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"In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet"
(Predigt zum Herz-Jesu-Fest im Anschluss an Eph 3,812.14-19, gehalten in der Jesuitenkirche am 21. Juni 2009 um 11 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2009-06-26

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Ausgerechnet am Ostersonntag kam für ihn der Punkt, an dem ihm alles egal wurde. Die Hoffnung, die er einmal gelebt hatte, eine Hoffnung, die nun in jeder Hinsicht enttäuscht wurde, diese Hoffnung wandte sich gegen ihn, zerfraß ihn regelrecht und fand auch ein Ventil im Hass und in einem Gewaltausbruch sondergleichen. Eine fast typische Biographie eines Durchschnittszeitgenossen in der multikulturellen Gesellschaft um die Jahrtausendwende also? Wohl kaum! Oder vielleicht doch? Aus dem fernen Kasachstan in das 'gelobte Land' Deutschland eingewandert, den Kopf bis zum Rand voll mit Plänen, Sehnsüchten und Illusionen über das gelungene Leben in einer spätkapitalistischen Gesellschaft, lebte er bald entwurzelt, und er teilte dieses Geschick mit Millionen von Zeitgenossen. Die strukturelle Ungeborgenheit der modernen Nomaden, abgeschnitten von Traditionen und stabilen Beziehungen, zur Einsamkeit verurteilt - und dies mitten unter Unmengen von Bekannten, Kollegen und Genossen. Immer wieder arbeitslos. Bald auch drogenabhängig. Gefängnisaufenthalte. Was für ein Leben? Frustriert über dieses Leben wirft Nikolai am Ostersonntag 2008 einen sechs Kilo schweren Pappelstamm auf die Autobahn auf ein fahrendes Auto und tötet damit eine junge Mutter, eine Frau, die er nie gekannt hat. Eine sinnlose Gewalttat! Eine Gewalttat, die am Ende einer Spirale steht. Einer Spirale, die in die Ausweglosigkeit führt, an den Punkt also, wo man sagt: 'Mir ist doch alles egal!' Eine Spirale von Ohnmacht und Trauer, von Wut und letztendlich auch von Hass. Und eine Gewalttat, die ihrerseits eine neue Spirale in Gang setzt, eine Spirale wiederum aus Trauer und Wut, und auch hier ist wohl Hass der letzte Ausweg.

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Liebe Schwestern und Brüder, der "Holzklotzwerfer aus Oldenburg", wie ihn die Medien genannt haben, verdichtet in seinem Geschick die Sackgassen unserer modernen Kultur, einer Kultur, die nur noch eine einzige Antwort zu haben scheint auf Enttäuschungen, auf Ausweglosigkeiten, auf kaputt gegangenes Leben und auf strukturelle Ungeborgenheit, die sie selber am laufenden Band produziert. 'Verletzt wie Du, lebe ich verletzend auf Dich hin!', so könnte die Kurzformel unseres Lebens in dieser multikulturellen, multireligiösen, liberalen Gesellschaft lauten. 'Verletzt wie Du, lebe ich verletzend auf Dich hin!'; 'Macht kaputt, was euch kaputt macht!', hießen einmal der Befreiungsschrei und die Lebensstrategie für Looser. Eine Überlebensstrategie, die den betroffenen Menschen nur noch härter werden ließ, auch bitterer und zunehmend blind für das eigene Leben, nachdem er schon längst blind geworden war für das Leben der Anderen. "Alles ist Wundenschlagen und keiner hat keinem verziehen. Verletzt wie Du und verletzend lebte ich auf Dich hin", dichtete die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann schon im Jahr 1957. Und sie sah auch klar das Ende dieses Weges. Am Ende ist alles "ins kälteste Schweigen gekehrt". Wundenschlagen und Verwundetwordensein also, Verwundetwordensein, das wiederum neue Wunden notwendig macht, bis keiner mehr verzeiht und nur noch das kalte Schweigen das Spektakel des Lebens beendet, oder aber nackte und sinnlose Gewalt. Mir ist doch alles egal! Auslöschung der Anderen, Amoklauf als Vollendung des Lebens, von der Selbstauslöschung gekrönt. Gibt es Alternativen? Gibt es Alternativen zu dieser Spirale, in der sich die strukturell ungeborgenen Menschen des 21. Jahrhunderts in ihrem Wohlstand immer tiefer nach unten drehen? Haben wir denn keine anderen Antworten auf Enttäuschungen und Ausweglosigkeiten als dieses freimütige Bekenntnis: 'Verletzt wie Du und verletzend lebe ich vor mich hin!' Die gut gemeinten Ratschläge: 'Pass auf, dass Du nicht zu tief fällst', die pädagogischen und politischen Bemühungen und Maßnahmen, die die Ausweglosigkeiten zu verhindern suchen, will ich nicht unterschätzen. Im Gegenteil, Gott sei Dank tragen Millionen von Menschen - tragen Sie alle!! - und dies tagtäglich dazu bei, dass Enttäuschungen und Ausweglosigkeit verhindert werden können. Doch - und da wird der genuine Ort des heutigen Festes angezeigt - all die Bemühungen um Verhinderung tragen gar nichts dazu bei, dass eine Ausweglosigkeit, die schon Wirklichkeit wurde, bewältigt wird. Haben wir also keine andere Antwort auf Enttäuschungen und Ausweglosigkeiten und kaputt gegangenes Leben als dieses 'verletzt wie Du lebe ich verletzend vor mich hin, mich selbst verletzend und auch andere verletzend'?

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Das Wort Gottes, das uns an diesem Herz-Jesu-Sonntag trifft, gewann seine sprachliche Gestalt im Gefängnis. Der kranke, mit Wunden geschlagene, politisch verfolgte Außenseiter der Gesellschaft, der mehrfach verletzte Paulus betet. Er betet im Gefängnis, an jenem Ort also, an dem viele den Punkt erreichen, wo sie nur noch denken können: 'Mir ist doch alles egal'. Im Gefängnis beugt Paulus seine Knie und betet. Nicht für sich selber. Nein! Er betet für die Anderen, er betet für die christliche Gemeinde in Ephesus, für jene, die mitten in der Welt leben und dort für eine alternative Sicht der Wirklichkeit sorgen. Er betet darum, dass sie verwurzelt werden und auch verwurzelt bleiben. Aus seiner eigenen Erfahrung weiß er, dass das Verwurzeltsein alles andere als selbstverständlich ist. Sein Leben lang hatte er zu kämpfen gehabt "mit dem Dorn im Fleisch", wie er selber sagt. Er weiß, dass es tausend Dinge gibt, die an den Wurzeln der Lebenskraft zerren: Zweifel und Depressionen, Lebensumstände, Konkurrenten und Feinde. Und er weiß, dass der Baum, wenn man ihm die Wurzeln absägt, verloren ist und keine Chancen mehr hat. Der leiseste Windstoß haut ihn um. Oft reicht schon eine zynische Bemerkung, und der entwurzelte Mensch findet sich - wie unser Nikolai - an jenem Punkt wieder, wo er nur noch sagen kann: 'Mir ist doch alles egal!'

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Paulus bittet Gott, dass die Christen - also auch wir, die 11-Uhr-Gemeinde aus der Jesuitenkirche in Innsbruck - , in der Liebe verwurzelt sein und auch auf dieser Liebe gegründet leben. Damit sie - und zuerst nur sie, und nicht die Sensationspresse und auch nicht die ausgelaugten modernen sensationsgeilen Meinungsmacher, nicht die society, nicht das österreichische Gerichtswesen und auch nicht der österreichische Staat - die Länge und Breite, die Tiefe und Höhe der Liebe Christi zu ermessen wissen. Er betet, dass zuerst wir und nur wir zu erkennen vermögen, dass am Ende nicht alles "ins kälteste Schweigen gekehrt" bleibt und deswegen der faulige Ekel über andere Menschen oder aber auch über mein eigenes kaputt gegangenes Leben die Norm sei und Selbstauslöschung die logische Sehnsucht. Er betet, dass wir mitten in einer Welt, die sich in den Wolfsschanzen der Aggression verbarrikadiert, dass wir eine alternative Antwort auf das viele Wundenschlagen wissen und so auch zu einer neuen Rührung des Herzens beitragen, ja zu einer 'geistigen Herztransplantation'. Und der Spender dieses anderen Herzens? Woher soll er kommen? Wenn alle bloß verletzt sind und nur noch verletzend vor sich hin leben können, woher soll das neue Herz kommen? Wenn am Ende alles "ins kälteste Schweigen gekehrt" bleibt, so wird der 'Herzensumsturz' unmöglich. Paulus glaubt aber an die Alternative! Sie steht für ihn als eine ganz große Ausnahme in der Kulturgeschichte der Menschheit da. "Gott bin ich, nicht ein Mensch", las Paulus im Buch des Propheten Hosea. "Ich werde nicht in Wut geraten" (11,9). Ich halte inne und verzichte auf Eskalation. Selbst dann, wenn ich selber verletzt werde!

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Liebe Schwestern und Brüder, in unserer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft ist uns der Sinn für das Spezifische und das Unverwechselbare, ja für das Einmalige am christlichen Glauben verloren gegangen. Mit unserem Glauben reihen wir uns problemlos in die Reihe moderner Plausibilitäten ein und auch in die Reihe moderner Sackgassen, scheuen uns auch deshalb vor allzu klarer Sprache gerade dort, wo diese moderne Gesellschaft selbst an Auswegs- losigkeiten gerät. Denn: auch für mich selber gilt es: 'Verletzt wie Du und verletzend lebe auch ich vor mir hin!' Das ist ja menschlich, wohl allzu menschlich. Denn: Mensch bin ich und nicht Gott. Nun aber gibt es auch einen Anderen. Und dieser sagt etwas anderes. 'Verletzt wie Du und vergebend, verletzt wie Du und liebend lebe ich auf Dich hin!', sagt Christus. Er sagt es zu Paulus, er sagt es zu mir. Paulus hat das erfahren, deswegen betete er, dass diese Erfahrung auch anderen zuteil wird. Er und Millionen und Abermillionen von Menschen haben diesen 'Herzensumsturz', haben diese 'geistige Herztransplantation' als Verwurzelung ihres eigenen Lebens wahrgenommen. Deswegen glauben sie, dass dieser Eine und zuerst nur dieser Eine, gerade weil er in der Liebe des Vaters fest verwurzelt und auf ihr gegründet war, nicht nur enttäuscht und verletzt wurde, sondern dass seine Brust aufgeschlitzt wurde, er aber selber nicht verletzend auf uns hin lebt, weiterhin lebt und auch leben wird. Dass in ihm deswegen - wie dies noch Gertrud von Le Fort in ihren "Hymnen an die Kirche" dichten konnte - die Mörder Verzeihung und die Kalten, die keine Träne mehr weinen können, auch ihre Tränen finden. Dass also in diesem Herzen alle beheimatet werden, selbst jene, oder gerade jene, die es ablehnen, sich lieben zu lassen.

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Liebe Schwestern und Brüder, das Herz Jesu ist in erster Linie nicht ein politisches Symbol. Es ist das Zentrum einer anderen Vision der Welt, einer vollkommenen Alternative zu jener Sicht, die uns die liberale popular culture anbietet. Mögen die Einen "das kälteste Schweigen" als das Ende wahrnehmen, oder auch die 'absolute Auslöschung', mögen die Massen verächtlich vor sich hin posaunen: 'Mir ist doch alles egal', die Christen werden immer noch glauben, dass jene Dramatik, die sich am Kreuz abgespielt hat: 'Verletzt wie Du und vergebend, lebe ich auf Dich hin', dass diese Dramatik stärker ist als alles Schweigen. "Herz Jesu" stellt ja eine bildhafte, also zeitbedingte, für viele auch allzu kitschige Verdichtung des hoffnungsrettenden Glaubens dar, und dieser kann auf die Kurzformel gebracht werden: "Es gibt keinen Hass, der nicht von der Liebe eingeschmolzen werden kann"1 Nicht einmal der Selbsthass ist stärker. Auch dieser kann - und wird, so hoffen wir jedenfalls - eingeschmolzen durch die Liebe Gottes. Darum lasst uns beten, dass die Christen, dass wir in diesem Glauben und in der Liebe fest verwurzelt bleiben. Und wenn Sie mich jetzt fragen würden: 'Wo kann ich ganz klein anfangen?' So würde ich antworten. 'Bei einem guten Vorsatz in Richtung: Verletzt wie Du und vergebend mir selber gegenüber, gehe ich heute aus dieser Kirche hinaus.'

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Anmerkung:

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1 Die Predigt ist durch einen von Bernhard Nitsche unter diesem Titel veröffentlichten Beitrag in ThG 52 (2009) 65-74 inspiriert.

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