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Von der Versuchung
(Gedanken zum 1. Fastensonntag (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-02-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Dtn 26,4-10); Röm 10,8-13; Lk 4,1-13

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Liebe Gläubige,

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zu Beginn der Fastenzeit stellt uns die Kirche das Evangelium vor, in dem es heißt, dass auch Jesus 40 Tage in der Wüste gefastet hat. Es ist dies aber zugleich das Evangelium, das von den Versuchungen Jesu berichtet. Und das ist eigentlich eine Erzählung, die uns aufhorchen lassen müsste. Kann denn der Sohn Gottes wirklich in Versuchung geraten, d. h. so, dass die Versuchung auf ihn einen Reiz ausübt? Uns wird die Versuchung oft unwiderstehlich. Jesus hat ihr widerstanden – und doch, so betont es das Neue Testament an mehreren Stellen[1] – sie war eine echte Versuchung für ihn. Sehen wir uns genauer an, wie das bei Lukas aussieht.

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Was der heutige Lesungsabschnitt aus dem Evangelium nicht wiedergibt, ist die Vorgeschichte der Versuchung Jesu. Es ist seine Taufe durch Johannes, die bedeutet, dass Jesus sich mit den Sündern und Sünderinnen solidarisiert. Jesus betet bei seiner Taufe und „während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Ge­stalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Lk 3,21f.). Bei Lukas spricht die Stimme aus dem Himmel nur zu Jesus – unhörbar für die Umstehenden – und sie spricht ihn direkt an. Was muss das für eine explosionsartige, innere Erfahrung gewesen sein. Man geht hin, um sich mit den SünderInnen zu solidarisieren und wird so angesprochen: Du bist mein geliebter Sohn. Wie wenn auf einen Schlag Jesus klar geworden wäre, was ihm bisher nur undeutlich intuitiv zugänglich war: dass er eine ganz einmalige Person ist, der eine ganz einmalige Aufgabe zukommt. Gottes Sohn sein – Gott in allem, was er sagt, tut und erleidet in der Welt zur Darstellung bringen. Gott-in-der-Welt-Sein.

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Was für eine Identität! Was für ein Auftrag! Ich hoffe, Sie haben auch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass Sie jemand absolut angenommen und be­stä­tigt hat. „Du bist der- oder die, an dir habe ich Gefallen gefunden, ich mag dich.“ Eine wunderbare, beglückende Erfahrung. Als Reaktion auf diese Erfahrung geht Jesus in die Wüste um zu fasten und zu beten: so beglückend das auch ist, er muss es erst einmal verdauen. Er muss meditieren, was das bedeutet. Welche Aufgabe ist damit verbunden, Sohn Gottes zu sein? Und in die Lücke zwischen dieser Erfahrung bedingungslosen Angenommenseins und der Frage, welche Konsequenzen sie in seinem Leben hat, in diese Lücke stößt die Versuchung hi­nein. Und zwar – so heißt es bei Lukas – die ganzen 40 Tage lang, ständig. Wo­rin die Versuchung bestand, das wird symbolisch verdichtet erzählt in den drei Versuchungen am Ende der 40 Tage.

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Da fällt zum ersten auf: Was wir als klassische Versuchungssituation bezeichnen würden, nämlich dass es ein Verbot gibt und uns das Verbotene lockt und gelüstet, das finden wir hier nicht. Da geht es nicht um Verbote oder Gebote – es geht um Jesus selbst, um sein Gottes-Sohn-Sein. Zwei der Versuchungen beginnen immer mit dem Ausspruch: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann …“. Die Versuchung setzt also genau bei dieser großartigen, glückvollen und persönlich-intimen Erfahrung Jesu an – und möchte seine Erfahrung davon, wer er ist, auf Irrwege führen. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann brauchst du doch nicht zu hungern. Mach dir doch Brot aus den Steinen.“

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Aber: Jesus ist Sohn Gottes für die Welt, für die Menschen, nicht für sich allein. Er hat später kein Problem damit, aus 5 Broten und 2 Fischen genug Nahrung für eine ganze Menschenmenge zu machen – aber Wunder wirken nur für ihn selbst allein? Die Gabe Gottes an ihn ist eine Gabe für ihn und die Menschen, nicht für ihn ohne die Menschen. Und der physische Hunger nach Nahrung ist ein Sinnbild des viel größeren menschlichen Hungers nach Beziehung und Liebe, zueinander und zu Gott. Und so antwortet Jesus mit einem Zitat aus der Heiligen Schrift Israels: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von allem, was der Mund des Herrn spricht (vgl. Dtn 8,3). Brot als Symbol für die Zuwendung und Lebensliebe Gottes zu allem Lebenden – das vermehrt Jesus. Brot als bloßen Sattmacher ohne Bezug zu Gott und anderen Menschen – dafür seine Wundermacht zu verwenden verweigert Jesus.

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2. Versuch: Der Teufel zeigt Jesus alle Reiche der Welt, die ihm – dem Teufel – gehören. Er würde sie Jesus geben, wenn dieser sich vor ihm niederwirft. Wäre es das nicht wert? – könnte man sich denken. Wenn Jesus erst einmal Herr aller Reiche der Welt wäre, dann könnte er sie doch umge­stal­ten und gut machen. Er könnte gerecht herrschen, Hunger und Armut beseitigen, mit eiserner Faust den Frieden herstellen, das Böse ausrotten und die Guten belohnen. Wäre es das nicht wert? Er müsste sich nur niederwerfen vor der Macht, die diese Reiche besitzt. Und genau das ist das Problem: es ist dies die Macht, die alles ohne Rückbezug auf Gott selber machen will, und die dann sehr bald an ihre Grenzen stößt: an die Grenzen der trägen Menschen, die nicht mitmachen wollen; und der unfähigen, die nicht mitmachen können; der Natur, die sich so oft quer stellt. Und wenn man sich nicht vor Gott, sondern vor der Macht dieser Welt niederwirft, dann hat man auf solchen Widerstand keine Antwort als Gewalt: man muss die Schuldigen finden und ausmerzen, die Trägen zwingen und die Natur beherrschen auf Teufel komm raus. Und aus dem, das vielleicht einmal als gute Idee begann, entsteht eine Schreckensherrschaft: aus der Gleichheit für alle das Gulag für im Weg Stehende; aus der Frohbotschaft des Evangeliums die Logik des Großinquisitors und der Hexenprozesse; aus der Technik zur Erleichterung des Lebens die Bedrohung des Lebensraums durch erbarmungslose Unterwerfung und Ausbeutung der Natur. Nur wer seine großen Ideale in Gott gründet und sich wirklich, d. h. in der inneren Einstellung, vor Gott niederwirft, der kann seinen Einsatz gewaltfrei leben, wird die anderen nicht zu Opfern seiner Ideologie machen. Dazu braucht es einen wie Jesus, der diese Versuchung durchschaut, einen, der schließlich frei bekennt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

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Dritter Anlauf. Der Teufel ist lernfähig. Jetzt zitiert er selbst die Bibel: „Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91,11f.) – so heißt es im 91. Psalm, den Felix Mendelssohn-Bartholdy später unvergesslich vertont hat. Und wieder beginnt der Teufel mit dieser großen Erfahrung Jesu: „Wenn du Gottes Sohn bist …, dann gilt doch das für dich, für wen sonst. Du kannst dich also ruhig ins Leere stürzen, ins Bodenlose fallen lassen. Vertraust du Gott wirklich, dass er dich auffängt? Dann spring doch.“ Der Evangelist Lukas nennt den Versucher von Anfang an Teufel und die Versuchung „Versuchung“. Aber das muss man erst einmal erkennen. Denn diese dritte Versuchung ist die raffinierteste von allen, sie kommt im frommen Gewand daher. Es ist gar nicht von vorneherein klar, dass hier der Teufel spricht. Es könnte auch Gott sein – oder ein wohlmeinender, frommer Mensch, der da sagt: „wenn du wirklich auf Gott vertraust, wenn du wirklich glaubst – dann kannst du doch deine Sicherheit aufgeben, dann musst du doch dein Leben nicht festhalten. Lass es doch los. Du brauchst doch das alles nicht. Stürz dich ins Leere und glaub einfach.“ Wie gern fordern doch fromme Leute diese Art von blindem Vertrauen – und damit letztlich auch von blindem Gehorsam ihnen gegenüber. Und der Umkehrschluss ist dann immer: „Wenn du es aber nicht tust, dann beweist du nur, wie schwach dein Glaube ist. Tu einfach das, was ich dir als Willen Gottes verkünde, und du beweist damit dein Gottvertrauen. Tu es nicht, und du zeigst, dass du gar nicht glaubst.“ – Wie geht man mit dieser Versuchung um? Wie kann man sie erkennen und wie ihr widerstehen?

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Jesus zitiert wieder die Schrift: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ (vgl. Dtn 6,16) Und damit entlarvt er diese gefährliche Versuchung: in Wirklichkeit geben mit dieser Art von Test nicht wir einen Beweis unseres Glaubens – wir stellen Gott auf die Probe und wollen einen Beweis seiner Treue. Wenn jemand anderer als Gott die Bedingungen dafür aufstellt, wann man sich vertrauensvoll ins Leere fallen lassen muss, dann wird Gott den eigenen Bedingungen unterworfen und auf die Probe gestellt. Es ist gerade kein Vertrauensbeweis, sondern das Gegenteil.

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In Jesu Leben gibt es einen Moment, in dem er dazu herausgefordert wird, sich nur mehr auf Gott zu verlassen. Als er im Garten von Gethsemane voller Angst betet, Gott möge ihm doch den grausamen Kreuzestod ersparen, und keine Antwort erhält, da ist es an ihm zu zeigen, ob er sich trotzdem ganz auf diesen Gott verlässt. Da diktiert nicht er die Bedingungen der Treue Gottes, sondern der Verlauf seines Lebens stellt ihn vor die Alternative, entweder seinem Wesen und seiner Aufgabe als Sohn Gottes untreu zu werden oder aber sich bedingungslos auf diesen Gott zu verlassen.

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Auch wir sind von Gott gerufen. Auch jeder und jede von uns hat eine einmalige Würde als Sohn oder Tochter Gottes in der Nachfolge Jesu. Und auch damit ist eine einmalige Aufgabe in der Welt verbunden. Auch für uns kann diese Größe zur Versuchung werden. Von Jesus können wir lernen, dass Versuchung nicht immer die Neigung ist, ein Verbot zu übertreten, sondern viel raffinierter: die Gefahr, diese eigene göttliche Berufung umzufunktionieren: in etwas, das nur unserer eigenen Bedürfnisbefriedigung dient; in etwas, das uns zu Sklaven der Mächte dieser Welt macht; oder gar in eine Probe für Gott, bei der wir die Testbedingungen vorgeben oder sie uns von anderen diktieren lassen.

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Jesus zeigt uns, wie wir das vermeiden können: halten wir uns an das Wort Gottes – nicht an ein isoliertes Bibelwort, sondern an die Offenbarung vom lebendigen und Leben schenkenden, liebenden Gott. Bleiben wir auf diesen Gott ausgerichtet in dem Bewusstsein, dass wir ihm dienen sollen, d. h. dem Wohle aller Menschen und nicht einer bestimmten Ideologie oder nur eines Teils der Menschen. Und lassen wir uns keine Glaubensprobe-Bedingungen einreden, sondern vertrauen wir auf Gott, dass sein Geist uns zeigen wird, wo das Leben für uns einen Scheideweg bereitstellt, an dem wir uns entscheiden müssen. Das Leben selbst wird uns vor die Alternative stellen.

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Und wenn dies geschieht, dürfen wir noch einmal auf Gott vertrauen, dass er uns zur rechten Entscheidung helfen wird. Aber wir können uns darauf vorbereiten: 40 Tage Vorbereitungszeit auf Ostern sind eine Gelegenheit, sich mit den eigenen Versuchungen, Ängsten und Ideologien auseinanderzusetzen, indem man sie ins Licht Gottes stellt; sind eine Zeit, in der man üben kann, dass nicht das Sattsein das Wichtigste im Leben ist, sondern die Beziehungen zu Gott und den Menschen; sind eine Zeit der bewussten Gottsuche und des Gebets, die Geister zu unterscheiden: was kommt von Gott und was klingt nur fromm, könnte aber ebenso gut eine Versuchung sein. Was genau gehört in meine je einmalige Berufung als Kind Gottes und was nicht?

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Die Fastenzeit führt uns letztlich zur Passion und zu Ostern, welche uns sagen: Unsere Rettung kommt letztlich nicht von uns, sondern von ihm, „der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4,15).

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[1] Vgl. Mt 4,1ff; Mk 1,13; Lk 4,1ff; Hebr 2,18; 4,15.

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