheimnis des Kreuzes geschenkt und auch aufgetragen wurde. Aufgetragen zur Weitergabe an Andere. Denn nur gemeinsam können wir IHN, der auf die Kreuzung unseres Lebens herbgestiegen ist, begegnen.

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