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Sühnopfer und Lösegeld? Wie der Welt die Erlösung verkünden?
(Gedanken zum Weltmissionssonntag und 29. Sonntag im Jahreskreis (LJ B))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Der Knecht Gottes, so die Lesung aus dem Buch Jesaja, gab sein Leben als Sühnopfer hin. Im Evangelium sagt Jesus von sich selbst, er sei gekommen, um sein Leben als Lösegeld hinzugeben. Und wir fragen uns vielleicht, was das genau bedeuten soll: Sühnopfer – Lösegeld? Wem wird da geopfert? Was wird da gesühnt? Wem wird wofür ein Lösegeld bezahlt? Können wir heute mit diesen Begriffen noch die Erlösung verkünden?
Publiziert in:
Datum:2009-10-26

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Jes 53,10-11; (Hebr 4,14-16; Mk 10,35-45 oder) Mk 10,42-45

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Liebe Gläubige,

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ganz unvermittelt stellt uns die Lesung aus dem Buch Jesaja heute – am Weltmissionssonntag – einen Text vor Augen, der eigentlich in die Karwoche gehört; einen kleinen Auszug aus dem 4. Lied vom Gottesknecht, dessen Schicksal dem Jesu so sehr gleicht, dass die Kirche diesen Text immer auf Jesu Passion hin ausgelegt hat. Dieser Knecht Gottes, so der Text, gab sein Leben als Sühnopfer hin. Im Evangelium sagt Jesus von sich selbst, er sei gekommen, um sein Leben als Lösegeld hinzugeben. Und wir fragen uns vielleicht, was das genau bedeuten soll: Sühnopfer – Lösegeld? Wem wird da geopfert? Was wird da gesühnt? Wem wird wofür ein Lösegeld bezahlt?

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Die Theologiegeschichte kannte dafür einige Modelle: Ein Sühnopfer wird Gott dargebracht, um eine Sünde, eine Missetat zu sühnen. Man könnte auch sagen: einem sündigen Menschen wird eine Strafe, ein Leid, zugefügt um damit den Zorn Gottes zu besänftigen. Bei uns ist das ja oft so: wenn uns wer verletzt hat, dann wollen wir ihn büßen sehen. Und wenn er das Leid der Buße vielleicht sogar freiwillig auf sich nimmt, dann stimmt es uns gnädig. Aber, seien wir ehrlich: Wollen wir Gott so sehen? Verlangt er so ein Opfer, um sich wieder mit dem Sünder oder der Sünderin zu versöhnen? Wir wollen das nicht, weil wir natürlich alle selber Sünderinnen und Sünder sind. Wir haben aber auch guten Grund, das nicht anzunehmen – jedenfalls dann, wenn wir Jesus glauben, dass Gott ein von sich aus alles vergebender Vater ist. Und wie soll es gehen, dass jemand die Schuld von anderen auf sich lädt, um sie gerecht zu machen? Das widerstrebt unserem Gerechtigkeitsempfinden zutiefst.

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Nicht viel besser sieht es mit dem Lösegeld aus. Es gab die Überlegung, dass die sündigen Menschen eigentlich im Besitz des Teufels seien – und dass Christus, indem er unschuldig stirbt, dem Teufel quasi ein Lösegeld zahlt und uns damit freikauft. Und wieder fragen wir uns: Wer ist eigentlich der Teufel? Wie kann er uns als Geiseln halten? Wieso kann man uns mit einem Lösegeld freikaufen? Und wieso soll Jesu Leiden und Tod so ein Lösegeld sein?

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Es scheint, als würden uns die beiden Bilder, die die Bibel heute verwendet, mehr verwirren, als etwas klären. Wie sollen wir die Texte also verstehen? Nun, zuerst ist sicher hilfreich zu sehen, dass es sich tatsächlich um Bilder handelt, um zeitbedingte Vorstellungen, die in bestimmten Zeiten und Kulturen hilfreich waren, die aber nicht für alle Zeiten verbindlich sind. Verbindlich ist aber das, worauf sie hinweisen: Was ist Christus und dem Gottesknecht passiert und was bedeutet es für die anderen Menschen und schließlich für uns?

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Soweit uns die Bibel das erzählt, wurden beide verfolgt von Menschen, die glaubten, sie täten Gott damit einen Gefallen. Diese Menschen waren überzeugt, dass die Opfer ihrer Gewalt zu Recht verfolgt und getötet würden, weil Gott sie verworfen habe, weil sie Gotteslästerer seien. Doch nachdem sie ihre Opfer getötet hatten, machten sie eine ganz überraschende Erfahrung, die sich kaum besser ausdrücken lässt, als es das 4. Gottesknechtlied selber tut: „Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt.“ (Jes 53,4b-5a). In der Tat meinten sie, sie täten Gottes Willen, als sie den verachteten Mann schlugen und verspotteten und töteten; und nun stellen sie fest: das alles geschah mit ihm nur wegen ihrer Verbrechen; oder anders gesagt: durch ihre Verbrechen. Gerade das war ihr Verbrechen: einen unschuldigen Knecht Gottes als schuldigen Gotteslästerer hinzurichten. So auch mit Jesus: Einige von den Henkern mussten nach Jesu Tod erkennen, dass sie Unrecht getan hatten, dass er Gottes Sohn war. Gerade die Jünger mussten feststellen, dass sie durch Verleugnung und Flucht zu Mittätern geworden waren. Und Jesus hatte das vorher geahnt, dem Petrus auf den Kopf zugesagt – und schließlich sogar für seine Henker gebetet. Ohne Hass auf sie, ohne Groll – ohne den Gedanken: das musst du mir büßen – bleibt er gewaltfrei bis zum Ende. Gewalt üben nur jene aus, die später erkennen müssen, dass sie falsch lagen.

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Der Gottesknecht und Jesus – sie haben also die Sünden derjenigen getragen, von denen sie getötet wurden – denn gerade deren Sünden haben sie getötet. Sie haben diese Sünden auf sich genommen, Jesus hat sie körperlich in Ge­stalt des Kreuzes geschleppt bis sie ihn erdrückten und das Leben aus ihm herauspressten. Ist das aber nur etwas, das es damals gab, vor 2000 Jahren in Palästina? Oder gibt es das auch heute noch – in Palästina und weltweit und auch in Tirol? Natürlich, wir nageln heute niemanden mehr ans Kreuz. Aber verurteilen wir nicht Menschen, weil wir glauben, sie seien Sünder und Sünderinnen und wir würden Gottes Werk tun, wenn wir sie klein machen und niederhalten? Ist es nicht so, dass wir immer einen Grund finden, warum jemand, den wir nicht leiden können – und den wir deshalb vielleicht ganz gerne leiden sehen würden – selber schuld ist: dumm, dreist, faul, frech – ein gottloser Mensch eben? Wenn es so ist, dann verfallen wir oft derselben Täuschung und denselben Mechanismen wie die Verfolger Jesu. Dann bürden wir Menschen unsere Sünde auf. Aber diese tragen sie oft nicht wie Jesus, sie wollen sie uns heimzahlen, sie wollen uns büßen sehen – und umgekehrt wir wollen jene büßen sehen, die uns so etwas angetan haben.

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Nur Jesus hat die Sünden seiner Verfolger freiwillig auf sich genommen und nur er war völlig unschuldig. Und weil die Mechanismen, die damals am Werk waren, überall sind und sich Jesus mit allen Opfern der Welt identifiziert hat, hat er nicht nur die Sünden seiner unmittelbaren Verfolger getragen, sondern die aller Verfolger – auch unsere, die Sünden der ganzen Welt. Wir haben sie ihm aufgedrängt. Er aber hat sie freiwillig auf sich genommen und – durch uns – als Opfer gebüßt.

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Dadurch hat er den Jüngern und über sie auch uns die Augen geöffnet für den teuflischen Mechanismus, dem wir so oft verfallen: er besteht darin, dass wir uns zusammenrotten und meinen: wenn nur alle einig sind, dass einer ein gottloser Mensch sei, dann müsse es auch stimmen. Jesu Passion will uns die Augen öffnen, dass es gerade umgekehrt ist: wenn wir alle einig sind gegen eine einzelne Person, dann ist etwas faul, dann hat uns der Satan hereingelegt, so wie er damals die Verfolger Jesu hereingelegt hat: sie meinten, Jesus sei von Gott geschlagen, und dabei haben doch nur sie ihn geschlagen durch ihre Sünden.

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Diese Täuschung konnte nur dadurch aufgedeckt werden, dass Jesus ihre Sünden in Liebe durchlitt bis zum Ende. Bildlich gesprochen hat er so dem Satan der kollektiven Verblendung ein Lösegeld bezahlt und uns freigekauft: wir können nun, wenn auch nicht ganz einfach und in jedem Fall, die teuflische Täuschung durchschauen. Wir können nun wissen, dass Gott auf der Seite dessen ist, der allein gegen alle anderen steht; dass die Gewalt der Verfolgung nicht von Gott ausgeht, sondern von Menschen. Von Gott geht etwas ganz anderes aus: Die Kraft für die Verfolgten, sich selber treu zu bleiben; die Kraft, keine Gegengewalt anzuwenden und das Leid in Feindesliebe durchzustehen; im letzten aber die neue Lebenskraft, die sie aus dem Tod errettet und beweist, dass Gott auf ihrer Seite stand; und die aus der Auferstehung kommende Kraft der Vergebung, durch die Gott sogar den Verfolgern neues Heil anbietet, denn gerade durch das eine ganz unschuldige Opfer, das sich mit allen anderen identifizierte – Jesus Christus –, hat er sie aus dem Teufelskreis der Verblendung befreit.

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Texte für den Weltmissionssonntag? Ich denke schon, jedenfalls dann, wenn Mission nicht zuerst bedeutet, die Menschen zu Taufscheinchristen zu machen, sondern wenn Mission bedeutet, allen Menschen diese Botschaft zu bringen: Gott ist auf der Seite derer, die allein sind und von allen anderen verfolgt werden; und er ist so auf ihrer Seite, dass er auch die Verfolger noch retten will durch die Hingabe zumindest eines solchen Opfers, das sich nicht gewehrt und nicht gerächt, sondern um Vergebung für seine Henker gebetet hat.

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