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Die Gnade des Vergebens

Autor:Rotter Hans
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Christliche Innerlichkeit 2/1998, 61-64. Wien 1998.
Datum:2001-10-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Unsere Tradition hat den Gedanken der Vergebung oft zu sehr nur auf das Verhältnis des Menschen zu Gott bezogen, während die zwischenmenschliche Vergebung unbeachtet blieb. In der Bibel hängt beides eng zusammen:

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"Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so las deine Gabe dort vor dem Altar liegen; gehe und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe." (Mt 5,23f).

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Im protestantischen Siebenbürgen gab es den Brauch, dass man einige Male im Jahr vor dem Empfang des Abendmahles zu allen Hausgenossen und zu den nächsten Nachbarn ging und um Vergebung für etwaige Verfehlungen gebeten hat. Bei Katholiken hat offenbar der Empfang des Bußsakramentes dazu beigetragen, dass das Bemühen um die zwischenmenschliche Vergebung vernachlässigt wurde, obwohl ja die Beichte das persönliche Bemühen um Wiedergutmachung nicht ersetzt, sondern eher voraussetzt. Das Bemühen um eine Kultur der Versöhnung wäre von großer Wichtigkeit. Alles Gebet um Vergebung, das wir an Gott richten, verlangt auch den Willen zur Vergebung und Versöhnung mit dem Mitmenschen: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

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Moraltheologische Überlegungen zur Vergebung

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Die Vergebung betrifft den Übeltäter: Wenn jemand Unrecht getan hat und ihm die andern nicht verzeihen, ist die zwischenmenschliche Kommunikation weithin blockiert und zerstört. Der Übeltäter kann zwar tun als ob nichts gewesen wäre. Aber wenn die andern bei ihrer Verurteilung und Ablehnung bleiben, dann ist er nicht nur faktisch isoliert, sondern er hat auch das Bewusstsein, daran selbst Schuld zu sein. Er erlebt den Unwert seines Tuns und Seins, er verliert die Kraft, vertrauensvoll sein Leben zu führen und auf andere zuzugehen, er erfährt den Unwert des Bösen und die Ohnmacht zum Guten. Er kann die gute Beziehung zu dem, dem er Unrecht angetan hat, nicht aus eigener Kraft wiederherstellen. Er ist darauf angewiesen, dass der andere zur Versöhnung bereit ist und ihm vergibt.

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Die Verantwortung des Vergebenden

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Der Vergebende kann die Beziehung zum Übeltäter wieder eröffnen. Verweigert er die Vergebung, dann belastet es ihn auch selbst, dass er in einer weiterdauernden Gegnerschaft oder Feindschaft lebt. Wer die Vergebung verweigert, erfährt sich selbst als lieblos und sieht damit die Nähe zum Guten und zu Gott gefährdet. Menschen, die nicht mehr vergeben wollen, sind doppelt betroffen: Nicht nur durch das Unrecht, das ihnen zugefügt wurde, sondern auch durch das Festhalten an ihrer Unversöhnlichkeit.

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Für das geistliche Leben ist die Frage der Vergebung von großer Bedeutung. Wenn man jemandem nicht vergibt, der einem vielleicht nahe steht, dann ist das eine Art innere Blockade, die die spirituelle Weiterentwicklung hemmt. Man mag sich dann einreden, dass man doch einen guten Willen hat. Aber in Wirklichkeit verhärtet man sein Herz und macht es insoweit für Gottes Gnade unzugänglich. Es ist also nicht ein Werk der Übergebühr, im Bewusstsein der eigenen Unschuld dem andern zu vergeben, sondern ein Gebot der Liebe, an dem man durch Unversöhnlichkeit sehr schuldig werden kann. Die Beziehung zu Gott

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Dem Nächsten vergeben bedeutet eine Umkehr des Herzens und damit ein Offenwerden für Liebe gegenüber dem Mitmenschen und gegenüber Gott. Der Mensch findet wieder Mut, ja zu sagen zur Liebe, an Gott zu glauben und auf ihn zu vertrauen. Wer hingegen Vergebung verweigert, entscheidet sich für die Aufrechterhaltung des Unfriedens sowohl gegenüber dem Mitmenschen als auch gegenüber Gott. Das gibt inneren Frieden. Wenn man einem andern vergibt, kann einen das selbst im Innern richtig froh machen. Auch wenn es oft Selbstüberwindung verlangt und man lieber an einer trotzigen Verweigerung festhalten würde, Vergeben bedeutet einen großen Gewinn.

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Freilich kann der Mensch nicht aus eigener Kraft dem Mitmenschen vergeben und sich dadurch gleichsam die Vergebung Gottes erzwingen. Die Fähigkeit zur Vergebung setzt ja immer Erfahrung von Liebe und Vergebung bereits voraus. Das setzt auch voraus, dass man Gott erkennt in seiner Liebe und seiner Treue und in seinem Erbarmen und dadurch auch Gott gegenüber die Kraft zur Liebe findet. Wer diese Grunderfahrungen verleugnet, kann auch dem Mitmenschen nicht vergeben. Dabei folgen Gottesliebe und Nächstenliebe nicht fein säuberlich hintereinander her, sondern durchdringen sich gegenseitig. Bedingungen der Vergebung

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Sicher ist es ein Zielgebot des NT, immer wieder zu vergeben (Mt 18,21f). Das kann aber nicht heißen, dass man unabhängig davon vergeben soll, wie sich der andere zu seiner Schuld verhält. Denn wenn der andere bösen Willens an seinem Unrecht festhält, hat Vergebung für ihn letztlich keinen Sinn. Natürlich soll man versuchen, das Angebot der Vergebung zu machen und den andern zur Versöhnung einzuladen. Wenn er sich aber dem widersetzt, muss schließlich auch der böse Wille respektiert werden. Natürlich soll man dann nicht auch selbst böse und ungerecht werden gegenüber dem andern, aber eine volle Versöhnung ist dann nicht möglich. Immer-wieder-Vergeben bedeutet also, dass man immer wieder zur Vergebung bereit sein soll, immer wieder Initiativen setzen soll, um sich mit dem andern zu versöhnen; aber wenn dieser die Versöhnung ablehnt, muss man das zur Kenntnis nehmen. Man kann dann zwar innerlich verzeihen, aber nicht zum vollen Frieden kommen.

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Eine zweite Bedingung der Vergebung bezieht sich auf den Unterschied zwischen böser Willenshaltung und psychischer Unfähigkeit. Vergebung betrifft eine Freiheitstat des andern, von der sich dieser selbst distanziert. Wenn hingegen der andere aufgrund einer psychischen Fehlentwicklung Übles getan hat, dann kann man ihm zwar seinen bösen Willen vergeben, aber dadurch wird seine psychische Fehlentwicklung nicht korrigiert. Man kann ihm deshalb nicht von heute auf morgen zutrauen, dass sich nun dieser Fehler nicht mehr zeigen wird. Würde man etwa jemandem, der große Geldsummen unterschlagen hat, mit der Verzeihung auch wieder die Verwaltung solcher Summen übertragen, wäre er vielleicht durch das Vertrauen überfordert, würde der Versuchung nicht standhalten und rückfällig werden. Bereitschaft zur Versöhnung verlangt durchaus eine realistische Einschätzung, ohne dass man dem andern jede Fähigkeit absprechen soll, an sich zu arbeiten und sich zu bessern. Man soll ihm eine neue Chance geben, aber die Entwicklung wird nicht in Sprüngen geschehen, sondern nur im Rahmen dessen, was auch psychologisch möglich und wahrscheinlich ist. Man muss sich also gegenseitig auch Zeit lassen, seine Fehler zu überwinden.

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Es ist ein Zeichen menschlicher Reife, dass man nachgeben und verzeihen kann. Allerdings soll Nachgiebigkeit nicht die Form von Charakterlosigkeit annehmen, bei der man seine Selbstachtung preisgeben würde.

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Wichtig ist, dass man die Schuld des andern nicht überschätzt. Man soll verstehen, dass das Handeln des andern weithin aus einer Vorgeschichte erwächst, für die er selbst nicht unbedingt viel kann. Ein Kind, das sehr lieblos erzogen worden ist, wird sich schwer tun, andern gegenüber gut und liebevoll zu sein. Nimmt man ihm aber diese Art übel, dann erschwert man die gegenseitige Beziehung. Besonders erschwert man es dem andern, weil er spürt, dass man ihn auf eine bestimmte Rolle festlegt. Das Bemühen um ein wirkliches Verstehen des andern ist ein erster, oft der entscheidende Schritt zu Versöhnung. Verstehen macht es möglich, den andern aufrichtig zu bejahen und anzunehmen, was für dessen Selbstbejahung von großer Wichtigkeit ist.

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Wenn man dem andern wirklich helfen will, dürfte es nicht darum gehen, ihn für sein Fehlverhalten immer wieder zu strafen und ihm Ablehnung zu signalisieren. Das würde ihn nur mutlos machen und in seiner Lieblosigkeit bestärken. Man müsste im Gegenteil versuchen, zu ihm besonders verständnisvoll und gut zu sein. Dadurch hilft man ihm, mehr an sich zu glauben, sich anzunehmen und auch zu andern freundlicher zu sein. Vergebung ist "die Gestalt, welche die Liebe annimmt, wenn ihr Unrecht geschieht". (R. Guardini, Der Herr. Würzburg 1937, 406).

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Zum Verhältnis von Vergebung durch Gott und Vergebung durch den Mitmenschen

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Vergebung durch Gott, etwa im Bußsakrament, ersetzt nicht einfach das Bemühen um mitmenschliche Versöhnung, sondern fordert dieses. Dabei ist folgendes zu bedenken:

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- Die Vergebungsfähigkeit des Mitmenschen ist begrenzt aufgrund psychischer Unfähigkeit, moralischer Schuld, aufgrund seiner bisherigen Lebensgeschichte oder auch weil eine Begegnung mit demjenigen, dem man grollt, aus irgendwelchen Gründen gar nicht mehr zustande kommen kann.

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- Die Fähigkeit zur Vergebung gründet in der Erlösung durch Gott. In ihm gründet alle Fähigkeit zum Guten; die Vergebung setzt aber in besonderer Weise die Überwindung der eigenen Schuld voraus. Wo das Herz hart ist, ist es auch kaum fähig, sich für einen andern zu öffnen. Vergeben setzt also die eigene Bekehrung voraus.

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- Die Vergebung Gottes begründet und überbietet alle menschliche Vergebung. In letzterer bleibt fast immer ein Rest von Unversöhnlichkeit. Wenn jemand in der Beichte bekennt, dass er einen Mitmenschen abgelehnt hat, dann kann ihm diese Sünde nur soweit vergeben werden, wie er diese Ablehnung auch innerlich überwindet.

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- Das Zeichen der Versöhnung durch Gott ist das Bußsakrament. Hier wird dem Beichtenden nicht nur ein zwischenmenschliches Gespräch angeboten, sondern im Namen Gottes der Zuspruch der Vergebung erteilt. Das gibt Kraft und Gnade, wieder neu anzufangen.  

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