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Worauf wir zählen können

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Mit dem Zählen ordnen wir das Unbekannte. Das Zählen der Jahre von der Geburt Christi an zeigt, welche Bedeutung diese Geburt für die bisherige Weltgeschichte gewonnen hat. Wird sie auch die Zukunft prägen?
Publiziert in:
Datum:2001-10-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Wenn wir heute zum ersten Mal beim Datum die Zahl 2000 schreiben, spüren wir einen Einschnitt in der Zeit. Wir nehmen solche Einschnitte vor, wir zählen die Zeit, um sie etwas zu ordnen. Das Zählen schafft Übersicht, macht uns das seltsame Phänomen der Zeit etwas vertrauter. Die Zeit ist tatsächlich seltsam. Wir spüren es, wenn wir versuchen, für einen Augenblick innezuhalten. Sekunde um Sekunde verrinnt, und Sekunde um Sekunde kommt uns eine unbekannte Zukunft entgegen. Dieses Fließen, mit dem unser Leben zu tiefst verbunden ist, ist etwas Geheimnisvolles. Es kommt und geht, ohne daß wir dazu etwas tun könnten. Doch das Zählen macht uns das Geheimnisvolle etwas vertrauter.

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Wenn wir zählen, zählen wir nicht beliebig. Wir zählen gemeinsam, und der Ausgangspunkt - das Jahr 1 - zeigt uns, welches Ereignis wir für ganz wichtig erachten. Welches Ereignis für die ganze Zeit bestimmend sein soll. - Wir zählen die Jahre seit Christi Geburt. Auch wenn die Welt keineswegs im ganzen christlich ist, so zeigt unsere Zeitrechnung dennoch, wie zentral die Geburt Christi für die Weltgeschichte geworden ist. - Fast die ganze Welt zählt heute die Jahre auf diese Weise. Nur die muslimische Welt macht eine gewisse Ausnahme, indem sie die Jahre seit dem Auszug Mohammeds von Mekka nach Medina als Ausgangspunkt nimmt. - Alle anderen zählen von der Geburt Christi an. Diese ist zum großen Einschnitt für die Weltgeschichte geworden, auch wenn diese Geburt äußerlich gesehen völlig unspektakulär war. Was geschah? Ein Kind wurde geboren von einer Frau, die auf Wanderschaft war und nur noch in einem Stall Zuflucht fand.

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Scheinbar unbedeutete Ereignisse können Bedeutung gewinnen, wenn sie von Menschen im Gedächtnis bewahrt werden. Dies geschah bezüglich der Geburt Christi. Schon von Maria heißt es, daß sie alles in ihrem Herzen bewahrte und erwog. Seither haben viele andere Menschen und über viele Generationen hinweg diese Geburt in ihrem Herzen erwogen. So wurde ein weltgeschichtliches Ereignis daraus.

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Äußerlich unscheinbare Ereignisse können nur dann Geschichte machen und die Zeit bestimmen, wenn sie eine große Kraft und eine Bedeutungstiefe in sich bergen, wenn sie fähig sind, immer wieder das Interesse der Menschen zu wecken. Die Geburt Christi war tatsächlich nur äußerlich gesehen ein kleines Ereignis. Sie enthielt in sich einen solchen Reichtum, der bis heute nicht ausgeschöpft ist. Je nach dem Gang der Zeit können deshalb neue Aspekte hervortreten und neu Bedeutungen sich zeigen. Welche Bedeutung hat sie für uns? Welche neuen Aspekte können sich heute zeigen?

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Bei den Prognosen, die in den letzten Wochen fürs begonnene Jahrhundert angestellt wurden, kamen immer wieder die Möglichkeiten der Wissenschaft zur Sprache. Vor allem die Möglichkeiten, ins genetische Erbe des Lebens und der Menschen eingreifen und Pflanzen, Tiere und Menschen zu verändern, wurden hervorgehoben. Die Menschen beginnen tatsächlich auf neue Weise in die Schöpfung einzugreifen. Bisher war die Natur der Pflanzen, Tiere und des Menschen etwas Vorgegebenes, das wir respektieren mußten. Jetzt beginnt die Menschheit, das Vorgegebene nach eigenem Planen zu verändern. Das ist ein Schritt mit unabsehbaren Folgen. Wie werden die Menschen die Schöpfung verändern? Werden sie etwas Neues schaffen? - Hat der Mensch zurecht Anteil am schöpferischen Tun Gottes oder will er sich auf überhebliche Weise selber zu Schöpfer machen? Schwere Fragen, die wir im Augenblick im einzelnen noch nicht beantworten können.

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Aber gerade diese offenen und unbeantwortbare Fragen lassen uns eine neue Bedeutung im Geheimnis der Zeitwende, im Geheimnis der Geburt Christi erahnen. - Diese Geburt trug etwas ganz Neues, eine große Zukunft in sich. Der christliche Glaube ist überzeugt, daß Jesus aus einer Jungfrau geboren wurde, daß Gottes schöpferischer Geist auf neue und überraschende Weise in die alten Regeln und Gesetze des menschlichen Lebens eingewirkt hat. Wir feiern deshalb heute die Oktav von Weihnachten als Marienfest. Das was in Maria geschah, war so neu, daß das neue Testament in diesem Zusammenhang von einer neuen Schöpfung spricht. Innerhalb der Alten Welt und ihren Gesetzen begann etwas ganz Neues, dessen volle Tragweite die Christen nur schrittweise entdecken und das wir auch heute noch nicht ausgeschöpft haben.

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Der Glaube an die Neuschöpfung, die durch Christus in Maria begonnen hat, gibt uns zwar im einzelnen keine direkte Antwort auf die vielen Fragen, die uns heute beschäftigen. Im Einzelnen müssen wir erst tastend die Antworten suchen, wie und wie stark der Mensch in die vorgegebene Natur eingreifen darf. Der Glaube an die neue Schöpfung gibt uns aber doch ein grundsätzliches Licht. Er sagt uns, daß vieles in der alten uns vertrauten Welt nicht dem letzten Willen Gottes entspricht. Vieles daran ist noch Unreife oder gar ein Produkt der Sünde. Wenn es von der Schöpfung heißt, daß sie gut ist, dann wurde dieses Gutsein ganz im Blick auf die Zukunft, im Blick auf die neue Schöpfung ausgesagt.

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Vieles was die Menschen in Zukunft bei ihren Eingriffen in die Schöpfung tun werden, wird wohl nicht dem Willen Gottes entsprechen. Vieles wird Produkt menschlicher Anmaßung sein. Wir dürfen aber hoffen, daß Gott die Weltgeschichte lenkt und durch das menschliche Tun so führt, daß auch durch das sündhafte Tun hindurch die Welt zur erneuerten Schöpfung, zur neuen Schöpfung hin geführt wird. Die Geburt aus der Jungfrau ist ein Zeichen, daß Gott die Schöpfung erneuern will.

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