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Erkennen, lieben, weitersagen... - mit Petrus Canisius unterwegs in einer glaubenshungrigen Zeit
(Predigt zum Fest des hl. Petrus Canisius, gehalten in der Jesuitenkirche am 27. April 2008 bei den Gottesdiensten um 11. und um 18. Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-05-05

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Selbst mit geschlossenen Augen kann man es deutlich sehen: Die Kirche blutet aus! Es werden immer weniger, die katholisch bleiben wollen, und sie werden auch immer älter. Die Jugend bleibt aus. Die Ignoranz in religiösen Dingen ist erschreckend. Etliche leading persons of the world - die spirituellen Leitfiguren, Führer und Idole - glauben gar: Das Ende steht nahe bevor. Die Welt, diese Welt, die Welt, so wie sie ist, kann doch nicht weiterbestehen. Jeder, der seine Augen offen hält, sieht das Übel, das Krebsgeschwür und den allgemeinen Niedergang. Den Niedergang von mehreren politischen Institutionen, die durch Zwist und Rivalität entzweit bleiben, vor allem aber den Niedergang der Kirche. Die Käuflichkeit der päpstlichen Kurie kann wohl kaum überboten werden, und auch der Zustand des katholischen Klerus - vor allem der intellektuelle Zustand. Wenn es den Glauben irgendwo noch gibt, dann sicher nicht in der Kirche, in der der Klerus einer einzigen Leidenschaft zu frönen scheint: der Leidenschaft, Kariere zu machen und sich abzusichern, sich um Bischofsstühle und Kardinalspurpuren zu bemühen. "Nachdem sie aber Bischof, Kardinal oder Papst geworden seien, warte zum Abschluss ihrer Kariere die Hölle auf sie" - meinte der Ordensgeneral Diego Lainez und machte sich mit seinem Spott Luft in diesem von Karrieregeilheit stickig gewordenen kirchlich-klerikalen Raum. Der bodenständige Jesuit wollte sich mit seinem Sarkasmus vor der apokalyptischen Verzweiflung retten, oder aber vor der illusionären Hoffnung auf eine Rettung durch "Wunderwutzis": durch einen engelgleichen Papst etwa, den papa angelicus, der dem leibhaftigen "Antichrist aus Rom" und der "Herrschaft der babylonischen Hure", dem päpstlichen Regime durch seine "echte" Frömmigkeit ein Ende bereitet. Das Entsetzen und der Schmerz über den tristen Zustand der katholischen Kirche, einer mächtigen Institution, in der die dummen und habsüchtigen Priester Menschen in Unmündigkeit und Aberglauben halten, einer Institution, in der das Reden von Gott hohl und leer geworden ist, weil keine Erfahrung dahinter zu stecken scheint, einer Kirche, in der die Religion langweilig bleibt und die Gebete lustlos, weil sie heruntergerasselt werden, dieses Entsetzen und der Schmerz treibt viele Menschen zur klaren Erkenntnis, dass sie keine Zukunft in dieser Kirche haben, dass der Bruch mit Rom, der Bruch mit den Priestern, der Bruch mit der traditionellen Frömmigkeit der einzige Weg sei, um ihren Glaubenshunger zu stillen. "Die Reformation kam, weil die Deutschen das Bedürfnis hatten, fromm zu sein" - hielt schon vor Jahrhunderten Klemens Maria Hofbauer, der begnadete Redemptoristenpater, fest.

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Liebe Schwestern und Brüder! Der "schwärzeste Abschnitt der europäischen Neuzeit" - wie ihn der Kulturtheoretiker und Kulturphilosoph Egon Friedell einmal bezeichnete -, dieser schwärzeste Abschnitt der europäischen Neuzeit: Das ist die Zeit, in der der Jesuit Petrus Canisius lebte und wirkte, der "Feuerkopf vom Niederrhein". Es war ihm geschenkt, in einer Zeit zu leben, die durch Abenteuerlust und Fernweh gekennzeichnet war, durch Wissensdurst, aber auch durch die damit Hand in Hand gehende erschreckende Ignoranz in Sachen Religion. In einer reichen Politikerfamilie geboren - immerhin war sein Vater neun Mal Bürgermeister von Nijmwegen - lernte er schnell all die Dinge, die notwendig waren, um weiterzukommen in einer unsicher gewordenen Welt, in der - wie er selber sagte - der Petrus schläft und der Judas wacht. Er lernte nicht nur Sprachen und die Kunst der Diplomatie: mit den richtigen Leuten zusammenzukommen, die Dinge richtig einzufädeln, damit die anfängliche Begeisterung nicht gleich verpufft. Diese Kunst beherrschte er bestens. Nichts stand ihm also im Wege, um eine politische Karriere zu machen, oder aber eine kirchenpolitische. Auf dem direkten Weg, dem vertrauten: auf dem Weg der Simonie, dem der kirchlichen Prostitution, dem Weg des Zuschanzens von Ämtern, Posten und Würden. Warum sollte es dieser Feuerkopf nicht bis zum Papst schaffen? Er lernte aber nicht nur Sprachen und die Kunst der Diplomatie, nicht nur Philosophie und Theologie. Er lernte auch die Kunst der Frömmigkeit! Aber auch hier nicht die Kunst der aufgesetzten Posen und äußerlichen Rituale. Freilich hatte auch er schon als kleiner Bub Messen zelebriert und Priester nachgeahmt - und dies mit derselben vorpubertären Lust, mit der der Pubertierende auch den Langschlaf, die Zechgelage pflegte ... und auch sonstige Dinge, die seine Altersgenossen trieben. Canisius lernte die ihn innerlich berührende persönliche Frömmigkeit kennen. "Devotio moderna" heißt der terminus technicus: die moderne Frömmigkeit, die Frömmigkeit einer echten mystischen Christusbeziehung. Als 19-Jähriger kam er in Köln mit einer Karthäusergemeinschaft in Berührung, damit lernte er jene Sprache, die seine eigene Erfahrung zum Ausdruck brachtet, seine eigene Religion, vor allem aber den Hunger nach Gott, die Sehnsucht nach "Mehr" im Leben. "Magis" hieß dann die Formel bei den Jesuiten. Drei Jahre blieb er dort unter dem Einfluss von Nikolaus van Esche, dem Mystiker und Karthäuserfreund. Er schulte sich in der Mystik eines Ludolf von Sachsen, der Herz-Jesu-Mystik eines Johann Justus Landsberg, aber auch der Frauenmystik einer Maria van Oisterwijk oder Reginalda van Eymeren. Drei Jahre lang, genauso lang wie die Jüngerinnen und Jünger, die mit Jesus unterwegs waren und sich in Sachen Nachfolge schulten. Nach drei Jahren begegnete der 22-Jährige in Mainz Petrus Faber, dem Jungjesuiten der ersten Stunde, machte unter seiner Leitung 30-tägige Exerzitien, ein für die damalige Zeit sektiererisches Experiment und ...

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Liebe Schwestern und Brüder, die Erfahrung, die dem jungen Mann zuteil wurde, lässt sich mit der Ostererfahrung vergleichen. Es gingen ihm die Augen auf, und er erkannte IHN, mehr noch: Er begann IHN zu lieben, so zu lieben, wie er sich das vorher nie hätte vorstellen können. So berichtet er: "Ich machte eine gute Reise nach Mainz und fand zu meiner großen Freude den Menschen, den ich suchte, wenn er überhaupt ein Mensch und nicht ein Engel Gottes ist. Niemals habe ich einen gelehrteren und gründlicheren Theologen gesehen oder gehört, noch irgendeinen Menschen von so leuchtender Heiligkeit. Sein heißestes Verlangen ist es, in Verbindung mit Christus am Heil der Seelen zu arbeiten. Obwohl alle seine Worte voll sind von Gott, werden seine Zuhörer doch nicht gelangweilt und müde. Ich für meinen Teil kann kaum Worte finden, um Dir zu sagen, wie diese >Geistlichen Übungen= meine Seele und Sinne umgewandelt, meinen Geist mit neuen Strahlen himmlischer Gnade erleuchtet und mich mit neuer Kraft und Stärke erfüllt haben. Die Fülle göttlicher Gnaden strömt sogar auf meinen Leib über und ich fühle mich ganz belebt und in einen neuen Menschen verwandelt." Der Glaubenshunger scheint gestillt worden zu sein: mit der Erfahrung der Begegnung mit Christus, einer Erfahrung, die bis in das Körpergefühl geht. Er erkannte den lebendigen, den lebenspendenden Christus. Er erkannte den Auferweckten! Nicht das tote Gerippe eines in den gelehrten Büchern begrabenen Menschen, der irgendwann vor Hunderten von Jahren gelebt hat. Er erkannte ihn so wie Maria von Magdala ihn am Ostermorgen erkannte, die Jünger von Emmaus und auch Saulus,wie jene Apostel, die - weil sie ihn erkannten, ihn zu lieben begannen - aufbrachen, ihrem Leben eine neue Richtung gaben, weil sie es weitersagen mussten: Ich bin Christus begegnet!

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Canisius entschied sich, Jesuit zu werden, ging nach Rom und hatte dort die zweite ihn für sein Leben prägende Erfahrung: "Ich sah vor mir das geöffnete Herz Deines Leibes und Du botest mir an, aus ihm zu trinken. Du mein Heiland, Du ludest mich ein, Wasser des Heils zu schöpfen aus Deinen Quellen. Ich verspürte den großen Wunsch, dass von dort aus Fluten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in mich einströmten. Ich dürstete nach Armut, Keuschheit und Gehorsam. Ich bat Dich, mich zu waschen, zu kleiden und auszustatten. Als ich dann wagte, Dein liebevolles Herz zu berühren und meinen Durst aus ihm zu stillen, da versprachst Du mir ein Gewand, aus drei Teilen gewebt, geeignet, die Nacktheit meiner Seele zu bedecken. Diese drei Teile des Gewandes bezogen sich ganz und gar auf meine Aufgabe: Es waren der Friede, die Liebe und die Ausdauer. Angetan mit diesem Gewand des Heils hatte ich die Zuversicht, mir werde nichts fehlen, sondern mir werde alles gelingen zu Deiner Ehre." Ja, meine Schwestern und Brüder: Was dann folgt ist die atemberaubende Lebensgeschichte, der Lebensgeschichte eines Paulus nicht ganz unähnlich. Der junge Jesuit war ständig unterwegs, legte viele tausend Kilometer zurück: Rom, Messina, Prag, Krakau, Warschau, Löwen, Wien, Ingolstadt, Strassbourg, München, Regensburg, Augsburg, Würzburg, Fribourg und natürlich auch Innsbruck heißen wichtige Stätten seines Wirkens. Er war Berater auf dem Konzil von Trient, Provinzial der deutschen Jesuiten, Gründer der Kollegien in Ingolstadt, Prag, München, Würzburg, Fribourg und Innsbruck. Er korrespondierte mit allen leading persons of the catholic world - erhalten sind über 1400 Briefe, unzählige Predigten, Stunden im Beichtstuhl, Exerzitien und Katechismen. Natürlich Katechismen: Schon zu seinen Lebzeiten erschienen sie in 200 Auflagen und wurden in 15 Sprachen übersetzt, weltweit gelesen, gelernt: seine in Worte gefasste religiöse Erfahrung. Noch mit 75 schrieb er den kürzesten Katechismus, in dem Worte in Silben abgeteilt werden, "damit meine lieben kleinen Kinder ihn leichter lernen können" und auch Lust haben am Gebet.

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Petrus Canisius gingen die Augen auf, er erkannte nicht nur den Niedergang. Mit österlichen Augen nahm er im Niedergang die Spuren der Auferweckung wahr. Er sah nicht nur die Korruption, sondern auch den Aufbruch, nicht nur die "Hure Babylon", sondern auch den "vicarius Christi". Und dies deswegen, weil er für sein Engagement die Kraft nicht aus dem Entsetzen nahm, nicht aus dem Skandal oder aber dem Schmerz über den tristen Zustand der Kirche, den Zustand, den man auch mit geschlossenen Augen wahrnehmen konnte. Canisius fügte dem gängig-leeren Gerede über Gott nicht die hohle Moralinsäure und Kritik hinzu. Weil er Christus erkannte, ihn zu lieben begann, stellte er sein Leben in den Dienst der Seelsorge, suchte und fand das Gute selbst im Dreck und verhalf dem Guten zum Wachstum. Freillich lebte auch er nicht abgehoben in seiner Zeit, auch er hatte Anteil an kontrovers-theologischen Polemiken gegen Reformatoren. Aber er gehörte nicht zu den Scharfmachern der Gegenreformation und hielt sich von Verunglimpfung der Gegner weitgehend fern. Die glaubenshungrige Zeit fütterte er nicht mit der Fastfood der Sprache des Skandals und der Polemik. Er wollte andere in Christus erbauen, ihnen das weitersagen, was ihm selber geschenkt worden war. Der Feuerkopf vom Niederrhein, dieser katholische Reformer war kein "Wunderwutzi", aber auch kein Apokalyptiker. Die Kunst der Frömmigkeit, die er gelernt hatte, und das Gewand aus drei Teilen, das ihm geschenkt worden war: der Friede, die Liebe und die Ausdauer machten aus ihm den großen Apostel, den Seelsorger einer glaubenshungrigen Zeit. "Wer Seelsorger sein will, muss zunächst für sich selbst sorgen" - schrieb er an den General der Gesellschaft Jesu - "für sich selbst sorgen und die Mittel anwenden, die ihn als Werkzeug mit Christus verbinden. ... Das sei vor allem Liebe, von der jeder entflammt sein muss: jeder, der anderen Menschen helfen will." Beten wir, dass auch wir von dieser Liebe entflammt werden. Dass auch uns die Augen aufgehen und wir Ihn erkennen, Ihn zu lieben beginnen und es auch weitersagen: "Christus lebt! Und ich bin ihm begegnet". Denn auch unsere Zeit ist eine glaubenshungrige Zeit.

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