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Gottesmutter – Gott-Vater
(Gedanken zum Hochfest der Gottesmutter (Neujahr) (C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Welches Hochfest der Gottesmutter feiner wir an Neujahr? Ihr Gottesmutter-Sein. Aber was bedeutet das genauer? Gerät das in Konkurrenz zum Vatersein Gottes?
Publiziert in:
Datum:2010-01-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Num 6,22–27) Gal 4,4–7; Lk 2,16–21

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Liebe Gläubige,

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eine Woche nach Weihnachten feiert die Kirche das Hochfest der Gottesmutter Maria – und wir feiern auch Neujahr. Letzteres ist ein etwas seltsames Fest, denn genau genommen beginnt jeden Tag ein neues Jahr – es kommt nur darauf an, wann wir zu zählen beginnen. Ersteres ist aber doch auch seltsam: welches Hochfest der Gottesmutter feiern wir eigentlich? Über das Jahr gibt es verschiedene marianische Feste und Hochfeste, aber die sind alle mit einem Ereignis aus dem Leben Marias verknüpft: ihrer Empfängnis, ihrer Geburt, ihrer Aufnahme in den Himmel, und einige mehr. Heute aber heißt es einfach nur Hochfest der Gottesmutter Maria – ohne Zusatz. Aber: dieses Fest braucht gar keinen Zusatz, das Gottesmutter-Sein Mariens ist gerade sein zentraler Inhalt; und ohne diese spezielle Mutterschaft würden wir ja all die anderen Marienfeste gar nicht haben.

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Das Neue Testament gibt uns bekanntlich sehr wenige Details aus dem Leben der Maria, die verschiedenen Marienfeste müssen sich immer die gleichen Texte teilen, die oft mit dem unmittelbaren Festthema gar nichts zu tun haben. Die Tradition und die Volksfrömmigkeit haben mehr von Maria zu wissen gemeint als die Bibel, und das ist ja ein Grund, warum evangelische Christen diese Frömmigkeit nicht mit uns teilen und auch so manche Katholiken mit den marianischen Dogmen ihre Schwierigkeiten haben. Nur: dass sie Gottesmutter ist, das haben alle gemeinsam. Bereits im Jahre 431 wurde festgelegt, dass Maria Gottesgebärerin genannt werden muss, weil sie den Sohn Gottes, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, geboren hat – so das Konzil von Ephesus.

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Dabei wollte dieses Konzil gar nichts über Maria im Speziellen sagen; es wollte etwas über Jesus zum Ausdruck bringen: dass er wirklicher und wahrer Gott ist. Maria Gottesgebärerin zu nennen ist eigentlich nur eine andere Weise zu sagen, dass uns in ihrem Sohn wirklich Gott selber gegenüber tritt. Das Hochfest der Gottesmutter ist also letztlich auch ein Hochfest des Gottessohnes. Und was das bedeutet, beschreibt uns die heutige Lesung.

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Dieser Sohn hat auch uns die Kindschaft verliehen, eine Kindschaft, in der wir Gott als Abba – als Papa – anreden dürfen. Wer Gott „Abba“ nennen darf, der ist nie wieder Sklave, auch wenn er Gott hin und wieder mit dem Titel „Herr“ anredet. Er ist echter Sohn oder echte Tochter Gottes, so echt, dass sie Erben sind. Diese Erklärungen des Galaterbriefes sind alles andere als selbstverständlich oder banal, sie sind geradezu revolutionär.

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Denn wir Menschen verwechseln Größe und Macht nur allzu leicht mit Unnahbarkeit und Strenge, mit Unterwerfung und Angst. Gott unseren Vater nennen – ist das wirklich so eine Erleichterung? Für viele Menschen sind ihre Väter fremd, unnahbar oder sogar bedrohlich gewesen. Kann es für sie eine Erleichterung sein, Gott „Vater“ zu nennen? Und selbst jene, die ihren Vater als liebevoll und gütig erfahren haben, wissen trotzdem, dass er auch Fehler gemacht hat, dass er nicht vollkommen war, sondern ihnen – vielleicht oft bei bester Absicht – Verletzungen zugefügt hat. Wie sollen wir da zu Gott „Vater“ sagen?

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Es wäre aber ein Missverständnis, wollte man meinen, wir sollten unsere Väter – egal ob wir gute oder weniger gute Erfahrungen mit ihnen gemacht haben – als Modelle nehmen für Gott als Vater. Paulus schreibt vielmehr, dass wir den Geist des ewigen Sohnes in uns haben, und er für uns ruft „Abba, Vater“. Nicht unsere irdischen Väter sollen Modell stehen für unser Gottesbild, sondern Jesus und seine Sicht auf seinen himmlischen Vater zeigen uns, wer Gott wirklich ist. Und Jesus zeigt uns das durch die Weise, wie er Sohn dieses Vaters ist. Jesus ist ein Sohn, der alle Menschen zu seinen Geschwistern und Miterben machen will. Da gibt es keine Erbstreitigkeiten, wie das sonst so oft der Fall ist und wie es die Winzer in dem Gleichnis sahen: sie dachten, der Sohn sei ihr Konkurrent um das Erbe. Jesus beweist, dass er nicht Konkurrent, sondern Austeiler des Erbes ist. Jesus ist ein König, der nicht in Konflikte um den Thron gerät mit anderen Königen – wie Herodes befürchtete –, sondern der andere zu Königen und Königinnen macht in seinem Reich. Und in diesen Eigenschaften Jesu spiegelt sich das Vatersein Gottes wider: ein Vater – nah und doch nicht aufdringlich, sondern freisetzend; ein göttlicher Herr, der keinen menschlichen Knecht unter sich braucht, sondern einen Freund und eine Freundin neben sich; ein Vater, dem sich Menschen voll und ganz anvertrauen können und dabei selbst zu ihrer wahrsten Größe heranwachsen.

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Und da kommen wir zurück zur Gottesmutter – falls Sie schon gedacht haben, ich hätte sie vergessen. In ihr zeigt sich das alles: sie wird durch ihren Sohn auch auf ganz neue Weise Tochter Gottes und Miterbin der Herrlichkeit. Wenn wir sie bekennen als Mutter Gottes, als mit Leib und Seele im Himmel verherrlicht, als Himmelskönigin – so sagen wir nichts anderes, als dass in ihr diese Gotteskindschaft, die uns allen zugedacht ist, sich schon ganz manifestiert hat. Sie ist die Magd des Herrn – und doch so Magd, dass das mit sklavischer Unterwürfigkeit nicht das Geringste zu tun hat. Sie ist im wahrsten Sinne „voll der Gnade“, denn Gnade ist ja die liebevolle, personale Zuwendung Gottes an uns Menschen; und wer wäre wohl erfüllter von dieser Gnade als die Frau, die die fleischgewordene personale Zuwendung Gottes selbst getragen und zur Welt gebracht hat? Gerade weil Maria voll der Gnade ist, ist sie nie in Konkurrenz zu Gott.

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Maria, die Gottesgebärerin, zeigt uns genauer, wer ihr Sohn ist und wie sein himmlischer Vater ist; sie zeigt uns aber auch besser, wozu wir berufen sind: zu der gleichen Herrlichkeit, die sie schon hat. Ihr geht es nicht um sich selbst und ihre eigenen Titel, ihr geht es darum, die Gnade, von der sie ganz erfüllt war und ist, an uns weiterzugeben. Und ich denke, sie tut das allermeist so zurückhaltend, dass wir es kaum merken. Oft ohne dass wir an Gott oder irgendwelche Heiligen denken, eröffnen sich uns neue Wege, lösen sich Blockaden und Hindernisse auf und neue Perspektiven eröffnen sich. In meinem Leben ist dies oftmals – wie ich erst im Rückblick gemerkt habe – mit einem Marienfest zusammengefallen; und ich hatte den Eindruck: Maria wirkt am liebsten unbemerkt im Hintergrund, so dass es gar nicht auffällt; und doch sind die Folgen für mein Leben oft großartig und befreiend.

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Ich möchte zum Ende kommen mit einem Bild aus dem Psalm 139: Dort sagt der Betende zu Gott: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“ (Ps 139,5) Welche Assoziation erzeugt der Psalm hier? Wie kann jemand mich von allen Seiten umschließen und zusätzlich noch seine Hand auf mich legen? Wer kann das? Und wie kann er das? Besser: Wie kann sie das? Denn, liebe Gläubige, ich denke, das kann nur eine Mutter, solange sie ihr Kind im eigenen Leib trägt: sie umschließt es von allen Seiten und kann zusätzlich zärtlich die Hand darauf legen. Der Psalm sagt das von Gott, dem Vater – und macht damit diesen Vater auch zu einer Mutter, zu einem Gott, den nur das Zärtlichste und Persönlichste im Menschen ansatzweise beschreiben kann; die Rede ist von einem Gott, der sich in seinem Sohn von einer irdischen Mutter umschließen und berühren ließ, damit er uns alle zärtlich berühre und zutiefst bewege.

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Möge das neue Jahr uns die Erfahrung einer solchen Berührung zuteil werden lassen.

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