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Spe salvus - In Memoriam Adolf Darlap
(Ansprache des Dekans beim Begräbnis von em. Univ.-Prof. Dr. Adolf Darlap am 4. Dezember 2007 in der Pfarrkirche Saggen in Innsbruck)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-12-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Was dem einen ein Zufall sein mag, das wird dem anderen zum Zeichen. Adolf Darlap starb an jenem Tag, an dem Papst Benedikt XVI. die Hoffnungsenzyklika veröffentlicht hat. „Spe salvi facti sumus“: Auf Hoffnung hin sind wir gerettet, lautet der Titel dieses Lehrschreibens. „Der neue und ewige Bund in Jesus Christus ist die Erfüllung und das Ende aller Heilsgeschichte, weil hinsichtlich der Heilsfrage des Menschen die Geschichte nicht mehr zweideutig und offen ist“, schrieb Adolf Darlap schon zu Beginn der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Durch seinen grundlegenden Beitrag zur heilsgeschichtlichen Dogmatik „Mysterium salutis“, den Beitrag mit dem Titel „Fundamentale Theologie der Heilsgeschichte“, verhalf er der ganzen 68er-Generation junger Theologiestudierenden - jener Generation, die von Hoffnung geradezu trunken war - zur intellektuellen Gewissheit darüber, dass „im Voraus zur jeweiligen aktuellen Entscheidung des Menschen und unbeschadet dieser Freiheit des Menschen [die Geschichte] schon entschieden ist“. Sein Beitrag stand in den Fußstapfen Karl Rahners und dessen transzendentaltheologischer Logik. Darlap suchte sein Leben lang diese Logik in der Geschichte zu verankern. Deswegen ist mir - dem Dekan der Theologischen Fakultät - der Todestag Adolf Darlaps zum Zeichen geworden. Spe salvus factus est - auf Hoffnung hin ist er gerettet, er, der Theologe, der sein Leben der intellektuellen Rechtfertigung der Hoffnung widmete.

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Liebe Schwestern und Brüder! Die Leopold-Franzens-Universität verabschiedet sich heute von einem großen Denker. Am 22. Juni 1924 in Würzburg geboren, absolviert er seine schulische Ausbildung in Frankfurt, macht 1942 das Abitur und wird gleich zum Militärdienst eingezogen, gerät am Ende des Krieges in Gefangenschaft. Hat er schon damals das Wort des Psalms verinnerlicht: „Als der Herr die Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und die Zunge voll Jubel.@? Hat er deswegen mit dem Theologiestudium begonnen, gleich nach dem Krieg? Weil er zu einem Träumenden wurde? Und nicht nur mit der Theologie. Auch mit dem Studium der Vergleichenden Religionsgeschichte, der Geschichte, der Philosophie! Der Student Darlap gehörte zu jener Kategorie von träumenden Studierenden, die eben umgetrieben sind, die Studienorte wechseln, die den Lehrern nachgehen, Chancen ergreifen! Den Nestor der deutschsprachigen Patrologen Berthold Altaner hat er gehört, wie auch den genialen Altkirchenhistoriker Hugo Rahner. Bernhard Welte - der große Religionsphilosoph aus Freiburg - lud ihn in seine Forschungsstätte zur Mitarbeit ein.

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Lebensbestimmend - damit auch Träume erdend - wurden ihm zwei Begegnungen: jene mit seiner zukünftigen Frau Elisabeth - eine Begegnung, die den Anlass zu einer Traumpartnerschaft gab, einer Ehe- und Familiengeschichte; und eine Geschichte der Begegnung zwischen der französischen Theologie, der Nouvelle Théologie und ihrer Suche nach den neuen Wegen, die gegangen werden müssen, damit die Hoffnung nicht stirbt, und den deutschen, eher spröden und abstrakteren Gehversuchen. Von welchen Hoffnungen Elisabeth, die Übersetzerin, und Adolf, der spekulative Denker, umgetrieben waren, das können wir höchstens erahnen. Die Hoffnungen und die Träume mussten geerdet werden angesichts vieler Aufbrüche und Brüche, Wege, Umwege und auch Sackgassen der Lebensgeschichte eines Laientheologen in einer Zeit, in der es diese Kategorie kirchlicher Mitarbeiter eigentlich noch gar nicht gab: Darlap, der Vorläufer, der auf die Hoffnung hin lebte.

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Die zweite lebensbestimmende Begegnung war die mit Karl Rahner, dessen Mitarbeiter Adolf Darlap wurde und dessen Denklogik er bestens verinnerlichte. Der junge Wissenschaftler, der - wie Koll. Siebenrock es formulierte - „einer Scheune“ vergleichbar ist, einer Scheune, in der ein immenses Wissen bereit liegt, ließ sich in den Dienst nehmen. So gab er die ersten Bände der „Schriften zur Theologie“ von Rahner heraus, arbeitete in der Redaktion des „Lexikons für Theologie und Kirche“ mit, wurde Schriftleiter des internationalen dogmatisch-systematischen Lexikons „Sacramentum mundi“, Autor des schon zitierten Beitrags zum Standardhandbuch nachkonziliarer Dogmatik „Mysterium salutis“ und seit ihrer Gründung im Jahre 1965 Mitglied der Sektion „Theologische Grenzfragen“ in der internationalen theologischen Zeitschrift „Concilium“. All die Betätigungsfelder hatten für die Zeit damals ein globales Ausmaß: Übersetzungen ins Holländische, Französische, Englische, Italienische, Spanische, Portugiesische, dann auch Polnische waren die Regel. Adolf Darlap sicherte sich durch diese Tätigkeit weltweite Anerkennung der scientific community. Und auch den Dank von Karl Rahner. Dieser überließ seinem selbstlosen Mitarbeiter aus Dankbarkeit die eigene Mitschrift der Vorlesung von Martin Heidegger „Was ist Metaphysik?“ aus dem Jahre 1935 und die Unterlagen seines Gradus-Examens aus dem Jahr 1939. Ein bibliophiler Schatz sondergleichen! Und Adolf Darlap schenkte sie an das Rahner-Archiv weiter.

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1969 kam Adolf Darlap als Assistent an das Institut für Dogmatik und Fundamentaltheologie an unsere Fakultät und übernahm im Jahr 1970 Seminare und Vorlesungen über dogmenhistorische, theologiegeschichtliche und hermeneutische Fragen. „Glaube und Geschichte“ hieß nun der Fokus seiner Interessen. Der spekulative Denker scharte um sich Kreise der Post-68er-Theologen und gab seine Begeisterung für neue Wege der Theologie weiter. In der Zeit der großen Krise am Institut - als kein Ordinarius für Dogmatik da war - übernahm Darlap die tägliche Kleinarbeit, betreute Diplomarbeiten (so übernahm er auch meine Diplomarbeit, die bei Prof. Schupp begonnen wurde, zur Weiterbetreuung) und nahm Prüfungen ab. 1977 übernahm er den Lehrstuhl für Kirchengeschichte und baute diesen Fachbereich neu auf, nachdem auch in diesem Kontext die Fakultät mehrjährige Vakanzen über sich ergehen lassen musste. Er übernahm den Lehrstuhl zu einem Zeitpunkt, als im deutschen Sprachraum die Diskussion über die Eigenart des Faches entbrannt ist (weil eine deutschsprachige Theologische Fakultät einen Profanhistoriker ohne irgendeine theologische Qualifikation berufen hat). Darlap setzte sich für das theologische Profil des Faches ein. Einer der Mitarbeiter am systematischen Institut sagte mir, Darlap hat es geschafft, ihn - den Spätaufsteher - um 8 Uhr früh in den Hörsaal zu locken, weil er so viel von Theologiegeschichte in die kirchengeschichtlichen Vorlesungen hineingebracht hat. Die Studierenden schätzten seine Vorlesungen, waren fasziniert von dem immensen Wissen, der kritischen Schärfe seines Urteils, seinem Witz und nicht zuletzt seiner Frömmigkeit. Koll. Gmainer-Pranzl vergisst nicht jenen Morgen, als zu Beginn der 90er-Jahre die Nachricht vom Flugzeugunglück in Asien kam, bei dem viele Mitglieder des Instituts für Finanzwissenschaft ums Leben kamen. Prof. Darlap kam sehr ernst zu seiner Vorlesung und betete mit allen ein „Vaterunser“ für die Verstorbenen. Sein tiefer Glaube kam auf eine doch schlichte und unscheinbare Art zum Ausdruck.

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Spe salvus factus est - der auf Hoffnung hin gerettete Professor? Blickt man nach seinem Tod in seinen fundamentalen Text aus „Mysterium salutis“, so wird man berührt durch klare persönliche Formulierungen; Formulierungen, die den Autor miteinschließen. „Der Christ hat ein unmittelbares Verhältnis zur Heilsgeschichte, in seinem konkreten Leben weiß er sich bestimmt von den Grundereignissen dieser Geschichte“: der Geburt Jesu, seiner Passion, seiner Auferweckung. „All die früheren Ereignisse sind für ihn unmittelbar greifbar“. Aus der geglaubten Unmittelbarkeit hat Darlap über die Geschichte des Auftrags, der jedem Christen eigen ist, reflektiert. In der geglaubten Unmittelbarkeit der Heilsgeschichte wartete er auch auf die Ankunft des Herrn. Ist es also ein Zufall oder ein Zeichen, dass er an der Schwelle zum liturgisch gefeierten Advent starb und in der Adventszeit beerdigt wurde? Spe salvus factus est!

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Lieber Herr Professor, bei einer der letzten Begegnungen auf der Maria-Theresien-Straße fragte ich Sie, wie es Ihnen geht und woran Sie gerade arbeiten. Sie zündeten sich zuerst eine Zigarette an, ein Zeichen dafür, dass das Gespräch länger dauern wird. Und dann sagten Sie: Ah! Wissen Sie, in meinem Alter interessiert man sich zunehmend für den eigenen Tod und das Danach. Und Sie lächelten. Spitzbübisch! Sie - der große Denker - buchstabierten die große theologische Debatte auf eine elementare Art und Weise und fokussierten diese auf die biographisch zentrale Frage der Hoffnung angesichts scheinbarer fundamentaler Sackgassen des Lebens.

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Jeder, der Sie kannte, wusste sehr bald, dass das immense Wissen, das Sie besaßen, und der enorme Anspruch, den Sie an sich selber stellten, Ihnen selber den Lebensweg nicht unbedingt leichter gemacht haben, dass Sie geradezu Angst hatten vor einem fertigen Produkt, vor dem, was Sie fertig aus der Hand geben mussten. Nun haben Sie ihr ganzes Leben aus der Hand gegeben - es ist vollendet worden durch einen Anderen. Durch den, der sich selber in den Dienst der anderen Menschen stellte, durch den, dessen Ankunft die Geschichte eigentlich zu einem Abschluss brachte. Im Namen der Universität, im Namen des Rektors, im Namen der Katholisch-Theologischen Fakultät danke ich Ihnen für Ihre theologische Arbeit, für Ihr Engagement für die Studierenden (persönlich danke ich Ihnen auch für meinen Abschluss). Wir beten für Sie und wir beten mit Ihnen: dem Menschen, dem Christen und dem Professor, der auf die Hoffnung hin gerettet ist. Spe salvi factus est. Lieber Herr Professor Darlap! An Ihrem Sarg stehend, am Ende dieser Eucharistiefeier - bei der wir die „Unmittelbarkeit der Heilsgeschichte“ sakramental erlebten -, an Ihrem Sarg stehend sage ich: Vergelt’s Gott!

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