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Stärker als Verdammnis und Hölle
(Predigt zu Ez 33,7-9 und Mt 18,15-20, gehalten in der Jesuitenkirche am 7. September 2008 um 18 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2008-09-12

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es knistert. Und dies ganz ordentlich. Die Spannung, in die uns das heutige Wort Gottes versetzt, kann kaum gesteigert werden. Zumindest auf den ersten Blick nicht. Da gibt es zuerst das prophetische Wort. Dem Menschensohn - einer geheimnisvollen Gestalt - wird gesagt: Er sei der Wächter. Er soll seine Augen offen halten und auch seine Ohren nicht verschließen. Soll sensibel mitgehen auf dem Weg des Volkes und auf das Treiben der Menschen achten. Irren die Menschen vom Weg der Gerechtigkeit ab, besudeln sie ihre Hände mit Blut - auch mit Blut, das man nicht sehen kann -, machen sie sich auf, um nach Sündenböcken zu jagen und den Ballast ihrer eigenen Schuld auf die Schultern anderer abzuwälzen, so soll der Menschensohn den Mund aufmachen. Warnen, kritisieren, den Weg der Umkehr aufzeigen, damit die Verwirrten nicht in den Abgrund stürzen. Damit ihnen das Schicksal der Lemminge erspart bleibt. Nimmt der Menschensohn seine Aufgabe nicht wahr, macht er seine Augen und seine Ohren, vor allem aber seinen Mund nicht auf, stürzen sich die Menschen in den Abgrund, dann - und da verschlägt es einem förmlich den Atem - sei zwar das Schicksal der Zugrundegegangenen bloß die logische Folge ihrer Tat: weil sie ihren Mitmenschen Gruben gegraben haben, sind sie selber hineingestürzt, weil ihr Aufstieg auf Kosten anderer geschah, rücksichtslos und mit vielen Leichen auf dem Weg, ist ihr Fall allzu konsequent. Der Menschensohn aber, jener, der seine Augen und seine Ohren und seinen Mund offen halten sollte, es aber nicht tat, wird zur Rechenschaft gezogen. Zur Rechenschaft für das Blut, zur Rechenschaft für das verwirkte Leben, auch für das Leben der Missetäter. Machte der Menschensohn, der Wächter, aber seinen Mund auf, warnte er, übte er Kritik, hatte aber keinen Erfolg, so haben sich die Sünder zwar selbst gerichtet und ihr Leben auch selber zugrunde gerichtet. Doch er, der Menschensohn, wird sein Leben retten können. Er wird vor Gott bestehen können, auch wenn er keinen Erfolg hatte.

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Auf den ersten Blick scheint auch die Botschaft des Evangeliums dieser Logik verpflichtet zu sein. Wenn dein Bruder sündigt, wenn er dabei ist, seine Hände mit Blut zu beschmieren - auch mit Blut, das man nicht sieht -, wenn er das Leben anderer missbraucht, weil er sie verführt, Minderjährige etwa verführt, jene verführt, denen er ein Hirte sein sollte, dann mache deinen Mund auf. Übernimm die Rolle des biblischen Menschensohns, werde zum Wächter! Aber nicht zum Sensationsjournalisten. Oute deinen Bruder nicht! Mache seine Machenschaften nicht publik im Internet, auch nicht in den Gazetten, die in ihrer Selbstgerechtigkeit aus dem Sensationsjournalismus Kapital schlagen. Nein! Mache deinen Mund auf, aber diskret. Von Angesicht zu Angesicht. Hast Du Erfolg? Dann: Congratulations! Dann ist Umkehr mit all den Folgen aber auch Vergebung angesagt. Geht die Sache daneben, so such - aber auch wiederum diskret - nach Verbündeten. Nicht Sündenbockjäger. Nein. Ein, zwei Vertrauenspersonen, die es vielleicht besser können, eloquenter sind, kommunikativer. Scheitert auch diese Strategie, so könnt ihr die Gemeinde einbinden. Nicht die weltweite virtual community. Nein, jene Gemeinde, um die es geht. Scheitert auch dieser Schritt, dann sei der Irrende euch so etwas wie ein Heide oder ein Zöllner. Dann - so scheint Jesus zu sagen - sei er einer anderen Logik zu überlassen.

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Liebe Schwestern und Brüder! An diesem Punkt spitzt sich die Spannung zu, und es knistert nicht nur, es gibt auch Entladungen. Viele christliche Gruppen haben aufgrund dieser Aussage ihre schwarzen Schafe, jene, von denen sie meinten, dass sie Sünder sind, bekehrungsunwillige Sünder; viele christliche Gruppen haben diese Menschen regelrecht ausgestoßen, sie exkommuniziert. Mit unterschiedlichen Folgen. Der moderne kirchliche Ausschluss von den Sakramenten wird uns harmlos erscheinen verglichen mit jenen Ausschlussverfahren, wo die Außenseiter in die Wüste der Beziehungslosigkeit, in die Wüste des fehlenden Sozialnetzes gejagt wurden, damit auch dem physischen Untergang geweiht wurden. Diesem Extrem, an dem sich die Spannung sehr oft entladen hat, dem extremen Pol, an dem der Wächter und der Menschensohn selber zum Sündenbockjäger wurde, steht freilich in der neueren Zeit ein anderes Extrem gegenüber. Gerade unter Berufung auf die diskrete kirchliche Logik der Zurechtweisung haben Wächter die nachweisbaren schwarzen Schafe vor dem Zugriff der Justiz geschützt, selbst dort, wo die Sünde der Brüder regelrecht zum Himmel schrie, und wo die Brüder auch von ihrem Weg nicht abzubringen waren. Solchen Wächtern gilt sicher das prophetische Wort, das zum Menschensohn gesagt wurde: Weil ihr eure Augen verschlossen und eure Ohren verstopft und den Mund nicht aufgemacht habt, werdet ihr für das verwirkte Leben zur Rechenschaft gezogen werden. Legt man, liebe Brüder und Schwestern, den Nachdruck auf diese letzte Schlussfolgerung, so wird man bald, ohne es selber zu merken, zum ersten Extrem getrieben: zur übereifrigen Sündenbockjagd. Und eine solche Jagd steht immer wieder auf dem Programm unserer selbstgerechten, sog. kritischen Öffentlichkeit. Jener Öffentlichkeit, die sich die Rolle der prophetischen Kritik angeeignet zu haben glaubt, in der sich oft ausgerechnet jene Menschen, die selber "Dreck am Stecken haben", nicht satt sehen können am Anblick kirchlicher Skandale. Sie machen ihre Augen, ihre Ohren und ihren Mund bei jeder Gelegenheit auf und verwandeln jedes Gerücht in eine unfehlbare Wahrheit und so glauben sie auch einen Grund zur Verfolgung zu haben. Wie gesagt: Es knistert, und die Spannung, in die uns das heutige Wort Gottes hineinstellt, kann scheinbar kaum gesteigert werden, ohne dass es knallt. Kann sie abgebaut werden?

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Bei meinem diesjährigen Urlaub in Norddeutschland bin ich vor drei Wochen in Lübeck gewesen und habe im dortigen evangelischen Dom (ein herrlicher Bau aus der Serie "Deutsche Backsteingotik") ein Christusbild aus dem 17. Jahrhundert gesehen. Ein Bild mit dem Titel: "Klage Jesu Christi an die undankbare Welt". Das Bild ist von folgendem Text umrahmt: "Ich bin das Licht - man siehet mich nicht. Ich bin der Weg - ihr gehet mich nicht. Die Wahrheit - ihr glaubet mir nicht. Das Leben - man suchet mich nicht. Ich bin reich - man bittet mich nicht. Ich bin edel - man dienet mir nicht. Der Schönste - man liebet mich nicht. Ich bin barmherzig - man vertrauet mir nicht. Ich bin allmächtig - man fürchtet mich nicht. Ich bin ein Lehrer - man folget mir nicht. Werdet ihr verdammet - verweiset mir’s nicht." Hineingebracht in die Spannung, in die uns das heutige Wort Gottes hineinstellt, heißt die Botschaft des Bildes wohl: Christus hat die Rolle des Menschensohns, die Rolle des Wächters übernommen. Er hat gewarnt. Er hat kritisiert, ja neue Wege gewiesen. Mehr noch: Er hat geheilt und zurechtgebogen, was krumm war. Doch die Menschen verweigerten sich, richteten sich auch selbst dadurch immer mehr zugrunde. Deswegen die letzte Warnung: Ihr werdet verdammt! Ich habe meine Aufgabe erfüllt. Niemand kann mich zur Rechenschaft ziehen und mit der Verantwortung für euer verwirktes Leben belasten - ganz gleich, wer ihr seid: pädophile Priester, unfähige Bischöfe, skrupellose Geschäftsmacher, Investoren, die von der Waffenproduktion, dem Waffenhandel oder aber vom Drogenmarkt leben. Meine Aufgabe habe ich getreu erfüllt - sagt Christus; weil ihr aber auf meine Stimme nicht hört und euer Leben auch nicht ändert, seid ihr für mich nicht nur wie Heiden und Zöllner. Wundert euch nicht, wenn ihr in der Hölle landet. Meine Schuldigkeit habe ich auf jeden Fall getan!

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Liebe Schwestern und Brüder, der Versuch, die Spannung, in die uns das heutige Wort Gottes stellt, mit Hilfe des Bildes von Lübeck abzubauen, gelingt nicht. Er steigert gar die Spannung bis zur Unerträglichkeit und bringt einen Knall als Ergebnis, das die ganze Wirklichkeit neu ordnet. Denn - und darauf zielt die ganze Predigt ab - mit seiner Warnung vor Selbstdestruktion, vor dem Sturz in die selbstgegrabene Grube, vor dem unabwendbaren Gang in die Verdammnis, mit der Diagnose der drohenden Hölle war der Dienst des Menschensohnes nicht zu Ende. Dies aber nicht deswegen, weil Christus aus Rache an der undankbaren Welt selber zum Verfolger wurde oder zum Manipulator und Vertuscher. Nein. Christus, der Wächter, ist nicht zum Sündenbockjäger geworden, und schon gar nicht zum Verschleierer und Banalisierer des Bösen. Ganz im Gegenteil. Er wurde von jenen, die unterwegs zur Hölle waren, zum Sündenbock gemacht. Er wurde exkommuniziert und aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Er wurde viktimisiert und getötet. Doch getragen von der Liebe des Vaters, eins mit der Liebe jenes Gottes, der den Tod des Sünders nicht will und schon gar nicht die Hölle, hat er stellvertretend für uns alle die uns angedrohte Hölle erlitten und somit auch die Sackgasse gesprengt, in der wir uns immer wieder verirren, wenn wir mit dem Versagen anderer und unserem eigenen Versagen konfrontiert werden. Er sprengte die Sackgasse, die aus dem Verschweigen und der Verschleierung des eigenen Versagens und der Sündenbockjagd, der Verfolgung anderer Versager entsteht. Er erlitt unser aller Versagen, vergab uns die selbstgerechte Sündenbockjagd und integrierte uns durch seinen Tod hindurch in jene Liebe Gottes, die stärker ist - stärker als der Tod und stärker als alle Verdammnis und Hölle. Am Geheimnis dieser Integration haben wir immer wieder Anteil, wenn wir die Eucharistie feiern: das Geheimnis der Verwandlung. Dieses Geheimnis lasst uns also dankbar preisen.

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