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GOTT, Christus und die Armen

Autor:Weß Paul
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Im August 2009 vom Institut für Theologie und Politik (Münster, Westf.) im Internet veröffentlicht unter: http://www.itpol.de/?p=333
Datum:2009-09-27

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der folgende Text ist die Einleitung eines Buches, das als Internetpublikation unter http://www.itpol.de/wp-content/uploads/2010/03/gottchristusunddiearmen.pdf abrufbar ist (Vgl. auch: http://www.itpol.de/?p=333)

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Einleitung

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„Die Armen und ihr Ort in der Theologie“ – so nannte Ludger Weckel die von ihm herausgegebene Dokumentation über den innerhalb der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung entstandenen Konflikt, der durch eine Kritik von Clodovis Boff an seinen bisherigen Mitstreitern ausgelöst wurde.[1] Dieser formulierte in einer Zusammenfassung gleich am Beginn seines Beitrags „Theologie der Befreiung und die Rückkehr zu ihren Fundamenten“ (20–49) sein Anliegen: „Es geht darum zu zeigen, dass die Theologie der Befreiung (TdB) einen guten Anfang nahm, dann aber aufgrund ihrer epistemologischen Uneindeutigkeit schließlich vom Weg abgekommen ist: Sie stellt die Armen an die Stelle Christi. Aus dieser grundlegenden Verkehrung resultierte ein zweiter Irrtum: die Instrumentalisierung des Glaubens ‚für’ die Befreiung“ (20).

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    In seinen weiteren Ausführungen lautet seine Kritik: „Was passiert bei der Theorie-Arbeit der TdB? Es kommt zu einer Umkehrung des epistemologischen Primats. Nicht Gott, sondern der Arme wird zum Wirkprinzip der Theologie. Eine solche Umkehrung ist nicht nur ein Irrtum im Prinzip, sondern in der Priorität und deshalb in der Perspektive. Dies ist gravierend, um nicht zu sagen, fatal. ... Wenn der Arme nun den Status des epistemologisch Ersten einnimmt, was geschieht dann mit dem Glauben und der Lehre auf der Ebene von Theologie und Pastoral? Der Glaube wird in der Funktion für die Armen instrumentalisiert. Man verfällt in Bezug auf das Wort Gottes und die Theologie allgemein einem Utilitarismus bzw. Funktionalismus. ... In Wirklichkeit spielt die Transzendenz für diese Theologie eine geringe und unwichtige Rolle ...“ (24f).

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    Wenn man die beiden Texte genau miteinander vergleicht, bemerkt man in einem wichtigen Detail einen Unterschied, der offensichtlich für Clodovis Boff keiner ist: Während er eingangs den Vorwurf erhebt, dass die Theologie der Befreiung die (oder den) Armen an die Stelle Christi gesetzt habe, heißt es später in seiner Kritik, dass in dieser Theologie der Arme die Stelle Gottes einnimmt und dadurch zum Wirkprinzip der Theologie wird. Clodovis Boff geht also wie selbstverständlich davon aus, dass im christlichen Glauben Christus und Gott identisch und daher austauschbar sind. Dass dieser Jesus Christus laut dem Neuen Testament einem Mann verboten hat, ihn gut zu nennen, weil niemand gut ist „außer Gott, dem Einen“ (Mk 10,18), dass er selbst an Gott geglaubt hat und uns zum Glauben an Gott führen wollte (Joh 12,44: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat“), ist für ihn nicht relevant. Hier liegt eine mindestens ebenso gravierende epistemologische Uneindeutigkeit vor wie jene, die er der Befreiungstheologie vorwirft.

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    Doch diese ist in ihren christologischen Voraussetzungen keineswegs genauer. Unter Hinweis auf den „so zentralen und für die TdB charakteristischen Text Mt 25,31–46“ und darauf, dass Clodovis Boff diesen „nicht einmal erwähnt“, schreibt dessen Bruder Leonardo: „Deshalb können wir also nachdrücklich festhalten: Es ist kein theologischer Irrtum, den Armen mit Gott und Christus zu identifizieren“ (58). Hier wird Christus ebenfalls mit Gott gleichgesetzt (wenn zwei Größen einer dritten Größe gleich sind, sind sie auch untereinander gleich); weil aber Jesus sich laut der Rede vom Weltgericht (Mt 25) mit den Armen identifiziert hat, wird daraus noch abgeleitet, dass Gott, Christus und der Arme untereinander austauschbar sind. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Positionen liegt also darin, dass Leonardo Boff diese Gleichsetzung unter Berufung auf eine „angemessene Inkarnationstheologie“ (55) auf der menschlichen Ebene vornimmt (im Sinn von: Gott ist Mensch geworden und hat sich als solcher mit den Armen identifiziert), während sein Bruder Clodovis Christus als Gott auf der göttlichen Ebene belässt und diesen Christus-Gott als Erlöser über die (oder den) Armen stellt; also nicht alle drei miteinander identifiziert, sondern die Transzendenz Gottes und damit die des göttlichen Christus bewahren will.

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    Immer wieder kommt es in Auseinandersetzungen vor, dass beide „Parteien“ von einer gemeinsamen Grundannahme ausgehen, ohne sie zu hinterfragen und nötigenfalls zu korrigieren, aus der sich fehlerhafte Konsequenzen ergeben, die einander auch widersprechen können, falls gegensätzliche Folgerungen daraus gezogen werden. Wenn nun eine Seite bei der anderen einen solchen Folge-Fehler bemerkt und ihn kritisiert, ohne dessen eigentliche Ursache in den auch von ihr angenommenen Voraussetzungen zu erkennen, kann sie diese Kritik nicht überzeugend vorbringen und das Problem nicht an der Wurzel beheben. Eben dies dürfte im Konflikt innerhalb der Befreiungstheologie der Fall sein. Der gemeinsame Ausgangspunkt beider Seiten ist, dass ein und derselbe Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist (nach dem Konzil von Chalkedon) und man daher bei ihm die göttlichen Attribute auf den Menschen übertragen kann und umgekehrt (Idiomenkommunikation). Demnach kann man entweder daran festhalten wollen, dass dieser „Gottmensch“ als transzendenter Gott über den Armen steht (so Clodovis), oder unter Berufung auf seine Menschwerdung Gott mit Christus und beide nach Mt 25 auch mit den Armen auf dieselbe Ebene stellen (so Leonardo u. a.). Es geht also in dieser Auseinandersetzung keineswegs nur um den Ort der Armen, sondern grundlegender schon um die „Orte“ Christi und Gottes in der Theologie, also um das gegenseitige Verhältnis von Gott, Christus und den Armen und damit um die Frage, ob die Transzendenz Gottes auch gegenüber dem sich mit den Armen identifizierenden Jesus Christus besteht.[2]

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    Nach einer kurzen Darstellung der gegensätzlichen Positionen (I.) wird versucht, diese tiefere Ursache des Konflikts innerhalb der Befreiungstheologie aufzuzeigen und durch eine Revision der theologischen Voraussetzungen beider Seiten – und damit auch der lehramtlichen Theologie – einen möglichen Weg zur Beilegung dieses „Bruderzwistes“ zu bahnen (II.). Die Auseinandersetzung mit der dogmatischen Christologie führt zu einer vertieften Sicht der Transzendenz Gottes mit Konsequenzen, die weiter gehen als jene, die Clodovis Boff einmahnt; das sollte bereits im Titel zum Ausdruck kommen, weshalb dort das Wort „GOTT“ in Großbuchstaben geschrieben und über „Christus und die Armen“ gestellt wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, wenigstens in Umrissen ein entsprechendes biblisch-christliches Verständnis des Glaubens an Gott, der Hoffnung auf Befreiung und Erlösung sowie der Kirche in ihren (Basis-)Gemeinden als Ort, Zeichen und Werkzeug des beginnenden und kommenden Heils zu entwickeln und zu begründen (III.). Schließlich werden die aufgetretenen Probleme und Differenzen auf einen Fehler in der Methode nicht nur der Befreiungstheologie zurückgeführt und wird überlegt, wie dieser korrigiert werden müsste, um dann sorgfältiger und bescheidener, aber in einer gemeinsamen Sprache und glaubwürdig von Gott, Christus und den Armen reden zu können.

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Das ganze Buch ist im Internet abrufbar unter: http://www.itpol.de/wp-content/uploads/2010/03/gottchristusunddiearmen.pdf (vgl. auch: http://www.itpol.de/?p=333).

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[1]  Die Armen und ihr Ort in der Theologie. Hg. Ludger Weckel, Institut für Theologie und Politik, Münster (Westf.). Münster 2008 (als Online-Buch unter: www.itpol.de/?p=267). Seitenzahlen in Klammern ohne weitere Angaben beziehen sich auf diese Dokumentation.

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[2] Vgl. meine Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie in: Paul Weß, Gemeindekirche – Ort des Glaubens. Die Praxis als Fundament und als Konsequenz der Theologie. Graz 1989, 259–274.

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