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Dramatisch
(Ansprache des Dekans bei der Promotions- und Sponsionsfeier am 24. Januar 2009 im Congress in Innsbruck)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2009-02-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Nach Rom wollt Ihr gehen? Ja, wer dorthin geht, kommt - ich weiß nicht wie - zurück." Voll Entsetzen warnte eine aufgeklärte - „im Guten verhärtete" - Dame aus Barcelona, eine Frömmlerin, die sich aus der Kraft der Skandale, die aus Rom kamen, nährte, den heißblütigen Spanier Ignatius. Einst wollte dieser Offizier werden, Topkarriere machen. Die Verletzung im Krieg machte dem Traum ein Ende, stürzte ihn in tiefste Depressionen. Am Abgrund der Verzweiflung und des Selbstmordes wird Ignatius eine mystische Gnadenerfahrung zuteil. Er nimmt Gott wahr, und er nimmt ihn auf eine derart intensive Art und Weise wahr, dass sein ganzes Leben eine neue Richtung bekommt. Der religiöse Eifer des Neubekehrten scheint keine Grenzen zu kennen. Keine Bußübung ist dem abgebrühten Soldaten zu hart, kein Gebot zu streng. Der frischbekehrte Mann, der nie genug an Frömmigkeit bekommen kann, gerät aber unter Druck seitens kirchlicher Hierarchie. Immer und immer wieder muss er sich verantworten vor Inquisitionsgerichten. Die Behörden werden aus dem Mann einfach nicht schlau. Steht ihnen der nächste Chaot und Anarcho gegenüber, der zwar den Hl. Geist zum Anwalt haben möchte, sich auch auf keine Autorität stützen kann, im Grunde aber den fanatischen Kirchenfressern und den fundamentalistischen Individualisten, den kirchenfeindlichen „Alumbrados" zum Verwechseln ähnlich sei, oder... steht ihnen gegenüber ein begnadeter Seelsorger, der Menschen zum Heil führen wird und nicht in die Katastrophe? Der ständige Rechtfertigungsdruck treibt den heißblütigen Spanier nicht in die Arme der von uns allen so geliebten Skandallogik. Er skandalisiert sich nicht an der Amtskirche. Am Ende findet er gar etwas Gutes an diesem Rechtfertigungsdruck, dem er jahrelang ausgesetzt blieb. Gerade aufgrund der Verhöre wurde der Hitzkopf gezwungen, über seine Erfahrungen nachzudenken, seine Position auch zu verändern und sich in die spontan gewonnenen Einsichten nicht zu verbeißen. Der anfängliche Eifer eines Neubekehrten, der durch haarsträubende Bußübungen seinen Geist zu bezwingen suchte, lässt mit der Zeit nach und macht der Vernunft Platz. So irrational ist die kirchliche Hierarchie also nicht, wie man sie immer und immer wieder hinstellt. Mehr noch: Ignatius vermag sogar - und dies aufgrund der Auseinandersetzung mit kirchlicher Hierarchie - seinen Bußeifer als teuflische Versuchung zu erkennen und als Ausgeburt der wild gewordenen religiösen Phantasie. Der Spanier fängt an zu studieren, erkennt den Wert der Universität, geht dann nach Rom, beißt dort zuerst auf Granit, wird verleumdet, gibt aber nicht auf. Er kämpft um sein Recht, geht von einer Instanz zur anderen, bis hin zum Papst und erreicht einen Rechtsspruch zu seinen Gunsten. Ein langer, dramatischer Weg eines begnadeten Individuums zur Kirche..., zu dieser ganz konkreten, institutionellen Kirche, einer Kirche, wie sie halt ist: mit ihren Ämtern und ihren Amtsträgern und auch mit den vielen Gläubigen, v.a. mit jenen, die „im Guten verhärtet" sind, die deswegen auch im besten Wissen und Gewissen schnüffeln, anklagen und anzeigen, kirchliche Rivalitäten anheizen, ein langer, dramatischer Weg zu dieser ganz konkreten Kirche ging damit zu Ende. Der unbändige Mystiker wurde zum Kirchenmann, und dies mit Haut und Haaren. Freilich wird der kirchenkritische Zeitgenosse den Kopf schütteln. Unsere Alltagskultur gibt ihm auch eine klare Orientierung mit auf den Weg: „Willst Du Gott finden, dann nimm Dich vor der Kirche in Acht! Gott ist ja überall zu finden, außer in der Kirche, v.a. der römisch-katholischen!" Man findet ja immer einen Grund, um sich zu skandalisieren. Die Polemik gegen die Kirche gehört zum guten Ton, die Herabsetzung der biblischen Tradition im kulturellen Erbe prägt den cantus firmus der religionspolitischen Debatten der Gegenwart.

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Magnifizenz, sehr geehrter Herr Vizerektor, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Fakultät, liebe Eltern, Freunde, Verwandte und Feinde unserer Absolventinnen und Absolventen! Und auch ihr, die ihr hier im Scheinwerferlicht sitzt und der Dinge harrt, die da kommen! Warum dieser Prolog heute? Über den dramatischen Weg des Ignatius von Loyola bei der Promotions- und Sponsionsrede des Dekans der Theologischen Fakultät? Nur um in Zeiten moderner Kirchenfrustration, in Zeiten des zur Mode avancierten neuen - durchaus - aggressiven Atheismus, daran zu erinnern, dass es ohne Ignatius die Theologische Fakultät in Innsbruck nicht geben würde, im Grunde also auch nicht die Universität. Hat doch der Weggefährte des Ignatius, der Weggefährte der ersten Stunde, Petrus Canisius, das Jesuitenkolleg in Innsbruck als erste Bildungsstätte dieser Stadt gegründet, eine Bildungsstätte, die dann über viele Umwege zur Leopold-Franzens-Universität führte! Oder liegt der Grund darin, dass Frau Elisabeth Fink ihre Diplomarbeit im Erfahrungshorizont ignatianischer Exerzitien geschrieben hat? Betreut von Martina Kraml und Matthias Scharer legte sie eine empirische Untersuchung von Begleitgesprächen im Rahmen von ignatianischen Exerzitien vor. Worüber Exerzitanten und Exerzitantinnen im Begleitgespräch reden? Die ausgebildete Exerzitienbegleiterin fragt danach, was dieser Prozess, was aber auch der Prozess der Unterscheidung der Geister (... das, was mir im Augenblick als gut erscheint, kann böse sein und umgekehrt ...) mit Theologie zu tun hat. Beide Gründe mögen eine Rolle gespielt haben, der wichtigste Grund für die Rückbesinnung auf den Weg des Ignatius liegt in einem kleinen, nicht einmal ganz runden, für mich aber wichtigen Jubiläum.

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Vor genau 40 Jahren hat mein Lehrer und Vorgänger als Dekan der Fakultät, der viel zu früh verstorbene P. Raymund Schwager, mit einer Arbeit über „Das dramatische Kirchenverständnis bei Ignatius von Loyola" promoviert. Durch seine Dissertation fand Schwager einen Ausweg aus unserer modernen sterilen Alternative von Idealisierung und Skandalisierung, von kritikloser Akzeptanz und devoter Unterwerfung unter (auch religiöse) Autoritäten und der Verwerfung derselben, ja der Skandalisierung (v.a.) an der Institution Kirche. Schon damals führte Schwager den Begriff: „Dramatik" ein: zur Qualifizierung des Verhältnisses zwischen Mensch und Kirche. Er beschrieb die Kirchlichkeit des Ignatius als einen Prozess, der in seinen Stadien der Begegnung von Menschen ähnlich ist: Entwicklung, Auseinandersetzung, Spannung, Krise, Niederlage: all das, getragen von der Hoffnung auf Versöhnung. Wo der Mut zur Dramatik fehlt, dort sei nicht der Hl. Geist am Werk - so Schwager. Das Fehlen des Mutes zur Dramatik deute eher auf Verabsolutierung götzenhafter Strukturen im Leben. Schon damals hat Schwager die Frage, warum Menschen wie Ignatius die Kirche brauchen, wegweisend beantwortet. Ignatius findet zur Kirche, weil er sich den Mitmenschen zugewendet hat. Deswegen bindet er nach und nach seine individuelle Erfahrung an die kirchliche Gemeinschaft und lässt sich auch von ihr korrigieren. Und sein Gewinn? Auch mit äußeren Maßstäben messbar? Ignatius ist kein Esoteriker geworden und kein Spinner, sondern ein Mensch, der für ganze Generationen zum spirituellen Meister wurde. Mehr noch, zum geistigen Vater katholischer Reform, auch katholisch motivierter und orientierter Bildung. Und dies weltweit! Er war halt überzeugt - und das ist die zweite Antwort -, dass es derselbe göttliche Geist sei, der im Individuum und in der Gemeinschaft wirkt. Deswegen ordnete er die Kirche dem Individuum vor. Das ist eine sehr unmoderne Logik, eine Logik, die das postmoderne Individuum nicht versteht, jenes Individuum, das sich von allen Bindungen löst, von Bindungen, die sein Konsumverhalten stören. Ungebundensein - also frei! So lautet die Devise des modernen konsumorientierten Menschen. Ungebundensein, schlussendlich aber einsam und verbittert. Doch das steht schon auf einem anderen Blatt.

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Mit der Dissertation legte Schwager schon die ersten Fundamente für seinen dramatischen Ansatz. Von seinen Ideen ließ sich nicht nur Frau Elisabeth Fink inspirieren. Rafal Lupa hat den dramatischen Ansatz übernommen, um sich einer der brisantesten kulturpolitischen Fragen der Gegenwart zu nähern: dem Zusammenhang von Religion und Gewalt. In seiner Dissertation (von mir betreut; Koll. Palaver war Zweitgutachter): „Gott, Feindschaft, Gewalt. Jan Assmann, René Girard und Raymund Schwager im systematischen Vergleich" setzt sich Lupa mit der pointierten These auseinander, der biblische Monotheismus habe die Feindschaft in die Welt gebracht. Weil der Glaube an den Einen Gott den Unterschied zwischen wahr und falsch, gut und böse einführte, sei er die Quelle der Intoleranz. Nicht die Religion - so Lupa - sorgt für den Feind, sie macht Feindschaft, die es unter den Menschen gibt, sichtbar. Damit aber auch überwindbar. Der Prozess der Überwindung ist ein dramatischer. Er hat viel mit Bekehrung zu tun. Der unbekehrte Mensch regt sich über die Sünde auf, weil er sich heimlich für besser hält, deswegen pflegt er auch die Kultur des Skandals. Der bekehrte Mensch sieht die Verstrickung, er sieht die eigenen Abgründe. Und er hat Anteil an der Passion Christi. Er weiß ja, dass auch er selber Sündenböcke hat. Die Gestalt eines Unbekehrten, eines Menschen, der zwar die Unschuld des Gefangenen erkennt, ihn aber aus Angst um seine Macht bzw. seine Position kreuzigen lässt, präsentiert Peter Höck in seiner Diplomarbeit. Betreut von (unserem Promotor) Martin Hasitschka rekonstruiert er die Gestalt des Pontius Pilatus und fragt nach seiner Bedeutung im Prozess Jesu. In der zweiten, von Koll. Hasitschka betreuten Diplomarbeit wird die „Verdichtung" der Logik des begnadeten Lebensweges präsentiert. Frau Petra Röck exegetiert die Perikope Lk 1,26-38 und analysiert die Berufung Marias, jener Frau, die nachdenkt, wenig redet, gut zuhören, deswegen auch redemptiv wirken kann. Stößt ein derart redemptives Wirken nicht an Grenzen, wird man im Kontext der Diplomarbeit von Frau Renate Unterpertinger fragen. Betreut von Koll. Hans Goller beschäftigt sie sich mit der Problematik der „Suizidalität und Suizidprävention". Dieses „sichtbar Unfassbare" stellt eine anspruchsvolle Herausforderung dar für den einzelnen und die gesamte Gesellschaft. Es drängt auf Prävention, Betreuung der Hinterbliebenen, aber auch auf Schaffung eines antisuizidalen Klimas, einer Lebenskultur also, in der die Dramatik des Lebens für den cantus firmus sorgt, nicht aber die Mentalität der Idealisierung und Skandalisierung. Der Bogen der Arbeiten schließt mit der Untersuchung der sokratischen bzw. platonischen Lehre, wie sie uns im Phaidon überliefert ist. Betreut von Koll. Quitterer setzt sich Frau Anna Moser mit der „Lehre Platons über die Unsterblichkeit der Seele" auseinander.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen! Sie haben ihr Studium an einer traditionsreichen Fakultät abgeschlossen. Dazu gratuliere ich Ihnen herzlich. Bleiben Sie unserer Fakultät treu gerade in Zeiten, in denen Beliebigkeit und Bindungslosigkeit zur Mode geworden sind. Arbeiten Sie an einem kulturellen Klima mit, in dem nicht die Logik der Idealisierung und Skandalisierung den Grundton angibt, sondern der Mut zur Dramatik. Entwicklung also, Auseinandersetzung, Spannung, Krise, gar Niederlage, alles getragen von der Hoffnung auf Versöhnung. Schätzen Sie die christlich-katholische Tradition - auch oder gerade in der kirchlich überlieferten Gestalt. Rafal Lupa weist in seiner Dissertation auf den weltberühmten polnischen Philosophen Leszek Kolakowski hin, der einen dramatischen Weg der Bekehrung erlebt hat. Aus dem überzeugten Marxisten wurde ein Christ, ein Christ, der seinen Weg (wie Ignatius) zur konkreten Kirche gefunden hat. Und dies, weil er im Christentum eine Kraft findet, die für die Humanisierung unserer Kultur von zentraler Bedeutung ist. „Die Kraft des Christentums zeigt sich darin, dass es im Bewusstsein der menschlichen Individuen Dämme gegen den Hass zu errichten vermag." Diese Dämme - meine Damen und Herren - haben sehr viel zu tun mit der Resistenz gegen die Verführung durch die Logik der Skandalisierung. Das habe ich von meinem Lehrer Raymund Schwager gelernt. Diese Erkenntnis wünsche ich auch Ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen. Ich gratuliere Ihnen noch einmal und wünsche Ihnen Gottes Segen auf ihren Lebenswegen.

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