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„Sieh der Mensch!“
(Karfreitags-Meditation)

Autor:Niederbacher Bruno
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Meditation zum Karfreitag - in der Innsbrucker Jesuitenkirche 2009
Datum:2009-04-27

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Sieh, der Mensch!", sagt Pontius Pilatus.
Und ich sehe eine Gestalt, entstellt, gedemütigt, den Menschen ausgeliefert.

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„Sieh, der Mensch!", sagt Pontius Pilatus.
Und ich sehe eine Gestalt im Leid, mit dem Tod bestraft.

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„Sieh!" Aber ich will nicht. Ich will den leidenden Menschen nicht sehen: nicht am Kreuz, nicht am Galgen, nicht im Krieg, nicht im Hunger, nicht im Sterbebett. Ich will den tätigen Menschen sehen, den lebenden, den strahlenden, den Menschen im Glück.

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Den Tod ertrage ich nicht.
Ich will es nicht wahrhaben, wenn die Ärztin sagt: „Wir können nichts mehr tun!" Ich halte es nicht aus, wenn einer haucht: „Es geht zu Ende."

5
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Aber Pontius Pilatus verlangt heute genau das von mir: den Menschen am Ende zu sehen, mich selbst am Ende zu sehen.
Widerwillig schaue ich aufs Kreuz.

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Der Mensch am Kreuz klagt: „Warum?"

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Mit ihm fragen viele: „Ja, warum? Warum gerade ich? Warum schon jetzt - vor der Mutter? Warum lässt Gott uns leiden?"
Das Kreuz gibt die Antwort nicht.

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Es ist nur ein böser Traum, hoffe ich noch.
Doch leider bin ich hellwach.
„Lass ein Wunder geschehen!", bete ich noch.
Doch geschieht nichts.

9
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Der Mensch stirbt.
Ich steh' dabei und kann's nicht glauben.

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„Sieh, das Kreuz!" sagt die Kirche. „Sieh Stück für Stück, das ganze Elend. Verneige dich davor!"

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Das mutet sie mir heute zu.

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Es zumindest versuchen.

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Einmal versuchen, es anzunehmen.

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Einmal versuchen, mich zu lösen: von mir, von der verzweifelten Selbstbehauptung, vom Stolz, es allein schaffen zu müssen.

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Für einen Augenblick ahnen wie das wäre: loszulassen, mich erlösen zu lassen.
Wie das wäre: zu vertrauen, dass Gott da ist. Gott im Leid. Gott bei mir, in meiner schwersten Stunde.

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