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Die Dramatik des göttlichen Heilsplans
(Gedanken zum 3. Ostersonntag (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-04-15

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Apg 2,14.22-33; (1 Petr 1,17-21); Joh 21,1-14

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Liebe Gläubige,

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die heutige Lesung ist die Vorbereitung zu einer der seltsamsten und daher spannendsten Wendungen des Lebens, die auf den christlichen Glauben zurückgehen. Sie ist ein Auszug aus der Pfingstpredigt des Petrus. Der Apostelsprecher schildert da, wie menschliches Tun und göttliches Heilshandeln einander entgegengesetzt sind und paradoxerweise gerade so ineinander greifen.

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Er spricht zuerst von Jesu Wirken zu dessen Lebzeiten: „machtvolle Taten, Wunder und Zeichen" hat er getan und zwar „vor euch" - vor den Augen der Zuhörer; Zeichen, durch die ihn Gott beglaubigt hat. Petrus sagt den Bewohnern Jerusalems auf den Kopf zu: ihr hättet erkennen können und erkennen sollen, dass Jesus von Gott gesandt ist. Es wäre auf der Hand gelegen. Aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern sie haben ihn „durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht". Deutlicher kann man Menschen nicht ins Gesicht sagen, dass man sie für gottlose Verbrecher hält: „Ihr habt ihn umgebracht", und zwar dadurch, dass ihr ihn von „Gesetzlosen" ans Kreuz schlagen ließet. Natürlich ist hier mit „Gesetzlosen" nicht eine Räuberbande gemeint, sondern die Römer, die das Gesetz des Mose nicht hatten. Sie besaßen wohl eigene, römische Gesetze, aber nicht das Gesetz, das nach dem Verständnis Israels göttliches Gesetz war und zum Heile führen sollte.

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Bevor wir uns fragen, wohin diese massive Anschuldigung des Petrus führen soll, sehen wir uns einmal den göttlichen Kontrapunkt zum Verhalten der Menschen an.. Das Vorspiel haben wir schon gehört: Gott hatte diesen Jesus beglaubigt. Nun erfahren wir, dass er „nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde". Das Verhalten derer, die Jesus umgebracht haben, wandte sich zwar gegen den Boten Gottes, ja verstieß gegen den Willen Gottes - und doch konnte es Gottes Heilsplan nicht aushebeln. Denn in seinem Vorauswissen hat Gott sozusagen schon die Sicherung in seinen Plan eingebaut: Wenn die Menschen trotz der Beglaubigungen nicht auf Jesus hören und ihn sogar durch Gesetzlose umbringen, dann wird Gottes Heilsplan eben gerade durch dieses Geschehen und so auch am Gesetz vorbei gelingen; dann wird sich dieser Jesus eben gerade durch seine Hingabe in den Tod als Christus erweisen. Und zwar deshalb, weil Gottes Handeln dem Tun der Mörder Jesu diametral entgegengesetzt ist: Diese haben ihn umgebracht. „Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt [¼]."

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In diesen wenigen Sätzen der Predigt des Petrus zeigt sich die ungeheuere Spannung und Dramatik, die dem Geschehen von Ostern innewohnt: Gott berücksichtigt das sündhafte Tun der Menschen so in seinem Plan, dass er gerade durch ihre Sünde ihr Heil wirkt. Das Tun von Gott und Mensch bei diesem Plan ist aber gerade entgegengesetzt: Die Menschen widersetzen sich dem Boten Gottes und wirken seinen Tod; Gott beglaubigt seinen Sohn und schenkt ihm neues Leben. Aber weil Gott das gottwidrige Tun der Menschen vorausweiß und in seinem Heilsplan berücksichtigt, ist das Resultat nicht nur Heil und neues Leben für Jesus, sondern durch ihn für, ¼

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Ja, für wen eigentlich? Nur für Petrus und die Jüngerschar, die den Auferstandenen gesehen haben? Die mit ihm gegessen haben, Zeuginnen und Zeugen seiner Auferstehung sind? Dann brauchten sie nicht predigen und verkündigen. Vielleicht verkündigen sie ja nur den vielen unbeteiligten Unschuldigen, denen, die mit Jesu Tod nichts zu tun hatten - ob Römer oder Juden - damit sie von der Heilstat Christi profitieren? Aber wie kann Petrus dann in Jerusalem öffentlich zu allen sagen: „ihr habt ihn umgebracht"? Hören nicht auch Unschuldige zu?

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Liebe Gläubige,

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vielleicht aber denkt Petrus nicht so. Es ist ja der Petrus, der Jesus drei Mal verleugnet hat; der Sprecher der Apostel, die Jesus im Stich gelassen haben. Und ihm ist dabei etwas klar geworden: Es gibt nicht zwei Gruppen von Menschen, die Schuldigen und die Unschuldigen. Im Lichte des Todes und der Auferstehung Jesu gibt es nur einen Unschuldigen - eben diesen Jesus; und die anderen sind alle Schuldige, weil die Dinge, die Jesus ans Kreuz gebracht haben - Selbstgerechtigkeit, Engstirnigkeit, Hartherzigkeit, Neid, Lüge, Eifersucht, Habgier, Hass und das alles auch in Fragen der Religion und Gottesbeziehung - weil diese Dinge bei uns allen immer wieder geschehen. Deshalb kann Petrus sagen: „ihr habt ihn umgebracht"; ihr alle, bei denen diese Dinge ständig vorkommen.

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Wenn das aber so ist, warum aber sagt er dann „ihr" und nicht „wir"? Ich denke, weil er bei seinen Zuhörern und Zuhörerinnen einen Unterschied zu sich vermutet, auf dem es ihm ankommt. Kehren wir zu der Frage zurück, wohin denn die massive Anschuldigung des Petrus führen soll? Er riskiert doch, dass sich die Menschen gegen ihn zusammenschließen. Normalerweise verteidigt man sich doch gegen so einen Ankläger. Worauf läuft das denn hinaus?

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Um das zu sehen, müssen wir über den Ausschnitt der heutigen Lesung hinausschauen. Nur vier Verse später wird nämlich die Reaktion der Menschen beschrieben: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?" (Apg 2,37) Das ist sicherlich eines der Werke des Pfingst-Geistes, dass die Menschen sich nicht aggressiv verteidigen, sondern ihre Schuld anerkennen können, betroffen davon sind, die Apostel nach wir vor als Brüder sehen und sie um Rat und Hilfe bitten. Sie verhalten sich ganz anders als es üblich ist: sie leugnen ihre Schuld nicht, sondern bitten um Hilfe in der Situation der Schuld. Und Petrus bietet sie an: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden" (Apg 2,38).

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Der Sinn seiner klaren Worte am Anfang war, Umkehr zu ermöglichen. Bisher gab es zwischen ihm und den Zuhörern den Unterschied, dass er bereut und sich bekehrt hatte und jene noch nicht. Wenn diese aber auch ihre Schuld Gott überlassen können, wird sie vergeben. Gerade um die Vergebung der Sünden geht es Petrus. Und durch die Taufe werden die Menschen, die er gerade noch als Mörder Jesu ansprach, zu seinen Brüdern und Schwestern in einem neuen Sinn: als Bekehrte, wie er selbst. Und somit beantwortet sich auch die Frage, für wen Tod und Auferstehung Jesu Heil und neues Leben bringen: für alle, die sich ihrer Schuld stellen und sie Gott übergeben; diesen wird er sie vergeben und sie aufnehmen in eine neue Gemeinschaft der Bekehrten. Damit beginnt das christliche Leben in der Taufe, das begleitet es im Schuldbekenntnis am Anfang der Messfeier und auch im Sakrament der Versöhnung, der Beichte; denn Anerkennen der Schuld ist der erste Schritt zur Versöhnung, die Gott durch Christus schenkt, indem er sogar unsere Dummheiten und Verbrechen in seinen Plan einbaut und sie dadurch zum Heil wandelt. Dies sind doch zwei seltsame und spannende Wendungen des Lebens: aus dem größten Verbrechen schafft Gott das Heil für die Verbrecher; und die klare Feststellung der Komplizenschaft dient nicht dazu, jemanden fertigzumachen und auszugrenzen, sondern ihn zur Umkehr zu bewegen und aufzufordern Mitglied in der eigenen Gemeinschaft zu werden.

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Diese Verheißung gilt, so sagt es Petrus noch einen Vers später, „euch und euren Kindern [¼] und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird" (Apg 2,39).

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Da sind auch wir dabei. Folgen wir diesem Ruf.

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