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Der Sündenfall von Dogville. Interpretation von Lars von Triers Film aus einer dramatisch-theologischen Perspektive

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-02-12

Inhalt

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1. Dogville: Abrechnung mit dem Christentum?

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Dass Lars von Trier mit Dogville1 einmal mehr christlich-religiöse Themen aufgreift, ist wohl nicht zu bestreiten. Grace, die sich auf der Flucht vor Gangstern in das Provinznest Dogville verirrt und sich dort den Bewohnern rückhaltlos anbietet, steht schon mit ihrem Namen für Gnade. Was Dogville nach Toms Vorstellungen zur „moralischen Aufrüstung“ braucht, ist ein Geschenk. Und als Geschenk bietet Grace sich an, – liebevoll und rückhaltlos. Diese Selbsthingabe und die daraus sich ergebende Leidensgeschichte erinnern an das Schicksal des Gekreuzigten.2 Das Blutbad, das Grace am Schluss des Films anordnet, irritiert christliche Interpreten, während es von religions- und christentumskritischen Rezensenten emphatisch begrüßt wird: als Lars von Triers längst fällige Distanzierung von seinen früheren „Katholiken-Sadomaso-Filmen“ und als seine Abrechnung mit dem katholischen Christentum insgesamt.

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Die Rezension von Andreas Thomas – „Dogville, Jesus schlägt zurück“3 – nimmt sich hier kein Blatt vor den Mund: „Trier rechnet – vermittelst der zur Debatte gestellten Christus-Figur Grace – ab, nicht nur mit einer unmoralischen Welt, sondern auch mit einer Geisteshaltung der Toleranz und Vergebung, die es sich in ihrem selbstgefälligen Leiden bequem macht, sich geradezu darin gefällt, und gleichzeitig den Menschen Unrecht tut, weil sie ihnen die eigene Verantwortlichkeit für ihr Handeln nicht abverlangt und zugesteht, indem sie sie nicht zur Rechenschaft zieht. Die Mitmenschen sind für den Vergebenden nicht ebenbürtig, nicht gleichwertig. Die Politik der Vergebung ist deshalb eine ungerechte und egoistische, weil sie die Menschen nicht für voll nimmt – und im Kern ist sie sogar deshalb eine nicht einmal christliche, weil sie ja eigentlich nicht einmal daran glaubt, dass die Menschen sich bessern können...

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Und hier beginnt der interessanteste Teil des Films, weil von Trier endlich einmal damit anfängt, die Grundzüge und Konsequenzen der christlichen Lehre, die er in seinen Filmen immer wieder in verschiedenen Varianten verarbeitet, reflektiert hat, zu kritisieren, oder besser: innovativ weiterzudenken. Bisher waren Triers Glaubens-Parabeln bis hin zum blanken Horror (Horror, ein nicht zu unterschätzender Bestandteil christlicher Herrschaft: am sichtbarsten am Kruzifix) innerhalb der Evangelien des Neuen Testaments befangen, nun scheint er bei Nietzsche nachgeschlagen zu haben, denn der Vorwurf der christlichen Arroganz und Ungerechtigkeit könnte ähnlich auch von Nietzsche stammen. Sein Schritt einer kritischen Distanz zum christlichen Urprinzip der Feindesliebe muss für Trier einiges bedeutet haben. Dieser Schritt ist für den Katholiken Trier mindestens ein emanzipatorischer, in Anbetracht der letzten Filme Triers aber geradezu revolutionär. [...]

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Trier ist endlich richtig wütend geworden. Er hat sich endlich – wenigstens ein paar herzerfrischende Filmminuten lang – von diesem selbst als „arrogant“ bezeichneten Vergebungs- und Leidensprinzip befreit. Die Wucht der Rache von Dogville steht auch im direkten Verhältnis zum unmenschlichen Grad des Leidens der „goldenen Herzen“ aus den letzten Trier-Filmen. [...]

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Weil Dogville das Scheitern des christlichen Gottes darstellt, impliziert der Film eine Abkehr vom Glauben an einen väterlichen Gott mit seinen schwachen, ewigen Kindern, und so auch eine Kritik an fundamentalen moralisch-religiösen Paradigmen einer Gesellschaft, die ihre Kultur aus christlichen Werten erschaffen hat, und (paradoxerweise) die Zuwendung zu einem Glauben, eher aber ein Appell, an eine erwachsene, sich selbst gegenüber verantwortliche, Menschheit.“4

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Ist der brutale Schluss von Dogville bloß die private Rachephantasie eines eigenwilligen Regisseurs und mithin ohne theologische Bedeutung? Thomas meint, der Schluss ist konsequent christlich: Er thematisiert die apokalyptische Wiederkunft des auferstandenen Herrn, der – wie Grace im Auto neben ihrem Vater, dem „Godfather“-Mafiapaten – gemäß dem Glaubensbekenntnis „zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“ sitzt; „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Thomas zieht die Konsequenz: „Dogville ist also nichts anderes als eine Verfilmung dessen, woran jeder bekennende Christ glaubt.“

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Thomas unterstellt damit, dass das Christentum mit seiner jesuanische Leidensspiritualität letztlich in potenzierte Gewalt mündet und legt dazu den Finger auf seine eschatologischen und apokalyptischen Vorstellungen. Christen und TheologInnen wird das schon vom unterstellten Ergebnis her indiskutabel erscheinen, – ein weiterer Stoß in das schon von Jan Assmann penetrant traktierte modische Horn der Gleichsetzung von Christentum und Gewalt. Trotzdem: Auch wenn Thomas in ärgerlicher Weise antichristliche Stereotype bedient, ist seine Kritik nicht ohne jeden Anhalt. In der Johannes-Apokalypse ist es das „Lamm, wie geschlachtet“, das allein fähig ist, die versiegelte Buchrolle zu öffnen (vgl. Offb 5). Und was folgt auf die Öffnung der Siegel? – maßlose Gewalt. Ist damit auch über das letzte Buch der Bibel zu schreiben, was Andreas Thomas zu Dogville titelt: „Jesus schlägt zurück?“ – Zwei Dinge wird man hier als Theologe zugestehen müssen: erstens, dass es tatsächlich viele Christen gibt, die mit solchen Vorstellungen sympathisieren; zweitens, dass die neuere Theologie sich mit den hier zur Debatte stehenden Fragen – etwa der Hermeneutik von Apokalypse und biblischen Gerichtstexten – nur wenig befasst.

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Zum ersten: Es gibt ein fundamentalistisches Christentum, das populäre Gewalt- und Rachewünsche biblisch unterfüttert und auf diese Weise politisch hochbrisant ist. Die Vorstellung, Gott das Gericht zu überlassen (vgl. Röm 12,20) wandelt sich allzuleicht zur arroganten Bereitschaft, Gottes strafenden Arm – tatkräftig oder durch unterlassene Hilfe – zu unterstützen. Anklänge an einen bestimmten Amerikanismus sind hier unabweisbar. Und damit sind wir mitten in zwei Bezügen, die für eine Deutung von Dogville zweifellos maßgeblich sind: Arroganz und Amerika. Drei Themen wären demnach in Dogville eng miteinander verflochten: Arroganz, Amerika und Christentum. Allerdings entlarvt der Film nicht – wie Thomas frohlockt – das Christentum an sich, sondern seine arrogante Pervertierung, die in Amerika, aber nicht nur in Amerika, gefährlich wirkmächtig ist. Dabei gibt Dogville alles andere als eine billige Karikatur. Im seinem ersten Teil – bis zu den Feierlichkeiten am vierten Juli – erschließt der Film auf bewegende Weise zentrale Einsichten von christlichem Heils- und Gnadenverständnis. Der zweite Teil gibt eine theologisch höchst bedenkenswerte Darstellung eines selbstverschuldeten Gnadenverlustes, – geradezu eine Bild-Theologie des Sündenfalls. Der dritte Teil inszeniert die Perversion von christlicher Idealität in destruktive Gewalt. Alle drei Teile sind eng miteinander verwoben, – so wie ja auch im Leben das Böse nicht einfach offen liegt, sondern eng verwoben oft mit dem Besten ist. Das macht den Film zu einer Herausforderung für die Theologie, deren zentrale Aufgabe doch die Unterscheidung des Christlichen ist.5

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Lassen wir uns nun von dem Film durch seine drei wesentlichen Etappen durchführen. Jede dieser Etappen bezieht sich dabei auf einen anderen Bereich der Theologie:

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1. Kapitel 1-5 mit der schließlich freundlich verlaufende Aufnahme von Grace ist gnadentheologisch relevant.

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2. Die Wende zu einer zunehmend feindlichen und ausbeuterischen Beziehung der Stadtbewohner zu Grace (Kapitel 5-8) enthält in nuce eine Theologie des Sündenfalls.

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3. Die abschließende Zerstörung Dogvilles bezieht sich auf eine Theologie des Gerichts.

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2. Theology of „Grace“ (Dogville, Kapitel 1-5)

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Zur Zeit der Ankunft von Grace präsentiert sich Dogville als Provinznest mit spießbürgerlichen Einwohnern. Gemäß der Analyse von Tom, Dogvilles selbsternanntem Seelendoktor, krankt die Stadt an einer mangelnden Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen. Symptomatisch dafür sei deren Unfähigkeit, Geschenke anzunehmen.6 Schnell zeigt sich, dass auch Tom – ohne es zu ahnen – an derselben Schwäche laboriert. Träumerisch sieht er sich in der Rolle des schriftstellernden Weltverbesserers, der andere beglückt, ohne selbst bedürftig zu sein. Durchwegs wird deutlich, dass er für das, was er an anderen beanstandet, im Hinblick auf sich selber blind ist. Demgemäß verhält er sich anderen gegenüber herablassend und manipulativ. Von Grace wird er deshalb als arrogant bezeichnet.

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Grace liefert sich Tom und in der Folge den anderen Bürgern von Dogville rückhaltlos aus. Ganz im Sinne von Toms gewünschter „Veranschaulichung“ bringt sie sich als „Geschenk“ dar,7 – äußerlich in Form von angebotener Arbeitskraft, die zunächst niemand zu brauchen meint, aber dann doch jeder gern entgegennimmt, und zwar mit zunehmender Freude.

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Die anfangs vorgeschützte Bedürfnislosigkeit der Bürger bringt Grace angesichts ihrer eigenen Hilfsbedürftigkeit in eine Situation fortgesetzter Selbstentwertung, die sie demütig hinnimmt. Am Grunde von Gleichgültigkeit, Schroffheit und Abweisung, welche sie durchwegs erklärend relativiert, will sie einen verborgenen Kern von Liebreiz in den Menschen von Dogville auffinden. Graces schutzlose Selbstdarbietung ermöglicht es den Bürgern, ihre eigenen Schutzhüllen fallenzulassen und ihr verletzliches, gutes Inneres durchscheinen zu lassen. Die Reaktion der Menschen gibt der Intuition von Grace, die das Böse der Menschen relativiert und das Gute auch kontrafaktisch behauptet, zunächst Recht.

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Aus dem von Tom eingefädelten „Deal“ – Arbeitsleistung für die Zustimmung, dass sie im Dorf bleiben kann – wird so etwas anderes: ein Verhältnis von freiem Geben und Empfangen. Die Bürger und dann auch Grace erfahren sich als voneinander beschenkt. Diese positive Entwicklung setzte von Seiten der Bürger eine Vorleistung mit einem gewissen Risiko voraus: eine Person aufzunehmen, die von Gangstern verfolgt wird, könnte auch die Stadt in Gefahr bringen. Tom gelingt es, diese Bereitschaft zu wecken. Aber sein eigentliches Ziel, das Tiefe, Leuchtende in den Seelen der Menschen zum Vorschein zu bringen,8 kann nicht, wie Tom meint, mit manipulativen Mitteln bewirkt werden. Es erreicht die Menschen nur von unten, mit dem Risiko der Selbstauslieferung.9 Tom und Grace repräsentieren hier den Gegensatz zwischen Arroganz und einer authentisch-christlichen Demut, deren rechtes Verständnis sich am Verhalten von Grace im ersten Teil von Dogville hervorragend ablesen lässt. Es ist eine Demut, die sich an der Fähigkeit und Bereitschaft zu empfangen bewährt und so Früchte – die Ankunft von Gnade – hervorbringt, im Gegensatz zur Arroganz, die steril ist, – unfruchtbar aufgrund von Unempfänglichkeit, in einer Selbstgenügsamkeit, die meint, von niemandem empfangen zu brauchen.10

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Höhepunkt und Vollendung der Aufnahme von Grace/Gnade in Dogville ereignen sich während der Feierlichkeiten zum 4. Juli, und zwar in der Rede des blinden MacKay: Stellvertretend für die Bürger drückt er seine Dankbarkeit Grace gegenüber aus. Gnade wird nun ausdrücklich als Geschenk angenommen. Die Bürger haben nicht nur gelernt zu empfangen und selber absichtslos zu schenken,11 sondern für Empfangenes zu danken. Damit sind sie nun selber fruchtbar für Gnade geworden.12

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Fruchtbarkeit ist ein Leitmotiv für Dogville . Die Stadt wird durch Sträucher, Blumen und vor allem die Apfelbäume im Obstgarten repräsentiert, deren Geschichte über den Verlauf von vier Jahreszeiten erzählt wird. Am Anfang steht eine mehr oder weniger verschleierte Unfruchtbarkeit,13 die sukzessive überwunden wird. Der 4. Juli wird eingeleitet mit Metaphern der Fruchtbarkeit, die gewiss nicht zufällig mit dem Wort Gnade verbunden sind. „The 4th of July came with huge clouds of seeds from some remote meadow, came gracefully floating down Elm Street in the early evening. Today was a day for celebration.“ (0:55).

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3. Perversion der Gabe (Dogville, Kapitel 5-8)

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Mitten im Fest wird die Wende eingeleitet durch einen neuerlichen Besuch des Polizeibeamten, der nun einen Steckbrief von Grace, die mit Banküberfällen in Verbindung gebracht wird, mit der Ausschreibung einer Belohnung aushängt. Die verschärfte Situation führt zu einer Dorfversammlung, mit einem von Tom vorgeschlagenen fatalen Entschluss: Erhöhung der Arbeitsleistung von Grace bei Verringerung ihres Lohnes. In der Folge kommt es zum radikalen Umschlag. Trotz erhöhter Leistungen und ungebrochener Dienstbereitschaft von Grace wachsen nun Unzufriedenheit und Gier. Freundschaft schlägt in Verachtung um, und binnen kurzem wird Grace auf unmenschliche Weise versklavt.

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So beschrieben erscheint diese Wende als überzogen und kaum nachvollziehbar. Wenn die Bewohner Dogvilles wirklich so gutmütig waren, wie sich am Ende des ersten Teils zeigt, wie erklärt sich dann ihre bestialische Bosheit im zweiten Teil? Waren die Stadtbewohner von Anfang an so schlecht, wie sie sich am Ende erweisen? Aber wie wird dann das Positive plausibel, das sich in ihnen zeitweilig öffnete? – Und doch erscheint der Umschlag im Film nachvollziehbar. Ich glaube nicht, dass er von vielen Zusehern als Bruch empfunden wird.

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Bedeutsam und hochinteressant ist in diesem Zusammenhang, dass Lars von Trier mehrfach die Kontinuität zwischen vorher und nachher und die Minimalität der Verschiebungen betont, vor allem in den beiden Hinweise auf Lichtveränderungen: Am Anfang, als Graces Willigkeit, in den bornierten Bürgern Dogvilles – symbolisiert durch die geschmacklosen Porzellanfiguren – etwas Schönes zu finden, beinah scheitert,14 und am Ende, als die scheinbar grenzenlose Bereitschaft von Grace, das Verhalten der Bürger von Dogville gnädig zu entschuldigen, plötzlich zusammenbricht.15

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Dazwischen gibt es zahlreiche kleine Verschiebungen: Unter dem Schleier vorgeblicher äußerer Unterschiedslosigkeit ändert sich das Tiefere, Ungreifbare, was durch die äußeren Zeichen symbolisiert wird, auf mitunter drastische Weise.16 Und so ist es auch unmittelbar nach der verhängnisvollen dritten Versammlung: „Everybody was really against any changes to Grace´s working conditions at all when the subject occasionally came up in conversation.“(1:14)

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Diese Zusammenhänge werden plausibel durch eine „Logik der Gabe“, die im Folgenden skizziert werden soll.

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Stellen wir uns zunächst– idealtypisch – zwei Personen A und B vor, die in einem glückenden Verhältnis gegenseitiger Liebe stehen. A weiß sich von B nicht nur aufgrund vorteilhafter Eigenschaften, sondern um ihrer selbst willen angenommen. Und diese Erfahrung befähigt sie, auch B zu lieben, also sie um ihrer selbst willen zu bejahen. In dieser Situation ist es sinnvoll vorstellbar, dass B zu A sagt: „Danke, dass du mich so liebst.“ Und B wird wahrheitsgemäß erwidern: „Diese Liebe ist nicht nur meine eigene Leistung, ich wurde durch deine Liebe dazu befähigt.“ A weiß aber seinerseits, dass auch er nicht der Ursprung dieser glückenden liebenden Wechselbeziehung ist. So danken beide einander und wissen doch, dass sie diesen Kreislauf glückender Liebe etwas oder jemandem verdanken, das oder der diese Zweierbeziehung transzendiert. Eine Transzendenzerfahrung kommt zustande, die von religiös glaubenden Menschen in der Form eines Dankes an Gott ausgedrückt werden kann.

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Dass dieser Kreislauf der Liebe sich etwas Unverfügbaren verdankt, kann durch eine Kontrastüberlegung verdeutlicht werden: Aus einer kalkulierenden Beobachterperspektive stehen A und B in einer Win-Win-Situation. Jeder der beiden Partner schöpft aus ihrer gegenseitigen Beziehung Vorteile, und zwar nicht auf Kosten des anderen. Der Gewinn des anderen ist der Gewinn und nicht der Verlust des anderen. Solche Win-Win-Situationen sind hochattraktiv, und das kann das Interesse motivieren, sie herzustellen. Stellen wir uns nun also zwei Personen A´ und B´ vor, die miteinander übereinkommen, zu ihrem gegenseitigen Vorteil miteinander eine solche Win-Win-Situation aufzubauen. In Worten schematisiert: A´ sagt zu B´: „Lass uns miteinander eine Liebe beginnen: Ich will dich um deiner selbst willen annehmen, damit du mich um meiner selbst willen annimmst.“ Dass das nicht machbar ist, wird schon durch den hier verborgenen performativen Widerspruch angezeigt: Hier wird Absichtslosigkeit um einer Absicht willen angezielt. Was gemacht werden kann, ist ein Verhältnis gegenseitigen Nehmens und Empfangens, das das glückende Liebesverhältnis zwischen A und B äußerlich ununterscheidbar simuliert und dennoch die darin artikulierte Liebe vollständig verfehlen kann. Zwar lässt sich keineswegs ausschließen, dass die mehr oder weniger eigennützigen Motive von A´ und B´ sich doch noch glücklich in ein Wechselverhältnis authentischer Liebe entwickeln, aber machbar ist das nicht. Nehmen wir für das Folgende an, dass das Verhältnis von A´ und B´ ein problematisches bleibt, in dem die eigennützige Zuwendung zum jeweiligen anderen nicht in glücklicher Gnadenerfahrung transzendiert wird. Wir haben dann – in idealtypischer Schematisierung – ein positives Wechselverhältnis zwischen A und B und ein negatives Wechselverhältnis zwischen A´ und B´ („Egoismus zu zweit“; „symbiotisches Verhältnis“...). Dennoch kann beides von außen betrachtet ununterscheidbar sein.

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Wesentlicher Unterschied und äußere Ununterscheidbarkeit lassen sich am Vollzug des Schenkens verdeutlichen: Aus dem überfließenden Glück des Angenommenseins macht A B ein Geschenk. Dieses Geschenk ist absichtsloser Ausdruck – theologisch würde man sagen: Realsymbol – seiner Liebe zu B. Aus derselben Erfahrung beschenkt B A. Von außen beobachtbar ist ein Tausch von Geschenken zwischen A und B. Ein analoger Austausch von Geschenken kann äußerlich ununterscheidbar das Verhältnis von A´ und B´ bestimmen. Der wesentliche, aber äußerlich ununterscheidbare Unterschied: A´ beschenkt B´ weil er von B´ beschenkt wurde und/oder damit er von B´ beschenkt wird. Die Geschenke erfolgen somit nicht mehr absichtslos. Sie sind nicht Gabe im Sinne eines authentischen Ausdrucks der Annahme des jeweiligen anderen um seiner selbst willen. Wenn wir unterstellen, dass die Erfahrung des Angenommenseins um seiner selbst willen das einzige ist, was den Menschen wirklich Frieden und Erfüllung verleiht, werden die zwischen A´ und B´ zirkulierenden Gaben nicht mehr befriedigen können. Nicht selten kommt es in solchen Situationen zu einem inflationären Anwachsen des Gabentausches, um die Unzufriedenheit zu kompensieren, – mit dem Resultat, dass das gestiegene Anspruchsverhalten eine Annahme der Gabe als frei wertschätzende Gabe noch mehr verunmöglicht.

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Im Folgenden soll die positive Wechselbeziehung authentischer gegenseitiger Liebe als A<+>B und deren scheiternde Simulation als A´<—>B´ bezeichnet werden. Mittels dieses Schemas lässt sich die Entwicklung zwischen Grace und den Bewohnern Dogvilles in den ersten vier Kapiteln interpretieren als die Entstehung eines Verhältnisses vom Typ A<+>B, in dem Geschenke als echte Gaben kursieren und Gnadenerfahrung vermitteln, – mit der Wirkung von Glück, Staunen und Dankbarkeit. Durch die Wende im fünften Kapitel wird das Verhältnis A<+>B in ein Verhältnis A<–> B pervertiert. Die Leistungen, die Grace für die Stadtbewohner erbringt, werden nicht mehr als authentischer Ausdruck von Liebe im Sinne einer Wertschätzung des anderen um seiner selbst willen aufgenommen. In diesem Sinn werden sie entwertet, und das kann durch ihre quantitative Steigerung nicht wettgemacht werden kann.

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Entscheidendes Indiz und zugleich antreibender Faktor für diese Degeneration der Gabe ist der Anspruch, der Grace gegenüber erhoben wird. Symptomatisch steht dafür die Zudringlichkeit von Chuck, der von Grace schließlich durch den Akt der Vergewaltigung „Respekt einfordern“ will. Gemeint ist das Respektieren seiner Bedürfnisse und Ansprüche. Der Ausruf von Grace/Gnade „This is wrong“ (1:30) hat hier paradigmatische Bedeutung. Die gewaltsame Einforderung eines Geschenks zerstört seinen Charakter als Geschenk und macht es folglich wertlos. Es vereitelt die Befriedigung, die es verspricht, und stachelt auf diese Weise nur die Begierde an.

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Deshalb muss Grace den gegen sie erhobenen Anspruch gerade auch dann abweisen, wenn sie alles geben will. Das zeigt sich später in ihrem Verhältnis zu Tom, der in mimetisch gesteigerter Begierde (aus dem Seitenblick auf die erfüllten Ansprüche der anderen) nun selber versucht, Ansprüche an Grace zu stellen. Zunächst gelingt es ihr noch, Tom von dem Schritt abzuhalten, der in vermeintlicher Erfüllung von Wünschen die allein erfüllende Liebe zerstören würde.17 Doch schließlich wird sie an ebendiesem Punkt scheitern:

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Tom: I know. I feel it too. I love you.

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Grace: It would be so beautiful. But from the point of view of our love, so completely wrong.

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Grace (cont´t): We were to meet in freedom.

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Tom: You´re cold now, Grace. I´ve just rejected everybody I´ve ever known in your favor. Wouldn´t it be worth compromising, just one of your ideals just a little to ease my pain? Everybody in this town has had your body, but me.

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Tom: We´re the ones supposed to be in love.

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Grace: My darling Tom. You can have me if you want me. Just do what the others do. Threaten me. Tell me that you´ll turn me in to the law, to the gangsters and I promise you, you can take whatever it is you want from me.

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Grace: I trust you, but maybe you don´t trust yourself?

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Grace: Perhaps you´ve been tempted, you´ve been tempted to join the others and force me. Perhaps that´s why you´re so upset.“18

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Die Logik der Gabe macht verständlich: Sobald der Kreislauf absichtslos-liebenden Austausches verloren ist, wächst eine Dynamik der Begierde, die erfolglos auf Kompensation des Verlorenen drängt, und diese Dynamik treibt unaufhaltsam immer weiter von dem Idealzustand eines gnadenhaften Austausches von Liebe weg.19 Der Weg von der unfreundlich erhobenen Ansprüchen hin zu Vergewaltigung und Mord ist unter bestimmten Bedingungen20 ein erschreckend kurzer. In den Kapiteln sechs bis acht durchmisst Dogville diesen Weg. Der Film entfaltet hier eine beklemmende Plausibilität.

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Die Entwicklung vom Schlechten zum noch Schlechteren erweist sich anhand von Erfahrungen der Eskalation von Konflikten als plausibel. Wie aber kommt das Schlechte anfänglich in das authentisch Gute? Was hat in Dogville nach dem fruchtbaren, gnadengeschwängerten Vierten Juli den Umschlag gebracht? Entscheidend war gewiss die dritte Gemeindeversammlung und die ökonomische Ausrichtung, die ihre Entschlüsse leitete.

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Tom: From a business perspective, from a business perspective, your presence in Dogville has become more costly. Because it´s more dangerous for them to have you here – not that they don´t want you – since they feel there should be some counterbalance, some quid pro quo.

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Grace: That sounds like words that the gangsters would use

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Tom: There is also more of an incentive if you don´t wanna stay. See, with all those wanted posters hanging around the place, I can hardly think of anywhere else you could hide.

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Grace: So what´s the counterbalance that you suggested?

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Tom: They wanted you to work longer hours, but instead what I proposed is that you just pay a visit to folks twice a day now. That way it would seem that you´re willing to contribute more, without actually lengthening your day too much. It´s just a way of heading off any unpleasantness.“21

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Aber waren nicht auch schon nach der ersten Gemeindeversammlung ökonomische Motive im Spiel?22 Dennoch konnte sich Gnade entfalten.23

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Allerdings ist in der dritten Gemeindeversammlung bereits ein Grundstock an Vertrauen, Freundschaft und Glaubwürdigkeit vorhanden, der im Folgenden durch ökonomische Überlegungen unterhöhlt wird. Aufgrund des – rein abstrakt24 – erhöhten Risikos wird nun von den Bewohnern Dogvilles ein Kompensationsanspruch erhoben. Der Anspruch, dass Grace deshalb mehr arbeiten sollte, degradiert die von ihr frei angebotenen Hilfen nun zu Leistungen, auf die ein Anspruch erhoben wird. Freie Gabe wird zu beanspruchter Leistung pervertiert und auf diese Weise entwertet.

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Damit beginnt sich nun das Verhältnis zwischen Grace und den Städtern vom Typ A<+>B zu A´<–>B´ zu verschieben. Sichtbares Verhalten und artikulierte Beteuerungen erwecken zunächst den oberflächlichen Anschein, es habe sich nichts geändert, während der durch sie symbolisierte Gehalt unter dieser Oberfläche sukzessive ausgehöhlt wird. Die zahlreichen und teilweise ironischen Anspielungen, dass sich kaum etwas geändert hat, erweisen sich von daher als plausibel.

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Die Unterhöhlung der positiven Beziehungen zwischen Grace und den Stadtbewohnern löst bei diesen eine fatale Spirale von Begierde und durch erzwungene Erfüllung weiter erodierende Aushöhlung aus. Bald stellen die Bewohner fest, dass sich alles zum Schlechteren gewendet hat, und aus mangelnder Bereitschaft zur Selbstkritik lasten sie diese Wende zum Schlechteren Grace an.25

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4. Eine Bild-Theologie des Sündenfalls

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Den Leitgedanken einer pervertierten Gabe unterfüttert der Film an entscheidender Stelle mit dem Motiv des Sündenfalls:

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„Just as Dogville had done from its open, frail shelf on the mountainside, quite unprotected from any capricious storms, Grace, too, had laid herself open. And there she dangled from her frail stalk like the apple in the Garden of Eden. An apple so swollen that the juices almost ran.“ (1:28)

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Dieses Motiv rückt in die Mitte durch seine Verkoppelung mit dem Leitmotiv der Bäume – repräsentativ für den Status von Dogville – , das sich durch alle drei Phasen des Filmes zieht: Zunächst die beginnende Fruchtbarkeit der Bäume – wie wir gesehen haben, als Zeichen für die Fruchtbarkeit der angenommenen Gnade – später die herbstlich entlaubten Bäume (Dogville, 1:59), die zuletzt restlos vernichtet sind. Zur Zeit der maximalen Fruchtbarkeit das Bild vom Garten Eden, – mit dem Baum der Versuchung und Grace als verbotener Frucht. Der Sündenfall besteht hier darin, dass Menschen das, was sich ihnen als freies Geschenk angeboten hat, in der Weise eines Anspruchs gewaltsam an sich reißen.26 Damit wird die Gabe als Gabe zerstört.

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Bezüge zwischen der Wende von Dogvilles Verhältnis zu Grace und der biblischen Sündenfallgeschichte erweisen Dogville als exzellente Bild-Theologie des Sündenfalls. Im Kontext von Gen 1-6 hat die Sündenfall-Geschichte zu klären, wie das später eskalierende Böse anfänglich in eine gute Welt kommt.27 Und sie erklärt das durch eine Geschichte, die mit minimalen Verschiebungen des Gottesbildes (angeleitet durch verführerische Verdrehungen der Schlange) operiert. Auch Dogville verweist auf minimale Verschiebungen, mittels derer die Wende von anfänglich positiven Beziehungen zu Grace in eine sich überstürzende Negativität abrutscht. Die heikelste Frage in der Sündenfallgeschichte – und der Ansatz für die Versuchung der Schlange – ist der verbotene Baum. Die Frage, warum ein verbotener Baum in der Mitte des Paradieses steht, scheint Gott zu kompromittieren. Wenn man die „Happy times in Dogville“ (Überschrift zu Kapitel 4) einmal versuchsweise als annähernd paradiesisch verstehen will, dann befindet sich Grace in der Mitte dieses Paradieses und bietet sich selber dar. Die Versuchung der Schlange: Wenn sich diese Frucht (Grace) schon anbietet, dann hol sie dir doch eigenmächtig. Ist sie doch selber schuld, wenn sie sich so dargeboten hat. Chuck und in der Folge alle Stadtbewohner – mit Ausnahme von Tom28 – erliegen dieser Versuchung. Liest man aus der Perspektive von Dogville die biblische Sündenfallgeschichte, so öffnet sich als zu prüfende Hypothese folgende Sinndeutung des verbotenen Baums:29 Gott bietet den Menschen alles dar, aber mit einem Vorbehalt: Nehmt es als frei gebotene Gabe, in einer Haltung der Dankbarkeit. Versucht nicht, es als geschuldet zu beanspruchen oder mit Gewalt an euch zu reißen! Denn wenn ihr das tut, müsst ihr sterben, – dann schneidet ihr euch selbst von dem ab, in dem ihr gründet, und ohne das ihr nackt (Gen 3,7), steril und nichtig seid. Der verbotene Baum würde damit symbolisch für einen Modus der Aneignung stehen, vor dem der Mensch zu seinem eigenen Heil gewarnt wird.30 Ähnlich fleht Grace den von ihr geliebten Tom an, nicht eigenmächtig nach ihr zu greifen, – damit er dadurch nicht das verliert, wonach er sehnsuchtsvoll auslangt.31

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5. Umschlag ins Gericht (Schlusskapitel von Dogville)

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Das Schlusskapitel lässt die Ausrichtung von Grace total umschlagen von radikaler Wehrlosigkeit in exzessive Rache. Diese Wende ist noch schärfer als jene nach dem 4. Juli. Dennoch muss auch für sie zugestanden werden: sie ist nicht unplausibel. Sie wird nachvollziehbar als Umschlag einer übersteigerten Position in ihr Gegenteil. Und als übersteigert wurde die Widerstandslosigkeit von Grace und schon der früheren Figuren aus Lars von Triers Golden-Heart-Trilogie (vor allem von Bess in Breaking the Waves ) durchwegs empfunden, – übersteigert bis zur Unerträglichkeit. Dass sich Grace nun endlich wehrt und zurückschlägt, gibt dem angestauten Zorn über wehrlos und offenbar sinnlos erlittenes Unrecht endlich ein Ventil. Selbst Rezensenten halten sich hier mit ihrer Genugtuung nicht zurück.32 Christliche Zuschauer – und wohl nicht nur Christen – tun sich natürlich zugleich schwer, hier richtig durchzuatmen: Zu offensichtlich ist eine solche Apotheose der Rache religiously incorrect. Doch spätestens bei Graces Befehl, Veras Kinder vor den Augen ihrer Mutter hinzurichten, wird doch die meisten das Gefühl beschleichen, dass hier eine noch so begreifliche Rache doch über jedes akzeptable Maß hinausschießt. Der direkte Vergleich der Logik von Grace mit der Gangster-Logik ihres Vaters lässt letztere trotz zynischer Menschenverachtung als humaneren Mittelweg erscheinen, der von Grace vorher in permissiver Idealisierung und nachher in Totalverurteilung der Bewohner Dogvilles augenscheinlich unterboten wird.33

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Versinnbildlicht Grace hier nicht die Position des Christlichen, die sowohl in Duldsamkeit als auch in daraus umschlagender Rache maßlos und unmenschlich ist? Behält hier Andreas Thomas mit seiner christentumskritischen Interpretation von Dogville nicht Recht?

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Ich sehe hier, wie schon eingangs festgestellt, einen Kern von Wahrheit, – allerdings nur im Hinblick auf bestimmte Ausformungen von Christentum, die sich vor allem in einem gewissen christlichen Fundamentalismus zeigen, den es zwar überall auf der Welt gibt, der aber in Amerika mehr als anderswo als civil religion politisch wirkmächtig geworden ist. Christliche Ideale scheinen hier nahtlos zusammenzugehen mit einer destruktiv sich auswirkenden Arroganz, mit der sich etwa ein bekennend christlicher Staatsführer im Kampf gegen den Terrorismus als verlängerter Arm von Gottes Gericht inszeniert hat. Auch wenn man die Subtilität von Graces „christlicher“ Position fundamentalistischen Politikern nicht zutrauen mag, ist der von Grace durchmessene „christliche“ Weg doch geeignet, vor allem christliche Zuschauer in Versuchung zu führen, – dass sie dem schlussendlichen Blutbad nolens volens doch ihre Zustimmung nicht versagen, und sich damit unversehens in gefährlicher Nähe zur skizzierten amerikanisch-christlich-fundamentalistischen Arroganz befinden.

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So beweist der Film selbst in seinem zornigen Finale Wirkung und Wert – auch in theologischer Hinsicht –, und es wäre vermessen, den Plot nach christlich-theologischen Maßstäben verbessern zu wollen. Allerdings kann mittels Kontrastierungen gezeigt werden, inwiefern der Weg von Grace nicht exemplarisch für das Christentum schlechthin ist. In diesem Sinn möchte ich nun fragen, inwiefern die Figur von Grace – bei allen theologisch bedeutsamen Anklängen – einen authentischen Christus-Typus dennoch verfehlt.

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Problematisch erscheint nach christologischen Maßstäben die Duldsamkeit von Grace gegenüber den zunehmend übergriffigen Einwohnern Dogvilles. Exemplarisch wird dies in ihrem Verhalten gegenüber dem zudringlichen Chuck.34 Sie äußert noch an einem Punkt Einverständnis mit ihm, wo sie ihm hätte scharf widersprechen müssen, nicht nur um sich zu schützen, sondern auch um ihn vor den fatalen Konsequenzen seiner gewaltsamen Gier für ihn selber zu warnen: dass er sich nämlich damit genau das vereitelt, was ihn doch allein zufrieden stellen kann: die Gabe als freie Gabe.

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In den Evangelien ist genau das der Einsatzpunkt von jenen Textgruppen, die unter dem Titel Gerichtsworte angesichts der betonten Menschenfreundlichkeit Jesu in neueren Christologien und Jesusbüchern oft im Schatten stehen. In der dramatischen Theologie finden diese Gerichtstexte zentrale Berücksichtigung.35 Wo sie vernachlässigt werden, ergibt sich ein permissiver, angesichts des faktischen Bösen schwachbrüstiger Jesus-Idealismus, der sich in Lars von Triers weiblichen Jesus-Ikonen von Bess bis Grace widerspiegelt. In diesem Punkt sind für mich die Filme des dänischen Regisseurs ein dringender Appell für eine Theologie, die die Gerichtsthematik von Anfang an wahrnimmt, ohne damit allerdings die Rückhaltlosigkeit der schutzlos sich selbst preisgebenden Liebe zurückzunehmen. Dass beides zusammengehen kann, zeigt sich – wie dargestellt – an dem Verbot von Übergriffen, das die liebende Selbstdarbietung nicht begrenzt, sondern gerade in ihrem Sinne ist.

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Mittels theologischer Systematisierung lässt sich hier feststellen: Liebe will ganz das Glück des geliebten Anderen. Wenn dieser geliebte Andere von einem destruktiven Streben getrieben ist, das nicht nur den Liebenden und die gemeinsame Beziehung, sondern damit zugleich sein eigenes Glück vereiteln würde, dann kann der Liebende seiner Liebe nur treu bleiben im Widerstand gegen dieses destruktive Streben des anderen. Liebe führt hier in ein Verhalten einer kritischen Solidarität, das nicht einen schwachen Kompromiss zwischen beidem darstellt, sondern Kritik im Sinne gesteigerter Solidarität besagt. Der Weg kritischer Solidarität kann dem geliebten Anderen einen Rückweg in eine erfüllendes Liebesverhältnis (gemäß der Struktur A<+>B) öffnen, – als freisetzender Appell an Freiheit, der aber auch ungehört verhallen kann. Dann wird der Mittelweg kritischer Solidarität zu einem immer enger werdenden Kreuz-Weg zwischen den Straßengräben von Arroganz und „Sympathisanz“36, auf dem zunehmend solidarische Kritik als Totalzurückweisung missverstanden und kritische Solidarität als Totalzustimmung vereinnahmt wird. Der Weg Jesu Christi von anfänglicher Gottesreichbotschaft über Gericht bis zu seinem Tod am Kreuz muss als solcher Kreuz-Weg begriffen werden.

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Im Verhältnis zu den Bewohnern Dogvilles, ausgenommen Tom,37 hat Grace diesen Mittelweg in Richtung auf eine unkritische Solidarität verfehlt,38 – zumindest ab der Wende seit der dritten Gemeindeversammlung,39 und zwar vor allem gegenüber Chuck.40 Damit hat sie sich gegenüber dessen lieblosem, uneinfühlsamem und arrogantem Verhalten zu wenig distanziert, sie hat ihm nachgegeben, und so ist sie ungewollt zu seiner Komplizin geworden. Dies ist dann auch genau der Punkt, an dem ihr Vater ihre Liebe, die „alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, und allem standhält“ (1 Kor 13,7), als Arroganz bloßstellen kann.

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Grace: So I´m arrogant. I´m arrogant because I forgive people?

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The Big Man: My God. Can´t you see how condescending you are when you say that? You have this preconceived notion that nobody, listen, that nobody can´t possibly attain the same high ethical standards as you, so you exonerate them. I can not think of anything more arrogant than that. You, my child…my dear child you forgive others with excuses that you would never in the world permit for yourself.“

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Wird damit auch das heilvolle Verhalten von Grace in den Kapiteln 2-5 entlarvt? Keineswegs, und doch bleibt es der Position des Mafiapaten unzugänglich. Stellen wir uns vor, Grace hätte die Übergriffe von Chuck mit aller Schärfe aufgedeckt, nicht nur ihm gegenüber, sondern auch in der Öffentlichkeit.41

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Damit wäre die Idylle des Vierten Juli zwar ebenso zerstört und die bis zuletzt durchgehaltene Einmütigkeit von Dogville ernsthaft gefährdet worden. Es wäre auf diese Weise potenzierter Unfriede entstanden, und vermutlich hätte man Grace dafür verantwortlich gemacht. Der Kreuz-Weg von Grace hätte also vermutlich trotzdem stattgefunden. Er wäre damit dem Kreuz-Weg Jesu noch ähnlicher geworden. Hätten sich auf diese Weise andere Perspektiven für Dogville ergeben? Die Kritik von Grace wäre tiefer in das Bewusstsein der Stadtbewohner eingepflanzt worden und so hätte die Möglichkeit einer späten Umkehr bestanden, – aber mit Gewissheit wäre sie dennoch nicht erfolgt, – realistisch betrachtet nicht einmal wahrscheinlich. Hätte es für diesen Fall die Zerstörung Dogvilles gebraucht? Als von Gott–Jesus–Grace verfügtes Strafgericht wäre es nicht notwendig gewesen. Dogville hätte sich selbst gerichtet. Grace hätte Dogville verlassen. Gleich wie das nun geschehen wäre, ob Grace entkommen, vertrieben oder getötet worden wäre, – Dogville wäre innerlich zerrissen zurückgeblieben. Zerfall oder Selbstzerstörung – durch gegenseitige Gewalt oder durch Verelendung infolge zerrütteter Sozialbeziehungen – wären nur eine Frage der Zeit gewesen. In diese Richtung zielt die dramatisch-theologische Interpretation von Gerichtstexten und apokalyptischen Texten, – etwa der Johannesapokalypse: Sie ist zu verstehen als Selbstgericht, das Menschen sich und einander antun, wenn Gott, die göttliche Gnade, „Grace“ ihnen den Rücken kehrt, oder sie ihnen den Rücken kehren. Der Film endet mit den Worten des Erzählers:

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„Whether Grace left Dogville or on the contrary, Dogville had left her (and the world in general) is a question of a more artful nature that few would benefit from by asking and even fewer by providing an answer. And nor indeed will it be answered here!“

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Der ironische Schlusskommentar markiert eine Grenze, an der ein Film tatsächlich an seine Grenzen kommt. Er markiert zugleich den Punkt, wo Theologie ansetzen und weitergehen muss. Hier ergibt sich die Thematik des Selbstgerichts, das Menschen sich selber und gegenseitig antun, wenn der Blick auf Gott/Gnade/„Grace“ verloren gegangen ist.42

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6. Arroganz und Interpretation. Dramatische Theologie als Filminterpretation

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Arroganz ist ein durchgängig zentrales Motiv von Dogville . Grace kommt mit dem Vorsatz nach Dogville, die Arroganz, mit der sie erzogen wurde, in sich auszulöschen. Tom erweist sich in seinen Manipulationsversuchen als äußerst arrogant, gerade auch dort, wo er mittels einer „Veranschaulichung“ versucht, die Dorfbewohnern von deren Arroganz zu kurieren, – eine Arroganz nämlich, mit der sie sich darüber erhaben fühlen, Geschenke von anderen anzunehmen und dadurch möglicherweise Bedürftigkeit zuzugeben. Arroganz werfen sich schließlich Grace und ihr Vater gegenseitig vor. Ihrem gegen ihren Vater gerichteten Vorwurf einer Arroganz „zu plündern, als wäre es ein gottgegebenes Recht“ stellt sich – aus dem Mund ihres Vaters – der Vorwurf einer Arroganz der Duldsamkeit entgegen, wenn man andere nicht mit denselben hohen ethischen Standards messen will, die man an sich selber anlegt.43 Wie wir gesehen haben, trifft Grace der Vorwurf ihres Vaters nur teilweise. Indem sie sich von ihm überzeugen lässt, verfällt sie nun tatsächlich in eine maximale Arroganz: Sie meint, durch die Auslöschung von Dogville die Welt bessern zu können.

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Arrogant erscheint aber auch der ganze Film, – wenn er angelegt wird wie ein Experimentalstück, am Reißbrett, das immer wieder aus einer geradezu göttlichen Vogelperspektive beobachtet wird. Diese filmischen Methoden sind so offensichtlich, dass die damit artikulierte Arroganz unmöglich unfreiwillig sein kann. Offenbar spielt Lars von Trier hier bewusst mit dem Motiv Arroganz auf mehreren Ebenen. Mit seinem Bühnenstück führt er ein ganz offensichtlich arrogantes Experiment vor, dessen Fokus zunächst „der Diskurs über Vergebung und die Notwendigkeit von Rache“44 ist. Für Vergebung steht hier die permissive Duldsamkeit von Grace gegenüber Dogville; für Rache steht ihre Aburteilung von Dogville, – eine Aburteilung, die sich als väterliche Form von Arroganz erweist, in die sie letztendlich zurückfällt. Gibt es einen Ausweg zwischen diesen beiden Extremen? Unserer christologisch-theologischen Analyse hat sich hier ein dritter Weg zwischen den Straßengräben von Arroganz und Sympathisanz eröffnet: der eigentlich christliche (Kreuz-)Weg einer kritischen Solidarität, der von Grace an entscheidenden Stellen verfehlt, manchmal aber auch näherungsweise beschritten wurde. Von diesem Mittelweg her lässt sich neu erschließen, was unter Arroganz und Sympathisanz hier zu verstehen ist. Sympathisanz ist Solidarität ohne Kritik – eben jene Permissivität, die Grace vor allem gegenüber Chuck vorlegt,45 und die mithin – im Gegensatz zur Auffassung von Andreas Thomas – gerade nicht als authentisch christlich zu verstehen ist. Arroganz ist Kritik ohne Solidarität, d.h. ein Urteilen, Richten oder Verbessernwollen, bei dem man sich selbst außen vor lässt, – ohne Bereitschaft, sich selbst im Einsatz für den anderen oder in Selbstkritik zu riskieren. Damit tappt man in genau jene Falle, die man selbstgerecht den anderen vorhält. Mit biblischen Worten: Im Versuch, den Splitter im Auge des Bruders zu entfernen, übersieht man den Balken im eigenen Auge (Mt 7,3-5). Dieser Gefahr setzt sich auch der Film Dogville mit der „Veranschaulichung“ aus, die er vorführt. Allerdings verschleiert der Film diese Schwäche keineswegs. Von der reißbrettartigen Inszenierung am Anfang bis zum polemischen Nachspann – den sozialkritischen Bildern amerikanischer „Looser“ – am Schluss moralisiert der Film nicht nur, sondern liefert uns gleich die Warnung mit: „Pass auf, ich moralisiere“. Die warnende Botschaft von der größeren Arroganz, die gerade aus dem Anspruch eines Austreibens von Arroganz erwächst, ist selber arrogant. Wenn man das eingesehen hat, soll man dann besser den Mund halten? Oder soll man trotzdem reden, oder filmen, und den anderen – in diesem Fall: den Filmrezensenten – das genüssliche Geschäft überlassen, in nochmals sich überhebender Arroganz dem Film dessen unfreiwillige Arroganz vorzuwerfen? Dogville findet einen dritten Weg: Er überspitzt und stilisiert die eigene verdeckte Arroganz und nimmt so den Kritikern gleich den Wind aus den Segeln.

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Doch auch mit dieser Finesse gibt es kein Entkommen aus dem Teufelskreis der Arroganz. Aus prinzipiellen Gründen: Einen Ausweg gibt es erst, wenn man sich selbst ernsthaft riskiert, – indem man nicht nur kritisiert, sondern sich auf Sympathie einlässt.46 Dass Dogville auch das tut, ist eine seiner Stärken, – nicht nur für die Genießbarkeit des Films, sondern auch für den Diskurs über Arroganz: Dogville verharrt nicht in einer arroganten „Gottesperspektive“, sondern kommt den einzelnen Figuren nahe und weckt ein warmes Gefühl für sie ... 47

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– ... wenn auch nicht durchgängig. Ab der ersten Wende und noch mehr nach der zweiten erfolgen Distanzierungen, in denen eine mitfühlende Solidarität mit den Bewohnern Dogvilles schrittweise verloren geht. Damit hat der Film trotz kritischer und solidarischer Elemente jene „Balance kritischer Solidarität zwischen den Straßengräben von Arroganz und Sympathisanz“ nicht erreicht, und er wollte sie wohl auch nicht erreichen. Die eskalierend negative Darstellung der Bewohner Dogvilles ab der Wende vom Vierten Juli – im radikalen Kontrast zur wehrlosen und zugleich bezaubernden Grace – präpariert die Zuschauer, dem abschließenden Racheexzess zuzustimmen. Es scheint, als hätte Lars von Trier hier ein Experiment nicht einfach mit einer fiktiven Stadt oder einem Diskurs über Vergebung und Rache, sondern mit den Zuschauern unternommen, um sie auf jenes Glatteis selbstgerechter Vernichtung anderer zur Besserung der Welt zu führen, das er in diesem ersten Teil seiner Trilogie Amerika vorwirft, – eine moralische Veranschaulichung, die jener, von der Tom träumt, um nichts nachsteht.

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Was sich in diesen Kaskaden der Arroganzen zeigt: Wer anderen Arroganz vorwirft, ist drauf und dran, selber arrogant zu werden. Damit stellt sich schließlich unvermeidlich die Frage nach der Arroganz von Filmkritik und Filminterpretation. Beides wurde hier – in zugegeben rudimentärer Form48 – aus der Perspektive dramatischer Theologie durchgeführt. Angesichts der weit ausgreifenden Theoriebildungen dieses Typs systematischer Theologie stellt sich hier sofort der Verdacht jener „Arroganz“, der den Grand Theories vorgeworfen wurde, – jenen strukturalistischen, psychoanalytischen und kulturtheoretischen Großtheorien, die seit den 70er Jahren die filmanalytischen Diskurse stark geprägt haben. Ihnen wurde ja unterstellt, dass sie ihre intellektuellen Höhenflüge an den von ihr interpretierten Filmen nur erproben und diese Filme folglich zur bloßen Veranschaulichung ihrer Ideen degradieren wollten.49 Diese Arroganz wäre in dem Maß überwunden, als die interpretierende Theorie in der Lage ist, sich von dem interpretierten Film auch bereichern und unter Umständen sogar verstören zu lassen. Ich vertrete die Auffassung, dass dramatische Theologie gerade durch ihre konsequent universale Perspektive dazu in der Lage ist. Dadurch dass sie als „grand theory“50 wirklich alles in den Blick nimmt, berücksichtigt sie auch ihre blinden Flecken, – in der Weise einer systematisch mitvollzogenen Selbstbegrenzung ihrer Denkmöglichkeiten. Systematisierend versucht sie, scheinbar Gegensätzliches auf eine Mitte – nämlich den Gott Jesu Christi – zusammenzuschauen, die sie als zwar annäherbar, aber dennoch unverfügbar beschreibt.51 Dramatische Polyperspektivität,52 die sich in diesem Aufsatz ansatzweise in der Notwendigkeit einer christologischen Integration von jesuanischen Gerichtsworten gezeigt hat, müsste sich daran bewähren, dass sie auch die aus ihrer Perspektive interpretierten dramatischen Filme in ihrer unauslotbaren Vielschichtigkeit zur Kenntnis nehmen kann, – ohne damit die Möglichkeit einer argumentativen Auseinandersetzung zu verlieren. Die Frage, ob dies für den vorliegendem Versuch zutrifft, kann nicht nochmals dessen Gegenstand sein.

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Anmerkungen:

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1 Einen Überblick über den Inhalt des Films gibt http://de.wikipedia.org/wiki/Dogville

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2 Das heißt allerdings nicht, dass Grace als Christustypus verstanden werden muss oder darf, – auch wenn das von manchen Interpreten so angenommen wird. Zu diesbezüglichen Differenzierungen vgl. unten, Kapitel 5.

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3 A. Thomas, Jesus schlägt zurück. Einige Mutmaßungen zum neuen Film von Lars von Trier. In: http://www.filmzentrale.com/rezis/d ogvilleat.htm.

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4 Thomas, ebd.

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5 Vgl. W. Sandler, "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Das unterscheidend Christliche an Jesus von Nazaret, in: K. Breitsching/J. Panhofer (Hg.), Jesus. Vorträge der siebten Innsbrucker Theologischen Sommertage 2006 (theologische trends 16). Innsbruck 2007, 119-153; im Internet: http://theol.uibk.ac.at/itl/703.html.

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6 Tom zu Bill: „See if the people of Dogville have a problem with the acceptance what they really need is something for them to accept, something tangible, like a gift.“(0:7)

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7 Narrator über Grace in Bezug auf Tom : „She could have kept her vulnerability to herself, but she had elected to give herself up to him at random. As….Yes….a gift.“ (0:15)

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8 „Indeed … Tom was busy enough, even though – formally speaking – not yet busy with writing per se. And if a body found it hard to grasp what profession he was busy at, he̓d merely reply ‚mining‘. For although he did not blast his way through rock, he blasted through what was even harder … namely the human soul … right into where it glistered!“ (0:3)

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9 Christlich: Gnade erreicht die Menschen, die Gott verloren haben, durch Inkarnation und Kenose.

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10 Zum Zusammenhang von Empfangenkönnen und Früchtetragen vgl. Joh 15 und dazu W. Sandler, „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe..." Biblische Meditation zu Joh 15,9-17. In: http://theol.uibk.ac.at/itl/714.html

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11 „Grace had bared her throat to the town and it had responded with a great gift: with friends.“ (0:52)

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12 Einen kleinen Hinweis dafür gibt Jack McKay : „ As a matter of fact, somebody tells me they ran into grumpy old Chuck down the street and he was actually smiling.“(1:06) Jack bringt das gleich in Bezug zum Lächeln von Grace, das also – Ausdruck von schutzloser Offenheit – nun auf Chuck übergesprungen ist.

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13 „And while a sentimental soul from the East Coast had once dubbed their main street Elm Street — though no elm tree had ever cast its shadow in Dogville — they saw no reason to change anything.“(0:0)

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14 „Calling Dogville beautiful was original at least. Grace was just casting one more look at the figurines she herself would have dismissed as tasteless a few days earlier, when she suddenly sensed what would best have been described as a tiny change of light over Dogville.“ (0:25) – In der Folge wird das Licht kalt und klar, ähnlich wie in der im Folgenden zitierten Schlussszene.

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15 „Grace paused. And while she did, the clouds scattered and let the moonlight through and Dogville underwent another of those little changes of light. It was if the light, previously so merciful and faint, finally refused to cover up for the town any longer.“ (2:33)

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16 „Grace was the same and so was the town. That the gangsters had fixed to have charges made against Grace in their efforts to neutralize her came as no surprise. But everything had changed a little yet again.“ (1:09)

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17Tom: I do love you, Grace. — Grace: I̓m glad you love me. I love you, too. I really do. — Tom: No. I mean, I yearn for you when I am not with you. – Tom (cont̓d): I yearn for you even when we̓re alone like this. I yearn to be even closer to you … to touch you, the way that people… — Grace: We have our whole lives ahead of us. The thing that I love about you is that you don̓t demand anything of me. That we can just be together. Tom: Yeah. Yearning will only make it better. Grace: Thank you for your words, your wise wise words.“ (1:23)

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18 2:09. Herv. W.S.

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19 Das Wort Liebe gleitet Tom nun leicht, fast beiläufig, über die Lippen – Ganz im Gegensatz zu Toms Schüchternheit in 1:04. Das Wort Liebe ist hier entwertet, wie vorher unverblümt bei Chuck: „That̓s love, seeing what they need and respecting those needs“ (1:18). Toms Begierde beweist, dass er von der Entwertung der Gabe zum bloßen Anspruch bereits infiziert ist.

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20 Entsprechend Lars von Triers experimenteller Anordnung sind diese verschärfenden Bedingungen für Dogville gegeben, insofern in ihr sowohl moralische als auch judikative Institutionen fehlen: Tom stellt bezüglich Martha fest: „She runs the mission house until the new preacher comes which will just never happen“ (0:24). Und als ein Polizeibeamter die Vermisstenanzeige von Grace aushängt, heißt es: „For the first time in living memory law enforcers had come to Dogville!“(0:59)

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21 Dogville , 1:11; Herv. W.S..

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22 – Zumindest in Toms manipulativen Überlegungen. Aber auch die vorgespielte Bedürfnislosigkeit der Stadtbewohner verweist auf Gebundenheit in ökonomischen Überlegungen: Danach würde es in unerwünschte Verpflichtungen stürzen, wenn man Geschenke annimmt.

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23 Nicht Ökonomie als solche darf also als „proton pseudos“ kompromittiert werden.

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24 Hätten die Bewohner Dogvilles sich auf ihre Erfahrung bezogen, wäre ihnen Grace nicht als gefährlich erschienen. Die im Steckbrief genannten Banküberfälle – laut Auskunft des Polizeibeamten in den den vergangenen Wochen – konnten Grace nicht unterstellt werden, da sie diese Zeit in Dogville verbracht hatte. Und die Gefahr, die aus einer Nichtmeldung gegenüber der – kaum nach Dogville reichenden – Polizei ausginge, war gewiss nicht höher als die anfangs bereits tolerierte von Seiten der Gangster.

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25 Wieder ist McKay Sprachrohr für die Sicht der Stadtgemeinde, wenn er nun feststellt: „Tom, I got to tell you. Even I have trouble defending that girl. With your help, which I prefer to think was accidental, Tom... She has managed to spread bitterness and troubles throughout this whole town. She has to go. How do we get rid of her, Tom?“ (2:05)

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26 Vgl. den Philipperhymnus Phil 2,6-8 als christologischen Gegentext zur Sündenfallgeschichte.

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27 Vgl. W. Sandler, Hat Gott dem Menschen eine Falle gestellt? Theologie des Sündenfalls und Sündenfall der Theologie, in: ZkTh 129 (2007), 437-458; im Innsbrucker Theologischen Leseraum, online: http://theol.uibk.ac.at/itl/700.html [11.2.2008]. Ders., Der verlorene und wiedergefundene Gott. Teil 1: Der Mensch zwischen Schöpfung und Sündenfall, im Innsbrucker Theologischen Leseraum, online: http://theol.uibk.ac.at/itl/740.html [11.2.2008].

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28 Siehe dazu unten, Anm. 37.

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29 Zu dieser Deutung des verbotenen Baumes vgl. W. Sandler, Hat Gott dem Menschen eine Falle gestellt? (s. Anm. 16), 7. Kapitel. Weiters: Ders., Der verlorene und wiedergefundene Gott (s. Anm. 16), Kapitel 3.3.

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30 Vgl. W. Sandler, Hat Gott dem Menschen eine Falle gestellt (s. Anm. 16).

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31 Vgl. den oben bereits zitierten Dialog aus 1:11.

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32 Vgl. Thomas, Anm. 3.

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33 Der Mafiaboss schlägt vor, den Hund zu töten, um die Bürger einzuschüchtern. Dass Grace die Bürger hinrichtet und den Hund am Leben lässt, erscheint zugleich als gerechter und unmenschlicher. – Als Grace dann den ehedem geliebten Tom eigenhändig erschießt, mit den Worten, dass man bestimmte Dinge selber erledigen muss, sagt ihr Vater, dass sie ihm das erst noch erklären muss.

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34 Vgl. Dogville , 1:18-1:20.

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35 Vgl. R. Schwager, Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre (IThS 29), Innsbruck-Wien 1990, 76-108.

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36 Ich verwende diesen Kunstbegriff für eine distanzlose Solidarität mit einer destruktiven Person oder Partei, deren problematische Positionen bzw. Verhaltensweisen offenbar in permissiver Weise geduldet werden. Vgl. die berechtigte Kritik von Graces Vater: „You do not pass judgement, because you sympathize with them." (Dogville , 2:29)

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37 Gegenüber Toms zunehmend unverschleierten Ansprüchen leistet Grace bis zuletzt Widerstand, und zwar ohne ihn abzuweisen. So hält sie im Verhältnis zu Tom eine Balance kritischer Solidarität weitgehend aufrecht. Zuletzt verliert sie Tom, der ihre im Sinne einer authentischen Liebe geäußerte Zurückhaltung nicht mehr anders denn als Abweisung verstehen will: „You̓re cold now, Grace“. Vgl. oben, im Haupttext nach Anm. 17.

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38 Die Evangelien zeigen, dass Jesus diesen Mittelweg nur im unausgesetzten Hören auf den Willen des göttlichen Vaters „zugleich finden und erfinden“ konnte. Diese Dimension kann durch Lars von Triers Film nicht mehr eingeholt werden und will es auch nicht. Während Jesus vom göttlichen Vater gesandt wurde, um aus dieser Sendung heraus zu leben (H.U. von Balthasar), ist Grace ihrem Vater entflohen. Dieser wesentliche Differenzpunkt wurde bemerkensweiterweise auch von Andreas Thomas (s. Anm. 3) erkannt.

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39 Vorher hat Grace gegenüber MacKay mit dessen eitler Verleugnung seiner Blindheit eine bemerkenswerte Haltung kritischer Solidarität gezeigt – und zwar trotz dessen zunächst irritierter Reaktion erfolgreich. In der Folge ist MacKay bereit, öffentlich zu seine Blindheit zuzugeben. Die Kapitelüberschrift „Chapter Three. In which Grace indulges in a shady piece of provocation“ muss hier – wie auch andere Kapitelüberschriften und Kommentare – wohl als ironisch und bewusst irreführend verstanden werden.

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40 Vgl. oben, Anm. 34, sowie den zugehörigen Haupttext.

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41 Vgl. 1:33, wo Grace Chuck gegenüber Tom verteidigt, der halbherzig auf eine öffentliche Bloßstellung Chucks drängt.

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42 Zum Gericht als Selbstgericht vgl. R. Schwager, Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften, Thaur 31994, 70-81; ders., Zukunftsdimension des Christusglaubens, in: http://theol.uibk.ac.at/itl/80.html.

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43 Vgl. Dogville , 2:31.

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44 Lars von Trier, M. Köhler, Interview zu Dogville , in: http://www.br-online.de/kultur-szene/film/stars-interviews/0310/01 890/.

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45 Siehe oben, Anm. 34.

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46 Sympathie bedeutet nicht automatisch Sympathisanz (nach meiner Schematik der entgegengesetzte Straßengraben zur Arroganz), ist aber mit dieser stets verwechselbar. Darin liegt das Risiko des „sich selbst Riskierens“, das mit Sympathie verbunden ist.

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47 Auch die Kommentierung ist nicht nur ironisch-distanzierend, sondern vermag Mitgefühl für die Figuren zu wecken.

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48 Ich musste mich hier – vor allem aus Platzgründen – weitgehend auf Plot und Drehbuch beschränken.

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49 Vgl. David Bordwell, Contemporary Film Studies and the Vicissitudes of Grand Theory. In: D. Bordwell / N. Carroll (Hg.), Post-Theory. Reconstructing Film Studies. Wisconsin 1996, 3-36.

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50 Vgl. W. Sandler, Christentum als große Erzählung. Anstöße für eine narrative Theologie, in: P. Tschuggnall (Hg.), Religion - Literatur - Künste II. Ein Dialog (Im Kontext 14). Anif/Salzburg 2002, 523-538, im Internet: http://theol.uibk.ac.at/itl/315.html.

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51 Vgl. W. Sandler, Die offen zu haltende Mitte. Negative Theologie in dramatischer Polyperspektivität. In: A. Halbmayr/G.M. Hoff (Hg.), Negative Theologie heute? Zum aktuellen Stellenwert einer umstrittenen Tradition (Quaestiones Disputatae 226), Freiburg - Basel - Wien 2008, 152-170.

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52 Vgl. ebd.

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