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Martyrium als religiös-politische Herausforderung

Autor:Moosbrugger Mathias
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2009-10-27

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Seit nunmehr bereits mehreren Jahren besteht eine äußerst fruchtbare Kooperation zwischen der Gemeinde Telfs, dem "Freundeskreis der Friedensglocke des Alpenraumes" und der Theologischen Fakultät. Außergewöhnlich genug, dass eine Gemeinde mit Blick auf die Herausforderungen, die sich aus ihrer komplexen sozialen und kulturellen Situation ergeben, auf eine Zusammenarbeit mit einer Theologischen Fakultät setzt, hat diese Vernetzung nun nicht nur zu fruchtbaren Initiativen für ein gelingendes Zusammenleben in Telfs selbst gesorgt; auch die Fakultät hat - ganz abgesehen von den Möglichkeiten der regionalen Etablierung - davon wissenschaftlich in hohem Maße profitieren können. Der Kongress "Heilig - Tabu. Faszinierende und erschreckende Facetten multikultureller und multireligiöser Begegnung" im April 2008, der von der Forschungsgruppe "Kommunikative Theologie" in Telfs als "3. Kongress Kommunikative Theologie" (zugleich 2. Friedensforum Stams, Telfs, Mösern") konzipiert und durchgeführt wurde, hat weit über Tirol hinaus Aufmerksamkeit erregt - nicht zuletzt aufgrund der Arbeit an einer gemeinsamen Dialogbasis zwischen christlichen und muslimischen Gläubigen, die nunmehr in dem eben erschienenen Tagungsband verfolgt werden kann.

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Vom 8. bis 11. Oktober 2009 wurde mit dem Kongress "Martyrium als religiös-politische Herausforderung" neuerlich eine mehrtägige Veranstaltung organisiert, die an den Schnittstellen mehrer Interessensfelder angesiedelt war und nicht zuletzt aus diesem Grund mit Hilfe zahlreicher Kooperationspartner durchgeführt werden konnte. Das von der Theologischen Fakultät in Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein organisierte Symposion war so nicht zuletzt ein inhaltlicher Höhepunkt des landesweiten Gedenkjahres 2009 ("Geschichte trifft Zukunft. 1809-2009"). Unterstützt wurde die Veranstaltung von den Ländern Tirol, Südtirol und Vorarlberg und den Diözesen Bozen-Brixen, Innsbruck und Feldkirch, aber auch die Gemeinde Telfs und der Freundeskreis der Friedensglocke des Alpenraums beteiligten sich am Programm, sodass das Symposion zugleich auch als "3. Friedensforum Stams, Telfs, Mösern" fungierte. Konzeptionell federführend bei der Organisation und Durchführung des Kongresses war der Forschungsschwerpunkt RGKW ("Religion - Gewalt - Kommunikation - Weltordnung") an der Theologischen Fakultät.

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Das Symposion nahm die Ereignisse um die Tiroler Erhebung von 1809 zum Anlass, der Frage nach dem Martyrium in den Traditionen der drei großen abrahamitischen Religionen nachzugehen - die Zugänge dazu waren außergewöhnlich vielfältig. Mit einem für den Diskussionsprozess auf dem Gesamtkongress maßgeblichen Vortrag des renommierten Politikwissenschaftlers Hans Maier wurde am 8. Oktober das Symposion eröffnet. Maier hob dabei besonders hervor, dass das "Schlüsselwort" Martyrium im letzten Jahrhundert eine derartige Entgrenzung erfahren habe, sodass im gegenwärtigen Diskurs kaum mehr ein spezifisches Profil dieses Begriffs gegeben sei; nicht zuletzt aus diesem Grund sei es nötig, den Begriff gerade theologisch so zu schärfen, dass eine gewalttätige Verzweckung desselben vermieden werden könne, wie sie in bestimmten Erscheinungsformen des religiösen Fundamentalismus gang und gäbe geworden sei. Der Vormittag des 9. Oktober stand unter dem Vorzeichen der historischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Brigitte Mazohl zeichnete in ihrem Vortrag die historische Perspektive auf das Jahr 1809 nach und zeigte, dass die Deutung dieser Ereignisse durch die Tiroler durch die Passion Christi - bekannt ist das Bild "Das Kreuz" von Albin Egger-Lienz und das hoch wirksame Symbol der Dornenkrone - über lange Zeit hinweg die Erinnerung an die "Martyrer" von 1809 bestimmt hat. Astrid von Schlachta nahm mit den Täufern ("Wiedertäufer") eine auch für Tirol äußerst wichtige religiöse Minderheit in den Blick, deren Selbstverständnis durch die Verfolgungen in der Zeit der Konfessionalisierung Europas geprägt wurde und geradezu zu einer "martyriological identity" geführt hat, die in den täuferischen Traditionen in den USA bis heute massiv weiterwirkt. Roman A. Siebenrock entwickelte in seinen Ausführungen eine Kriteriologie des christlichen Martyriums. Ähnlich wie Hans Maier wies er auf den heutzutage inflationären Gebrauch des Begriffs "Martyrium/Martyrer" hin und plädierte dafür, ihn von den Übermalungen durch einen bereits in der Antike nachweisbaren Heroismus zu reinigen und ihn so transparenter auf seinen eigentlichen Urgrund - die Passion Christi - zu machen. Augustinus klassische Bestimmung, dass die Sache, nicht das Leid den Martyrer mache, sei nicht zuletzt durch Johannes Paul II. dadurch erweitert worden, dass gerade das Eintreten für die fundamentalen Menschenrechte anderer (ob Christen oder nicht) auch als ein Wesenselement des christlichen Martyriums gelten könne.

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Der Vormittag des 10. Oktober war vor allem der konkreten Gestalt des Martyriums in den monotheistischen Traditionen gewidmet. Bischof Manfred Scheuer zeichnete in seinem Referat mehrere Lebensbilder von Tiroler Martyrern während der nationalsozialistischen Diktatur nach; dabei konzentrierte er sich vor allem auf heute oft vergessene Gestalten, deren Zeugnis er damit der Tiroler Öffentlichkeit wieder ins Bewusstsein rufen wollte.

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Sybille Moser-Ernst konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf die Gruppe der Zeugen Jehovas, die von den Nationalsozialisten als Gruppe insgesamt verfolgt wurden und die - anders als katholische und evangelische Priester und Pastoren - in den Konzentrationslagern nicht als politische Gefangene, sondern gerade als Zeugen Jehovas ("Lila Winkel") festgehalten und getötet wurden. Der Judaist Johann Maier ging systematisch der Frage nach dem Martyrium im Judentum nach, die durch die Zerstörung des jüdischen Staates und Tempels im 1. Jahrhundert in besonderer Weise im Zusammenhang mit der Torah-Heiligung gestellt werden müsse; problematisch blieben dabei bis heute die bekannten Selbstmorde von Massadah im Kontext des vergeblichen Kampfes gegen die Römer, die in der israelischen Armee bis heute als wichtiger Erinnerungsort maßgeblichen Einfluss besitze. Hamideh Mohagheghi von der Muslimischen Akademie in Deutschland führte in das Martyrium in der schiitischen Tradition ein, das sie - nach einer Darstellung der koranischen Zentralaussagen - vor allem anhand der Schicksale der drei ersten schiitischen Imame Ali, Hasan und Hussein rekonstruierte.

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Als ein Höhepunkt des Kongresses darf zweifellos das Podiumsgespräch vom Abend des 10. Oktober gelten. Bischof Manfred Scheuer, Superintendentin Luise Müller, Dekan Józef Niewiadomski, Irene Heisz (TT) und Ekkehard Schönwiese stellten sich auf teilweise sehr persönliche Weise der Frage "Zeugnis heute - wofür treten wir ein?". Ob für die Gestaltung des persönlichen und öffentlichen Lebens der Begriff "Martyrium" nicht möglicherweise allzu groß und "überladen" sei, blieb durchaus kontrovers, ebenso wie die Punkte, ob konkrete Kirchlichkeit für den nötigen Raum an Freiheit für ein Zeugnis gegen die kollektiven Bewegungen der Masse zentral sei und welche Bedeutung der Wahrheitsbegriff für das konkrete Lebenszeugnis haben könne. Das Publikum nutzte die Möglichkeit und beteiligte sich aktiv an der Diskussion zu diesen brisanten Themen.

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Neben den Vorträgen und der Podiumsdiskussion wurde ein großer Teil der Arbeit auf dem Symposion in über zwei Dutzend Workshops geleistet, die jeweils am Nachmittag teils in Stams, teils in Telfs gehalten wurden. Die Themenpalette war auch hier außergewöhnlich reich und reichte von theologischen, historischen, politikwissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Workshops bis zu Filmworkshops. Als symbolträchtig darf der Gottesdienst am 11. Oktober in der Basilika Stams gelten; als Zelebrant konnte Bischof Manfred Scheuer, Innsbruck, als Prediger Bischof Karl Golser, Bozen-Brixen, gewonnen werden. Ein besonderes Highlight für die Theologische Fakultät stellte die im Anschluss an den Gottesdienst vorgenommene Ernennung des Dekans Józef Niewiadomski zum Botschafter der Friedensglocke 2009 dar, der in seiner Dankensrede ausdrücklich darauf hinwies, dass diese Ehrung nicht nur ihm persönlich, sondern der Theologischen Fakultät als ganzer gelte. Stimmig abgerundet wurde das Symposion durch eine Wanderung auf dem Wanderweg der Friedenglocke in Mösern, die von Roman A. Siebenrock mit Lebensbildern von Tiroler Martyrern gestaltet wurde und in deren Rahmen auch die Jugendgruppen des Roten Kreuzes zu Friedensbotschaftern der Friedensglocke 2009 ernannt wurden.

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Die inhaltliche Reflexion, die im Rahmen des Symposions auf intensive Weise und unter multidisziplinärer Perspektive geleistet wurde, hat - wie eingangs bereits angesprochen - diese Veranstaltung zweifellos zu einem, wenn nicht dem inhaltlichen Highlight des Gedenkjahres 2009 gemacht. Um die sowohl in den Vorträgen als auch in den Workshops erarbeiteten wertvollen Ergebnisse langfristig zu dokumentieren und zu sichern, soll im kommenden Kalenderjahr ein Tagungsband erscheinen.

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