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Der Opferstatus als Waffe: Zur klagereligiösen Versuchung Tiroler Erinnerungskultur

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Freiheit zwischen Selbstbehauptung und Verblendung. Religion. Politik. Kultur 1809-2009. Innsbruck: Kunstraum Kirche, 2009, 31-34.
Datum:2009-09-28

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Die Klagen stillen den Schmerz nur dadurch, daß sie das Herz nur noch stärker reizen und zerreißen. Dieses Leid wünscht nicht einmal Trost, es nährt sich von dem Gefühl seiner Unstillbarkeit. Das entspringt nur dem Bedürfnis, die Wunde unablässig zu reizen.“ (Dostojewskij, Die Brüder Karamasow)

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Die traditionelle Stilisierung von Andreas Hofer zum christlichen Märtyrer sowie die 1959 und 1984 bei den Gedenkumzügen mitgetragene Dornenkrone als Symbol für die Teilung Tirols, zeigen deutlich, dass sich Tirol vor allem als Opfer versteht, wenn es der Ereignisse von 1809 gedenkt. Auf den ersten Blick scheint das ganz in der Linie der christlichen Tradition zu stehen und daher auch ethisch und religiös gerechtfertigt zu sein. Doch schon ein zweiter Blick lässt deutliche Zweifel wach werden. Zu recht erinnert beispielsweise der Politologe Anton Pelinka in einem kürzlich erschienen Kommentar zum Tiroler Umgang mit den Ereignissen von 1809 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ daran, welche Parallelen sich zur Tiroler Stilisierung der Opferrolle finden lassen: „Tirol … feiert die Niederlage von1809 wie die Serben die Niederlage auf dem Amselfeld, die Tschechen jene am Weißen Berg und die Ungarn ihr Debakel bei Mohacs. Tirol bezieht seine Identität aus einem verlorenen Krieg.” Die von Pelinka erwähnten Parallelen verweisen indirekt auf das politische Aggressionspotential, das aus dem Hochhalten der eigenen Opferrolle gewonnen werden kann. Gerade unsere Gegenwart zeigt heute, dass politische Konflikte sich dort am stärksten in unlösbare Sackgassen der Gewalt verwandeln, wo die eigene Opferrolle überproportional und unüberwindlich ins Zentrum rückt.

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Solche Zusammenhänge müssen in einen größeren religionspolitischen Kontext gestellt werden, um sie dann kritisch mit der Tiroler Erinnerungskultur in Verbindung bringen zu können. Zuerst muss jene Abrahamitische Revolution verstanden werden, die den durch die biblische Offenbarung erfolgten Auszug aus der archaischen Welt der Menschenopfer benennt. Am Beginn der menschlichen Zivilisation konnten urtümliche Stammensgruppen nur dadurch den inneren Frieden sichern, dass sie ein Mitglied der Gruppe als Sündenbock vertrieben oder töteten. Regelmäßige Opferrituale – ursprünglich oft Menschenopfer – die den vergöttlichten Sündenböcken dargebracht wurden, sicherten diesen durch den Sündenbockmechanismus gewonnenen Frieden durch Gewalt. Die zentralen Texte der Bibel solidarisieren sich hingegen im Unterschied zu den archaischen Mythen mit der Perspektive der verjagten oder getöteten Sündenböcke und bringen dadurch den Sündenbockmechanismus ans Licht. Die Bibel schreit die Unschuld der getöteten oder verjagten Sündenböcke in die Welt. Die Götter mythischer Religionen sind vergöttlichte Opfer, die die Gewalt ihres Ursprungs verkörpern und immer neue Blutopfer zur Stabilisierung des von ihnen garantierten Friedens verlangen. Im Unterschied dazu zeigt sich der biblische Gott als ein gewaltfreier „Gott der Opfer“, der sich mit den Sündenböcken der Menschen solidarisiert. Neben den Klagepsalmen und dem Buch Ijob sind diesbezüglich im Alten Testament vor allem die Lieder des leidenden Gottesknechtes bei Deuterojesaja hervorzuheben. Die Gottesknechtlieder beschreiben das Schicksal eines Leidenden, der von den Menschen verachtet, geschlagen und ausgestoßen wurde. Sein Schicksal gleicht ganz dem eines Sündenbocks. Die entscheidenden Passagen des Textes sind aber jene, die die Unschuld des Knechtes hervorheben und seine Partei einnehmen. Nach Jes 53,9 wurde er verfolgt und gemieden, „obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war“. Im Neuen Testament zeigt die Passionsgeschichte Jesu in den Evangelien am deutlichsten, inwiefern sich die biblische Perspektive von der mythischen Sicht unterscheidet. Wie in vielen Mythen wird die kollektive Gewalt gegen ein Opfer beschrieben. Aber im Unterschied zu den Mythen identifizieren sich die Evangelien radikal mit dem Sündenbock Jesus, dessen Unschuld hervorgehoben wird: „Ohne Grund haben sie mich gehaßt.“ (Joh 15,25) Die Evangelien erkennen in Jesus einen zu Unrecht verfolgten Sündenbock. Er ist das „Lamm Gottes“ (Joh 1,29) und steht damit in einer Linie mit dem geschlagenen Knecht des Deuterojesaja. Im Gott Jesu Christi wird jener biblische „Gott der Opfer“ offenbar, der sich mit allen Sündenböcken solidarisiert und die menschliche Verantwortung für die Gewalt ans Licht bringt. In ihm gründet die moderne Sorge um die Opfer, wie sie z. B. auch für die Tradition der Menschenrechte charakteristisch ist.

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Es wäre nun aber naiv, zu glauben, dass die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus alle Gewalt sofort und für immer aus unserer Welt verbannt hätte. Das Gegenteil scheint sogar eher der Fall zu sein. Die biblische Unterminierung traditioneller Gewalteindämmungsformen hat indirekt oft zu einer apokalyptischen Verschärfung der Weltlage beigetragen. Das Problem eines explosiven Ansteigens der Gewalt durch die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus zeigt sich beispielsweise in der parasitären Form der Klagereligion, wie sie der Schriftsteller und Kulturphilosoph Elias Canetti in seinem Werk Masse und Macht als typisch für das Christentum bezeichnet hat. Mit diesem Begriff beschrieb er, wie sich Menschen durch ihre Identifikation mit einem verfolgten Opfer selbst zur rächenden Gewalttat berufen fühlen. Als Klagende erscheint ihre Gewalt gerechtfertigt zu sein. Wir kennen Formen der Klagereligion unter anderem aus der Zeit der Kreuzzüge, als Christen im Namen ihrer Solidarität mit dem Gekreuzigten sich an Juden und Muslimen rächten. Aber auch die Massaker der europäischen Konquistadoren folgen diesem Muster, wenn im Namen des Christentums die Indianer wegen ihrer Menschenopfer in einer Weise abgeschlachtet wurden, die alle archaische Opfergewalt um das Vielfache übertraf. Aus der Sicht der Anthropologie René Girards lässt sich diese Form der vergeltungssüchtigen Klagereligion als eine Pervertierung der biblischen Aufdeckung des Sündenbockmechanismus verstehen. Aus der Offenlegung des Sündenbockmechanismus wird eine „Jagd auf die Sündenbockjäger“. Diese klagereligiöse Versuchung ist zu einem vielfach vorherrschenden und sehr gefährlichen Muster in unserer Welt geworden.

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Die Tiroler Erinnerung an 1809 trägt klagereligiöse Züge und ist bis heute von einer Instrumentalisierung dieser Niederlage und der damit verbundenen Opferrolle gekennzeichnet, die sich immer auch gegen jeweils aktuelle Gegner richtete. Antiitalienische Ressentiments gehörten beispielsweise nach 1918 fast unauflöslich zu dieser klagereligiösen Erinnerungskultur Tirols. So sehr nun die klagereligiöse Versuchung zum biblischen Erbe gehört, so wenig entspricht sie aber tatsächlich dem biblischen Geist. Schon im Neuen Testament wird vor jenen Pharisäern gewarnt, die den früher ermordeten Propheten Denkmäler errichten, selbst aber bereits  auf die Ermordung von Jesus drängen: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden. Damit bestätigt ihr selbst, daß ihr die Söhne der Prophetenmörder seid.“ (Mt 23,29-31) Das Hochhalten der Opfer früherer Gewalt verdankt sich zwar der biblischen Solidarisierung mit den Opfern, zeigt aber damit noch keineswegs, ob damit auch schon die eigenen Neigungen zu Rache und Gewalt überwunden worden sind, oder nun auf einer noch viel gefährlicheren Stufe ausgelebt werden. Die biblische Solidarisierung mit den Opfern muss zum einen mit der Einsicht in die eigene Schuld und zum anderen mit der Bereitschaft zur Vergebung einher gehen. Die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus verdankt sich einer Gruppe von Verfolgern, die sich ihrer eigenen Verfolgermentalität bewusst wurde, umkehrte und dadurch jene Texte verfassen konnte, die auf der Seite der verfolgten Opfer stehen. Jedem Unschuldswahn, der notwendigerweise in erbarmungslosen Hass gegen entlarvte Verfolger umschlagen müsste, ist damit schon von Anfang der Boden entzogen. Sehr deutlich wird das in den Liedern vom leidenden Gottesknecht im Buch Deuterojesaja. Diese Lieder beschreiben ungeschminkt das Schicksal eines Sündenbocks. Doch entscheidend dabei ist, dass sich die Einsicht in sein ungerechtes Schicksal einer Gruppe umgekehrter Verfolger verdankt. Weil sie ihre eigene Jagd auf ein Opfer zu durchschauen begannen, konnten sie den Leidensknecht rehabilitieren: „Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt.“ (Jes 53,4f) Diese Linie setzt sich im Neuen Testament fort. Auch hier steht zuerst das Versagen aller Jünger – überdeutlich sticht die dreimalige Verleugnung Jesu durch Petrus hervor –, die erst dann zur Enthüllung des Opfermechanismus führt, als sie durch die Gnade Gottes zur Umkehr gelangten. Die radikale Gewaltfreiheit Jesu, die Bereitschaft, selbst noch am Kreuz seinen Feinden zu vergeben (Lk 23,34: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) und die Friedensbotschaft „Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36), mit der er nach der Auferstehung den Jüngern gegenüber trat, ermöglichten letztlich die Umkehr der Jünger. Die christliche Überwindung des Sündenbockmechanismus ist untrennbar mit der Aufforderung zur Feindesliebe und Versöhnung sowie zur Absage an die Rache verbunden: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5,44f) Nur wer die Botschaft der Feindesliebe von der Aufdeckung des Sündenbockmechanismus abspaltet, kann aus der Solidarität mit den Opfern eine gefährliche Waffe schmieden.

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Aus christlicher Sicht zeigen sich demnach die Stilisierung Hofers zum Märtyrer und der Opferkult mit der Dornenkrone als höchst problematische Formen, die Vergangenheit lebendig zu halten. Diese Form Tiroler Erinnerungskultur verdankt sich eher der klagereligiösen Pervertierung der christlichen Botschaft als ihrem wesentlichen Kern. Diese Problematik ist durchaus schon vor längerer Zeit erkannt worden. Ein schönes Beispiel dafür ist das 1902 erschienene Schauspiel Andre Hofer des Tiroler Schriftstellers Franz Kranewitter (1860-1938). Kranewitter stellte sich am Beginn des 20. Jahrhunderts gegen den damals vorherrschenden Hofer-Mythos. Deutlich kritisierte er in der Figur des Kapuzinerpaters Haspinger jene religiösen Kräfte, die Hofer in den aussichtlosen Kampf getrieben haben, indem sie ihn mit den kämpfenden Märtyrern der Makkabäer-Tradition identifizierten und zum „heiligen Kampf“ im Namen Gottes aufriefen. Hofer wurde demnach zum Instrument einer verkürzten und pervertierten Aneignung der biblischen Botschaft. Kranewitters Auseinandersetzung mit den religiösen Hintergründen belässt es nämlich nicht mit dieser Kritik an bestimmten kirchlichen Kräften. In einer wichtigen Szene verweist Hofers Frau diesen auf das Beispiel Christi, der für seinen Weg die Gewalt am Kreuz erlitten hat und nicht andere gewaltsam auf seinen Weg zu zwingen versuchte. Zu spät versteht Hofer gemäß dem Schauspiel von Kranewitter, dass er sich einer falschen religiösen Haltung verschrieben hatte: „Ja, Mander, auf Wunder hab i g’hofft, statt in Demuet mein Kreuz z’trag’n.“ Die Aufführung des Theaterstücks in Innsbruck im Jahre 1903 endete im Skandal. Die Tiroler wollten sich ihren Mythos nicht zerstören lassen. Vor allem kirchliche Kreise widersetzten sich einer Interpretation, die dem Geist des Evangeliums eigentlich viel näher gestanden wäre.

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Wie schwer es wirklich ist, sich der biblischen Botschaft als ganzer zu öffnen, und mit der Solidarisierung mit den Opfern gleichzeitig mehr auf das eigene Versagen als auf die Fehler anderer zu blicken, zeigt auch ein Tiroler Kunstskandal aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das an die Ablehnung des Stücks von Kranewitter erinnert. Als der Künstler Max Weiler 1947 in der Theresienkirche auf der Innsbrucker Hungerburg die Kreuzigung Jesu in einem Fresko darstellte, das Menschen in Tiroler Kleidung – Tiroler Bürger, Bauern und Schützen – als Täter bei der Kreuzigung zeigte, entfachte er einen wahren Proteststurm. Für mehr als ein Jahrzehnt mussten die Fresken verhüllt werden, um vor der Entfernung aus der Kirche bewahrt zu werden. Auch hier mangelte es am Ernstnehmen des wahren Kerns der christlichen Botschaft.

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Können wir uns aber heute aus einem wirklich christlichen Geist mit Andreas Hofer und den Ereignissen von 1809 auseinandersetzen? Skepsis ist angebracht, auch wenn es eine kritischere Diskussion als früher gibt. Im Herbst 2009 wird es wieder einen Festumzug geben. Das Symbol der Dornenkrone soll nun durch 2009 rote Rosen ergänzt werden. Noch immer scheint für viele TirolerInnen die Anknüpfung an den Opferstatus notwendig zu sein. Die Verschönerung durch die Rosen ist mir als Veränderung dabei zu wenig. Nicht der eigene Opferstatus darf aus christlicher Sicht im Vordergrund stehen, sondern das Bemühen, selbst nicht zum Täter zu werden. Tätermale wären wichtiger als Opfermale. Weiler wollte damals mit seinen schockierenden Fresken vor allem auch jene bloß oberflächliche Religiosität kritisieren, die dem eigentlichen Anspruch des Christentums nicht gerecht wurde. Heute scheinen Fremdenfeindlichkeit und eine vielfach fehlende Offenheit für Migranten in unserem Land zu zeigen, dass wir noch immer weit von der Mitte der christlichen Botschaft entfernt sind. In diese Richtung braucht es Mut zum Aufbruch. Der Blick auf die Vergangenheit kann dazu Kraft geben. Groß bleibt dabei aber auch die Gefahr sich im Blick zurück bloß als Opfer zu sehen und dadurch neue Ausschließungen und Ressentiments zu rechtfertigen. Wir brauchen aber keine Verewigung von Niederlagen und kein ständiges Reizen alter Wunden. Wo Wunden nämlich immer wieder aufgerissen werden, wird nur der Geist der Vergeltung wach gehalten und Versöhnung bleibt unerreichbar. An die Stelle der Klage muss daher die aktive Sorge um eine Welt treten, in der die Mauern der Feindschaft übersprungen und die Wurzeln des Unrechts bei uns selbst überwunden sind.

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