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[Gu:gl 'got]-Community
(Predigt in der Jesuitenkirche, am 27.Jänner 2008)

Autor:Scheuer Manfred, Bischof der Diözese Innsbruck
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-01-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Am 21.1.2008 wurde der Abschluss der Special Olympics in der Maria Theresienstraße gefeiert. Begrüßt wurde die „Community“ dieser Spiele, dazu gehörten die behinderten Sportler, die mit Begeisterung und Herz bei der Sache waren, 400 Jugendliche Volunters, die für fast eine Woche ihre Freizeit einsetzten und die Organisatoren. Spiele mit Herz waren es, eine Community war durchaus zu spüren.

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['gu:gl 'got] – „Junge Exerzitien im Alltag. Die etwas andere Suche nach Gott beginnt in der Fastenzeit 2008. Und du kannst dabei sein. Werde ['gu:gl 'got]-Guide und gründe mit ein paar Jugendlichen deine eigene ['gu:gl 'got]-Community.“ So ist es auf der Homepage der Diözese Innsbruck zu lesen. Hat nicht jedes Medium seine eigene „Community“? Ö1 hat einen Club, Ö3 seine eigene „Gemeinde“. Wollen Medien, und das gilt für Zeitungen, Radio und Fernsehen wie für das Internet, eigene Identitäten, Zugehörigkeiten und Vernetzungen schaffen?

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In der Kirche hatten Worte wie Gemeinde, Gemeinschaft, Gruppe eine fast mystische Anziehungskraft. Nicht selten waren es die Summarien der Apostelgeschichte, die als Ideal kirchlicher Gemeinschaft vor Augen geführt wurden: „Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. … Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.“ (Apg 2,44-46) „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.“ (Apg 4,32f.) Beim Hören dieser idealen Zustände kommen dann rasch der Frust über die gegenwärtigen Zustände, die Enttäuschung über die real existierende Kirche, die Aggression gegenüber den verantwortlichen Personen und Institutionen. Gemeinde, Gemeinschaft, Community, das sind durchaus ambivalente Größen. Sie haben ihre Anziehungskraft und auch ihre heilende Wirkung. Sie sind aber auch auf Dauer anstrengend geworden. In Langzeitgemeinschaften wie in Pfarrgemeinden oder auch in Orden ist es mühsam, jeden Tag oder jeden Sonntag neben einem zu sitzen, den man nicht riechen kann. Die konkrete Kirche ist wie die Urgemeinde und die ersten Gemeinden des Paulus nicht eine Gemeinschaft von ausschließlich Gesunden und Reifen, sondern eine höchst gemischte Gesellschaft. So sind auch die real existierenden Gemeinschaften kein Paradies. Die ideale Kommunikation gehört dem Gespensterreich an. In der konkreten Wirklichkeit gibt es gestörte, zerstörende und zerstörte Beziehungen, Behinderungen, Belastungen, Kränkungen, Machtverhältnisse im Miteinander. Da ist die Sehnsucht nach Beheimatung und die Beziehungslosigkeit in der Realität. Oder noch schlimmer: die anderen sind die Hölle. Und dann gibt es gar nicht so wenig Wehleidigkeit, das Verliebtsein in die eigene Traurigkeit, das lähmende Ressentiment, der „vittimismo“, das Zelebrieren des eigenen Opferstatus. Kränkungen und Beleidigungen werden als Druckmittel eingesetzt.

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Wenn wir die Apostelgeschichte insgesamt lesen und von ihr her unsere kirchlichen Erfahrungen deuten, so kommen viele Parallelen: „Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, so dass sie (Paulus und Barnabas) sich voneinander trennten.“ (Apg 15,39). Wenn wir die Zeugnissen der ersten Gemeinden genauer anschauen, so gibt es da Machtfragen, Drangsale, Konflikte, Auseinandersetzungen, Eifersucht, Neid, Zu kurz Kommen, Kleiderfragen, Ritusstreitigkeiten, Genderthemen, Probleme mit der Gemeindeordnung, mit der Prophetie, Auseinandersetzungen um Ehe und Ehebruch, Individualisierungstendenzen, Geld und Solidarität, Glaubensfragen usw. Es gibt Tratsch auf dem Areopag (Apg 17,21), dann wird Mut zugesprochen (Apg 16,40), da gibt es das Stärken der Brüder (Apg 18,23). Beim Abschied fielen alle Paulus um den Hals, brachen in Weinen aus und küssten ihn (Apg 20, 36-38)

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Die neurotischen Verzerrungen und Behinderungen sind bei Paulus Material der Communio. Er rühmt sich seiner Schwächen (2 Kor 12,9; 1 Kor 1,18-31). Es wäre gerade die Herausforderung, mit den Licht- und mit den Schattenseiten, mit den Rosen und Neurosen beziehungsreich umzugehen. Basis ist nicht das Nettfinden. Mit denen, die da sind, muss man zu Rande kommen.

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Johannes Paul II. skizziert in seinem Apostolischen „Novo millennio ineunte“ vom 6.1.2001 eine Spiritualität der Gemeinschaft: „Die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft machen, darin liegt die große Herausforderung. …Vor der Planung konkreter Initiativen gilt es, eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern. … Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um „einen, der zu mir gehört“, damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen. … Spiritualität der Gemeinschaft heißt schließlich, dem Bruder „Platz machen“ können, indem „einer des anderen Last trägt“ (Gal6,2) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus, Misstrauen und Eifersüchteleien erzeugen. Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, dass diese sich ausdrücken und wachsen kann.“1

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So darf eine christliche Gemeinschaft keine geschlossene Gesellschaft sein, kein integralistisches Konstrukt sein. Eine christliche Gemeinschaft ist offen auf das je größere Geheimnis Gottes. Man riecht es den Räumen einer Gemeinschaft an, ob darin gebetet wird, ob Anbetung geschieht, ob es Zonen des Schweigens und des gemeinsamen Hörens gibt. Gemeinde und Kirche leben vom Hören auf das Evangelium. Die Kirche ist ein Geschöpf des Wortes Gottes. Und Gemeinde und Kirche werden durch die Eucharistie aufgebaut.

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Eine christliche Gemeinschaft ist offen für Arme und Schwache: „Der Ausschluss des Schwachen und Unansehnlichen, des scheinbar Unbrauchbaren aus einer christlichen Lebensgemeinschaft kann geradezu den Ausschluss Christi, der in dem armen Bruder an die Tür klopft, bedeuten.“ 2 Eine christliche Gemeinschaft muss etwas Anziehendes für andere, für Fremde und Gäste sein. Darum sollten auch Einladungen zur Teilnahme am Gebet, an Festen, an Mahlzeiten ergehen (Gastfreundschaft). Das ist auch das beste Mittel, nicht im eigenen Saft zu verschmoren.

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Im Glauben sind nicht alle gleich unterwegs. Da gibt es Kinder und Erwachsene, manchmal Infantile und Pubertäre, Anfänger und Fortgeschrittene, da gibt es Sarkiker, Psychiker und Pneumatiker, jene, die stärker im Sozialen sind und andere, die spirituell tief bohren. Hierzulande sind recht viele bei den Vollzügen der Volksfrömmigkeit dabei, das Wort von der Nachfolge aus dem Evangelium wird nicht so oft auf das eigene Leben angewendet. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mit dem Hinweis auf die Gleichheit aller argwöhnisch darüber gewacht wird, dass nichts Neues entsteht oder ein eher niederes Niveau von Nachfolge zur Norm erhoben wird.

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Gemeinschaften, Gemeinde und Kirche leben von Stellvertretung und Zeugnis. Sicher sind leibliche Bedürfnisse (Brot, Gesundheit, Leben) sind für die Botschaft Jesu nicht zu gering, um vor Gott hingetragen zu werden. In diesem Sinn muss es kirchliche „Dienstleistungen“ und „Angebote“ für Menschen in ihren Bedürfnissen, in ihren Suchbewegungen und Nöten geben. Bedürfnisse gehören zum Leben, sie sind aber ambivalent. Nach Abraham Joshua Heschel sterben mehr Menschen an Bedürfnisepidemien als an Krankheitsepidemien.3 In einer technologisch orientierten Gesellschaft tendieren auch geistliches Leben, Gebet und Liturgie dahin, eine Funktion zu erfüllen. Wer nur um die eigene Befindlichkeit und um die eigenen Bedürfnisse kreist, verlernt die Sehnsucht. In einer „Bedürfnisgesellschaft“, in der Gott vielleicht noch als Mittel zur Kontingenzbewältigung, als Lückenbüßer oder als ästhetisches Stilmittel gebraucht wird, hat die christliche Hoffnung nur wenig Chancen.

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Jesus ist der der treue und wahrhaftige Zeuge (Offb 3,14). In seinen Worten der Zuwendung und Versöhnung, der Vergebung und des Trostes, in seinem Ruf zur Umkehr, in seinem Anspruch und in seinem Ruf zur Nachfolge, in seinen Taten, in seiner Praxis des Mahlhaltens wird das Reich Gottes erlösend und befreiend, personal und sozial, psychisch und leiblich sichtbar. Jesu Leben, Tod und Auferstehung bezeugen die Treue und Irreversibilität des Bundes Gottes mit den Menschen. Jesus der Zeuge beauftragt wiederum Menschen zum Zeugnisgeben. Gnade ist Mittun-Dürfen am Werk der Erlösung (vgl. 1 Kor 3,9; 2 Kor 6,1). Zum Zeugnis und zum Mitvollzug von Erlösung gehört Stellvertretung. Dabei geht es um die Option der Hoffnung und der Liebe in vergifteten, verfahrenen und ausweglosen Situationen, in einer Umgebung der Gleichgültigkeit und der Ablehnung. Der Einsatz des Zeugen hängt nicht davon ab, ob alle gleich mittun. Gerade Gerechtigkeit, Friede, Gebet, Solidarität mit den Armen werden durch konkrete Menschen und nicht durch einen Appell an eine allgemeine Anonymität gegenwärtig. Auch Gemeinden oder Jugendgruppen leben, wenn es Anstifter gibt, wenn um Zeugen herum etwas wächst. Entscheidend für kirchliche Strukturen sind konkrete Personen mit einem Gesicht, Zeugen des Lebens und des Glaubens.

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Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

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Anmerkungen:

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1 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Novo millennio ineunte“, Rom 2001, Nr. 43.

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2 Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben. Mit einem Nachwort von Eberhard Bethge, München 1979, 29.

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3 Abraham Joschua H eschel, Man is not Alone. A Philosophy of Religion, New York 1993, 182.

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