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Will Gott Opfer?

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Entschluss 48/1 (1993) 4-7
Datum:2001-10-17

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Durch die lange und bunte Geschichte menschlicher Religionen zieht sich wie ein roter Faden die Vorstellung, die Götter würden von den Menschen Opfer verlangen; sei es, um sich gnädig stimmen zu lassen, sei es gar, um sich selber vom Opferfleisch oder vom Opferduft zu nähren. Im wohl ältesten Großepos der Weltliteratur, in der Gilgamesch-Erzählung aus der sumerisch-babylonischen Welt, berichtet Utnapischtim dem Gilgamesch, wie er in einer Arche die von den Göttern geschickte und von ihnen zugleich bedauerte und gefürchtete Sintflut überlebt hat. Gleich nach der Flut brachte Utnapischtim Opferspenden dar, während die Götter fast begierig auf den neuen von der verwüsteten Erde aufsteigenden Opferduft reagierten:

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"Die Götter aber rochen der Spenden Duft,
Sie rochen dieses Opfers süße Düfte.
Es scharten sich alsbald den Fliegen gleich
die heeren Götter um den Opferspender."

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Götter, die sich wie Fliegen um einen Opferer scharen, bedürfen der Gaben, um sich selber daran zu nähren. Solche menschlichen, ja allzu menschlichen Vorstellungen sind glücklicherweise nie in die christliche Frömmigkeit eingedrungen. Wohl aber hat auch hier die Vorstellung, Gott brauche ein Opfer, um sich gnädig stimmen zu lassen und seinen Zorn zu besänftigen, eine große Rolle gespielt. Ist dies jedoch ein echt christlicher Gedanke, oder wirken darin mythische Vorstellungen weiter, die jenen ähnlich sind, wie sie sich im Gilgamesch-Epos finden? In allen archaischen Kulten sind die Opferer jene, die eine Opfergabe - sei es ein Mensch, ein Tier oder eine Speise - töten oder verbrennen, um sie so dem Göttlichen zu weihen. Die Tötenden sind die Opferer. Bezüglich der frühen griechischen Religion schreibt W.Burkert:

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"Nicht im frommen Lebenswandel, nicht in Gebet, Gesang und Tanz allein wird der Gott am mächtigsten erlebt, sondern im tödlichen Axthieb, im verrinnenden Blut und im Verbrennen der Schenkelstücke. Heilig ist der Götterbereich: die 'heilige' Handlung aber, am 'heiligen' Ort zur 'heiligen' Zeit vom Akteur der 'Heiligung' vollzogen, ist das Schlachten der Opfertiere."

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Auch im Tempel zu Jerusalem wurden täglich Opfertiere geschlachtet, und die Priester als die Männer der 'Heiligung' vollzogen diesen zentralen Gottesdienst. Besonders zahlreich waren die Opfer an den hohen Festtagen. - Ganz Neues ereignete sich hingegen im Todesgeschick Jesu. Jene, die ihn töteten, waren nicht mehr Opferer, sondern nur noch Sünder, ja Mörder. Der Getötete aber opferte sich, wenn auch auf ganz neue Weise, indem er sein bitteres Geschick ohne Gegengewalt und mit Ergebenheit in den Willen seines himmlischen Vaters annahm. Der Tod Jesu war kein Opfer mehr im Sinne der blutigen Riten, wie sie sich überall in der Religionsgeschichte finden. In ihm geschah aber eine Umkehrung aller bisherigen Opfer, denn nicht die Tötenden, sondern der Getötete opferte. Wenn für dieses neue Geschehen dennoch das Wort Opfer beibehalten wurde, dann wohl nur, weil auch in ihm das Blut eine Rolle spielt.

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Mit der neuen Art des Opfers taucht aber zugleich eine neue Frage auf: Warum wollte Gott, daß sein Sohn den gewaltsamen Tod annahm? Bedarf er auf subtile Weise dennoch des Blutes, um sich den schwachen und sündigen Menschen gegenüber gnädig stimmen zu lassen? - Durch das ganze Alte und Neue Testament hindurch zieht sich die Überzeugung, daß die Menschen in all ihrem Tun und Erleiden engstens miteinander verbunden sind. Jede einzelne Handlung wirkt auf andere ein, und jeder erleidet auf vielfältige Weise das Tun anderer. Das Gute weitet sich auf die Mitmenschen aus und läßt so eine Sphäre des Friedens und des Heils entstehen, während das Böse eine Sphäre des Unheils schafft. Wenn die Bibel von der Strafe für Untaten redet, dann meint sie in erster Linie nicht direkte Interventionen vom Himmel her, sondern eben diese Sphäre des Unheils. Böse Taten zeitigen böse Früchte, die andere Menschen und schließlich den Übeltäter selber treffen. Die Strafe ergibt sich aus dem frevlerischen Tun selber. Adam und Eva wurde im Fall der Übertretung des Gebotes der Tod angedroht. Dieser kam nach dem Fall aber nicht direkt aus Gottes Hand, sondern Menschen führten ihn in die Welt ein. Die Sünde zerstörte zunächst die Beziehung zwischen den ersten Menschen und gleich danach tötete Kain seinen Bruder Abel, der den ersten Tod in der Menschheit erlitt und dabei Opfer der Sünden seiner Eltern und seines Bruders war. Weil jede böse Tat Böses erzeugt, leiden alle Menschen untereinander. Alle sind Missetäter, und alle machen andere und sich selber zu Opfern.

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In diese Welt der Sünde ist Christus, der Sohn Gottes, gekommen. Er hat die dunklen Wege unseres irdischen Lebens nicht bloß durchwandert, sondern ist ganz in unser Schicksal eingetaucht. Er hat sich mit den sündigen Menschen solidarisch gemacht und deshalb auch unser Geschick im vollsten Maß geteilt. Wie Abel zum Opfer der Sünden seines Bruders und seiner Eltern wurde, so wurde er zum Opfer der Sünden seines Volkes, ja der Welt. Gott wollte diese Solidarität seines Sohnes mit den Menschen, um diese zu retten. Er wollte, daß der gute Hirt dem verlorenen Schaf bis in die größte Einsamkeit, Verlorenheit und Gefahr nachgeht. Der Gott Jesu wollte und will kein Blut, wohl aber will er, daß der Hirt von der Suche nach dem Verlorenen auch dann nicht abläßt, wenn das Böse in den Menschen voll entbrennt und den Hirten selber trifft.

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Was aber bringt der gewaltsame Tod des Sohnes den Menschen? Auch nach seinem Sterben geht ja das Leiden und Töten auf Erden weiter. Hätte Gott nicht besser eine andere Welt erschaffen, in der es keine Sünde gibt oder in der sich die Menschen wenigstens durch das gute Beispiel des Sohnes voll bekehren lassen? Diese Frage zu stellen ist für Wesen, die einen sehr kurzen Blick haben und nur weniges in der Welt und im eigenen Leben überschauen, fast anmassend. Dennoch kann sie helfen, den Sinn des Handelns Gottes, wie er in den biblischen Schriften bezüglich unserer tatsächlichen Welt dargestellt wird, etwas tiefer zu erfassen.

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Die Menschen wurden nach den Pflanzen und Tieren aus dem Staub der Erde - modern gesprochen aus den Tieren - , letztlich aber aus dem Nichts geschaffen. Gleichzeitig erfahren sie sich als freie Geschöpfe und ordnende Hüter dieser Welt. Als Abbild Gottes sind sie sogar zu einem Leben in voller Gemeinschaft mit ihm berufen. Sie sind folglich nach dem biblischen Zeugnis mit ihrer ganzen Existenz zwischen zwei Extremen ausgespannt. Sie kommen aus dem Staub oder aus dem Nichts und sind berufen, sich in Freiheit mit Gott zu vereinen. Da sie in sich selber einen fast unendlichen Abstand zu überbrücken haben, wirken alle Störungen in ihrem Leben weit über das hinaus, was sie unmittelbar sehen und wollen. Wie an einem steilen Schneehang schon eine leichte Erschütterung oder ein kleiner Schneeball eine verheerende Lawine auslösen kann, so haben auch beim Menschen falsche Entscheidungen weitreichendste und unvorhersehbare Folgen. Bei einem freien Geschöpf, das die ganze Spannung zwischen dem Nichts und dem unendlichen Gott in sich trägt, kann dies nicht anders sein. Nur wenn die Mensch zu einem weniger großen Ziel berufen wären, hätte ihnen auch ein harmloseres Geschick zufallen können.

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Das gefährliche Abenteuer, einen freien Partner aus dem Nichts zu schaffen, konnte Gott wagen, weil er in seiner Weisheit und Güte auch aus dem größten Übel und Bösen nochmals Gutes schaffen kann. "Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übermächtig geworden" (Röm 5,20). So faßt Paulus den letzten Sinn der Geschichte zusammen, wie er ihn aus dem Kreuz Christi erschließt. Die Sünde ist mächtig geworden, als die Menschen die Boten Gottes, die Propheten, abgelehnt haben. Sie ist übermächtig geworden, als sie sogar Jesus, den Sohn Gottes, verworfen und getötet haben. Gerade aus diesem gesteigerten Bösen hat Gott aber durch die totale Hingabe seines Sohnes ein höchstes Gut geschaffen.

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Ein begrenztes Gefäß kann nur einen begrenzten Inhalt aufnehmen. Die Menschen aber sind berufen, eine unendliche Gabe zu empfangen. Auch wenn sie sich durch ihren Willen ein Stückweit selber öffnen können, bleiben sie als irdische Wesen dennoch in die Grenzen ihrer Natur eingebunden. Sie müssen deshalb für die volle Vereinigung der Liebe von aussen erst geöffnet werden. Gott benützt nun das wechselseitige Zerschlagen des irdischen Gefäßes durch das böse Tun der Menschen, um die getroffenen Geschöpfe für das Unendliche uneingeschränkt zu öffnen.

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Menschen haben aus ihrem sündigen Wollen heraus den Leib Jesu getötet und seine Seele verurteilt, sie haben ihn zerschlagen. Der Getroffene aber hat sich - im Sterben und im Auferwecktwerden - vom himmlischen Vater grenzenlos öffnen lassen. Was von den Menschen her nur Sünde und Böses war, verwandelte Gott in ein Leiden der Liebe, in ein schmerzhaftes Öffnen für eine totale Vereinigung des göttlichen und menschlichen Lebens.

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Schon in der rein menschlichen Erfahrung gibt es eine seltsame Nähe zwischen Liebe und Schmerz, eine Nähe, die sich bisweilen auch in Perversionen äußern kann. Diese Nähe gehört erst recht zur göttlichen Liebe. Das unendliche Leben kann sich dem begrenzten Geschöpf nur mitteilen, wenn es ihm zugleich ein radikales Öffnen und einen Schmerz der Liebe zumutet. Selbst ohne Sünde hätte es einen solchen Schmerz gegeben. Nach dem Einbruch der Sünde in die Welt aber gibt es nur noch eine Vereinigung mit dem Unendlichen bei gleichzeitigem Erdulden und überwinden des Bösen. Gott braucht für sich weder Opfer noch Blut. Die Menschen aber können sich in einer Welt, die von Bösem beherrscht wird, nur dann grenzenlos öffnen, wenn sie sich bis aufs Blut treffen lassen und bereit sind, zu Opfern zu werden. Wer sich unversehrt bewahren will, muß sich in eine eigene enge Welt einschließen und dem Geheimnis der Liebe abschwören. Er wird sich dadurch in Wahrheit selber verlieren. Wer sich hingegen dem Geheimnis seiner Berufung öffnet, das ein Geheimnis grenzenloser Liebe ist, kommt am schmerzhaften Geöffnetwerden, am Opfersein im neuen christlichen Sinne, nicht vorbei.

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