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Aufbruch
(Ansprache des Dekans bei der Promotions- und Sponsionsfeier am 19. April 2008 im Kongresshaus)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-04-23

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Wussten sie es wirklich, worauf sie sich da einlassen? Ich meine die drei Wanderer in der Wüste von Hebron, nicht die heutigen AbsolventInnen bei der Aufnahme ihres Studiums in Innsbruck. Wussten sie, was sie dort erwartet: im Beduinenzelt, wo ein miteinander alt gewordenes Paar wohnte? Erfolgreich - aber doch nicht ganz glücklich -, weil sich ihr Lebenstraum nicht ganz erfüllt hat: Es ist zwar genug Geld im Haus, aber kein Kind..., niemand, der das schon seit Jahren gepflegte Schweigen bei Tisch unterbrechen würde. Haben sie es gespürt, dass dieses Haus einen Besuch nötig hat? Haben sie vielleicht die unsichtbare Tafel über der Eingangstür gelesen: „Come in, there is room for one more!": Komm herein, da ist noch Platz, noch ein Zimmer frei ... frei für Dich! Selbst der beste Historiker unserer scientific community, selbst der exzellenteste historisch-kritisch arbeitende Exeget wird diese Fragen nicht beantworten können. Leichter wird sich der Exeget mit Jona tun. Dieser hat anscheinend gewusst, was ihn in Ninive erwartet. Deswegen wollte er auch nicht hin, floh über's Meer - Hals über Kopf - und landete im Bauch des Fisches. Und auch dort wusste er, was ihn erwartet. Der gesunde Menschenverstand sagte ihm klar: Mit 100%iger Wahrscheinlichkeit wirst Du verdaut werden und ... ausgeschieden. Allerdings in einer anderen Form. Doch: Nach drei Tagen im Bauch wurde er ausgespien -  in der ihm vertrauten Form eines homo sapiens, so musste er doch noch nach Ninive und war sich natürlich sicher - trotz all dieser Überraschungen und all dessen, was er schon erlebt hatte , war er sich sicher -, was ihn dort in Ninive erwartete: Das sprichwörtliche Sodom und Gomorra: ein halsstarriges, uneinsichtiges, geiles Volk, jenes Volk, das die Soziologen so gerne haben ..., weil es sich gemäß dem statistischen Mittelwert verhält. Doch die Prognosen erfüllten sich nicht. Schon damals hätten sich die Religionssoziologen kräftig geirrt. Entgegen all den wissenschaftlich untermauerten Prognosen und Erwartungen bekehrten sich die Niniviten, ein Faktum, das den rational denkenden und planenden Jona in die tiefste Depression stürzte, sodass er sich gar das Leben nehmen wollte, hätte er da nicht eine Stunde Wissenschaftsdidaktik in Sachen „Rizinussträucher und deren Sinn" über sich ergehen lassen müssen.

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Magnifizenz, sehr geehrter Herr Rektor, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Fakultät, liebe Eltern, Freunde, Verwandte und Feinde unserer Absolventinnen und Absolventen, und auch ihr alle, die ihr hier im Scheinwerferlicht sitzt und auf das wartet, worauf ihr euch eingelassen habt: auf die Graduierung an unserer Universität. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner, der die sicherlich bunteste Mischung an Absolventinnen und Absolventen dieser Universität bei einer Feier vereinigt, so kann es nur dies sein: die Bereitschaft zum Aufbruch, das Nichtwissen, was mich dort erwartet und die Bereitschaft, mich überraschen zu lassen von dem, was mir da beim Aufbruch widerfährt. Diese Bereitschaft, die Unsicherheit und die Hoffnung auf Begegnung verbindet die heutigen KandidatInnen schon auf der oberflächlichen Tatsachenebene. Ponsiano brach von Tansania auf, um in Innsbruck zu promovieren - seinem Mitbruder im priesterlichen Dienst, Emanuel aus Kroatien, nicht ganz unähnlich. Der Telfer Johannes floh dagegen nach Rom - fast so wie Jona - um von dort aus in der Heimat sein Doktorat zu vollenden. Marianna ging aus der Ukraine nach Brixen in Südtirol, um sich von dort aus in Innsbruck ihr Diplom zu holen. Joan verließ Rumänien, um in Tirol die Heimat zu finden - fast schon so wie der Kollege Kipkemoi aus Kenia. Birgit aus Götzens reiste nach Brasilien, um ihre Diplomarbeit zu schreiben, genauso wie die Osttirolerin Sarah - man stelle sich das bloß vor, eine Osttirolerin -, die nach Indien ging. Bei der Lust zum Aufbruch und den damit verbundenen Überraschungen punktet eindeutig die polnische Nonne Jolanta. Eigentlich brach sie nach Rumänien auf, um mit Straßenkindern zu arbeiten, landete jedoch an der Theologischen Fakultät in Innsbruck, um jetzt nach Steyl in Holland aufzubrechen. Bei so viel Lust am Aufbruch kriegt man schon Atemnot; deswegen atmet der Walter aus Brixen auf: Er musste nur den Brenner passieren. Der einzige Bachelor heute, der Franz aus Volders wird wohl die Feier mit den Worten zusammenfassen: „Ja gut, dann gehe ich", womit er nur den Titel einer der heutigen Diplomarbeiten zitieren würde.

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Das Thema des Aufbruchs und der Überraschung verbindet die heutigen KandidatInnen aber auch auf einer tieferen Ebene. Allerdings wird man diese nur finden können, wenn man noch einmal zu den drei Wanderern aus der Wüste von Hebron zurückkehrt und die Frage stellt, ob sie denn wussten, worauf sie sich mit ihrem Besuch bei Abraham einließen. Die Historiker werden diese Frage nicht beantworten, wohl aber die Theologen. Die Tradition hat die Antwort vorformuliert, weil sie in den Wanderern die Engel Gottes, dann gar die göttlichen Personen selbst sah. Sie legte nämlich den Text auch im Lichte der Wirkungsgeschichte aus, in der Tradition dessen, was der Prediger des Päpstlichen Hauses Pater Raniero Cantalamessa diese Woche bei seiner Gastvorlesung an unserer Fakultät - bei der übrigens unser größter Raum noch zu klein war - „geistliche Schriftlesung (lectio divina)" nannte: eine Auslegung, die den gläubigen Ausblick in die Zukunft des Textes und seiner Bedeutung ins Zentrum rückt.

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Auf diese Weise beschäftigte sich Johannes Thomas Laichner in seiner Dissertation (betreut vom Kollegen Lothar Lies; Zweitgutachter: Kollege Ernst Dassmann aus Bonn) mit dem Propheten Jona. Der „Jona im Stein", abgebildet an dem sogenannten Wannensarkophag in der Kirche Maria Antiqua in Rom, schenkte ihm die Brille, um den „Jona der Kirchenväter" zu verstehen, die wiederum den „Jona der Schrift" exegetierten. Auf diese Weise bekommt er eine überaschende Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Aufbrüche und Verweigerungen des Propheten. Sie weisen auf den größten Aufbruch hin, der sich im Tod Christi ereignet und der in der christlichen Taufe uns allen zuteil wird: der Aufbruch zum Leben durch den Tod hindurch. Diesen Aufbruch kann es nur geben, weil Gott selber aufgebrochen ist, sich durch die Sackgassen des menschlichen Lebens treffen ließ - also doch etwas Überraschendes selbst erlebt hat - und diese Sackgassen auch gewandelt hat, was wiederum für die Überraschung bei den Menschen sorgt. Dieser Logik, die uns allen im Zeichen wahrnehmbar ist, widmete Emanuel Petrov einige Jahre seines Lebens, als er sich unter der Begleitung von Pater Lies (Zweitgutachterin: Kollegin Silvia Hell) mit der Frage: „Sakramente propter homines" beschäftigte. Sakramente sind ja Zeichen. Johannes Paul II. war ihm die Fundgrube zur Konkretisierung dieser Logik mit all den Concretissima, v.a. der greifbaren Konkretheit des menschlichen Leibes. Ja, meine Damen und Herren: „Propter homines" kamen die Wanderer nach Hebron, „propter homines" ging Jona nach Ninive, „propter homines" wurde Gott selber Mensch. „Propter homines" werden seine Menschwerdung, sein Sterben und seine Auferstehung im Sakrament der Eucharistie Gegenwart. „Kann aber dieses Gedächtnis auch im letzten Kaff gefeiert werden angesichts des Priestermangels", fragt Walter Prader in seiner Diplomarbeit (betreut vom Kollegen Alois Gurndin aus Brixen; begutachtet vom Kollegen Franz Weber).  Dass dieses Geheimnis eine fundamentale Bedeutung hat, v.a. für die Wahrnehmung der biographischen Kontinuität inmitten der Aufbrüche und Brüche im menschlichen Leben, darüber ist sich Schwester Jolanta Maria Golkowska sicher. Ihre Diplomarbeit (betreut von dem, der spricht - der gerade spricht): „Mysterium fascinosum der Eucharistie" reflektiert auch die Aufbruchsfreudigkeit und biographische Kontinuität im Leben jenes Papstes, dem schon Dr. Petrov seine Dissertation widmete: Johannes Paul II.: ein Christ, ein Priester, dem gerade wegen der eucharistischen Haltung keine Grenze ein Hindernis zu sein schien: für die Begegnung mit Menschen. Im Anschluss an seine Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia" kann auch Jolanta die eucharistische Frömmigkeit als das Fundament erkennen, das sie trägt. Und wohin?

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Kein Problem, wird der Kirchenkritiker sagen. „In eurer Wahrnehmung ist eh alles Friede, Freude, Eierkuchen. Katholisches Beduinenzelt als ein Ort der Problemverweigerung!" Nein! Es gibt genug Grenzen, Barrieren und Konflikte. Marianna Beresch sucht in ihrer Diplomarbeit über Homosexualität (betreut vom Kollegen Karl Golser; begutachtet vom Kollegen Stephan Leher) nicht nur nach Antworten, wie man zu einem nicht diskriminierenden Verhalten gegenüber den Betroffenen findet, sondern auch danach, was die Kirche in diesem Kontext zu einer Grenzüberschreitung beitragen kann. Wie viel an Ambivalenz und Schmerz im Kontext der Aufarbeitung der Vergangenheit nötig ist, zeigt die Dissertation von Ponsiano Gabriel Myinga (betreut vom Kollegen Franz Weber; Zweigutachter: Kollege Claude Orankom aus Bonn). Ponsiano reflektiert die ausgerissenen und abgerissenen Wurzeln seiner Identität in der tansanianischen Gesellschaft, die in der Mission und Kolonialisierung allzu oft Hand in Hand gingen, und er sucht nach Lebensspuren und neuen Aufbrüchen in der durch Brüche gezeichneten Gegenwart. „Towards a Mature Tanzanisan Christian Community" - unterwegs zur mündigen tansanianischen christlichen Gemeinschaft - heißt seine Arbeit. Am Beispiel seiner Heimatdiözese Iringa buchstabiert er auch ein Verständnis von Mission, bei dem der Mensch nicht länger als Objekt, sondern als Subjekt der Mission verstanden wird. „Small Christian communities" als Ort und „Mission in our hands" als Programm: Ponsiano steht in den Fußstapfen der Wanderer von Hebron, der Engel, des sich inkarnierenden Gottes, genauso wie jene Holy Cross Sister Lucy aus Kerala, die durch den Anblick einer lichterloh brennenden Frau - eines Opfers familiärer Justiz - aufgeschreckt und herausgefordert, einen „Maher", das erste Frauenhaus in Indien gründet: „Das Haus der eigenen Mutter", in dem junge, verfolgte, ausgestoßene Frauen Zuflucht finden. „Come in, there is room for one more"- steht am Eingang des Hauses geschrieben. Frau Sarah Niedertscheider ging hin, um zu schauen, um mitzuleben und zu reflektieren und auch um ihre Diplomarbeit zu schreiben: „Maher - It's like home" - eine qualitativ-empirische Unterschuchung zur Leiderfahrung von indischen Frauen (betreut von Kollegin Teresa Peter; begutachtet vom Kollegen Franz Weber). In die Fußstapfen des sich inkarnierenden Gottes stellten sich die 47 Tiroler Frauen und Männer, Missionare, die heute noch weltweit arbeiten. Frau Brigit Fischer ist zwei von ihnen nach Brasilien nachgereist, lernte portugiesisch, begleitete beide bei ihrer Arbeit und formulierte Ansätze ihrer eigenen Missionstheologie. „Ja gut, dann gehe ich!" heißt ihre Diplomarbeit (betreut von Kollegin Anni Findl-Ludescher; begutachtet vom Koll. Weber). Die Grenzüberschreitung fokussiert auch Richard Kipkemoi Langat in seiner Diplomarbeit (betreut vom Kollegen Wilhelm Rees), wenn er sich dem Verhältnis zwischen Kirche und Staat in der Republik Kenia zuwendet, seine Aufmerksamkeit auf die Frage der Religionsfreiheit richtet und deren Grenzen deutlich macht. Das Problem der Sekten, die die Grenzen errichten, weil sie in Kenia mit Zwangsbeschneidung, Schutzgelderpressung, gar mit Morddrohung arbeiten, stellt nur die Spitze des Eisberges einer Kultur dar, die bei aller verbalen Beteuerung von Toleranz auf Konfrontation und Unterwerfung ausgerichtet bleibt.

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Bleiben wir - meine Damen und Herren - bei solchem Treiben passiv, untätig, so wird die apokalyptische Bedrohung nicht bloß das Thema eines biblischen Buches bleiben - wie etwa des Buches Daniel, über dessen Prophetie und deren Rezeption bei Josephus Flavius unser Bachelor Franz Fröhlich gearbeitet hat. Allgegenwärtige Gewalt wird dann nicht bloß ein literarisches Thema sein, sondern bitterernste Wirklichkeit. Ponsiano hat allerdings recht, wenn er in seiner Dissertation den kritischen Fingerzeig, der bei der Reflexion auf die Vergangenheit auf die christlichen Missionare und deren freiwillig-unfreiwillige Allianz mit Kolonisatoren gerichtet blieb, wenn er diesen Fingerzeig im Kontext der Gegenwart auf die Mechanismen der Globalisierung richtet. Durch diese Mechanismen werden die Afrikaner (und nicht nur sie) in die Rolle der Opfer gedrängt. Sie werden bloß zu passiven Objekten in dieser Begegnung von Kulturen im global village degradiert. „Overcoming passivity", aufbrechen, auf Menschen zugehen, sich von ihnen überraschen lassen, heißt seine Devise. Sendung in den Fußstapfen jener göttlichen Personen, die aufgebrochen sind und sich auf Menschen eingelassen haben!

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Liebe Absolventinnen und Absolventen! Gerade wir Theologen und Theologinnen wissen den kulturellen Mehrwert christlicher Gottesrede zu wenig zu schätzen. Gott, der aufbricht, der sich überraschen lässt, sich auf die Augenhöhe von Menschen begibt und so Menschen zusammenbringt, dieser Gott stellt die adäquate Antwort auf die Übermacht von prognostizierbaren Mechanismen dar. Seien Sie stolz und froh, dass es Ihnen geschenkt wurde, in Kategorien dieser Logik zu denken und zu glauben. Haben Sie keine Angst vor Kulturprognosen! Auch Jona ist immer wieder überrascht worden und mit ihm auch etliche Menschen, die den Aufbruch gewagt oder verweigert haben. Ob Jesus wirklich wusste, was auf ihn zukommen wird, als er in den Dienst der Offenbarung genommen wurde? „Die fortschreitende Offenbarung des Jesus von Nazareth als Messias im Matthäusevangelium" heißt die Diplomarbeit von Joan Budulai (betreut vom Kollegen Martin Hasitschka). Auch diese Arbeit - schon die Letzte im Reigen der Abschlussarbeiten - ist der Logik des Prozesses und der Begegnung verpflichtet. „Wer Christus verstehen will, muss mit Christus leben", heißt es dort. Doch mit Christus leben heißt nichts anderes als das zu tun, was er tat: auf andere zugehen, sich  ausliefern, genauso wie dies schon die Wanderer in Hebron getan haben. Damals bei Abraham und Sara!

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Ich beglückwünsche Sie/Euch alle zur Graduierung in Katholischer Theologie. Ihnen ist die schönste Mission anvertraut: Menschen zusammenzubringen! Und dies nicht deswegen, weil so etwas Profit bringt, oder aber einiges an Problemen erspart. Das sind schon Nebeneffekte. Menschen finden zusammen, weil der menschenfreundliche Gott sie zusammenbringt und auch Sie alle, die Sie in seine Fußstapfen treten. Brechen Sie also auf! Aber: Warten Sie noch die Graduierung ab! Sonst überraschen Sie den Rektor doch über alle Maßen. Noch einmal: Herzliche Gratulation und Gott begleite Sie!

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