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Peter und Paul - Feier der Umkehr

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-07-12

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Apg 12,1-11); 2 Tim 4,6-8.17-18; Mt 16,13-19

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Liebe Gläubige,

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am heutigen Hochfest feiern wir die beiden großen Apostel Petrus und Paulus. Letzteren werden wir in einem ganzen Gedenkjahr, das der Papst gerade eröffnet hat, weiterfeiern. Die Kirche hat uns für heute Bibeltexte ausgewählt, die Sternstunden der beiden zum Ausdruck bringen: Petrus, der frühzeitig Jesus als Messias bekennt und daraufhin erst zum „Petrus" - zum Felsen, auf dem die Kirche gebaut ist, - wird. Und Paulus, der sich in einem Brief von seinem Schüler und Mitarbeiter Timotheus verabschiedet, seinen Märtyrertod klar vor Augen, und in der Glaubensgewissheit, dass Gott ihn aus dem Tod retten wird. Beide sind Persönlichkeiten, die die Weltgeschichte prägten: Petrus, der erste Papst - und was hat nicht das Papsttum alles zur Weltgeschichte beigetragen. Paulus, der Heidenapostel, ohne dessen Öffnung des Christentums für Griechen und Römer es vielleicht immer eine jüdische Sekte geblieben wäre. Die Welt sähe ganz anders aus. Sollen wir diese beiden nicht als Helden feiern und Triumphmärsche für sie abhalten?

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So einfach, liebe Gläubige, ist es nicht. Und zwar nicht nur deshalb, weil eine säkulare Welt heute kritisch anfragt, ob denn das Christentum und vor allem das Papsttum überhaupt die Welt besser gemacht habe - oder nicht vielmehr schlechter. So einfach ist es vor allem deshalb nicht, weil Petrus und Paulus komplexere Persönlichkeiten waren, was wir leicht erkennen, wenn wir schauen, wie sie sich im Gesamt des Neuen Testaments zeigen.

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Petrus, der Fels, auf dem die Kirche gebaut ist: Wir brauchen im Matthäusevangelium nur dort weiterzulesen, wo der Text vorher aufhörte: „21 Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. 22 Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! 23 Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." (Mt 16,21-23)

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Petrus, der Fels - Petrus, der Satan. Es mag uns überraschen, dass Jesus so etwas gesagt haben könnte; es ist noch überraschender, dass das Evangelium diesen Ausspruch berichtet; und dann gibt es da auch noch die Geschichte von der Verleugnung durch Petrus, die uns auch in den Evangelien überliefert ist. So funktioniert Heldendichtung normalerweise nicht. Aber Matthäus zeigt uns keinen Helden, sondern den ersten Papst in seiner ganzen Problematik. 1962 schrieb der damals 35-jährige Konzilstheologe Joseph Ratzinger in diesem Zusammenhang: Wir haben uns „angewöhnt, Fels und Verleugner in Petrus säuberlich zu verteilen": vor Ostern Verleugner, nach Pfingsten Fels. „Aber in Wirklichkeit ist er beide Male beides: Der vorösterliche Petrus ist schon der, der das Bekenntnis [...] der gläubig Gebliebenen spricht, [...]. Der nachpfingstliche Petrus anderseits ist noch immer der, der aus Furcht vor den Juden die christliche Freiheit verleugnet (Gal 2,11ff.): immer noch Fels und Strauchelstein in einem."[1] Ratzinger fährt fort: „Und ist es nicht die ganze Kirchengeschichte hindurch so geblieben, dass der Papst, der Nachfolger Petri, [¼] Gottesfels und Strauchelstein in einem war? In der Tat wird es für den Gläubigen darauf ankommen, dieses Paradox des göttlichen Handelns auszuhalten, das seinen Stolz allzeit von neuem beschämt - diese Spannung von Fels zu Satan, in der die äußersten Gegensätze unheimlich ineinanderliegen. Luther hat das Moment des ,Satan' erdrückend klar erkannt und hatte nicht einfach unrecht dabei; seine Schuld war es, die biblische Spannung von [... Fels] und Satan nicht ausgehalten zu haben, die zur Grundspannung eines Glaubens gehört, der nicht von Verdienst, sondern von Gnade lebt."[2]

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Es geht also nicht um Stolz und Triumph, weil das Gute - das Fels-Sein des Petrus und das Heilsverkünder-Sein des Paulus - von Gott und seiner Gnade kommen. Und weil Gott das in und durch sündige Menschen wirkt, die auch das Satanische in sich haben: Petrus der Versucher und Verleugner Jesu, Saulus, der religiöse Fanatiker, der erst vom Pferd fallen muss, um sich zu bekehren.

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So verschieden die beiden Apostelfürsten waren - und sie haben auch miteinander um die Wahrheit des Evangeliums gestritten -, so verband sie eines und das macht sie zu Vorbildern für alle Christinnen und Christen, nicht nur für Päpste und Bischöfe: sie hatten die Erfahrung einer Bekehrung. Sie wussten, was es heißt, auf dem Holzweg der Sünde zu sein und die eigene Vorstellung von Gott über Gott selbst zu setzen: Der Messias darf nicht leiden, einen leidenden Messias kenne ich nicht - so Petrus. Ein Verurteilter Gotteslästerer, der am Kreuz endet, kann nicht der Messias sein - so Paulus. Und dann ein totaler Zusammenbruch - ein Weinkrampf bei Petrus, tagelange Blindheit bei Paulus; ein Zusammenbruch, der aber nicht zu Resignation und Selbsthass führte, sondern in die Zuversicht eines neuen, aus Gnade geschenkten Lebens: zur Erfahrung der alles vergebenden Güte Gottes.

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Wenn nun das die Bedeutung des Petrusfelsens wäre: die Mächte der Unterwelt können die Kirche nicht überwältigen, weil und solange in ihr die Zuversicht auf Gottes Vergebung lebendig bleibt. Der Satan hat erst dann gewonnen, wenn wir glauben, es gäbe keine Möglichkeit der Umkehr und keine Vergebung mehr; wenn wir glauben, dass Gott uns fallen gelassen hat wie eine heiße Kartoffel.

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Petrus und Paulus haben erlebt, dass Gott sich eher die Finger verbrennt als uns fallen zu lassen, und sie haben es unter Einsatz ihres Lebens bezeugt. Und solange das in der Kirche weiter bezeugt wird, können die Mächte der Unterwelt sie nicht überwinden: es gibt immer die Möglichkeit der Umkehr und der Vergebung: für jeden und jede von uns; für Menschen, die mit Gott oder Kirche nichts am Hut haben; und für die Amtsträger der Kirche bis hinauf zum Papst, deren Fehler in der Geschichte viel schwerer wiegen als die anderer Gläubiger. Das Hochfest der Apostel Petrus und Paulus ist eine Feier der unendlichen Umkehrmöglichkeit, die Gott immer wieder schenkt.

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Ich finde es beruhigend, dass wir - bei allem, was es auch an Meinungsverschiedenheiten geben mag - einen Papst haben, der das schon als junger Theologe gesehen hat (und mir ist nicht bekannt, dass er seine Worte zurückgenommen hätte). Letztlich gilt für ihn und uns alle, was Paulus am Ende seines Briefes an Timotheus schreibt:

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„Der Herr wird mich allem Bösen entreißen, er wird mich retten und in sein himmlisches Reich führen. Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit. Amen." (2 Tim 4:18)

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[1] Ratzinger, Joseph: Das neue Volk Gottes. Entwürfe zur Ekklesiologie. Düsseldorf 21970, 258f.

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[2] Ebd., 259.

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