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„Ich bin die Auferstehung und das Leben"
(Gedanken zum 5. Fastensonntag 2008 (Lesejahr A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt: Wenn wir an einem Grab stehen und einem lieben Menschen trauernd nachblicken, stellt sich uns oft die Frage nach dem Leben über den Tod hinaus. Besonders dann, wenn ein Mensch unserer Meinung nach zu früh sterben muss – jemand in den besten Jahren, oder gar ein Kind –, wünschen wir uns, dass Jesus ihn auferweckt, wie den Lazarus. Doch wir werden auf den letzten Tag vertröstet. Welche Antwort bietet uns unser Glaube auf dieses Leid?
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-03-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Ez 37,12b-14 (Röm 8,8-11) Joh 11,3-7.17.20-27.33b-45

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Liebe Gläubige,

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wenn wir an einem Grab stehen und einem lieben Menschen trauernd nachblicken, dann geht es uns vielleicht wie Martha und Maria. Wir glauben an die Auferstehung am Letzten Tag, wir möchten jedenfalls daran glauben; aber so richtig tröstet es uns nicht. Wir klagen und weinen wie Maria und die sie umstehende Menge. Besonders dann, wenn ein Mensch unserer Meinung nach zu früh sterben muss: jemand in den besten Jahren, oder gar ein Kind.

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Wie sehr würden wir uns da oft wünschen, was Martha und Maria geschenkt wurde: Jesus kommt zurück und ruft den Toten aus dem Grab. Er, der die Auferstehung und das Leben ist, vertröstet uns nicht auf den Letzten Tag, sondern tut sein Werk hier und heute an unserem Grab, um uns zu trösten. Warum lässt er stattdessen diesen Tod zu und zeigt sich nicht?

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Und doch, liebe Gläubige, mit etwas mehr Abstand, wenn uns gerade nicht der Tod plagt, sondern die Last des Lebens; wenn nicht ein junger Mensch im Grab, sondern ein kranker Mensch ans Bett gefesselt liegt und leidet, so mögen wir gerade umgekehrt denken: Was nützt es, dieses Leben noch zu verlängern? Wäre es nicht besser, es dürfte bald enden? Und letztlich: Kann Leben eigentlich unendlich weitergehen? Wird nicht sogar das schönste Leben irgendwann langweilig? Ist also ewiges Leben überhaupt etwas Erstrebenswertes? Viele Zeitgenossen denken „kurz und voll ausgekostet ist besser als lang und fad“.

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Der Tod stellt uns irgendwann vor diese Fragen, auch wenn wir sie lange vor uns her schieben mögen. Und was können wir antworten? Welche Antworten bietet uns unser Glaube an?

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Zunächst sagt er uns, dass die Auferweckung des Lazarus nicht unser wichtigster Bezugspunkt für den Umgang mit dem Tod ist, sondern die Auferweckung des Jesus. Jesu Auferstehung ist nämlich nicht einfach eine Wiederkehr in das Altbekannte, nach der alles so weitergeht wie bisher – und es daher auch irgendwann langweilig werden kann. Jesu Auferstehung ist eine Wiederkehr und doch auch ein Neuanfang: Er, der tot war, kommt zurück, aber er kommt auf verwandelte Weise. Achten Sie in den Osterberichten einmal darauf: Er ist es, er hat sogar die Wundmale, und doch ist er so verwandelt, dass man ihn nicht erkennt, dass er durch verschlossene Türen eintritt und sich erst zu erkennen geben muss; und er bleibt nicht, um sein irdisches Leben fortzuführen, sondern nur um seinen Auftrag zu beenden. Und so ist auch das neue Leben, das uns Jesu Tod und Auferstehung erwirkt, anders als das, das er Lazarus schenkt: es ist eine Verwandlung; wir werden wir selbst bleiben und doch so neu sein, dass wir es mit diesem Leben nicht mehr vergleichen können. Denn wir werden dann, so unser Glaube in die Fülle einer Liebesgemeinschaft mit dem ewigen Gott eintreten. Der Gedanke, dass dies langweilig werden könnte, scheint dann allerdings ziemlich abwegig. Aber: ist das nicht doch wieder eine Vertröstung auf den Letzten Tag? Wir sehen ja davon heute nichts.

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Auch hier unterscheidet sich Jesu Auferweckung von der Hoffnung der Martha: Nicht am Letzten, sondern am Dritten Tag ist er auferstanden. Seine Verwandlung geschieht nicht irgendwann, sondern mit gerade so viel Abstand, dass man gewiss sein kann: er war wirklich tot. Doch dann bereits geschieht die Auferweckung. Gott hat Jesus nicht auf den Letzten Tag vertröstet, sondern ihm bald ein neues Leben geschenkt – und doch ein Leben, das nicht die Fortsetzung des ewig Gleichen, sondern die Neueröffnung des immer wieder Spannenden und Wunderbaren ist. Und dafür gibt es Zeugen.

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Von deren Glaubwürdigkeit hängt es ab, ob unsere Hoffnung auf die Auferstehung nach unserem Tod Vertröstung oder wahre Hoffnung ist. Warum also sollen wir ihnen glauben? Vielleicht deshalb, weil sie die Realität und den Schmerz des Todes nicht wegschoben, sondern ihm mit großem Leid in die Augen geschaut haben. Vielleicht deshalb, weil sie ihre eigene Mitschuld am grausamen Tod Jesu nicht verleugneten, sondern sie in Reue akzeptiert und der Vergebung Gottes anvertraut haben. Vielleicht weil sie ihren eigenen Unglauben, ihre Zweifel und Schwierigkeiten, den Auferstandenen zu erkennen, nicht verschwiegen, sondern sie uns in den Evangelien überliefert haben. Weder aus sich noch aus Jesus haben sie furchtlose Helden gemacht, sondern sie konnten zugeben, dass sie und Jesus Angst hatten, massiv litten und der Tod sie zutiefst betroffen hat. Und dieser Realismus der Jünger und Jüngerinnen, wenn sie über Tod und Schuld sprechen, verbürgt uns ihren Realismus, wenn sie über Auferstehung und Vergebung schreiben.

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Wir dürfen uns also darauf verlassen: Unsere Verstorbenen sind von Gott auferweckt zu neuem Leben durch Christus. Sie leben nicht neben uns weiter, als wenn nichts geschehen wäre, sondern sie leben verwandelt und neu – in bisher ungekannter Gemeinschaft mit Gott und daher in ungekannter Fülle.

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Aber auch, wenn wir uns darauf verlassen, bleiben wir immer noch an den Gräbern stehen. Wir müssen ja doch noch auf den Letzten Tag warten, bis wir sie wiedersehen, zumindest auf unseren eigenen letzten Tag – und den hoffen wir ja meist, noch nicht so bald zu sehen. Was hilft das alles uns?

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Da glaube ich sagt uns das heutige Evangelium noch zwei wichtige Dinge: Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist einer, der durch unser Leid und unsere Trauer „im Innersten erregt und erschüttert“ (Joh 11,33) wird. Er steht nicht teilnahmslos und unerschütterlich über unserem Leid, er leidet es mit – vielleicht mehr als wir selbst. Und er steht mit uns – wie mit Martha und Maria – an jedem Grab und trauert mit uns. Jesu Gewissheit, dass Gott ihm die Macht über den Tod gegeben hat, hat ihn nicht für die Schrecken des Todes unempfindlich gemacht. Vielmehr hat er diese Macht nur richtig gebrauchen können, weil er die Schrecken des Todes selbst tief empfunden und letztlich auch erlitten hat. Nur wer über jeden Tod trauern kann, kann vergeben wie Jesus anstatt Vergeltung zu verlangen.

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Und ein Letztes: Jesus schenkt dem Lazarus sein Leben zurück, sein normales irdisches Leben. Er schenkt ihm die innere Kraft des Lebens und lässt den Stein wegnehmen, der sein Grab verschließt. Doch dann muss Lazarus selbst aktiv werden. „Lazarus, komm heraus!“ (Joh 11,43) Verkriech dich nicht länger in Angst und Selbstmitleid, steht auf, geh auf eigenen Beinen! Und es kommt jemand zum Vorschein, der zum Begräbnis bereitet ist; doch für einen Lebenden ist das gleichbedeutend damit, gefesselt und blind zu sein. So vieles fesselt uns oft in unserem Lebensmut und macht uns blind für die Möglichkeiten dieses Lebens; und wir leben, als seien wir schon im Grab. Diese Fesseln lässt Jesus abnehmen: „Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!“ (Joh 11,44) Befreit ihn und lasst ihn seinen eigenen Weg in Freiheit gehen.

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Jesu Botschaft für die noch hier Lebenden ist mindestens ebenso überwältigend und transformierend, wie die für die Verstorbenen: Der Sohn Gottes befreit uns, unser Leben selbstbestimmt zu gestalten, befreit von den Fesseln, die andere uns angelegt haben; befreit vom Tod durch eigene Furcht und Trägheit. Vielleicht sollten wir gerade dann, wenn wir selbst niedergeschlagen sind und uns in Sackgassen empfinden, Jesus rufen hören: „Komm heraus und lebe!“

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