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"Zunge, künde das Geheimnis"
(Der Versuch einer Neuübertragung des Fronleichnamshymnus Pange lingua)

Autor:Lumma Liborius
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-03-27

Inhalt

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0. Einführung

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Norbert Lohfink hat bereits vor einigen Jahren eine Analyse des lateinischen Pange lingua - des aus der Feder Thomas von Aquins stammenden Fronleichnamshymnus - sowie dessen im "Gotteslob" zu findender deutscher Übertragung durch Maria Luise Thurmair vorgelegt.1 Ausgangspunkt ist zunächst die Kritik an Thurmairs Fassung der 5. Strophe, in der der Bund des Alten Testamentes als "Gesetz der Furcht" charakterisiert wird.2 Hat diese Stelle bereits Änderungsvorschläge erfahren, spürt Lohfink zugleich auch in den anderen Strophen weitere biblische und theologische Anspielungen sowie rhetorische Stilmittel auf, die in der "Gotteslob"-Fassung nicht wiederzufinden oder stark verfremdet sind.

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Ich habe Lohfinks Beitrag als Anregung verstanden, eine eigene Übertragung des "Pange lingua" zu versuchen und möchte diesen Versuch im Folgenden vorstellen.

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Drei Bemerkungen seien dabei vorausgeschickt:

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1. Ich habe mich bemüht, eine Fassung zu erstellen, die auf die überlieferte Melodie gesungen werden kann, also in Gliederung und Silbenzahl der Vorlage entspricht. Das Pange lingua gehört zu den wenigen lateinischen Gesängen, die auch in der heute üblichen deutschen Fassung ihre aus dem Lateinischen vertraute melodische Gestalt bewahrt haben3; daran wollte ich nichts ändern.

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2. Zu Recht stellt Norbert Lohfink die hohe Leistung Maria Luise Thurmairs heraus, eine deutschsprachige Version erstellt zu haben, die sogar Metrum und Reimschema des lateinischen Originals wiedergibt und die sprachlich und "atmosphärisch" als gelungen bezeichnet werden kann.4 Der Preis, den Thurmair dafür bezahlen musste, war freilich an vielen Stellen ein inhaltliches Abweichen von der Intention des Originaltextes. Um mehr Spielraum für die Wortwahl zu erhalten, habe ich das Reimschema AB - AB - AB zu AB - CB - DB vereinfacht. Es bleibt also nur der Reim am Ende jeder der drei Doppelzeilen erhalten.

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3. Will man eine theologisch und biblisch präzisere Fassung erstellen als die bislang im "Gotteslob" vorliegende, wird man nicht dasselbe hohe Maß an sprachlicher Eingängigkeit erreichen können. Wenn meine Übertragung an manchen Stellen sperrig erscheint, so ist dies also zunächst aus der Not geboren. Vielleicht können solche Erfahrungen beim praktischen Vollzug aber auch die Sensibilität dafür schärfen, dass eine fremdsprachige Vorlage zuallererst den Gesetzen ihrer eigenen Sprache folgt und sich daher niemals reibungslos in eine andere Sprache übertragen lassen kann.

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Ich stelle nunmehr jeweils das Original von Thomas von Aquin, dann die Fassung von Maria Luise Thurmair, schließlich meinen Übertragungsvorschlag vor.

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1. Pange, lingua, gloriosi

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1. Pange, lingua, gloriosi corporis mysterium,
sanguinisque pretiosi, quem in mundi pretium
fructus ventris generosi, rex effudit gentium.

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Das Geheimnis laßt uns künden, das uns Gott im Zeichen bot:
Jesu Leib, für unsre Sünden hingegeben in den Tod,
Jesu Blut, in dem wir finden Heil und Rettung aus der Not.

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Zunge, künde das Geheimnis: Christi Leib in Herrlichkeit,
Unser König hat vergossen Blut, das alle Welt befreit.
Er, die Frucht des edlen Schoßes, herrschet bis in Ewigkeit.

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Lohfink merkt an, dass im Original weder von "uns" die Rede ist (sondern nur eine Aufforderung an die lingua ergeht) noch direkt von der Eucharistie (sondern vom erhöhten Herrn).5 Ebenso fehlt bei Thurmair das Königsmotiv. Meine Fassung versucht diese Punkte zu berücksichtigen. Ein Problem stellt der Beginn der zweiten Zeile dar: "Unser" ist eigentlich nur Füllwort und kann zudem den Eindruck erwecken, hier würde der rex gentium für eine nicht näher spezifizierte 1. Plural vereinnahmt. Jedoch erscheint mir diese Lösung der gangbarere Weg gegenüber anderen Füllwörtern wie z.B. "Ja, der König..." oder "Seht, der König..."; zudem heißt es am Ende der Zeile "Blut, das alle Welt befreit" (also nicht nur "uns", sondern "alle Welt"; vgl. "in mundi pretium"). Will man das Motiv des "Völkerkönigs" noch deutlicher benennen, könnte man in der 3. Zeile auch singen: "Er regiert der Welten Völker, herrschet bis in Ewigkeit"; dann ginge allerdings die Anspielung auf Maria nach Lk 1,42 (und damit die Überleitung zur 2. Strophe) verloren. Das "Kaufpreis"-Motiv im Kontext des Blutes6 ist nicht so deutlich erkennbar wie im lateinischen Original, sondern wird nur im "befreien" angedeutet - womit aber durchaus der biblische Exodus-Topos zur Sprache kommt. Statt "Zunge, künde..." ließe sich mit selbem Recht auch "Zunge, preise..." sagen oder die Wortstellung des Originals beibehalten: "Preise/Künde, Zunge...".

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2. Nobis datus, nobis natus

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2. Nobis datus, nobis natus ex intacta Virgine,
et in mundo conversatus, sparso verbi semine,
sui moras incolatus miro clausit ordine.

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Von Maria uns geboren, ward Gott Sohn uns Menschen gleich,
kam zu suchen, was verloren, sprach das Wort vom Himmelreich,
hat den Seinen zugeschworen: Allezeit bin ich bei euch.

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Uns gegeben, uns geboren, ward er einer Jungfrau Kind,
streute aus die Saat des Wortes denen, die auf Erden sind,
bis am Ende seines Wirkens Staunenswertes er beginnt:

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Thurmair geht in dieser Strophe sehr frei mit dem Originaltext um; auch der in der letzten Zeile des lateinischen Originals angedeutete Übergang zur folgenden Strophe fehlt, die das Geschehen im Abendmahlssaal besingt. Ich habe mich daher hier umso mehr bemüht, die Motive des Originals möglichst getreu zu übertragen. Der schließende Doppelpunkt deutet den Zusammenhang zur folgenden dritten Strophe an, in der das "Staunenswerte" ausgeführt wird. Aus mora habe ich "Wirken" gemacht; hier käme statt "seines Wirkens" alternativ vielleicht "seines Lebens" oder dergleichen in Frage. Wollte man clausit noch deutlicher zur Geltung bringen, ließe sich in der dritten Zeile - etwas weniger eingängig - "bis zum Abschluss seines Wirkens" singen.7

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3. In supremae nocte coenae

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3. In supremae nocte coenae recumbens cum fratribus,
observata lege plene cibis in legalibus,
cibum turbae duodenae se dat suis manibus.

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Auf geheimnisvolle Weise macht er dies Versprechen wahr;
als er in der Jünger Kreise bei dem Osterlamme war,
gab in Brot und Wein zur Speise sich der Herr den Seinen dar.

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In der Nacht beim letzten Mahle saß er in der Brüder Schar.
Als nach Weisung des Gesetzes nun das Mahl zu essen war,
gibt der Herr mit eig'nen Händen sich den Zwölf zur Speise dar.

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Das Gerüst meines Übertragungsversuchs stimmt mit der Fassung im Trienter Gesangbuch "Unser Kirchenlied" überein.8 Ich habe dabei nur "Jünger" durch "Brüder" ersetzt (cum fratribus), in der zweiten Zeile statt "Vorschrift" "Weisung" verwendet9 und die im lateinischen Text nicht implizierte Chronologie vermieden, wonach zuerst das Lamm gegessen und anschließend die Eucharistie eingesetzt worden sein müsste. Schließlich ist in der dritten Zeile das erzählende Präsens übertragen (dat)10, die theologisch hochbedeutsame Zwölfzahl eingefügt (duodenae)11 und die Wörter der dritten Zeile insgesamt neu geordnet, um ein möglichst hohes Maß an Singbarkeit und Verständlichkeit zu erreichen.12 Observata lege plene fehlt bei Thurmair völlig; ebenso ist Thurmairs "macht er dies Versprechen wahr" (vgl. 2. Strophe) nicht nur ohne Bezug zum lateinischen Original, sondern auch exegetisch irrig.13

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4. Verbum caro panem verum

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4. Verbum caro panem verum verbo carnem efficit,
fitque sanguis Christi merum; et, si sensus deficit,
ad firmandum cor sincerum sola fides sufficit.

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Gottes Wort, ins Fleisch gekommen, wandelt durch sein Wort den Wein
und das Brot zum Mahl der Frommen, lädt auch die Verlornen ein.
Der Verstand verstummt beklommen, nur das Herz begreift>s allein.

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Wort ist wahres Fleisch geworden: Brot kann wahres Fleisch nun sein.
In der Kraft desselben Wortes wird zu Christi Blut der Wein.
Ist's den Sinnen auch verborgen, stärkt uns doch der Glaub' allein.

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Im Original gliedert sich der Text hier nicht in drei Drittel, sondern in zwei Hälften (der erste Satz endet genau nach drei Halbversen!). Dies zu übertragen war mir ebensowenig möglich wie die Wiedergabe der überwältigenden sprachlichen Dichte des gesamten ersten Verses. Das Gegensatzpaar "Verstand"/"Herz", dessen sich Thurmair bedient, mag zwar weit verbreiteter Frömmigkeit entsprechen, ist aber an dieser Stelle fehl am Platz: Im Original stehen sich vielmehr sensus und sola fides gegenüber. Dies habe ich zu übertragen versucht - um den Preis, dass nunmehr das Herz (cor) gar nicht mehr auftaucht und ad firmandum sich in "stärkt uns" versteckt.14

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5. Tantum ergo sacramentum

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5. Tantum ergo sacramentum veneremur cernui,
et antiquum documentum novo cedat ritui;
praestet fides supplementum sensuum defectui.

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Gott ist nah in diesem Zeichen: knieet hin und betet an.
Das Gesetz der Furcht muss weichen, da der neue Bund begann;
Mahl der Liebe ohnegleichen: nehmt im Glauben teil daran.

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Lasst uns also dieses Zeichen hingestreckt nun beten an.
Altes Vorbild möge weichen, da der neue Brauch begann.
Was die Sinne nicht begreifen, nehme doch der Glaube an.

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Die Aufforderung zur Anbetung richtet sich in meiner Fassung nunmehr - wie im Lateinischen - an die 1. Person Plural. An dem Wort "also" mag man Anstoß nehmen, wenn man nur (wie bei Eucharistischer Anbetung üblich) die Strophen 5 und 6 singt; jedoch stellt gerade ergo den Bezug zu den vorangehenden Strophen her.15 Antiquum documentum ist zum "alten Vorbild" geworden - Lohfink erläutert den Zusammenhang von documentum und docere: "Indem für das Osterlamm [...] der Aspekt des 'Lehrens' in den Vordergrund gerückt wird, erscheint es als ein Zeichen, das gegenüber den definitiv heiligmachenden Zeichen von Brot und Wein, nachdem diese da sind, zurücktreten muß. Es hat sie nur im voraus angezeigt, Denn unter 'lehren' ist hier natürlich so etwas zu verstehen wie 'prophetische Voranzeige sein'. Damit verliert das Osterlamm nichts von seiner Würde, und doch treten Brot und Wein an seine Stelle."16 Dass der Ausdruck "möge weichen" immer noch antijüdische Ressentiments evozieren könnte, steht leider zu befürchten. Vielleicht könnte hier "Altes Vorbild kann/darf nun weichen"17 oder Ähnliches eingesetzt werden, um eine solche Wirkung des Textes zu verhindern. "Ritus" übertrage ich mit "Brauch" (von "Neuem Bund" spricht Thomas nicht!). Die dritte Zeile greift wieder das Wortpaar Sinne - Glaube auf.

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6. Genitori Genitoque

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6. Genitori Genitoque laus et iubilatio,
salus, honor, virtus quoque sit et benedictio;
procedenti ab utroque compar sit laudatio.

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Gott dem Vater und dem Sohne singe Lob, du Christenheit;
auch dem Geist auf gleichem Throne sei der Lobgesang geweiht.
Bringet Gott im Jubeltone Ehre, Ruhm und Herrlichkeit.

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Gott dem Vater und dem Sohne sei der Lobgesang geweiht,
Freudenruf und Jubellieder, Ruhm und Segen allezeit,
und zugleich dem Heil'gen Geiste Ehre, Preis und Herrlichkeit!

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Hier bin ich mit der Vorlage am freiesten umgegangen. Weder genitori genitoque noch procedenti ab utroque vermochte ich ins Deutsche sachgerecht zu übertragen. Ich habe mich daher - ähnlich wie Thurmair - für eine einfach strukturierte trinitarische Doxologie entschieden und nur versucht, die vielen Substantive des Originals möglichst ausdrucksstark abzubilden.

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7. Schlusswort

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Der Versuch, diesen im wahrsten Sinne des Wortes genialen Hymnus ins Deutsche zu übertragen, wird nicht nur durch den Geschmack des Übersetzenden geprägt, sondern auch durch bewusste oder unbewusste Prioritätensetzungen: Melodie, Reim, biblische Anspielungen, theologische Aussagen, Wahl der rhetorischen Mittel, aber auch grammatische Verständlichkeit, sprachliche Klarheit und Singbarkeit lassen sich nicht alle im selben Maße wiedergeben. Norbert Lohfink selbst versteht ja seine Analyse als eine beispielhafte Anregung für die immer wieder neu zu klärende Frage, mit welchem Grund wir welche Prioritäten setzen beim Bemühen, durch Übertragung alter fremdsprachlicher Texte die Tradition für die heutige Praxis fruchtbar zu machen. Auf die Wichtigkeit dieser Frage kann nicht oft genug hingewiesen werden. Zugleich muss an konkreten Vorschlägen für die Praxis gearbeitet werden, denn der Vollzug von Glauben und Liturgie steht nicht still und kann nicht auf die vollständige Klärung hermeneutischer Vorfragen warten. Als ein solcher konkreter Vorschlag für die Praxis ist meine Übertragung des Pange lingua gemeint.18

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Anhang: Der vollständige Neuentwurf

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1. Zunge, künde das Geheimnis: Christi Leib in Herrlichkeit,
Unser König hat vergossen Blut, das alle Welt befreit.
Er, die Frucht des edlen Schoßes herrschet bis in Ewigkeit.

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2. Uns gegeben, uns geboren, ward er einer Jungfrau Kind,
streute aus die Saat des Wortes denen, die auf Erden sind,
bis am Ende seines Wirkens Staunenswertes er beginnt:

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3. In der Nacht beim letzten Mahle saß er in der Brüder Schar.
Als nach Weisung des Gesetzes nun das Mahl zu essen war,
gibt der Herr mit eig'nen Händen sich den Zwölf zur Speise dar.

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4. Wort ist wahres Fleisch geworden: Brot kann wahres Fleisch nun sein.
In der Kraft desselben Wortes wird zu Christi Blut der Wein.
Ist's den Sinnen auch verborgen, stärkt uns doch der Glaub' allein.

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5. Lasst uns also dieses Zeichen hingestreckt nun beten an.
Altes Vorbild möge weichen, da der neue Brauch begann.
Was die Sinne nicht begreifen, nehme doch der Glaube an.

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6. Gott dem Vater und dem Sohne sei der Lobgesang geweiht,
Freudenruf und Jubellieder, Ruhm und Segen allezeit,
und zugleich dem Heil'gen Geiste Ehre, Preis und Herrlichkeit!

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Anmerkungen:

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1 Norbert Lohfink: Das "Pange Lingua" im "Gotteslob". In: Bibel und Liturgie. Heft IV/2003. S. 276-285.

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2 Markus Himmelbauer und Roland Ritter-Werneck nennen diese Stelle im deutschen Text schlichtweg - und m.E. nicht zu Unrecht - eine "Verunglimpfung der Tora" (Markus Himmelbauer/Roland Ritter-Werneck: Israel und Erstes Testament in den Gesangbüchern der Kirchen. http://www.jcrelations.net/de/?id=882 [27.03.2008]).

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3 Gotteslob Nr. 543. Gebräuchlicher im deutschen Sprachraum dürfte allerdings die Melodie GL 541 sein, nach der im Gotteslob die "Tantum ergo"-Strophen 5 und 6 vertont sind.

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4 Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 277.

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5 Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 277.

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6 Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 280-281.

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7 Das Gebet- und Gesangbuch "Unser Kirchenlied" des Erzbistums Trient und des Bistums Brixen von 1950 kennt unter dem Titel "Preiset, Zungen" ebenfalls eine sehr gut singbare deutsche Übertragung des Pange lingua, die nur in den "Tantum ergo"-Strophen 5 und 6 das volle AB-AB-AB-Reimschema bewahrt und sich im Übrigen - so wie mein Versuch - auf AB-CB-DB beschränkt. Dort lautet die 2. Strophe: "Uns gegeben, uns geboren von der Jungfrau keusch und rein, / ist auf Erden er gewandelt, Saat der Wahrheit auszustreu'n, / und am Ende seines Lebens setzt er dies Geheimnis ein." ("Preiset, Zungen". Unser Kirchenlied. Diözesan-Gebet- und Gesangbuch des Erzbistums Trient und des Bistums Brixen. 3. Auflage 1950. S. 189. Nr. 149) - Der nicht namentlich ausgewiesene Übersetzer (m.W. handelt es sich hier um Heinrich Bone, eine entsprechende Angabe im Liederbuch fehlt aber) hat also auch hier "seines Lebens" verwendet. Beendete man die Strophe mit einem Doppelpunkt, wäre auch der Übergang zur dritten Strophe gut erkennbar.

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8 Vgl. oben, Fußnote 7. Dort heißt die 3. Strophe: "In der Nacht beim letzten Mahle saß er in der Jünger Schar, / als nach Vorschrift des Gesetzes nun das Lamm genossen war, / gab mit eigner Hand den Seinen er sich selbst zur Speise dar." - Meinen eigenen Übertragungsversuch habe ich hier zugunsten einer Variation der älteren Vorlage verworfen; er lautete ursprünglich: "Bei dem Mahl mit seinen Brüdern in des Osterfestes (oder: Paschafestes) Nacht, / folgend des Gesetzes Weisung, deren Wort er treu beacht', / gibt der Herr sich selbst den Zwölfen, da er sich zur Speise macht." - Vor allem der letzte Halbvers wirkt leider überaus hilflos.

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9 Dies scheint mir eher heutigem theologischen Sprachgebrauch zur Bezeichnung der Thora zu entsprechen, während das Wort "Vorschrift" womöglich zu negativ konnotiert sein könnte.

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10 Vgl. Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 278. - Im Deutschen entsteht nunmehr ein abrupter Übergang vom Präteritum (1. und 2. Zeile) zum Präsens (3. Zeile), der im Lateinischen durch die Verwendung von Partizipien so nicht gegeben ist. Als rhetorische Technik am Höhepunkt einer Erzählung scheint mir dies jedoch im Deutschen durchaus legitim. Empfindet man es als zu fremd, ließe sich in der 3. Zeile auch weiter das Präteritum verwenden ("gab der Herr mit eig'nen Händen...").

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11 Vgl. Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 282.

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12 Würde man auf diese Umgruppierung der Wörter der dritten Zeile verzichten, hieße die Strophe: "In der Nacht beim letzten Mahle saß er in der Brüder Schar. / Als nach Vorschrift des Gesetzes nun das Lamm genossen war, / gibt (gab) mit eigner Hand den Zwölfen er sich selbst zur Speise dar."

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13 Vgl. Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 282.

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14 Noch einmal sei das alte "Preiset, Zungen" angeführt: Hier ist es gelungen, den Text in zwei gleich große Teile à drei Halbverse zu gliedern (was leider durch die Satzzeichen verdunkelt wird), auch "sola fides" ist wörtlich übersetzt: "Und das Wort, das Fleisch geworden schafft durchs Wort aus Brot und Wein / Fleisch und Blut zur Opferspeise, sieht es auch der Sinn nicht ein: / Einem reinen Herzen g'nüget was ihm sagt der Glaub' allein." - Auch vermag diese Übertragung im Gegensatz zu der von mir vorgeschlagenen die Aussage der ersten Zeile, wonach "das Wort durch das Wort das Brot verwandelt", gelungen auszudrücken.

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15 Verloren geht nun allerdings tantum, auf dessen Bedeutung Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 279-280 eingeht. "Lasst uns dieses große Zeichen..." ließe sich problemlos singen, würde aber auf ergo als Bindeglied zu den vorigen Strophen verzichten.

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16 Lohfink: Das "Pange Lingua". S. 280. - Mit Entschiedenheit ist zu widersprechen, wenn behauptet wird, der Hymnus drücke eine "rejection of the Old Testament" aus (Joseph Szövérffy, A Concise History of Medieval Latin Hymnody. Religious Lyrics between Antiquity and Humanism. Leiden 1985. S. 107.). Dass freilich die Wortwahl der Thurmair-Fassung eine solche theologisch inakzeptable "rejection" nahelegen, kann bedauerlicherweise kaum bestritten werden.

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17 Vgl. hier das "Benediktinische Antiphonale" (Münsterschwarzach 1996): "Alten Festes Brauch kann weichen, da das neue Fest begann."

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18 Für einzelne wichtige Hinweise und Anregungen danke ich dabei Univ.-Prof. Dr. Reinhard Meßner, der mich schon vor längerer Zeit ermutigte, meinen Entwurf zu veröffentlichen.

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