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Notwendigkeit einer ökumenischen Hermeneutik

Autor:Hell Silvia
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2008-11-22

Inhalt

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Es war und ist mancherorts von gelähmter Ökumene1 die Rede oder davon, dass die Ökumene zu einem Stillstand gekommen sei. Es ist deshalb umso notwendiger, eine ökumenische Hermeneutik zu entwickeln, anstatt sich in einzelnen different beantworteten Fragen zu verrennen. Wir wollen das tun. Das Studiendokument von Glauben und Kirchenverfassung "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" (1999)2 gibt dazu wichtige Anregungen. Es versteht sich als eine Anleitung zu ökumenischem Nachdenken über Hermeneutik. Die Autoren des Studiendokuments wissen um zahlreiche Spaltungen unter den Christen, um das Vorhandensein verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften. Den Grund dafür sehen sie in "einander widersprechende(n) Interpretationen von Texten, Symbolen und Bräuchen des christlichen Glaubens"3. Eine ökumenische Hermeneutik habe nun die Aufgabe, zu untersuchen, "wie Texte, Symbole und Bräuche in den verschiedenen Kirchen interpretiert, weitergegeben und gegenseitig übernommen werden, wenn die Kirchen miteinander in Dialog treten"4.

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1. Hermeneutik der Kohärenz und des Vertrauens

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Wenn im Studiendokument ausdrücklich von einer "Hermeneutik der Kohärenz"5 die Rede ist, dann schließe dies ein, dass Verschiedenheit nicht automatisch negativ zu bewerten ist. Im  Studiendokument ist von "unterschiedlichen Interpretationsformen" 6 die Rede. Man könne sich "über viele Elemente  in der grossen Vielfalt in der Interpretation und der Paxis des apostolischen Glauben"7 nur freuen. Hinzu komme, dass Gott Geheimnis bleibe und als solches nie adäquat eingeholt werden könne. Das heißt, dass der eschatologische Vorbehalt bei jeder Rede über Gott zu beachten ist und dass letztlich keine Kirche oder kirchliche Gemeinschaft von sich beanspruchen kann, Gott vollständig erfaßt zu haben. Genau hier liegen die einem ökumenischen Dialog aufgegebenen Aufgaben. Zu prüfen ist, inwiefern die unterschiedlichen Interpretationsformen nur kulturell bzw. sprachlich bedingt sind oder ob die Unterschiede auf inhaltliche Differenzen zurückgehen. Diesen Fragen widmet sich vor allem der Ökumenische Arbeitskreis Katholischer und Evangelischer Theologen Deutschlands in der heute noch immer bedeutsamen Studie  "Lehrverurteilungen - kirchentrennend?"8. Wichtig ist die Aussage in der Studie "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen", dass wir einen differenzierteren Umgang mit Verschiedenheit anzustreben haben. Gerade im Zusamenhang mit der Unterzeichnung der 'Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre' (1999 in Ausgburg)  taucht des öfteren ein von evangelischer Seite angeregter (von H. Meyer) und von römisch-katholischer Seite aufgegriffener Begriff auf, nämlich "differenzierter Konsens". Man verabschiedet sich damit von der Vorstellung eines "totalen Konsenses". Ein "totaler Konsens" meint Deckungsgleichheit sowohl in sprachlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht. Dahinter steht wohl die Zielvorstellung einer uniformen Einheit. Ein differenzierter Konsens kann Unterschiede bestehen lassen. Eingegriffen wird nur dort, wo es um "die Sache" geht, also dort, wo inhaltliche Differenzen einander wechselseitig aufheben, wo es zu Widersprüchen kommt, die in direktem Widerspruch zur biblischen Botschaft stehen. Hinter einer solchen Auffassung steht als Zielvorstellung Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Die Überlegungen zur  Hermeneutik der Kohärenz im  Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" lassen sich mit letzterem gut verbinden. Die eigentliche Motivation für eine Hermeneutik der Kohärenz und damit für einen differenzierten Konsens besteht wohl in der Sorge um die "Kohärenz des Glaubens" und um die "christliche Identität".9 Die entscheidende Frage ist: Wie kann heute die christliche Botschaft glaubwürdig und verständlich verkündet werden - und dies noch dazu gemeinsam?10

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Das Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" redet allerdings nicht nur von einer Hermeneutik der Kohärenz, sondern auch von einer "Hermeneutik des Verdachts"11.  Es geht dabei darum, nicht nur den zeitgebundenen Charakter traditioneller Formen und Formulierungen zu hinterfragen, sondern auch darum, die Interessen der Ausleger - und wie ich noch ergänzen möchte - der Verfasser zu analysieren. "Eine verantwortungsbewußte ökumenische Hermeneutik wird in einem ständig fortdauernden Prozess versuchen, der Wahrheit zu dienen, wobei ihre Aufmerksamkeit durch den Verdacht geschärft wird, aber immer auf Kohärenz hinzielt."12 Mit der Rede von der Hermeneutik des Verdachts signalisiert das Studiendokument deutlich, dass es nicht um "Schönfärberei" oder um ein Verdrängen von Schwierigkeiten geht. Differenzen müssen wahrgenommen, allerdings jeweils kritisch hinterfragt werden. Wo sich Differenzen als Mittel von Instrumentalisierung von Eigeninteressen erweisen, besteht Handlungsbedarf. Das sagt das Studiendokument zwar nicht ausdrücklich, kann aber wohl in diesem Sinn interpretiert werden.

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2. Unterscheidung zwischen Tradition und Traditionen

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Das Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" unterscheidet zwischen Tradition  sowohl klein- als auch großgeschrieben im Singular und Traditionen im Plural. Mit Tradition großgeschrieben und im Singular ist schlechthin das Evangelium gemeint. Tradition kleingeschrieben und im Singular meint "den Traditionsvorgang"13. Von Traditionen im Plural ist in einem doppelten Sinn die Rede: Einerseits bezieht sich der Begriff auf die "Verschiedenheit der Ausdrucksformen"14, andererseits auf konfessionelle oder unterschiedlich kulturelle Traditionen. Die Traditionen innerhalb der Geschichte sind von der TRADITION zu unterscheiden, aber nicht von ihr zu trennen.15 Hier sieht das Studiendokument in Anknüpfung  an die Vierte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung in Montreal 1963 eine Schwierigkeit gegeben: Wie läßt sich zwischen Traditionen, die die wahre TRADITION verkörpern, und bloß menschlichen Traditionen unterscheiden?16 Oder anders formuliert: Was ist  geschichtlich bedingt und was gehört zum Kern der biblischen Botschaft und ist folglich unaufgebbar? Läßt sich der Kern der biblischen Botschaft jenseits aller geschichtlichen Einbindung überhaupt aussagen? Dass Schrift und Tradition nicht gegeneinander ausgespielt werden können, ist heute wohl breiter Konsens in der Ökumene.  Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage nach den Kriterien, die - so kritisiert das Studiendokument  - die Vierte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung nicht genügend beachtet habe.17 Es gelte eine doppelte geschichtliche Einbindung zu beachten: zunächst den geschichtlichen Kontext bei der Entstehung der biblischen Schriften, deren Beleuchtung Aufgabe der historisch-kritischen Exegese ist, dann den der jeweiligen Interpreten. Man müsse sich bewusst sein, dass "Interpretationen aus jeweils spezifischen geschichtlichen Umständen heraus entstehen"18. Aufgrund von verschiedenen Kontexten können sich neue Fragen ergeben. Die unterschiedlichen Traditionen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen nach dem Prinzip der Komplementarität behandelt werden. Damit ist nicht einem falschen Irenismus das Wort geredet. Ausdrücklich thematisiert das Studiendokument in diesem Zusammenhang die Hermeneutik des Verdachts. "Damit ist nicht gemeint, eine misstrauische Haltung einzunehmen, sondern auf sich selbst und auf den Dialogpartner einen Ansatz anzuwenden, der wahrnimmt, wie Eigeninteresse, Macht, nationale und ethnische Interessen klassen- oder geschlechtsspezifische Perspektiven das Lesen eines Textes oder das Verstehen von Symbolen und Bräuchen beeinflussen können."19 Die Frage, die sich dabei stellt, ist die nach der rechten Auslegung. Das Studiendokument kommt auf die Frage der verbindlichen Auslegung ausdrücklich zu sprechen: "Klarheit über Autorität ist ein entscheidendes Element in jener Dimension der Hermeneutik, die sich auf die authentische Kommunikation und Rezeption der Bedeutung der Texte, Symbole und Bräuche konzentriert."20 Das Studiendokument kommt immer wieder auf den entscheidenden Punkt zu sprechen: die eine TRADITION ist nicht identisch mit den vielen Traditionen. Geht es bei der einen TRADITION um die "erlösende Gegenwart des auferstandenen Christus", die von Generation zu Generation weiterüberliefert werden muss, so handelt es sich bei den vielen Traditionen um "spezifische Arten und Manifestationen dieser Gegenwart".21 Dieser Unterscheidung liegt ein eschatologischer Vorbehalt zugrunde: Man kann nicht sagen, dass die jeweilige konfessionelle Gestalt eine beliebige ist; man kann aber auch nicht so tun, als ob damit das in der jeweiligen Gestalt Bekannte schon das Eigentliche (die Wahrheit an sich) ist. Die Rede von einem eschatologischen Vorbehalt hat sich im ökumenischen Dialog zu bewahrheiten. Das Studiendokument geht auf die Bedeutung der Eschatologie kurz ein: Die eine TRADITION "ist eine lebendige, eschatologische Wirklichkeit, die sich allen Versuchen einer endgültigen sprachlichen Definition und konzeptionellen Festlegung und Erklärung entzieht."22 Die Fähigkeit, Tradition überhaupt beschreiben zu können, wird als "Gabe des Heiligen Geistes"23 beschrieben. Die Vielfalt kann ein Ausdruck der Gaben des heiligen Geistes sein. Wörtlich dazu: "Da Vielfalt ein Ausdruck der reichen Gaben des Heiligen Geistes sein kann, sind die Kirchen aufgerufen, sich der Möglichkeit einer bleibenden Komplementarität bewusst zu werden, d.h. der Werte, die in der 'Andersartigkeit' der jeweils anderen liegen und sogar der Möglichkeit des Rechts, voneinander verschieden zu sein, solange solche Unterschiede Teil der Untersuchung des  göttlichen Geheimnisses und der gottgewollten Einheit sind."24 Das Prinzip der Komplementarität setzt voraus, dass sich die Dialogpartner "par cum pari" (Vat. II, UR 9) begegnen. Im Studiendokument heißt es dazu: "Damit der Dialog echt ist, müssen die Vertreter einander als ebenbürtige Partner sehen."25 Es wird schwierig, Dialog zu führen, wenn der Dialogpartner den Eindruck vermittelt bekommt, nicht ernst genommen zu werden.26

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Zuallererst geht es um ein gegenseitiges Verstehen. Erst wenn ein solches vorliegt, könne es u.U. zu einer gegenseitigen Anerkennung kommen.27 Hier sei wiederum an das Modell eines differenzierten Konsenses erinnert: Differenzen wahrnehmen und dabei das Streben nach Konsens nicht aus dem Blick verlieren.

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3. Differenzökumene als Infragestellung des bisher Gesagten?

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Es sei eine kritische Bemerkung denen gegenüber gestattet, die von einer "Differenzökumene" oder von einer "Ökumene der Profile" reden. Sowohl "Differenzökumene" als auch  "Profilökumene" stehen in einer unauflösbaren Spannung: auf der einen Seite die Bewegung eines Auseinanders im Sinne des Sich-voneinander-Unterscheidens, auf der anderen Seite die Bewegung des Zusammenstrebens.

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Die Vertreter einer Differenzökumene (Ulrich Körtner) weisen darauf hin, dass Ökumene nicht zu glatt betrieben werden dürfe. Differenzen müssen wahrgenomen und wo sie sich als unvereinbar erweisen, ausgehalten werden. Eine Glättung um jeden Preis diene nicht der Sache, führe zu einem schwammigen Einerlei. U. Körtner ist der Auffassung, dass es durchaus "fundamentale Differenzen" gebe, "die auf echte Widersprüche in der Sache hinauslaufen".28

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Eine Ökumene der Profile hängt mit einer Differenzökumene eng zusammen. Sie legt Wert auf konfessionell unterschiedliche Gestalten, die beizubehalten seien. Es geht einer Ökumene der Profile darum, die verschiedenen Konfessionen zu ermutigen, ihr jeweils spezifisches Profil stärker herauszustellen. Nicht das Verbindende ist das Eigentliche, sondern das die Konfessionen Unterscheidende. Das jeweilige Profil wird in Abgrenzung voneinander gefunden und als solches belassen.

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In beiden Fällen (Differenzökumene und Ökumene der Profile) stellt sich mir aus römisch-katholischer Sicht die Frage, wie mit "fundamentalen Differenzen" umzugehen ist. Differenzen, die auf einem unterschiedlichen Zugang bzw. einer unterschiedlichen Sichtweise beruhen, können  bestehen bleiben, nicht aber Differenzen, die auf einem sachlichen Widerspruch beruhen.29

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Die entscheidende Frage in der Ökumene lautet: Sind die entsprechenden Differenzen fundamentale Differenzen oder Differenzen, bei denen eine Verbundenheit im Wesentlichen nicht ausgeschlossen ist? Was ist unter dem "Wesentlichen" zu verstehen? Um letzteres zu beantworten, braucht es den Blick auf die Heilige Schrift. Sie ist norma normans (im Unterschied zur Tradition, die "norma normata" ist). Eine Aussage, die in direktem Widerspruch zur Heiligen Schrift stehen würde, gehört nicht zu den tolerierbaren Differenzen. Eine solche gehört überwunden. Differenzen, die nicht in einem  Widerspruch zur Heiligen Schrift stehen, gehören anders behandelt. Es mag zwar kritisch eingewandt werden, dass die Heilige Schrift unterschiedlich interpretiert worden ist und dass die unterschiedlichen Interpretationen der Heiligen Schrift zu einer Auseinanderentwicklung der Konfessionen beigetragen haben, aber an dem Grundsatz der Heiligen Schrift als "norma normans" gilt festzuhalten. Zu überwindende Differenzen stehen in einem Widerspruch zur Heiligen Schrift und verunmöglichen ein gemeinsames Glaubensbekenntnis. Differenzen, die dies nicht tun, haben einen anderen Stellenwert. U. Körtner lehnt den Begriff "differenzierter Konsens" als unzureichend ab.30 Das Modell eines differenzierten Konsens geht davon aus, dass es einen Unterschied unter den Differenzen gibt. Differenzen werden nicht einfach nebeneinander bestehen gelassen, aber auch nicht automatisch negativ beurteilt. Es gibt Differenzen, die zwar auf einen unterschiedlichen Zugang und eine unterschiedliche Sichtweise zurückgehen, aber den Blick auf die gemeinsame Mitte (Heilige Schrift mit ihrem Bekenntnis zum trinitarischen Gott als Gott der Erlösung) nicht verstellen und folglich akzeptiert werden können. Erst wenn deutlich ist, dass die betreffenden Differenzen nicht in einem totalen Widerspruch zueinander stehen, kann darüber geredet werden, ob es möglich ist, einander als Kirche anzunehmen. Kirche könnte dann durchaus verschieden verwirklicht sein. Die Gegenüberstellung von Kirche bzw. Nichtkirche wäre hinfällig.31 Nach U. Körtner beginnt die eigentliche Ökumene erst dort, "wo Kirchen sich als Kirchen im Sinne des gemeinsamen Glaubensbekenntnisses anerkannt haben"32. Für die römisch-katholische Kirche ergibt sich daraus  die Aufgabe, im ökumenischen Dialog mit den evangelischen Kirchen besonders die Frage der Ekklesiologie (darin eingeschlossen die Amtstheologie) zu behandeln. Wenn sich ergeben sollte, dass die Zugänge zu "Kirche", einschließlich "Amt", zwar unterschiedlich, aber nicht kontradiktorisch bzw. im Widerspruch zur Heiligen Schrift sind, dann könnte darüber nachgedacht werden, ob der für die Orthodoxen Kirchen angewandte Begriff "Schwesterkirchen" nicht auch für andere Konfessionen verwendet werden könnte.

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4. Die Kirche als hermeneutische Gemeinschaft

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n dem Studiendokument ist abschließend von "Kirche als hermeneutischer Gemeinschaft" die Rede.33 Es fällt auf, dass hier von "Kirche" im Singular die Rede ist. Kirche als hermeneutische Gemeinschaft ist verantwortlich "für die wahrheitsgetreue Übermittlung des ererbten Evangeliums  zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten"34. In diesem Zusammenhang kommt das Studiendokument auf das Amt zu sprechen. Es haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Amtsstrukturen entwickelt; eines ist ihnen aber gemeinsam: Sie alle müssen "dem Zweck der Kirche dienen", "alle durch die Kraft des Heiligen Geistes in die Einheit mit Gott zu führen".35 Die Autorität der Ämter "leitet sich von ihrer Identifikation mit dem Amt Christi ab"36. Ausdrücklich ist von einem Amt der Aufsicht (episkopé) die Rede. Damit dieses Amt der Aufsicht angemessen ausgeübt werde, ist das Prinzip der Kollegialität zu beachten.37 Die römisch-katholische Kirche hat im Zweiten Vatikanischen Konzil mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Interessant ist im Studiendokument der Gedanke einer kollegialen Ausübung der Aufsicht, die von den Kirchen ausgeübt werde, "die im Glauben, Leben und Zeugnis vor der Welt miteinander vereint sind"38. Angesprochen ist eine gemeinsame Verantwortung für das, wofür das Amt steht. Das Amt hat mit Autorität und damit mit Entscheidungsfindung zu tun. Hier klingen bereits Probleme an: Es mögen, so das Studiendokument, "Formen gemeinsamer Entscheidungsfindung entwickelt" werden, "auch wenn zugelassen wird, dass eine Kirche gewisse Entscheidungen ohne oder sogar gegen die Auffassung anderer Kirchen treffen muss".39 Wie ist mit Entscheidungen einer Kirche umzugehen, die von einer anderen Kirche nicht mitgetragen wird? Können solche Entscheidungen einfach stehengelassen werden - unter der Voraussetzung, dass  nicht "dezidiert" verworfen wird, was dort zentraler Bestandteil des Glaubensbekenntnisses ist?40 Wie ist es mit der Schriftgemäßheit von gewissen Aussagen bestellt? Sind nur solche schriftgemäß, die unmittelbar aus der Heiligen Schrift abgeleitet werden können?41 Wiederum verweist das Studiendokument auf ein Zweifaches: auf "die Freiheit unterschiedlicher Ausdrucksweisen" und auf "die Notwendigkeit, um der Einheit willen gemeinsam Bekenntnis abzulegen".42 Als Ziel gibt das Studiendokument an: "die volle, von Gott gewünschte koinonia"43. Eine solche könnte, so wird als Wunsch geäußert,  "in einem wahrhaft ökumenischen Konzil"44 wiederhergestellt werden. Es gibt zwar in der römisch-katholischen Kirche genügend Stimmen, die sagen, dass man, bevor man nach einem neuen Konzil rufe, das Zweite Vatikanische Konzil ausschöpfen möge, dennoch ist ernsthaft zu überlegen, ob die Zeit nicht reif ist für ein wahrhaft ökumenisches Konzil - ein Konzil, bei dem sich Vertreter verschiedener Traditionen an ein und demselben Tisch zusammensetzen, um über die Art und Weise des ökumenischen Vorgehens miteinander zu beraten.45 Vielleicht ist genau dies der kairos der heutigen Zeit, vielleicht könnte es ein zu Spät geben, wenn der Zug bereits abgefahren ist. Auch wenn es kein allgemein akzeptiertes Einheitsmodell gibt, so müssen die unterschiedlichen Konfessionen den unerschütterlichen Willen haben, sich nicht mehr auseinanderbringen zu lassen. Ökumene hat sich als Förderin einer Solidargemeinschaft der Kirchen zu bewähren. Dazu braucht es heute mehr denn je eine ökumenische Hermeneutik. Zugrundeliegende hermeneutische Prinzipien müssen aufgedeckt und auf ihre Komplementarität hin untersucht werden. Das Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" liefert dafür wertvolle Impulse.

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Anmerkungen:

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1 K. Kocht, Gelähmte Ökumene. Was jetzt noch zu tun ist. Freiburg i. Br. 1991.

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2 Studiendokument von Glauben und Kirchenverfassung, Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen. Eine Anleitung zu ökumenischem Nachdenken über Hermeneutik. Hg. D. Heller. Frankfurt a. Main 1999.

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3 Ebd. 8.

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4 Ebd. 6.

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5 Ebd. 7.

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6 Ebd. 9.

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7 Ebd.

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8 Genannt sei hier beispielhaft nur der erste Band: Lehrverurteilungen - kirchentrennend? I. Rechtfertigung, Sakramente und Amt im Zeitalter der Reformation und heute. Hg. K .Lehmann u. W. Pannenberg. Freiburg i. Breisgau / Göttingen 1986. Der Band hat weitere Folgebände nach sich gezogen.

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9 Vgl. Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" 9.

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10 Vgl. ebd. 5: "In diesem Sinn ist der Auftrag, der Welt von heute das Evangelium in einer Sprache zu verkündigen, die die Menschen verstehen, im wesentlichen eine hermeneutische Aufgabe." Mit dem "Verstehen" hängt m.E. allerdings mehr zusammen: ein Verstehen, das Zustimmung zur Glaubwürdigkeit der verkündenden Kirche beinhaltet. Das Bild einer sich zerstreitenden Christenheit schadet dem biblischen Anliegen von Einheit und Versöhnung und  ist ein Skandal, der überwunden gehört. Siehe dazu: Die Glaubwürdigkeit christlicher Kirchen. Auf dem Weg ins 3. Jahrtausend. Hg. S. Hell. Mit Geleitworten von Kardinal Dr. Christoph Schönborn und Bischof Dr. Alois Kothgasser. Innsbruck / Wien 2000.

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11 Ebd. 7.

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12 Ebd.

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13 Ebd. 13.

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14 Ebd.

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15 Vgl. ebd. 14.

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16 Vgl. ebd.

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17 Ebd. 15.

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18 Ebd. 23.

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19 Ebd.

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20 Ebd. 25.

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21 Ebd. 26.

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22 Ebd. 29.

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23 Ebd.

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24 Ebd.25.

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25 Ebd. 39.

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26 Die evangelischen Kirchen fragen auf dem Hintergrund der Erklärung 'Dominus Iesus' Nr. 17  (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 148, 6. August 2000)  erbost an, ob sie überhaupt als Gesprächspartner ernst genommen werden, wenn sie als "Kirchen nicht im eigentlichen Sinn" bezeichnet werden. Kardinal Kasper versucht zu beruhigen: "Nicht Kirchen im eigentlichen Sinn" heiße ja nicht, dass ihnen generell das Kirchesein abgesprochen werde, sondern dass sie ein anderes Verständnis von Kirche haben als die römisch-katholische Kirche, d.h. dass sie Kirche in einem analogen Sinn verstehen. Einem ökumenischen Dialog ist nun die Untersuchung der konfessionsspezifischen Sichtweisen aufgegeben, allerdings stets in der Haltung des gegenseitigen Respekts. Auch wenn es Unterschiede gibt, so heben diese ein Dialogführen auf gleicher Augenhöhe nicht auf.

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27 Vgl. ebd. 27: "Nun steht vor den Kirchen auf der Suche nach sichtbarer Einheit die Herausforderung, von einem gegenseitigen Verstehen zu gegenseitiger Anerkennung überzugehen." Genau hier besteht aber für die römisch-katholische Kirche eine Schwierigkeit: Es ist ihr zur Zeit noch nicht möglich, den Begriff "Schwesterkirchen" auf weitere, nicht-orthodoxe Kirchen, wie z. B. auf die Evangelischen anzuwenden.  Die im Vatkanum II erfolgende Klassifizierung von "Kirchen" und "kirchlichen Gemeinschaften" war damals eine hilfreiche Unterscheidung (gegenüber der Bezeichnung "sectae" und "haeretici"), gehört heute aber wieder neu durchdacht.

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28 Zitat aus: U. Körtner, Vorlage: Deutsches Pfarrerblatt 107 (2007) 480-482.

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29 In diesem Zusammenhang ist die von römisch-katholischer Seite geäußerte Kritik an der Leuenberger Kirchengemeinschaft (neuerdings GEKE = Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas) zu sehen. Dass dort von Anfang an laufend Konsultationen vorgesehen sind, scheint darauf hinzuweisen, dass ein boßes Nebeneinander der Konfessionen als ungenügend empfunden wird. Erinnert sei an: Die Kirche Jesu Christi. Der reformatorische Beitrag zum ökumenischen Dialog über die kirchliche Einheit (Leuenberger Texte 1). Frankfurt a. Main 1995 (2. Aufl. 1996).

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30 Vgl. U. Körtner, Wohin steuert die Ökumene? Vom Konsens- zum Differenzmodell. Göttingen 2005, 15-22, bes. 19: Hier redet Körtner von einem von ihm als sinnvoll erachteten Paradigmenwechsel in der Ökumene - vom Modell der Konvergenz- und Konsensökumene hin zu einer neuen Form der Differenzökumene. Seiner Meinung nach könne ersterem kein Erfolg beschieden sein, da die Konfessionen grundsätzliche (mit seinen Worten "fundamentale") Differenzen aufweisen würden. Ein Bemühen um Konvergenz bzw. Konsens wäre damit von vornherein zum Scheitern verurteilt. Was übrig bleibt, ist der Appell, sich wechselseitig zu tolerieren und als Kirchen anzunehmen (s. ebd. 24).

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31 Siehe dazu 'Dominus Iesus' 17 u. 'Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche'  - kritisch behandelt bei U. Körtner, Vorlage: Deutsches Pfarrerblatt 107 (2007) 480-482.

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32 Zitat aus U. Körtner, Vorlage: Deutsches Pfarrerblatt 107 (2007) 480-482. Hier redet Körtner von Anerkennung "im Sinne des gemeinsamen Glaubensbekenntnisses". Wie ist aber ein gemeinsames Glaubensbekenntnis möglich, wenn im selben Atemzug "fundamentale Differenzen" angenommen werden?

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33 Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" 37-48 (C Die Kirche als hermeneutische Gemeinschaft).

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34 Ebd. 39.

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35 Ebd. 40.

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36 Ebd.

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37 Damit verbunden sind die Prinzipien Konziliarität und Synodalität - ebd. 43. Vgl. dazu: L. Lies, Grundkurs ökumenische Theologie. Von der Spaltung zur Versöhnung. Modelle kirchlicher Einheit. Innsbruck 2005, 243: "Katholizität der Kirche heißt [sic!] die Kirchen untereinander synodal und konziliar zu verbinden und sie in ihrer gegenseitigen Bezogenheit als Hermeneutische Gemeinschaft zu etablieren."

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38 Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" 42. Es sei auf einen bemerkenswerten Tippfehler in dem von Dagmar Heller herausgegebenen Studiendokument hingewiesen: Die kollegiale Ausübung der Aufsicht werde in der heutigen Welt von den Kirchen (und nicht wie es im Studiendokument heißt. "von...Kirche" im Singular) ausgeübt. Die Annahme einer kollegialen Ausübung durch eine  versöhnte Kirche wäre visionär.

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39 Ebd. 43.

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40 Vgl.dazu H. Fries / K. Rahner, Einigung der Kirchen. Reale Möglichkeit (Quaestiones Disputatae 100). Freiburg / Basel / Wien 1983, 35 ( These II).

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41 Gerade die römisch-katholische Kirche steht immer wieder vor der Herausforderung, marianische Aussagen (bes. die Dogmen von der Unbefleckten Empfängnis und der leiblichen Aufnahme Mariens) als  schriftgemäß auszuweisen. Dies gelingt nur, wenn man auch solche  Aussagen akzeptiert, die dies in einem weiteren, d.h. abgeleiteten Sinn sind.

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42 Studiendokument "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" 43.

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43 Ebd. 44.

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44 Ebd.

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45 Es sei aber nicht verschwiegen, dass das Vorhaben eines ökumenischen Konzils viele Probleme mit sich bringen würde: Geklärt werden müßte z.B. die Frage des Vorsitzes. Wäre für den römisch-katholischen Teil (Papst) die Rolle eines "primus inter pares" im Sinne eines Ehrenvorsitzes in der Liebe akzeptabel? Könnten sich die Vertreter der anderen Konfessionen damit identifizieren?

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