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Papstbesuch bei einer verunsicherten Herde
(Von Hans Baumgartner zusammengefasstes Interview)

Autor:Palaver Wolfgang, Baumgartner Hans
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-05-07

Inhalt

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Vom 15. bis 20. April besuchte Papst Benedikt die USA. Es war politisch und kirchlich eine heikle Mission. Innerkirchlich fand der Papst klare Worte, politisch sprach er eher diplomatisch die Probleme an.

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Vor 60 Jahren hat die UNO ihre Menschenrechtserklärung verabschiedet. Das war auch der Anlass für die Einladung an Papst Benedikt, vor der Generalversammlung zu sprechen. „Wer sich hier vom Papst konkrete Aussagen zum Irakkrieg oder zur Krise in Tibet erwartet hat, wurde enttäuscht", meint der Innsbrucker Theologe und Sozialethiker Wolfgang Palaver. Der Papst habe vor der UNO vor allem ein klares Bekenntnis zur universellen Gültigkeit der Menschenrechte abgelegt und auf ein Grundproblem der UNO hingewiesen. Einerseits erfordern die großen Weltprobleme wie Sicherheit, Entwicklung, Hunger und Armut oder Umweltschutz das gemeinsame Handeln der Staatengemeinschaft, andererseits erlebe dieser notwendige multilaterale Konsens eine Krise, weil er von den Entscheidungen von einigen wenigen abhänge, die tatsächlich auch die Macht haben, Dinge zu bewegen. Hier, so Palaver, klang päpstliche Kritik an den USA, aber auch an anderen ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates durch. In vorsichtiger Sprache, aber doch punktgenau habe damit der Papst das Dilemma und die Schwäche der Weltorganisation angesprochen, die immer wieder an nationalen Egoismen scheitert, meint Palaver.

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Klare Worte

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Im Zentrum der Papstreise aber stand nicht die Politik, betont Palaver, sondern die Situation der katholischen Kirche in den USA. Diese habe nach einer erst vor kurzem veröffentlichten Studie sieben Prozent der amerikanischen Bevölkerung verloren. Die in den vergangenen Jahren aufgedeckten rund 12.000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern durch etwa 5000 Priester und Kirchenmitarbeiter sei einer der Gründe für den massiven Vertrauensverlust der Kirche. Der Papst habe diesen Skandal unerwartet deutlich mehrfach angesprochen. Er sei zutiefst beschämt über diese Vorfälle und über das langjährige unzureichende Verhalten der Kirchenleitung. Der Papst forderte ein klares Vorgehen gegen Täter (Anzeige und Stilllegen des Priesterberufes), Solidarität und Hilfe für die Opfer und mehr Augenmerk für vorbeugende Maßnahmen. Das im Vorfeld geheim gehaltene Treffen des Papstes mit Missbrauchsopfern fand bei diesen und in der Öffentlichkeit eine große Zustimmung, berichtet Palaver.

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Kein Sakristeiglaube.

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Auch für Österreich interessant war das deutliche Eintreten des Papstes für die öffentliche Präsenz von Glaube und Religion, meint Palaver und fragt: „Was kann das auch für die Moschee-Debatte in Österreich heißen?" „Religion ist niemals Privatsache", betonte der Papst vor den US-Bischöfen. „Er trat damit nicht für eine institutionelle Vermengung von Kirche und Staat ein", betont Palaver. Aber gerade in einer Zeit der Infragestellung und Relativierung vieler Werte sei öffentlich gelebte Religion und der Einsatz der Christen für Menschenwürde, Solidarität, Friede, Gerechtigkeit, Lebens- und Umweltschutz unverzichtbar.

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Papst für Dialog

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Im Vorfeld medial viel diskutiert wurde die Frage, wie Papst Benedikt in den USA den Vertretern anderer Religionen begegnen wird. Sowohl im Hinblick auf den Islam als auch im Verhältnis zum Judentum (siehe eigener Beitrag) hatte sich ja einiger Unmut aufgestaut. Sowohl Juden als auch Muslime haben sich im Anschluss an die Begegnungen in US-Medien durchwegs positiv geäußert. Der Papst habe zum Auftakt der Begegnung mit den Religionen die Notwendigkeit des Dialogs ganz stark hervorgehoben, meint der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver. Er habe aber auch vor einem gleichmacherischen Dialog gewarnt und dazu eingeladen, die Unterschiede zu diskutieren und um die Wahrheit zu ringen.

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Migranten-Kirche

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Dass der Papst bei den großen Gottesdiensten auch spanisch sprach, sei mehr als eine freundliche Geste gegenüber den vielen zugewanderten „Latinos" gewesen, meint Wolfgang Palaver. Darin lag auch eine Aufforderung an die eher bürgerliche und weiße US-amerikanische Kirche, sich verstärkt der Zuwanderer aus Lateinamerika, ihrer sozialen Probleme, ihrer Kultur und ihrer eigenen Religiosität anzunehmen. Bereits ein Drittel aller Katholiken in den USA haben lateinamerikanische Wurzeln, bei den 19- bis 29-Jährigen sind es die Hälfte. Andererseits gibt es nur wenige Priester aus diesem Milieu. Das erschwere die Beheimatung der „Hispanics" in der Kirche.

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