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Zum 25. Todestag von Karl Rahner. Von der seligen Reise des gottsuchenden Menschen
(Impulse aus der Theologie Karl Rahners)

Autor:Hubert Rudolf
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Zum Gedenken an den 25. Todestag P. Karl Rahners SJ (+ 30. März 1984) ist dieser Beitrag meiner Ansicht nach von besonderer Bedeutung. Der Autor hat Karl Rahner in der ehemaligen DDR kennengelernt und dort seinen Glauben angesichts der massiven doktrinären Herausforderung nicht mit den Veröffentlichungen Karl Rahners vertieft, sondern mit seinem Denken die hohle Ideologie des realexistierenden Sozialismus entlarvt. Für mich ist dieser Zugang des heutigen Geschäftsführers des Kreis-Caritasverbandes Westmecklenburg beispielhaft und höchst aktuell. Denn einerseits sind die Auseinandersetzungen mit den materialistischen Ideologien nicht beendet, sie werden uns vielmehr in neuem Gewand immer wieder auch in Zukunft begegnen. Zum anderen wird besonders in seinem Interview deutlich, wie die Theologie Karl Rahners die praktische Arbeit täglich zu orientieren vermag. (Roman A. Siebenrock)
Publiziert in:
Datum:2009-03-30

Inhalt

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„Von der seligen Reise des gottsuchenden Menschen" - so beschreibt Karl Rahner den königlichen Weg, auf den wir uns an Epiphanie besinnen, der zur Geburtskrippe dessen führte, der das Heil selber ist. Wer war Karl Rahner? Und warum ist es lohnend, auch heute, 25 Jahre nach seinem Tod, den geistlichen Impulsen nach zu gehen, die von seinem Werk ausgehen?

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Karl Rahner wurde am 05.03.1904 geboren, gestorben ist er am 30.03.1984. Er ist vielleicht der wirkmächtigste katholische Theologe des 20. Jahrhunderts gewesen. Karl Rahner war Jesuit, er lehrte an verschiedenen Orten, die längste Zeit in Innsbruck, wo er auch 1984 verstarb und wo sich sein Grab befindet. Rahners große Zeit war die des Zweiten Vatikanischen Konzils. Was ihn auszeichnete, ist die Tatsache, dass er es in einzigartiger Weise verstand, in seiner Zeit und für seine Zeit den Glauben der Kirche neu auszulegen. Rahner fand eine Sprache, die das Alte neu zum Klingen, zum Verstehen brachte, ohne dass die Substanz des Glaubens aufgegeben oder verwässert wurde. Das ist einer der wichtigsten Impulse für heute und morgen: „Auf der Höhe der Zeit" zu sein, ohne die Tradition aufzugeben. Den Schatz des Glaubens für die Zeit „aufschließen" kann nur jemand, der ihn kennt und ihn nicht leichtfertig „über Bord wirft".

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Karl Rahner dachte immer vom Menschen her, weil Gott sich uns zu unserem Heil geoffenbart hat. Und damit denkt er- und das ist entscheidend und vielleicht ein zweites, wesentliches Merkmal seiner Theologie - den Menschen immer zugleich in untrennbarer Einheit mit Gott und von Gott her! Wenn Rahner vom Menschen spricht, ist gleichzeitig etwas anderes immer mit ausgesagt: Der Mensch kann nur richtig verstanden werden, wenn deutlich wird, dass in allen menschlichen Vollzügen er „über sich hinaus" ist. Hoffen, Sehnen, Fragen, Klagen, Bangen, Lieben und Vertrauen - all dies sind menschliche Vollzüge, in denen der Mensch sich „überschreitet".

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Die Botschaft der - von Gott her eröffneten und getragenen und deshalb als gnadenhaft zu bezeichnenden - Transzendenz des Menschen, seine Berufung zum Leben in Gemeinschaft mit Gott selbst, ist heute vielleicht das „Bollwerk" gegen jede Verkürzung und Reduzierung des Menschen. Deren gibt es viele, sei es, den Menschen zu „definieren" als Ensemble gesellschaftlicher Prozesse und Verhältnisse, als „Produkt" der Evolution oder des Zufalls, als „Überlebensmaschine" der Gene oder als Funktion von Hirnprozessen, als Objekt wirtschaftlicher oder politischer Interessen oder wie immer jeglicher Reduktionismus sich begründet.

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Karl Rahner wurde nicht müde, diese Vollzüge des ganz Alltäglichen zu beschreiben, auf sie hinzuweisen, sie zu befragen nach der „Bedingung ihrer Möglichkeit". Denn in ihnen steckt eine unbegrenzbare Dynamik, die uns ahnen lässt, wie sehr wir angewiesen sind auf ein unbedingtes Wort der Annahme, auf bedingungslose Liebe. Alle Religionen künden von dieser Ahnung, wir Christen sprechen von Gott, der sich uns in Jesus selbst geschenkt hat.

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Er beschrieb in vielen Meditationen, dass in all diesen menschlichen Grundvollzügen das „am Werke ist", was wir in der Kirchensprache „Gnade" nennen. Weil Gott uns liebt - so sehr, dass er uns in seinem Sohn so nahe gekommen ist, dass er sich selbst an uns verschenkt - sind wir Person, Wesen, die mit Namen gerufen sind. In seiner Liebe - und nur in ihr - ist unsere unendliche Würde „hinterlegt". Seine Liebe begründet eine berechtigte Hoffnung, dass unser Leben kein wertloser Versuch ist. Weil das für jeden Menschen gilt, ist diese göttliche Gabe, dieses Geschenk, zugleich Aufgabe und Auftrag - mitzuwirken, dass ein jeder entdecken kann, dass der „Mensch nicht vom Brot alleine lebt." Darum ist recht verstandener Glaube immer auch kirchlicher Glaube: Die Gemeinschaft von Zeugen einer unbesiegbaren Hoffnung für alle, für die ganze Schöpfung. Die Kirchlichkeit des Glaubens ist ein drittes wesentliches Kennzeichen seiner Theologie.

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Die entscheidende Dimension des Menschen ist die zu Gott selbst. Sie ist seine tiefste, ausschließlich von Gott her eröffnete, Möglichkeit. Deshalb sind bei Karl Rahner Leben, Denken und Beten untrennbar miteinander verbunden. Dies wäre ein viertes Merkmal seiner Theologie. Seine Sprache - besonders in seinen mehr „frommen Schriften" - ist von tiefer Reflexion und ausdrucksstarken Bildern geprägt. Es ist eine Sprache, die die Botschaft des Glaubens mit unserer alltäglichen Situation in Verbindung bringt. Dadurch erweist sie sowohl die Lebendigkeit des Glaubens als auch seine unersetzbare Bedeutung für den Lebensvollzug.

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„Was hast Du, das Du nicht empfangen hättest?" [1], so deutet Rahner diese Beziehung aus. Oder - eine andere, mehr anthropologische - Blickrichtung: „Weiß der Mensch von sich aus sich wirklich mehr von sich, als dass er eine Frage ist in eine grenzenlose Finsternis hinein, eine Frage, die nur weiß, dass die Last der Fragwürdigkeit bitterer ist, als dass der Mensch sie auf die Dauer erträgt?" [2] Und noch einmal anders gewendet: „Was dir genommen werden kann, ist nie Gott".[3]

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Gott befähigt uns, Ihn in seiner Liebe wieder zu lieben. Dies geschieht besonders in der Liebe zum Nächsten, zur Schöpfung und im Sich - Offenhalten gegenüber jeglichem Wahrheitsanspruch.

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Rahner macht Ernst mit der Tatsache, dass der Mensch nicht nur viele Fragen hat, sondern - gerade deshalb - wesentlich Frage ist. Und deshalb ist der Mensch auch wesentlich ein „Hörer des Wortes", er muss nach dem Wort, das Gott ihm sagt, Ausschau halten. In der Geschichte begegnet ihm das Zeugnis des Jesus von Nazareth, das Zeugnis jener, die IHM geglaubt haben, die auf SEINE Zusage ihr Leben bauten. Niemandem wird die Alternative abgenommen, zu entscheiden, welches das Fundament seines Lebens ist. Und wer die Botschaft des menschenfreundlichen Gottes bewusst ablehnt, muss seine Alternative herzeigen! Dann wird sich erweisen, ob es um ein Mehr oder ein Weniger von „Leben in Fülle" geht.

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Es ist Karl Rahners tiefste Überzeugung, dass im Menschen Jesus von Nazareth, Gott die Frage, die wir sind, angenommen und zugleich mit Sich selbst als Antwort verbunden hat.

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„ Man ist nicht gezwungen, diesem Wort vom Kreuz herunter zu uns und in die Abgründe des Geheimnisses des Daseins zu glauben. Aber man kann es. Man muss nur Ihm zuhören und Ihn anschauen. Dann spricht der Gekreuzigte das Bild unseres Daseins, auch die Antwort, die in Ihm, dem menschgewordenen göttlichen Wort, Gott auf die Frage gegeben hat, die wir sind."[4]

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Interview der Hamburger Kirchenzeitung mit Rudolf Hubert

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Karl Rahner gehört zu den großen Namen in der Theologie. Aber nicht jeder liest ihn. Wie sind Sie auf Rahner gekommen?

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Ich bin in der DDR aufgewachsen. Als Christ habe ich darunter gelitten, dass Kirche und Glaube lächerlich gemacht wurden. Religion ist eine unwissenschaftliche Lehre und überholt, hieß es. Eines Tages hat mein Pfarrer, Edgar Beurskens, mir ein Buch gegeben und gesagt: „Das ist ein richtig guter Theologe, aber nicht leicht zu lesen. Versuch, so viel wie möglich zu verstehen. Wenn du gar nichts verstehst, dann bring mir das Buch wieder." Das war meine erste Begegnung mit Karl Rahner. Ich war 17jähriger EOS-Schüler.

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Und? Haben Sie Rahner verstanden?

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Leicht war es nicht. Aber was ich da gelesen habe, hat mich nicht mehr losgelassen. Es war eine Antwort, die jeder gängigen Kritik an der Religion gewachsen war. Die Kommunisten haben gesagt, die ganze Welt ist wissenschaftlich erklärbar. Für Gott ist da kein Platz. Rahner stellt die Gegenfrage: Was weiß der Mensch von sich? Was weiß er mehr, als dass er eine Frage ist? Dass er an ein Geheimnis rührt und von diesem Geheimnis berührt wird und so selber ein Geheimnis ist. Denn so ist es doch: Wir haben mit Hilfe der Wissenschaft viel erklärt, aber wir selbst sind uns so unbegreiflich wie vorher. Und - das ist entscheidend - wir wissen, dass die Unbegreiflichkeit nie aufhebbar ist. Wir haben viele Freiheiten errungen, aber unsere Zwänge und Ängste sind nicht weniger geworden.

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Rahner geht von einer Betrachtung des Menschen aus und fragt von da aus nach Gott. Anders als die bisherige Theologie. Hat dieser Ansatz Einfluss auf Ihr Menschenbild ausgeübt?

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Ja, aber in diesem Ansatz hat Karl Rahner die ganze Tradition der christlichen Theologie mitgenommen. Besonders wichtig ist die Trinitätslehre, das Konzil von Chalzedon. In der Einmaligkeit des Christusereignisses, in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist uns die göttliche Zusage verbürgt, dass auch wir durch den Heiligen Geist zur Gemeinschaft mit Gott berufen sind. Von Jesus Christus her wissen wir, dass das Wesen des Menschen nur verstanden werden kann von Gott her und auf Gott hin. Der Mensch ist so „gebaut", dass er die Selbstmitteilung Gottes - Gnade - wirklich durch Gottes Heiligen Geist empfangen kann. Nur deshalb hat jeder Mensch eine unendliche, unverlierbare Würde. Für mich war dieser Gedanke maßgeblicher Grund, weshalb ich bei der Caritas angefangen habe.

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Ein bekannter Satz Rahners lautet: Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein". Müssen Sie als Caritas-Mann da nicht widersprechen und sagen: Der Christ der Zukunft wird ein Mensch der Nächstenliebe sein?

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Sie haben bei dem Zitat einen Halbsatz ausgelassen: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat." Ein Mystiker nach Karl Rahner ist jemand, der die Liebe Gottes erfahren hat. Wir dürfen uns unter Mystik nicht eine abgehobene Gottesschau vorstellen. Wir erfahren Gottes Gnade in allen Dingen. In der kleinen Tat, in der ich jemandem etwas Gutes tue, ist das Große zu erahnen. Die Caritas hat eben diesen Anspruch: Durch die Tat der Nächstenliebe trage ich dazu bei, dass Menschen der Güte und des Geheimnisses Gottes ansichtig werden.

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„Die Gotteserkenntnis ist schon immer als Frage, als Anruf, in der Dimension der übernatürlichen Bestimmung des Menschen", hat Karl Rahner im „Grundkurs des Glaubens" geschrieben. Wenn die Gottesbeziehung zum Wesen jedes Menschen gehört, wie lässt es sich erklären, dass 80 Prozent der Menschen in M(ecklenburg)-V(orpommern) Atheisten sind?

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Wer oder was ist ein Atheist? Bei Rahner gibt es den Begriff des „bekümmerten Atheisten". Er meint damit solche, die die Würde des Menschen sehen und mit den Menschen leiden. Rahner sagt, ein bekümmerter Atheist ist Gott vielfach näher als die Leute, die nur meinen zu glauben. Weil ein bekümmerter Atheist in seiner Klage etwas von der Nähe Gottes ahnt und seine Ahnung wiedergibt. Für Rahner ist der „Hauptgegner" nicht der Atheist, sondern der „Spießbürger", der den großen und wichtigen Fragen des Lebens ängstlich ausweicht. Rahner sagt dazu energisch: „Er verkommt in der Banalität".

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Erkennen Sie in Ihren nichtchristlichen Kollegen, die im sozialen Bereich in Mecklenburg mit Ihnen zusammenarbeiten, solche bekümmerten Atheisten und „ anonyme Christen"?

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Ja, und das nicht nur unter den sozial engagierten Menschen. Oft haben wir anonyme Verbündete, ohne dass wir das wissen. Es gibt keinen sittlich guten Akt, ohne dass die Gnade Gottes mit im Spiel wäre.

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Kann man diesen Glauben auch in der täglichen Arbeit mit den Klienten vor Ort vermitteln?

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Ich glaube, dass man dazu gar keine allzu großen Anstrengungen braucht. Überall wo Menschen leiden, stellen sie die gleichen Fragen: Warum ich? Warum geht es mir nicht gut? Wer diese Frage ausspricht, signalisiert damit schon eine Sehnsucht, dass es so nicht sein sollte. Wer sein Leid klagt, setzt voraus, dass jemand da ist, der hört. Für den Materialisten hat die Frage nach dem Leid überhaupt keinen Sinn, weil seine Welt nur das Spiel der Atome, den Zufall und die geistlose Notwendigkeit kennt. Deshalb ist es auch eine zutiefst caritative Aufgabe, Menschen in ihrer Trauer zu ermutigen. Trauernde sollen sich ausklagen können, sich nicht mit billigem Trost abfinden. In Trauer, Klage, Sehnsucht und Hoffnung meldet sich eine Verheißung, die über alles Angebbare hinaus reicht. Und eine typische Frage Rahners ist dann die nach der „Bedingung der Möglichkeit" solcher Vollzüge.

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Karl Rahner hat in den 70-er Jahren oft kritisch Stellung bezogen gegenüber dem Zustand der Kirche. „Ein neu aus dem so genannten Neuheidentum gewonnener Christ bedeutet mehr, als wenn wir zehn Altchristen noch halten" heißt es in einem 1972 erschienenen Buch. Ist dieser Anspruch überzogen?

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Das trifft einen Kern, um den es in der Pastoral heute geht. Der zukünftige Christ ist der, der bewusst Ja gesagt hat. Die Kirche der Zukunft wird es nur mit überzeugten entschiedenen Christen geben, nicht mit Leuten, die nur einer gesellschaftlichen Tradition folgen.

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Ein anderes Zitat: „Wir müssen in Zukunft nicht nur eine Kirche der „offenen Türen", sondern eine offene Kirche wagen. Wir können weder im Getto bleiben, noch dürfen wir dahinein zurückkehren".

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Öffnung der Kirche, oder „Aggiornamento", wie es in der Konzilszeit hieß, ergibt sich aus der Tatsache, dass Kirche „universales Heilssakrament" ist. Wir sind nicht Kirche für uns, wir sind Kirche für andere. Unsere Kirche ist missionarisch, so heißt es auch in den Leitsätzen von „Salz im Norden". Wenn die Kirche sich in ein Getto zurückzieht, wird sie zur Sekte.

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Anmerkungen

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[1] „Beten mit Karl Rahner", Herder-Freiburg, 2004, der Band „Von der Not und dem Segen des Gebetes", S. 165

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[2] Ebenda, S. 68

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[3] Ebenda, S. 56

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[4] Karl Rahner „Meditationen zum Kirchenjahr", Benno-Verlag Leipzig, 1967, S. 217

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