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Hineingeboren in den Saustall meines Lebens
(Predigt zum Weihnachtsfest gehalten in der Jesuitenkirche in Innsbruck am 25. Dezember 2009 um 11.00 und um 18.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2009-12-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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O Wunder aller Wunder! Der ewige Sohn des Vaters wird Mensch. Und dies in Raum und Zeit. Damals. Im letzten Provinzloch eines Weltreiches. Aber: in seiner Menschwerdung vereinigt er sich auch mit jedem Menschen. Mit Dir, mit Ihnen und mit mir auch! Hier und heute. Er wird hineingeboren in den berühmtesten Stall der Weltgeschichte.., in den Stall von Bethlehem, löst damit einen kulturellen Trend aus, der unzählige Meisterwerke aller nur denkbaren Künste hervorbringt. Aber: in seiner Menschwerdung wird er auch hineingeboren in den Stall meines Lebens, einen Stall der - wenn ich ehrlich sein sollte - meistens einem Saustall gleicht. - "So a Blödsinn!" So a Blödsinn, wird nicht nur der aufgeklärte Zeitgenosse sagen.

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Und er wird sofort die Schablonen der gängigen Religionskritik herunterleiern. Es sei doch schon ein Blödsinn zu glauben, dass es einen Gott gibt, und wenn es schon diesen geben sollte, sei es doch ein Blödsinn zu glauben, dass er ausgerechnet als ein jüdisches Kind geboren wurde - die historische Kritik hätte doch im Verlauf der letzten Jahrzehnte so fast schon alles in Frage gestellt -, wenn aber auch dies der Fall sein sollte, dass Gottes Sohn damals aus einer jüdischen Frau geboren werden sollte, sei es doch ein Blödsinn zu glauben, dass er sich heute mit jedem Menschen vereinigt. Also: sowohl mit jenen, die an ihn glauben, als auch mit jenen, die von ihm nix aber schon gar nix wissen und auch wissen wollen. Und selbst dann, wenn sich das - was wirklich haarsträubend bleibt - ereignen sollte - tagtäglich ereignen sollte - es sei immer noch ein Blödsinn zu glauben, dass der Sohn Gottes ausgerechnet im menschlichen Saustall zur Welt kommt. Nein! Ein solches Bekenntnis erschüttert doch alles: Es erschüttert die Normen des gesunden Menschenverstandes, genauso wie es auch die Grundsätze der Moral erschüttert. Nicht umsonst untersucht die katholische Kirche das Leben ihrer möglichen Heiligen, und sie untersucht es penibelst, um auch jeden Verdacht auszuräumen, dass es in diesem Leben etwas Schweinisches gegeben hätte. Wenn Gott also - so die Kritik - irgendwo heute hineingeboren werden sollte, dann sicher doch nur in jene Ställe, die ordentlich aufgeräumt sind, jene, die den süßlichen Geruch der Heiligkeit verbreiten, den Geruch der religiösen Galapagosinseln. Nicht aber den unkoscheren Mief eines Alltags, der aus den Rudern gerät, eines Alltags, der vollgestopft ist mit Korruption, mit kleinen und größeren Lügen, Täuschungen und Selbsttäuschungen. Eben: in das ganz alltägliche Chaos!

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Liebe Schwestern und Brüder! Die Zeiten ändern sich und mit ihnen ändern sich auch menschliche Kulturen und Sprachen. Das Szenario der Menschwerdung Gottes ändert sich jedoch nicht. Denn: schon damals entsprach die Wirklichkeit von Weihnachten nicht den Erwartungen der Menschheit, schon damals entsprach die Wahrheit der Weihnacht nicht den Erwartungen des "gefeierten" Advents. Deswegen blieb die Wirklichkeit von Weihnachten für den Großteil der Menschen unbemerkt. Schon damals ereignete sich nämlich das Wunder abseits der Norm, unaufdringlich und anonym - wenn Sie so wollen. Schon damals mußte die Wahrheit von Weihnachten extra verkündet werden. Es hat Engeln bedurft und auch eines Sterns. Es hat also der deutenden Worte bedurft und auch der herausfordernden Zeichen. Damit die Menschen, damit die wenigen Menschen den Weg finden..., den Weg zum Stall, wo sich das Wunder ereignet. Oder aber: es hat Worte und Zeichen bedurft, damit die Menschen erschrecken und mit aller Gewalt die Wahrheit der Menschwerdung Gottes aus ihrer Welt zu vertreiben suchen. Wie "Herodes und das ganze Jerusalem mit ihm". Schon damals erschütterte das Wunder der Menschwerdung alle Normen des gesunden Menschenverstandes und auch alle Grundsätze der Politik und Moral.

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Das Wort, das da Fleisch wurde, wirklich Fleisch wurde, dieses Wort wurde ja nicht erkannt, oder aber nicht aufgenommen, es sollte gar vertrieben und umgebracht werden. Das Wort wurde nicht aufgenommen gerade durch jene, die schon seit eh und je wussten, wer Gott sei oder auch nicht sei und auf welcher Seite er bestimmt nicht gefunden werden kann. Das Wort wurde nicht aufgenommen durch jene, die in ihrer Selbstherrlichkeit sich selbst genügen, oder aber in ihrem Selbstzweifel auf sich selbst zurückgeworfen bleiben. Es wurde nicht aufgenommen durch jene, die berauscht vom Erfolg, oder aber betäubt durch Depression nur um sich selber kreisen. Auch dann um sich selber kreisen, wenn sie - wie die Moralisten mit erhobenen Zeigefinger - überall nur noch den Saustall des Lebens anprangern und aufräumen. Aufräumen, dem Perfektionswahn verfallen, auch dem moralischen Perfektionswahn, dem Terror der Tugend. Wenn sie also alles, aber gar alles, was krumm und unvollkommen zu sein scheint mit Gewalt zur Vollkommenheit trimmen! Oder dieses mit ihren Worten geißeln und den frommen Menschenhass, ja den frommen Selbsthass kultivieren. Schon damals wurde das Wort nicht erkannt, nicht aufgenommen, oder auch vertrieben!

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Was ist aber mit jenen, denen die Gnade zuteil wurde, dass sie Engeln auf ihrem Lebensweg begegneten? Was ist mit jenen, die das Licht wahrgenommen haben? Was ist mit Hirten, mit Königen, mit den Sterndeutern? Was ist mit jenen, denen die Gnade zuteil wurde, dass sie die Botschaft nicht als einen Grund zur Panik verstanden, die Frohbotschaft also nicht als Drohbotschaft missverstanden haben, sich deswegen auch auf den Weg gemacht haben..., auf den Weg zum Stall von Bethlehem und zur Krippe, zu jenem Sohn Gottes, der sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen verbindet? Was ist also mit uns? Uns, die wir heute hierher gepilgert sind, uns von unseren zu Weihnachtstempeln dekorierten Wohnzimmern losgerissen haben, hierher gekommen sind und dies vielleicht nur deswegen, damit wir Abstand gewinnen? Abstand zum Saustall unseres Lebens: zu den vielen Misserfolgen und Pannen, zum permanent in der Nase hängenden Gestank des Selbsthasses, Abstand zu dem mich permanent überfordernden Druck, der am laufenden Band Chaos und Selbstzweifel produziert. Man braucht sich ja nur meinen Schreibtisch anzuschauen: immer noch unaufgeräumt! Was ist also mit uns, die wir gekommen sind, vielleich nur deswegen gekommen sind, damit wir Abstand zu Orten und Menschen bekommen, die mich an das Krumme in meinem Leben erinnern? Scheidungspartner, die mir entfremdete Kinder, oder aber ganz global gedacht, eine Welt, die voll von Scheiße ist, auch wenn die political correctness diese Welt mit dem Wohlgeruch der illusionären Parolen übertüncht: Noch vor drei Wochen hat es in unseren Gazetten geheißen: "Wir retten die Welt!" - wir die Guten! Was ist mit uns, mit jenen unter uns, die hierher gekommen sind, vielleicht deswegen gekommen sind, um der herrlichen Musik ihr Ohr zu leihen und sonst gar nichts. Was ist schließlich mit uns, mit jenen von uns, die Sonntag für Sonntag hierher kommen, regelmäßig Eucharistie feiern? Was geschieht mit uns? Uns: den ahnungslosen, aber herzensguten Hirtinnen und Hirten, uns: den nach Wahrheit forschenden Sterndeutern akademischer und nicht akademischer Prägung, uns: den selbstsicheren Königinnen und ängstlichen Königen des Alltags? Wird uns das Wunder der Weihnacht zuteil? Vermögen wir das Wunder zu erkennen?

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Liebe Schwestern und Brüder, die traditionelle Krippenfrömmigkeit kannte neben den Königen mit ihren kostbaren Gaben, neben den wackeren und spendablen Hirten auch die Figur eines armen Waisenkindes! Dem Straßenjungen einer heutigen Großstadt nicht ganz unähnlich: vif, kleinkriminell, mit dem Leben überfordert! Dieser Waisenjunge konnte ja nichts, aber gar nichts schenken. Außer dem, was er selber geklaut hat. Doch dazu war er zu berechnend. Er konnte oft nicht einmal singen, weil er so unbegabt war, dass sein Gesang dem Kind in der Krippe einen Schock versetzen würde. Gerade diese Gestalt war dem Jesuskind die liebste. Weil sie nur das schenken konnte, was sie selber war: die ungeschminkte Realität! Das ganz normale Leben eines Jungen aus der Gosse. Ohne die Masken des Anstands, ohne die Masken des savoir vivre, ohne die Masken des: "das gehört sich so und nicht so...!" Und weil der arme Waisenjunge nur sich selber schenken konnte, erkannt gerade er, dass dieser Christus, nicht nur dort in der Krippe

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liegt, sondern eigentlich schon längst in seinem Herzen Wohnung genommen hat. Im ungeschminkten Herzen eines mit dem Leben überforderten Menschen, in einem Herzen, das oft dem sprichwörtliche Saustall gleicht.

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Das zu erkennen, sich einzugestehen, dass der ganz normale Saustall meines Lebens der Ort der Menschwerdung Gottes ist, verändert den Menschen: Ich muss nicht...! Ich muss mich nicht anstrengen, wo ich eh schon aus den letzten Löchern pfeife! Ich muss mich nicht verstellen, zumindest nicht vor diesem Gott, der mich annimmt, so wie ich bin, der sich zu einem Lebenspartner für mich macht, damit ich in meinem Saustall nicht ganz alleine bin.

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Liebe Brüder und Schwestern, dieses Wunder der Weihnacht ist kein Blödsinn. Es stellt den Inbegriff göttlicher Rationalität dar, einer Rationalität, die alle menschliche Vernunft übersteigt. In Liebe übersteigt, in Liebe zu dem ganz konkreten Leben, so krumm es auch sein mag. Es ist dies aber eine Rationalität, die diesem Leben das menschliche Antlitz erst schenkt. Wenn ich erfahre, dass Gott in den Saustall meines Lebens hineingeboren wurde, werde ich die Spuren dieser Menschwerdung bei allen Menschen entdecken können, so armselig sie auch sein mögen. So gewalttätig, korrupt und kriminell sie auch bleiben mögen: sie stellen immer noch nicht den Inbegriff der Monstrosität dar. Selbst sie verifizieren nicht das alte Sprichwort: "Homo homini lupus", das Sprichwort, das die heidnische Wahrheit über den Menschen auf den Begriff bringt. Denn: auch in ihrem Herzen fand der Menschgeborene seine Heimat. Auch in ihren gibt es die "wahre Menschlichkeit"! Schlussendlich aber: wenn ich erfahre, dass Gott in den Saustall meines Lebens hineingeboren wurde, werde ich selber zum Engel! Dem Engel, der diese Geburt verkündet. Die Botschaft also an jene Menschen weitergibt, die im Geruch ihren eigenen Saustalls ersticken und ihn ihrem Selbsthass absterben. Ich selber werde zum Engel, der unserer unvollkommenen Welt die Frohbotschaft verkündet: Verbunden hat sich der Gottessohn mit jedem Menschen! Mit jedem! Mit Dir, mit Ihnen und auch mit mir. Deswegen ist unsere Welt doch nicht so schlecht. Denn: Gott selber ist in sie hineingeboren. Sie kann also unmöglich eine "gottlose Welt" werden!

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