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Wo behält Gott noch Raum?
(Ansprache des Dekans bei Promotions- und Sponsionsfeier am 24. Oktober 2009 im Congress in Innsbruck)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2009-10-28

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Wo behält nun Gott noch Raum?, fragen ängstliche Gemüter, und weil sie darauf keine Antwort wissen, verdammen sie die ganze Entwicklung, die sie in eine solche Notlage gebracht hat. ... Gott (scheint ja) ‘als moralische, politische, naturwissenschaftliche Arbeitshypothese' ausgedient zu haben; ‘ebenso aber als philosophische und religiöse'. Natürlich bleibt immer noch der Ausweg eines ‘Salto mortale zurück ins Mittelalter. Das Prinzip des Mittelalters aber ist die Heteronomie in der Form des Klerikalismus. Die Rückkehr dazu kann nur ein Verzweiflungsschritt sein, der ausschließlich mit dem Opfer der intellektuellen Redlichkeit erkauft werden kann. ... Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen - ‘etsi deus non daretur.'" So als ob es Gott nicht gäbe!

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Magnifizenz, lieber Herr Vizerektor, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Fakultät, liebe Eltern, Verwandte und Freunde und auch anonym bleiben wollende Gegner und Neider unserer Absolventinnen und Absolventen. Und auch Ihr, die Ihr hier im Scheinwerferlicht sitzt und der Dinge harrt, die da kommen! Sollten Sie schon gedacht haben, dass der Dekan der Theologischen Fakultät mit der denkbar größten Keule ausgeholt habe und nun die Peitsche theologischer Kulturkritik schwingen, gar Leviten lesen wolle und dies sowohl den konsumfreudigen, sich einen Scheiß um Gott kümmernden Zeitgenossen als auch den verzweifelten Fundamentalisten katholischer und islamistischer Prägung, so haben Sie sich geirrt. Er hat auch nicht aus dem Fundus der Dissertation zum Thema: "Ist Gott drin?! Erfahrungen der Gottespräsenz im pastoralen Alltag von Gemeinde-Seelsorgerinnen" zitiert, einer Dissertation, die der heutigen Graduierung von Frau Elke Pale-Langhammer zugrunde liegt, und in der viel von "Transzendenzarmut aktueller pastoraler Praxis" und "geistiger und geistlicher Dürre der gegenwärtigen kirchlichen Landschaft" die Rede ist. Und er will auch nicht die Gelegenheit nützen und eine akademische Feier missbrauchen, um mit der Werbekampagne der neuen Atheisten abzurechnen. Nein!

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Die gerade vorgetragenen Texte wurden am 16. Juli 1944 geschrieben: in der Militärabteilung des Gefängnisses Berlin-Tegel. Sie wurden geschrieben von einem Mann, der auf die Vollstreckung des Todesurteils wartete, von einem der brillantesten Köpfe des 20. Jahrhunderts: von einem Mann, der schon mit vierzehn wusste, dass er Theologie studieren wird, in Theologie dann auch promovierte, eine akademische Glanzkarriere in den USA aber bewusst ausschlug, weil er nach Nazi-Deutschland zurückkehrte, um im akademischen Untergrund Theologie zu lehren und auch darin zu forschen, um so das Zeugnis von der Wahrheit jenes Gottes abzulegen, den das wahrhaft satanische Regime umgebracht zu haben glaubte; von einem Mann, der aufgrund seiner Tätigkeit in der Widerstandsgruppe verhaftet und nach zweijähriger Haft in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges am 9. April 1945 im KZ Flossenburg durch Erhängen hingerichtet wurde. Dieser Mann, dessen letzte Worte überliefert sind: "Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens!" - Dietrich Bonhoeffer - hat wie kaum einer vor ihm sowohl die Autonomie der Welt erkannt und anerkannt als auch den Glauben an den lebendigen Gott gelebt. Ein Mann, von dem die Kleingläubigen, ressentimenterfüllten kleinkirchlichen Geister, die bloß nur noch Misstrauen und Argwohn als Grundverhalten gegen die Menschen an den Tag legen, die Authentizität des Zeugnisses lernen können! Die Erfahrungen mit dem Totalitarismus haben Bonhoeffer gelehrt, dass Autonomie und Bindung sich keineswegs ausschließen. Im Gegenteil: "Je bindungsloser ein Mensch lebt", desto eher verfällt er der Einstellung der Sündenbockjagd, dem Hinterherschnüffeln "Hinter den Schwächen der Menschheit" und dem "Aufruhr der Minderwertigen". Die Bindung an Gott erlaubt es eben nicht, dass man den Menschen in seiner Weltlichkeit "madig"macht. Der große Theologe will den Menschen an seiner stärksten Stelle mit Gott konfrontiert wissen.

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Dieses sein Ringen um eine mündige Glaubenshaltung könnte man mit dem Ringen des vielleicht populärsten philosophischen Literaten existentialistischer Prägung vergleichen. Albert Camus beschäftigte sich zeitlebens mit dem Thema des Absurden als Grundbefindlichkeit menschlichen Daseins. Das Verlangen des Menschen nach einer Antwort auf den Sinn des Lebens bleibt eigentlich - so Camus - unbeantwortet; der Mensch kann die geistigen Mauern des Gefängnisses seiner Existenz nicht überwinden. Dr. Karlheinz Lauda hat in seiner Diplomarbeit (betreut vom Koll. Siegfried Battisti) den entscheidenden Riss in diesen geistigen Mauern entdeckt. Er sieht den Riss in Camus' Wandel vom ichbezogenen zum gemeinschaftsbezogenen Denken. "Die Pest" stellt nicht nur einen Aufschrei der Verzweiflung über die Abwesenheit Gottes und das Abhandenkommen jeglichen Sinnes dar. Dieses Werk ist auch ein Plädoyer für Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit und Solidarität.

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Solche Werte haben aber sehr viel mit Gnade zu tun, wird der Theologe einwenden, und sie müssen entdeckt, benannt und auch eingeübt werden. Gibt es dafür einen besseren Ort in unserer Gesellschaft als den Kindergarten?, wird Frau Vantsch fragen. Weil der Kindergarten zum paradigmatischen Ort der "Begegnung" oder aber "Vergegnung" von Kulturen und Religionen in unseren Breitegraden wurde, stellt der interreligiöse Dialog dort ein Gebot der Stunde dar. "Aufstehen, aufeinander zugehen, miteinander umgehen..." Frau Astrid Maria Vantsch, selber Kindergärtnerin und Montessori-Pädagogin möchte mit ihrer Magisterarbeit: "Interrreligiöser Dialog im Kindergarten zwischen christlicher und muslimischer Tradition" (betreut vom Koll. Matthias Scharer) dazu beitragen, dass der Kindergarten als ein "interreligiöses und interkulturelles Feld" wahrgenommen wird. Weder Verdrängung noch kulturpolitische Instrumentalisierung der Religion im Kindergarten vermag der Herausforderung einer kreativen Vermittlung zwischen Autonomie der Welt und Bindung an Gott zu begegnen. Mit der Etablierung einer religionssensiblen Praxis im Kindergarten wäre der Schritt in die richtige Richtung getan. Erfüllt von Engagement und Tatendrang leistet Frau Vantsch einen wertvollen Beitrag dazu (ein kleiner Ausschnitt aus ihrer Magisterarbeit ist übrigens bereits im Dokumentationsband des Kongresses "Kommunikative Theologie", in dem Buch "Heilig-Tabu" publiziert).

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Aufstehen, aufeinander zugehen... Es gibt wohl keinen besseren Weg zur Sprengung geistiger Mauern, zur Etablierung gemeinschaftsbezogener Haltungen, eben zum Aufeinanderzugehen als ein Fest. Die heutige akademischen Feier trägt solchem Anliegen zumindest auf symbolischer Ebene Rechnung. Zum einen bietet die Fakultät Frau Katharina Waldauf ein "festliches Asyl" an. Die Absolventin der Fakultät für Betriebswirtschaft wird durch Theologen spondiert. Sie hat ihre Diplomarbeit beim Prof. Manfred Auer zum Thema: "Weibliche Führungskräfte" geschrieben. Zum anderen ist Frau Maria Prossliner da, eine der ersten Bachelorstudentinnen, die auf den Begegnungswegen gegangen ist, welche die neue Studiengesetzgebung ermöglicht hat: eigentlich Studentin der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Edith Stein stellt sie ein lebendiges Beispiel für die vom Gesetz angezielte Durchlässigkeit unserer Bildungswege dar, also auch für das akademische Aufeinanderzugehen, dar. Zum Dritten sind es die Berufstätigen, die ihr Studium berufsbegleitend gemacht haben, worauf wir alle besonders stolz sind.

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"Wo behält Gott noch Raum?", fragte Bonhoeffer im Jahr 1944. "Ist Gott drin?", fragt Elke Pale-Langhammer. Ihr Dissertationsprojekt (betreut vom Koll. Franz Weber; Zweitgutachter Matthias Scharer), eine qualitativ-empirische Studie, beschreibt die Lebenswelt von Gemeindeseelsorgerinnen "von innen heraus". Frau Pale-Langhammer will es wissen und methodisch strukturiert darstellen, "welche Erfahrungen von Gottespräsenz diese Seelsorgerinnen in ihrem pastoralen Alltag machen". Sie wertet Tagebuchaufzeichnungen von den an der Studie teilnehmenden Seelsorgerinnen aus. Die eigene Gemeindeerfahrung, die wahrgenommenen gemeindlichen Sterbeprozesse treiben die Autorin in ihrer Suche nach einer "zukünftigen Gestalt ekklesialer Sozialität" - wie sie es selber ausdrückt. Die umfassende - durch methodische Sicherheit sich auszeichnende - Dissertation, eine Arbeit, die nach der Meinung des Betreuers Prof. Weber eine "Fundgrube weiblicher Seelsorgekompetenz" ist, weist auf "Bruchstellen des Lebens" als "Einfallstore der Transzendenz" und betont die Notwendigkeit einer "Gotteserfahrung aus erster Hand".

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Meine Damen und Herren, die meisten Menschen, die seit Jahrzehnten regelmäßig in den bis dahin völlig unbekannten Ort "Medjugorje" reisen, glauben fest daran, an einer solcher Gotteserfahrung aus "erster Hand" Anteil zu haben. Dieses - auch innerhalb der katholischen Kirche - umstrittene Phänomen der Marienerscheinungen wird von vielen als prophetisches Zeichen für unsere transzendenzarme Welt gedeutet. Lassen Sie mich fragen: Belebt das Phänomen jene "geistige und geistliche Dürre der gegenwärtigen kirchlichen Landschaft", von der Frau Pale-Langhammer spricht? Oder geilt dieses Phänomen bloß jener Wundersucht auf, die transkulturell und transgeschichtlich im menschlichen Verhalten allgegenwärtig bleibt - eine Art von Religiosität, die nach der Meinung Bonhoeffers bloß den Menschen in seiner Not an einen illusionären Deus ex machina bindet, ihn also unfrei und infantil macht? Frau Anna Maria Oberhofer nimmt sich in ihrer Diplomarbeit (betreut vom Koll. Roman Siebenrock) dieses Grenzphänomens an, leistet damit auch einen Beitrag zur Entwicklung einer Kriteriologie für eine theologisch verantwortbare Rede von Erscheinungen, einem religiösen Phänomen, aus dem die Volksfrömmigkeit lebt. Unter Bezugnahme auf die einschlägige Untersuchung von Karl Rahner und Zuhilfenahme neuerer Epistemologien gelingt ihr der Nachweis der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen der Erscheinungen. Deswegen plädiert sie für eine kirchliche Anerkennung des Phänomens, in einem kleinen Plädoyer, das der Gutachter als exzellentes Beispiel einer Alltagsapologetik gewertet hat.

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Wo behält Gott noch Raum? - Mit dieser Frage plagte sich zeitlebens auch der Innsbrucker Dogmatiker Raymund Schwager. Sein dramatischer Ansatz wertet Brüche auf und warnt vor allzu schneller Systematisierung und Harmonisierung. Wie Bonhoeffer wollte auch Schwager keine Lückenbüßertheologie betreiben. Wie Bonhoeffer schrieb auch Schwager ein Werk zum Thema: "Nachfolge". Peter Gebhard nahm sich in seiner Diplomarbeit: "Nachfolge Christi - eine Provokation auch noch nach 2000 Jahren?!" (betreut von Józef Niewiadomski) beider Denker an und stellte eine Verbindung zu seinem eigenen Lebensweg her. Ähnlich wie bei Pale-Langhammer kreisen Gebhards Grundsatzüberlegungen um die Frage der "Gotteserfahrung aus erster Hand" und dies in "konkreten Gemeinden vor Ort". Die Frage seiner Kollegin, ob "Gott drin ist" würde Gebhard durch den Hinweis auf die Erfahrung jener Menschen beantworten, die auf einem lebenslangen Weg immer wieder neu ein konkretes Zeugnis durch ihr eigenes Leben abgelegt haben. Es geht dabei keineswegs um triumphalistische Logik. "Unsere geistige Existenz bleibt (ja) ein Torso - es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war". Weil Gebhard - mit Bonhoeffer - daran glaubt, dass Fragmente Fragmente sein müssen, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann, plädiert er in einem Brief an Kinder und Kindeskinder - in dem Brief, der seine Diplomarbeit abschließt - für den Weg der Nachfolge. "Es lohnt sich" - auch in Zeiten wie diesen.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen, Sie haben Ihr Studium an einer traditionsreichen Fakultät abgeschlossen, an einer Fakultät, die auch mutig ihren Weg geht, in einer Welt, die das Leben so gestaltet und auch die Maßstäbe ihrer Rationalität so bestimmt, etsi deus non daretur - als ob es Gott nicht gäbe. Die Fakultät stimmt nicht in den Gesang jener ein, die den ganzen Weg dorthin verdammen, geschweige denn würde sie wissenschaftspolitische Schritte "zurück in die Vergangenheit" fördern und sich den Weg des Salto mortale zurück ins Mittelalter wünschen. Nein! Sie stellt sich der Herausforderung der Zeit, und Sie sind das beste lebendige Beispiel dafür. Ich danke Ihnen und Euch, dass Ihr bei uns studiert habt, dass wir Eure Lehrerinnen und Lehrer sein durften und wünsche Euch, Euren Gästen und uns allen jene Einstellung zur Autonomie der Welt, zur Autonomie des Menschen und auch zur Bindung an Gott, die der Autor des berühmten Gedichtes gehabt hat: "Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr" - geschrieben von Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944 im Gefängnis Berlin-Tegel. Gott hat Euch heute - würde Bonhoeffer uns zurufen - eine Freude geschenkt, die Freude eines akademischen Abschlusses: Gedenkt des Vergangenen, feiert das Gegenwärtige und erwartet getrost ... was kommen mag. Ihr wisst ja: Gott ist bei uns ... an jedem neuen Tag. Und dies ganz gewiss!

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