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Erwägen, wie Gott sich müht und arbeitet
(Diakonenweihe, 24. November 2007)

Autor:Scheuer Manfred, Bischof der Diözese Innsbruck
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-11-27

Inhalt

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Auf der Einladung zur Diakonenweihe ist auf einem Relief aus der Kathedrale von St.-Gilles-du-Gard/F zu sehen, wie Jesus dem Petrus die Füße wäscht. Petrus greift dabei mit dem linken Zeigefinger auf die Stirn. Diese Geste kann man unterschiedlich deuten: als Ausdruck der Nachdenklichkeit und des Nichtverstehens, als Signal für Jesus, dass da etwas nicht stimmt. Nicht auszuschließen ist, dass Petrus Jesus mehr oder weniger den Vogel zeigt. Hat Jesus einen Vogel, wenn er den Jüngern die Füße wäscht? Geht das nicht total gegen die Logik der Macht und auch gegen die Logik der Vernunft, wenn der Herr und Meister sich zum Diener macht? Dienen steht in einer Hermeneutik des Verdachts. Ist das nicht etwas für krankhafte Typen, für Kuscher und Buckler, die noch nicht zum Gebrauch der Vernunft gekommen sind, die nicht in der Lage sind, selbständig zu denken? - Im Evangelium geht es Jesus durchaus um Wissen, Verstehen, Begreifen. Die Fußwaschung ist Ausdruck seines Selbstbewusstseins als Herr und Meister, ist Zuspitzung der Sendung, ist Ausdruck seiner Leadership, ist die Symbolhandlung, die mit der Eucharistie das Leben und die Botschaft Jesu zusammenfasst. Jesus zeigt keine selbstgenügsame Gnosis, aber doch ein Bewusstsein, das sich nicht verstecken will, sondern als Torheit des Evangeliums vernünftiger ist als die Weisheit der Welt.

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Ihr seid im Jesuitenorden und werdet heute zu Diakonen geweiht. Die Reaktionen darauf sind vermutlich recht unterschiedlich. Ihr erfährt Anerkennung und auch Bewunderung. Vielleicht wird euch nicht direkt der Vogel gezeigt. Unverständnis ist allemal da. Und manche wissen einfach nicht, was das soll. Ja es ist so: Gott stellt die menschliche Vernunft mit der Fleischwerdung des Logos auf den Kopf. Er bindet seine Gegenwart an die unscheinbaren Gestalten von Brot und Wein, um damit unseren Stolz zu demütigen. Und der Knecht und Diener Jesu dreht unsere Ideologien und Selbstverständlichkeiten um.

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In der Schule der Exerzitien

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Ihr seid Diakone als Jesuiten in den Spuren des Ignatius, in der Schule der Exerzitien. Ignatius will Jesus je mehr erkennen um ihn inniger zu lieben und nachzufolgen, dem armen und demütigen Jesus nachfolgen, der kenotisch seine Gottheit verbirgt.1 „Dass ich meinerseits will und wünsche und es mein überlegter Entschluss ist, wofern dies nur Euer größerer Dienst und Lobpreis ist, Euch darin nachzuahmen, alle Beleidigungen und alle Schmach und alle sowohl aktuale wie geistliche Armut zu erdulden, wenn Eure heiligste Majestät mich einem solchen Leben und Stand erwählen und annehmen will.“ (GÜ 98) Das ist nichts für eine masochistische Psyche, sondern Ausdruck höchster Freiheit und einer Liebe zur Wirklichkeit. Ihr seid keine Wirklichkeitsflüchtlinge und Realitätsverweigerer. Die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrungen psychisch und gesellschaftlich wird euch vor Augen geführt. Eure Erfahrungsfelder waren die Pflege in Krankenhäuser und in Altenheimen, die Arbeit mit Schubhäftlingen in Stadelheim, die Industriearbeit, die Jugendarbeit in der MK oder auch in St. Blasien, der Rettungseinsatz und die Verantwortung beim Roten Kreuz in der Leitung. Diakonie hat unterschiedliche Gesichter: Prellbock für Jugendliche beim Ausloten ihrer Grenzen seid Ihr gewesen, habt Regeln eingefordert und höchst angespannte Situationen ausgehalten. Diakonie bedeutet, ein menschliches Gesicht in die Kälte der Schubhaft zubringen, Studierende in Rom zu beraten und zu begleiten. Es geht auch um kulturelle Diakonie, um eine Diakonie des Denkens: um die Erschließung von Sinnstrukturen, um Eröffnung von Lebens- und Freiräumen, um Hilfe bei der Entscheidungsfindung für junge Erwachsene. Auch Führungsarbeit ist ein wichtiger Dienst am Aufbau von Kirche und Gesellschaft. Als Jesuiten kennt Ihr die Experimente des Pilgerns und Bettelns. Es ist gut für den diakonalen Dienst, nicht zu festgelegt, nicht eingenistet, nicht mit zu viel Gepäck unterwegs zu sein.

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Wirklichkeitsverweigerung und Weltflucht sind Ignatius fremd. Karl Rahner spricht von der „ignatianischen Mystik der Weltfreudigkeit“2. Die ignatianischen Experimente sind ein Spiegel dieser Liebe zur vollen Wirklichkeit: „Während ungefähr eines Monats die Geistlichen Übungen (Exerzitien) machen, …während eines weitern Monats in Armen- und Siechenhäusern dienen, … einen weitern Monat lang ohne Geld pilgern, … Nach der Aufnahme ins Haus sich mit ganzem Fleiß und Bemühen in vielfachen niederen und demütigenden Diensten üben. Die christliche Lehre oder einen Teil von ihr öffentlich den Kindern und anderen einfachen Leuten erklären. … Nachdem er erprobt und als auferbauend erfunden wurde, wird er zum nächsten übergehen, das ist predigen und beichthören oder in allem arbeiten, je nach Zeit, Ort und Veranlagung aller.“3 – Ignatius wollte „den Seelen helfen“4, den zugeschütteten, oberflächlichen, vergessenen, gequälten, verletzten und verwundeten Seelen. Er wollte den Kinderseelen helfen und den Kleinen und Unmündigen beistehen. Aber auch die Bildung wurde bald zu einem Schwerpunkt des Ordens. Jesuiten gingen an ihren Wirkungsstätten in die Gefängnisse, sie atmete den Geruch der Pestkranken ein. Ignatius Er eine Option für die Armen und eine Option für die Jugend getroffen.

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Erwägen, wie Gott wirkt

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Als Diakone seid Ihr von den Exerzitien auf den öffentlichen Schauplatz der Geschichte und der Gesellschaft gestellt: Zum einen lässt Ignatius anschauen, wie Gott in dieser Wirklichkeit wohnt und wirkt, sich für die Menschen abmüht und arbeitet (GÜ 234-237), zum anderen aber auch die Not, die Entfremdung und die Gottferne betrachten (GÜ 102). Gottes Hingabe an seine Schöpfung nimmt selbst die Gestalt der „Arbeit“ für die einzelnen Elemente der Schöpfung an. Es ist zu „erwägen, wie Gott für mich arbeitet und sich müht in allen geschaffenen Dingen auf dem Antlitz der Erde, d.h. er verhält sich wie einer der arbeitet; ebenso wie in den Himmeln, den Elementen, Pflanzen, Früchten, Vieh etc.: indem er Sein gibt“ (GÜ 236) Das Ideal menschlichen Tätigseins ist nicht der „homo faber“, der sich im Vertrauen auf die eigene Macht die Welt unterwirft, also nicht der Macher, sondern der von Gott zur Mitarbeit an seinem Werk berufene Mensch, der die Selbstentäußerung Gottes an seine Schöpfung und die Sendung Jesu in die Welt hinein geschichtlich weiterführt. Mit der Kategorie der Sendung und des Dienstes ist nicht nur eine äußerliche, zweckgerichtete Aktivität, sondern der geschöpfliche Mitvollzug der trinitarischen Bewegung Gottes und eine geschichtlich vermittelte, konkrete Gestalt personaler Nachfolge gemeint. „Die äußerlich hervortretende Bewegung der Sendung gründet im geistlichen Mitvollzug der trinitarischen Bewegung Gottes.“5 Das aktive Apostolat im Dienst der Sendung für das Evangelium rückt in den Mittelpunkt. Ziel der Exerzitien ist es, „contemplativus in actione“ zu werden. Göttliches und menschliches Handeln treten in eine dialektische Verhältnisbestimmung: „Vertraue so auf Gott, als ob der Fortgang der Dinge ganz von dir und nichts von Gott abhinge; wende jedoch alle Mühe auf, als ob du nichts und Gott allein alles bewirken werde.“6 Diese Sentenz lässt sich zwar nicht wörtlich auf Ignatius zurückführen, aber sie steht in einer großen Nähe zu den ursprünglichen Quellen. Das menschliche Tätigsein wird als Mitvollzug der göttlichen Gnade verstanden. Im Tätigsein des Menschen zeigt sich das Vertrauen in die zuvorkommende Gnade Gottes. Gottes Wirken scheint im menschlichen Selbstvollzug auf. Gnade ist für Ignatius ein Mittun-Dürfen am Werk der Erlösung (vgl. 1 Kor 3,9; 2 Kor 6,1)7. Der erlöste Mensch ist Mitarbeiter im Reich Gottes in der Nachfolge Jesu.

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Als Diakone seid ihr dazu berufen, so etwas zu sein wie Vor- und Horchposten, Vorreiter in der Kirche bei der Bewältigung der Herausforderungen in der Gegenwart. Auch an den Rand- und Bruchzonen von Kirche und Gesellschaft habt ihr als Diakone euren Platz. Eure Gesprächspartner sind nicht nur die, die ohnehin im Binnenraum von Kirche sind, die „noch“ da sind, sondern auch jene, die vielleicht morgen dazugehören könnten. Habt ihr einen Vogel? Etwas davon bleibt: je mehr danach verlangen als ein Tor und ein Narr angesehen zu werden um Christi willen, der zuerst als ein solcher angesehen wurde, denn für weise und klug in dieser Welt.“ (GÜ 167)

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Schauen wie Gott wirkt und wie er allem inne wohnt: „Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt uns dies gleichsam entgegen. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen. Wir erleben sie nicht durch bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. Das gilt für das Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, liebende Antwort.“8 Von dieser Begegnung her sind Diakone Mitarbeiter der Gnade und der Freude, Anwälte der Hoffnung und Freunde des Lebens.

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Anmerkungen:

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1 Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Urtext übersetzt von Peter Knauer, Würzburg 1998, Nnr.196, 223.

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2 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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3 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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4 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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5 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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6 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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7 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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8 Karl Rahner, Schriften zur Theologie III, 329-348.

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