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Muslimisch-Christliches Friedensgebet Telfs 2010

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:"Zusammenkommen, um für den Frieden zu beten": mit diesem Motto wurden die Menschen zu einem muslimisch-Christlichen Friedensgebet eingeladen. Am Samstag, den 27. Februar 2010, waren auch 200 Menschen im Sportzentrum Telfs zusammengekommen, um für den Frieden zu beten. Getragen wurde das Gebet von den muslimischen Vereinen, ATIB Gießenweg und VIKSZ Bahnhofstraße, den Pfarrgemeinden des Seelsorgeraumes Telfs, dem Franziskanerkloster Telfs und der Theologischen Fakultät Innsbruck (federführend der Schwerpunkt: Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung/Teilprogramm: Kommunikative Theologie). Initiativen dieser Art stellen gerade im Kontext gegenwärtiger kulturpolitischer Verfemung des Islams eine kreative Unterbrechung von Denk- und Handelsschablonen dar. Der Dekan der Theologischen Fakultät und Friedensbotschafter der Friedensglocke des Alpenraumes, Józef Niewiadomski, führte mit folgenden Worten zur Begegnung im Gebet hin.
Publiziert in:
Datum:2010-03-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Friede sei mit Euch allen! Herzlich willkommen an alle, die zu diesem Friedensgebet gekommen sind.

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"Warum soll man beten?", fragen oft Menschen gerade im Westen. Reicht es nicht aus, dass wir arbeiten, dass wir Politik machen, dass wir Feste feiern? Lassen Sie mich zu Beginn eine kleine Geschichte erzählen. Es ist dies eine Geschichte über den berühmtesten österreichischen Prediger. Er lebte schon vor ein paar hundert Jahren und war Prediger am Hof des Kaisers in Wien. Sein Name war Abraham a Santa Clara. Dieser Abraham a Santa Clara predigte einmal zum Thema: "Bete und arbeite!" Nach der Predigt kam ein junger Arbeiter zu ihm und sagte: "Hören Sie, Pater! Ich kann Ihren Ausführungen nicht ganz folgen. Ich verstehe Sie nicht. Dass man durch das Arbeiten vorwärts kommt, das weiß ich selber. Doch wozu soll man beten?" Der Prediger gab keine Erklärung, sondern nahm den jungen Mann mit zu einem kleinen See. Er bestieg mit ihm ein kleines Boot. Dann ruderte der Prediger los. Er ruderte und ruderte ... aber nur mit einem Ruder. "Moment mal!", rief der junge Mann ganz genervt. "Sie müssen schon mit beiden Rudern rudern, sonst drehen wir uns ewig im Kreis". Nun sprach der berühmte Prediger: "Sehen Sie, genauso ist es mit Beten und Arbeiten. Wenn Sie im Leben vorankommen möchten, müssen Sie beides tun. Wenn Sie nur eines davon tun, drehen sie sich in ihrem Leben im Kreis!"

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Liebe Mitmenschen, die wir alle an den Einen Gott glauben! Warum sind wir also heute zum Friedensgebet gekommen? Und dies nicht zum ersten Mal. Um voranzukommen! Voranzukommen mit einer menschenwürdigen Lebenskultur hier in Telfs, in Tirol und in Österreich. Wir alle tun schon sehr viel für diese menschenwürdige Lebenskultur hier vor Ort. Wir arbeiten. Wir verdienen Geld, damit unsere Familien gut leben können. Wir engagieren uns kulturell und politisch. Wir bauen Brücken zueinander im Alltag! Und wir stellen oft fest, dass man in der Öffentlichkeit dieses unser Bemühen um eine Kultur des friedlichen Zusammenlebens oft bewusst übersieht. Hin und wieder verdreht man unser Bemühen, man interpretiert es falsch. Anstatt das Verbindende in den Vordergrund zu rücken, anstatt Brücken zu bauen, schürt man Konflikte und Missverständnisse. Deswegen kommen wir uns oft entmutigt vor. Deswegen verlieren wir den Glauben, dass es einen Sinn hat, sich für das "Brückenbauen" zu engagieren. Oder wir glauben, dass wir zu wenig tun! Wir rudern und rudern und kommen oft außer Atem. Vor allem aber haben wir das Gefühl, dass wir nicht vom Fleck kommen.

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Vielleicht ist das der Fall, weil wir zwar alle viel arbeiten, uns viel bemühen, aber zu oft nur mit einem Ruder rudern. Vielleicht drehen wir uns deswegen im Kreis! Wenn wir nun heute gemeinsam um Frieden beten, so ist das ein Versuch, das zweite Ruder ins Spiel zu bringen, die Kraft der Religion für das mitmenschliche Zusammenleben zu aktivieren.

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Auch das ist alles andere als selbstverständlich. Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass das, was wir hier tun, einem kleinen Wunder ähnlich ist. Telfs ist ein Ort, an dem Wunder passieren. Und all die Menschen, die heute hierher gekommen sind, haben Anteil an diesem Wunder. Und warum dies?

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Wir wissen es allzu gut. Wir leben in einer Zeit, in der sich ein furchtbares Vorurteil unter den Menschen verbreitet. Wir bekommen es immer wieder zu hören: Religion sei Schuld an Gewalt und Krieg, an Aggression und Terror. Zurückdrängen von Religion sei friedensstiftend. Dieses Vorurteil schmerzt uns alle; es schmerzt alle religiösen Menschen, ja es müsste allen Menschen guten Willens weh tun. Das Zerrbild gewalterzeugender Religion fegt nämlich all jene Bemühungen um Verständigung und Dialog, um Grenzüberwindung, die tagtäglich an jedem Ort der Erde von tief gläubigen Menschen vollbracht werden, hinweg. Sehr oft im Stillen. Auch hier in Telfs. Oder gerade hier in Telfs.

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Das Wunder von Telfs hat etwas damit zu tun, dass viele Menschen, die hier wohnen, und auch viele, die bewusst hierher kommen: aus der Nachbarschaft, aber auch aus der universitären Welt: aus der Theologischen Fakultät in Innsbruck, v.a. aus dem Kreis der Kommunikativen Theologie - dass all diese Menschen die eigentliche Aufgabe der Religion zur Sprache bringen: Die wichtigste Aufgabe der Religionen in einer unsicheren Welt ist es nämlich, den Menschen inneren Frieden zu schenken. Nur dort, wo der innere Friede wächst, kann auch der äußere Friede größer werden. Ein interreligiöses Friedensgebet soll einen Beitrag leisten für das Wachstum des inneren Friedens in einem jeden von uns, in unseren Gemeinden, in diesem Land. Es soll dieses zweite Ruder sein, mit dem wir im Alltag rudern!

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Warum tun es Muslime und Christen gemeinsam? Seit jenem Augenblick als vor Jahrtausenden der Allbarmherzige Gott unseren Vater Abraham berufen hat und ihn ausziehen ließ aus Ur in Chaldea, befindet sich eine große Gemeinschaft von Menschen - die an den Einen Gott glauben - unterwegs. Sie pilgert zu jenem allumfassenden Frieden, der in Gott selber zu finden ist. Auf unterschiedlichen Wegen gehen Juden, Christen und Muslime auf dem Weg des Glaubens an den Einen Gott, und sie pflegen auf je unterschiedliche Art und Weise das abrahamitische Erbe. Und zu diesem gehört auch die gemeinsame Verantwortung für den Frieden. Aus diesem Grund haben wir uns hier zusammengefunden: Mit unserer gemeinsamen Aktion setzen wir einen Akzent gegen das verletzende Vorurteil: Religionen seien gewalterzeugend, Religion sei etwas, was trennet. Nein! Heute wollen wir bezeugen: Religion hilft, Brücken zu bauen!

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Auf je eigene Art und Weise, aus dem Reichtum der eigenen Tradition schöpfend und doch gemeinsam wollen wir bekennen: Religion stiftet Frieden. Religion führt zur Versöhnung. Und wir wollen den Allbarmherzigen Gott bitten: er möge unsere Augen und unsere Ohren und unsere Herzen öffnen, auf dass wir in einem jeden Menschen, der neben mir steht, sitzt und betet, der mir im Alltag begegnet, auf dass ich in ihm "meinem Nächsten" begegne, ihn auch mir immer wieder zu "meinem Nächsten" mache. Wenn wir dies tun, dann rudern wir in unserem Alltag mit beiden Rudern: Dann kommen wir vorwärts bei der Gestaltung eines menschenwürdigen Zusammenlebens hier in Telfs und Tirol, hier in Österreich, hier in unserer Welt, die ja Gottes Welt ist.

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Friede sei mit Euch allen, Friede mit Euren Angehörigen. Friede vor allem all jenen, die sich um den Frieden nicht kümmern!

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