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Zukunftsfähig werden durch Religionskompetenz
(Zur Herausforderung des Religionsunterrichts in einer multireligiösen Gesellschaft)

Autor:Scharer Matthias
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Der Beitrag erschien unter dem Titel „Ein überzeugendes Angebot für die Sinnsuche junger Menschen“ in Moment, Sonderbeilage der Tiroler Tageszeitung Nr. 53 – Jänner 2009.
Datum:2009-02-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Könnt ihr es mit der Religion an der Schule nicht einfacher machen?", fragt der Direktor einer höheren Schule, der für katholische, evangelische, orthodoxe, muslimische und keinem religiösen Bekenntnis angehörende Schülerinnen und Schüler fünf verschiedene Angebote organisieren muss, wenn im Stundenplan Religions- bzw. Ethikunterricht steht. Das Beispiel zeigt auf, aus welcher Richtung der von den unterschiedlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften inhaltlich verantwortete Religionsunterricht wieder ins öffentliche Gerede kommt. Längst haben sich die Argumente der 68iger Bewegung, die den Marxismusunterricht dem Religionsunterricht gleich stellen oder letzteren aus Ideologieverdacht gänzlich aus der Schule entfernen wollte, beruhigt. Auch die liberale Position, die Religion ausschließlich in den privaten Bereich der Familie verbannen will, hat sich tot gelaufen, seit selbst im „katholischen" Tirol bewusst geworden ist, dass sich ethische und religiöse Traditionen, die einer demokratischen Gesellschaft ihren Rückhalt geben, nicht wie von selbst vermitteln. Neuerdings kommt aber aus verschiedenen Richtungen die kritische Anfrage an den differenzierten Religionsunterricht, in dem sich die Vielfalt der Kirchen und Religionsgemeinschaften widerspiegelt. Der Ruf nach einem einheitlichen Unterrichtsfach für alle Kinder und Jugendlichen als Ethikunterricht, als Religionskunde oder als „Religion und Kultur", wie es kürzlich in der Schweiz eingeführt wurde, wird lauter.

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Auffallend an der Forderung nach einem undifferenzierten Unterrichtsfach für alle Schüler ist der Anlass, der die Debatte auslöst. Er liegt im Bewusstwerden einer multireligiösen Gesellschaft. Dabei zeigt die zunehmende Präsenz von Menschen mit nichtchristlicher Religionszugehörigkeit, dass Kultur und Religion zu einer neuen Herausforderung für ein friedliches Zusammenleben von Menschen geworden sind. Speziell an Kindergärten und Schulen wird der Bildungsnotstand im Hinblick auf den kompetenten Umgang mit der Religionsvielfalt immer offensichtlicher. Die naive Annahme, dass konfessionell ungebundene, aufgeklärt-liberale LehrerInnen, die sozusagen „über" allen Religionszugehörigkeiten stehen, mit dem Potential der Religionen am kompetentesten umgehen könnten, hat sich als fataler Irrtum erwiesen. Menschen, die sich in einer Kirche oder Religionsgemeinschaft beheimatet fühlen, fühlen sich von Menschen aus einer anderen Religion viel besser verstanden  als von liberal-ungebundenen Menschen; die Kompetenz zum Religionsdialog hängt offensichtlich an der religiösen „Antenne", die ohne Beziehung zu einer lebendigen Glaubensgemeinschaft ihre Empfangsqualität einbüßt. So ist ein differenzierter Religionsunterricht am besten dafür geeignet, zukunftsfähige Religionskompetenz im Sinne religiöser Dialogfähigkeit zu vermitteln.

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Der Religionsunterricht wird heute als Dienst an den Schülerinnen und Schülern und an der Schule verstanden, der ohne Gewissenszwang allen offen steht, ob sie gläubig sind oder ob sie sich im Moment als suchend oder ungläubig betrachten. Es geht um ein offenes, überzeugendes Angebot für die Sinnsuche und Lebensorientierung junger Menschen. Die Ideologisierung durch Religion, vor der manche große Angst haben, wird in einem offenen, philosophisch-theologisch verantworteten Religionsunterricht gerade ins Gegenteil verkehrt: Die vielfachen pseudoreligiösen Einflüsse, denen Kinder und Jugendliche in der von Markt und Medien dominierten Gesellschaft ausgesetzt sind, können aufgedeckt und in einen konstruktiven Umgang mit Religion gewandelt werden. Dabei können durch ein differenziertes Religionsangebot die Angehörigen aller Kirchen und Religionsgemeinschaften sowohl in ihrer glaubensspezifischen Weise, wie auch voneinander und miteinander lernen, was das Leben in einer pluralen und säkularen Gesellschaft hält und trägt  und woran es sich lohnt, das Leben auszurichten.

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