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Alle Tage wieder
(Eine Theologie der Festzeit anlässlich der Geburt des Herrn nach einem syrischen Hymnus (Ephräm, de nativitate 4))

Autor:Lang Martin
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-12-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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In der frühen syrischen Kirche gibt es nur ein Weihnachtsfest, und dieses wird am 6. Jänner gefeiert. An diesem Fest fallen Geburt und Erscheinung des Herrn (Epiphanie) zusammen und die es meditierenden Texte in der Gestalt von Hymnen, Lehrgedichten, metrischen Predigten und Kommentaren bringen das Kommen Gottes in die Welt in vielfarbigem Licht zum Leuchten.

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In der Tradition Ephräms des Syrers gibt es eine Sammlung von Hymnen, die ausschließlich dem Weihnachtsmysterium gewidmet sind. Es sind zum einen Hymnen über das Geheimnis der Geburt (madrāšē d-bēt yaldā), zum anderen „Wiegenlieder“ (nusrātā), berührende innere Monologe Mariens an der Krippe ihres Sohnes.

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In beiden Gattungen steht zwar die Geburt des Herrn im Zentrum, aber gleich konzentrischen Kreisen kommen von diesem Mittelpunkt her alle Themen der Heilsgeschichte zur Sprache. So nimmt es nicht Wunder, dass in einem „Wiegenlied“ an der Krippe zugleich die Klage Mariens an Kreuz und Grab erklingt. Der Grund dafür liegt in einer Theologie, die bei aller Fokussierung auf einen Aspekt der Heilsgeschichte jeweils ihr Ganzes im Blick hat. Der hier in wenigen Sätzen vorgestellte Hymnus präsentiert in seiner ersten Hälfte eine implizite Theologie des Festes, die er exemplarisch am Ereignis der Weihnacht entfaltet.

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EIN Tag für alle Tage

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Der Hymnus1 beginnt mit einer Eulogie auf den Tag; die vorkommenden Du-Anreden gelten Jesus Christus selbst:

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Gepriesen sei, mein Herr, dein Tag – jener erste,

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durch den gezeichnet ist dieser Tag deines Festes.

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Der Tag der Geburt des Herrn ist schlechthin der erste Tag aller Tage. Es ist ein Tag, der immer neu wiederkehrt und trotzdem ein und derselbe bleibt. Unwillkürlich ist man auch mit dem ersten Tag der Schöpfung konfrontiert, denn beiden ersten Tagen eignet eine fundamentale Gemeinsamkeit: es wird licht.

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Es ist ein Tag, der „dir gleicht, weil er die Menschen liebt“ (V2) und in allen Geschlechtern fortlebt. Schon hier wird ein Oszillieren zwischen der Persönlichkeit Jesu und der Personifizierung des Tages spürbar.

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Es ist der Tag, der „uns besucht … und in seinem Mitleid wiederkehrt“ (V5). Damit spiegelt der Hymnus zweifellos Motive aus den lukanischen Kindheitshymnen mit ihrem Programm einer impliziten Christologie.

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Es ist ein Tag, der alle jung macht.

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Es ist ein Tag, der länger ist als alle Zeit dieser Welt.

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Es ist das Fest schlechthin, das alle Feste der Geburtstage der Herrscher dieser Welt in den Schatten stellt.

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Es ist ein Tag, „der dir gleicht“ (V2. 11) hinsichtlich seiner Menschenliebe und hinsichtlich seiner Einheit, die doch für alle Zeiten und alle Menschen „viel“ ist. Damit ist auch schon ein Blick auf die Eucharistie getan, die gerade bei Ephräm in engster Parallele zur Menschwerdung gedeutet wird.2

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Es ist der Tag, an dem uns die ferne Geburt ganz nahe ist und an dem wir seine Ankunft „sehen“ – auch das ist eine Anspielung auf eucharistische „Präsenz“.

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Es ist ein Tag, an dem sich Himmel und Erde zueinander neigen und sich Himmel und Erde versöhnen.

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Es ist ein einziger Tag nur, an dem abertausende Sünden getilgt werden, weil „sein Erbarmen aufgeht“ – wiederum eine Allusion an das Benediktus.

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Es ist jener einzelne Tag, der alle anderen Tage der Geschichte, an denen Gott sich erbarmt und Verzeihung schenkt, überbietet und in sich aufnimmt.

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Es ist jener Tag, von dem her alle Tage der Geschichte ihren Glanz und Segen erhalten.

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Es ist jener Tag, der allen Tagen dieser Weltzeit ihre Schönheit verleiht.

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Es ist der Tag, von dem alle Feste ihren Schmuck und ihre Strahlkraft bekommen.

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Das Gedicht wird mit Vers 21 zur Bitte:

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In allen Tagen unseres Lebens soll dieser DEIN Geburtstag sichtbar werden, weil Du selbst dieser Tag bist. Alle Tage wieder.

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Anmerkungen:

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1 Quelle: Edmund Beck, Des heiligen Ephraem des Syrers Hymnen de Nativitate (Epiphania) (CSCO 186, 187) Louvain 1959.

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2 Siehe rezent dazu: Sidney H. Griffith, "Spirit in the Bread; Fire in the Wine": the Eucharist as "Living Medicine" in the Thought of Ephraem the Syrian. In: Sarah Beckwith (ed.), Catholicism and catholicity: Eucharistic communities in historical and contemporary perspectives (Directions in modern theology). Oxford [u.a.] 1999, 113-134.

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