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Den Himmel offen halten
(Ansprache des Dekans bei der Sponsions- und Promotionsfeier am 20. Oktober 2007)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-10-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Wer dem lieben Gott ins Fenster geschaut hat, langweilt sich nicht. Er ist glücklich!" So hat vor Jahren Milan Kundera die Sache mit dem Himmel auf den Begriff gebracht. Und er hat seinem Roman den bezeichnenden Titel gegeben: "Die Langsamkeit". Mit der Abschaffung des Blicks ins Fenster des lieben Gottes, mit der Einschränkung von Lebensperspektiven auf reine Diesseitigkeit hat unsere Kultur dieses Leben zur letzten Gelegenheit verwandelt: zur letzten Gelegenheit, etwas zu leisten oder auch etwas zu erleben. Man schuftet sich zu Tode... und amüsiert sich auch dementsprechend. Und damit man sich das alles leisten kann, studiert man möglichst schnell finanzkräftige Fächer, jagt den Forschungsgeldern nach... Leistungs- und Erlebnisstress prägen unseren Alltag. Wir japsen, deswegen suchen wir - die außer Atem Geratenen - mit Wellnessstress den Segen der Langsamkeit zu entdecken und stellen fest, den Blick in das Fenster des lieben Gottes, jenen Blick, der uns glücklicher und gelassener machen könnte, diesen Blick haben wir gerade verpasst. Die Ausweitung der Perspektive der reinen Diesseitigkeit in die Unendlichkeit des Universums vermag auch kaum etwas zu ändern. "Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch", formulierte einmal der Physik-Nobelpreisträger Steven Weinbert.

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Magnifizenz, lieber Herr Rektor, damit Sie nicht ganz "außer Atem" geraten bei dem heutigen Promotions- und Sponsionsstress wird die Theologische Fakultät mit ihren Dimensionen "klein aber fein" dazwischen geschaltet. Wir wollen Ihnen ein paar Minuten den ‚Himmel offen halten', damit Sie zu Atem kommen. Liebe Freunde, Verwandte, Bekannte und auch anonym bleiben wollende Gegner unserer hier im Rampenlicht sitzenden lächelnden, also scheinbar glücklichen Absolventinnen und Absolventen (sie sind glücklich, weil sie den Blick in das Fenster des lieben Gottes erhascht haben). Wozu ist die Theologische Fakultät gut? Das fragen sich die im Diesseitsstress gefangenen Zeitgenossen. Die heutige Feier findet in einem besonderen Semester statt. Am 4. November 1857 - also vor 150 Jahren - wurde unsere Fakultät wiedererrichtet und erlangte in den letzten 150 Jahren weltweite Präsenz. Sie ist als einzige Fakultät im deutschen Sprachraum von den Nazis aufgehoben worden. Warum? Vielleicht, weil sie den ‚Himmel offen hielt' und so in einer Kultur der reinen Diesseitigkeit zur Bedrohung wurde.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen! Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner für eure Abschlussarbeiten, so lautet er: ‚Den Himmel offen halten'. Fangen wir bei unserer Seniorin Frau Maria Anna Klingler an und ihrer philosophischen Dissertation "Die Suche nach dem Sinn des Lebens als Ausdruck unserer Existenz - eine philosophische Reise unter besonderer Berücksichtigung Viktor Frankls" (betreut von Koll. Hans Kraml, Zweitgutachter Koll. Christian Kanzian). So kompliziert die philosophischen Wege und Umwege auch sein mögen, sie streifen immer die Frage der Transzendenz, selbst dann, wenn sie diese negieren, oder sie münden direkt in diese Frage. Viktor Frankl, ein Mensch, der den Holocaust überlebt hat, veranstaltet als 83-jähriger Mann in Jerusalem eine zweite Bar-Mizwa-Feier. Bewusst will er noch einmal in der auf ihn damals aufmerksam blickenden Öffentlichkeit sein Bekenntnis zum jüdischen Glauben ablegen und seinen Willen zur Erfüllung der Gebote bekunden, so als ob er damit sagen wollte: "Mit meinem Leben halte ich Euch den ‚Himmel offen', weil ich die Kultur der reinen Diesseitigkeit negiere!" "Der Sinn des Lebens ergibt sich nie in etwas empirisch Greifbarem oder faktisch Gegebenem. Er besteht weder im Glück oder in der Lust noch in einer Homöostase, dem Ausgleich von Spannungen, noch in Selbstverwirklichung oder der Einfügung in ein größeres Ganzes. Der Sinn des Lebens besteht für jeden Menschen ... in der Überschreitung von allem Gegebenen, er richtet sich auf einen ‚unbewussten Gott'." Und wo findet der Mensch die Spuren Gottes? Spuren oder gar Bilder?

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Schon der flüchtige Blick in die Diplomarbeit von Christian Markus Meßmer gibt eine klare Antwort. Die Antwort kommt nicht durch die mühsame Lektüre der 202 Seiten langen Arbeit (am Rande sei gesagt, der Dekan hat den Verdacht, dass die Herren Geissler, Ladner und Meßmer um die Wette schrieben... Leistungsorgie sozusagen: Ladner 189 Seiten, Geissler 193 Seiten plus eine CD mit den Interviews, Meßmer 202 Seiten mit der Schlussbemerkung: Quod erat demonstrandum! Die armen, gestressten BetreuerInnen!). Die Frage lautet also: Wo finden wir die Spuren Gottes? Die Antwort wird in der Diplomarbeit zuerst durch Bilder gegeben. Mit großer Freude nimmt der Dekan das Bild der Philoxenia von Andrej Rubjow wahr: jene Dreifaltigkeitsikone, die auf die biblische Erzählung vom Besuch der drei Wanderer bei Abraham und Sara zurückgeht und die geradezu für den inkarnatorischen Zugang zum Geheimnis der Transzendenz Pate steht. Regelrecht überrascht wird der Leser durch die Collagen aus den Gesichtsbildern. Von Mutter Teresa bis zur Schwester Jolanta, von Johannes Paul II. bis Martin Hasitschka (der heutige Promotor) reicht die Palette. Und der Grund für die zahlreichen Gesichter? "Jeder Mensch hat eine andere Nuance von der Größe, Herrlichkeit, Schönheit, Liebe, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes deutlich zu machen - mit dem je eigenem Gesicht." Meine Damen und Herren! Herr Meßmer sagt uns: Das Gesicht eines jeden Menschen hält mir den ‚Himmel offen'. Auf eine je eigene - unverwechselbare - Art und Weise. Wow! Wenn das nicht der Hammer ist? Das Gesicht der schnarchenden Ehefrau, mit der ich schon seit 40 Jahren zusammen schlafe (keine Bange: Ich bin ein zölibaterer Priester!), dieses Gesicht soll mir den ‚Himmel offen halten'? Machen wir eine Übung! Blicken Sie nach rechts und links und prüfen Sie nach, ob der Mensch neben Ihnen den ‚Himmel offen hält'! ... Ich hoffe, er/sie tut es. Wenn Sie den Himmel aber nicht gesehen haben, so liegt es nicht an der Ehefrau, sondern an Ihnen. Die Diplomarbeit von Christian Meßmer (betreut von Kollegin Gerda Riedl): "Die Gottebenbildlichkeit in ihren Auswirkungen auf die theologische Anthropologie" endet jedenfalls mit dem Bekenntnis: "Alles wirkliche Leben ist Beziehung". Deswegen finden die Christen bei ihrem Blick in das Fenster des lieben Gottes eine Gemeinschaft von Personen vor: die Dreifaltigkeit eben!

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Soll das etwa heißen, dass wir alle uns dem Beziehungsstress aussetzen, emsig Kontaktanzeigen lesen, aufgeben, offenen Blicks durch die Straßen rennen und Beziehungen auf Teufel komm raus knüpfen sollen? Eine Kultur, die in der Logik der reinen Diesseitigkeit verfangen bleibt, wird die Botschaft so missverstehen. Auf sich selbst fixiert will der Mensch selbst die Beziehung produzieren, verbaut sich aber gerade deswegen den Blick zum Himmel. Dass Beziehung Gnade ist, etwas, was mir widerfährt, was letzten Endes auch unverfügbar bleibt, dass erfahren viele Menschen erst beim Scheidungsrichter. Die Theologie lernt die Logik des offenen Himmels und der daraus entspringenden Beziehung beim Thema "Berufung". Gott selber ist es, der eine unverwechselbare Beziehung zu mir aufnimmt... zu mir, mich deswegen auch auf einen bestimmten Lebensweg stellt.

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Diese Frage scheint unmodern zu sein: "Hat Gott mich für einen besonderen Lebensweg ausgewählt?" Für viele klingt das lächerlich, etliche sehen in dieser Logik eine psychische Störung oder Gefahr für den anderen. Johann Sedlmaier stellte sich diese Frage in seinem persönlichen Leben. Als B-Zug-Schüler, Bäckerlehrling, leidenschaftlicher Leser suchte er und suchte, machte dann doch die Matura nach, fing an mit dem Theologiestudium und wurde Priester. Die Frage nach dem Lebensweg verstummt nicht. Deswegen fing er ein Promotionsstudium an und stellte sich in seiner Dissertation (betreut von dem, der gerade redet; Zweitgutachter Koll. Roman Siebenrock): "Berufen! Die Gnadentheologie von John Irvings ‚Owen Meany' im Lichte der Dramatischen Theologie" dieselbe Frage. Als Objekt seiner Forschung nahm er den meistgelesenen Autor der Gegenwart, den Amerikaner John Irving und seinen Helden, der sich genau dieselbe Frage stellte, unter die Lupe. An der Gestalt eines Außenseiters, eines behinderten Kindes und Jugendlichen, einer schillernden Figur, die mit beiden Beinen im Leben des modernen Amerika steht, eines Menschen, dem "sex & crime" keine Fremdwörter sind, am Beispiel eines Menschen wie du und ich wird in dieser Dissertation die uralte Problematik der Berufung auf ironisch gebrochene Art und Weise aufgerollt. Sedlmaier zeigt, dass die Logik der reinen Diesseitigkeit durch solche berufene Außenseiter gesprengt wird, dass diese Menschen durch ihr Leben den anderen den ‚Himmel offen halten'; durch ihr Leben und auch durch ihren Tod. Owen stirbt in einer Toilette in Texas, als er eine Gruppe von vietnamesischen Kindern vor einem Granatenanschlag rettet, diese Rettung aber mit seinem Tod bezahlt. Sedlmaier zeigt, dass solche Menschen selbst den zynischen Zeitgenossen den ‚Himmel zu öffnen' vermögen. Rückblickend sagt der Jugendfreund des Helden, Owen sei der Grund, warum er an Gott glaubt.

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Sedlmaier ist Priester, Andreas Geissler und Thomas Rudolf Ladner wollen es werden. Und beide ringen mit der Frage, was es zu bedeuten habe, den Weg zur Priesterweihe einzuschlagen in einer Zeit, in der Priester scheinbar überflüssig werden. Nicht nur, weil wir in einer Kultur der reinen Diesseitigkeit leben, sondern auch, weil Seelsorge anders organisiert werden kann. Auch so, dass man eben auch ohne Priester auskommt. In seiner Diplomarbeit "Pastoralrechtliche Überlegungen zur Teilhabe Nicht-Ordinierter am Leitungsamt in der Kirche" (betreut von Koll. Wilhelm Rees) analysiert Thomas Ladner die Strategien der Diözesen zur Organisation der Seelsorge, endet bei den konkreten Strategien der Entwicklung der Seelsorgeräume in der Diözese Innsbruck (gab deswegen seine Diplomarbeit Bischof Scheuer zu lesen). Seine Sorge, dass die Strukturzwänge die wichtigste Aufgabe der Seelsorge nicht verbauen und dass der kirchliche Auftrag, ‚den Himmel offen zu halten', in unserer Gegenwart nicht zu kurz kommt, verbindet ihn mit Andreas Geissler und seiner Diplomarbeit. "Wortgottesdienste am Sonntag. Eine theologische Reflexion und Überlegungen zu Sinn und Form einer sonntäglichen Feier der Gemeinde ohne Priester" (betreut von Koll. Reinhard Meßner). Gerade weil Liturgie "der große Dialog oder Begegnungsereignis, an dem Gott und Mensch beteiligt sind", bleibt, ist Sorgfalt bei Ersatzformen für die Eucharistiefeier geboten. Kritisch fragt Geissler, ob der Wortgottesdienst mit Kommunionfeier den ‚Blick in das Fenster des lieben Gottes' nicht eher verschleiert, denn offen hält.

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Rubén Penaloza Ramirez ist vor Jahren die Gnade widerfahren: die Gnade eines ‚Blicks in das Fenster des lieben Gottes'. Bei einer großen Wallfahrt in Mexiko hörte er einer Frau zu. Die Frau war davon überzeugt, dass sie auf keine Weise und niemals von Gott Vergebung erfahren werde. Die Begegnung mit der Außenseiterin, mit der Verdammten dieser Erde war für ihn prägend. In einer spontanen Reaktion schob er die gelernte Moral auf die Seite, stellte die Person Jesu ins Zentrum und seine Bemühung um die Armen, Ausgestoßenen und Außenseiter. Am Ende des Studiums angelangt widmet er sich dem Markusevangelium und der Tatsache, dass dort gerade die Randexistenzen ‚den Himmel offen halten'. Ja, dass der römische Hauptmann zum Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu gelangt: beim Anblick des Sterbens dieses Menschen. Hält der Schrei Jesu am Kreuz uns also den Himmel offen? Die vom Leistungs- und Erlebnisstress geplagte Kultur der Diesseitigkeit, eine Kultur, die aber Millionen der Verdammten dieser Erde im Wellnessstress verdrängt und buchstäblich ersäuft, wird sich vor dieser Herausforderung mittelfristig nicht drücken können. "Mk 15,39: Bekenntnis des Hauptmanns und die Frage der Nachfolge" lautet der Titel seiner Diplomarbeit (betreut von Niewiadomski und Koll. Boris Repschinski).

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Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen die großen Abschlussarbeiten, die Doktorate und die Magisterarbeiten unter dem Motto ‚den Himmel offen halten' präsentiert, um Sie für die Inhalte der Arbeit unserer Fakultät und auch den Sinn dieser Fakultät an der Universität zu sensibilisieren. Den aufmerksamen Beobachtern unter Ihnen wird es nicht entgangen sein, dass zwei Personen noch nicht vorgestellt wurden. Als - vorläufig - einzige Theologische Fakultät im deutschen Sprachraum bietet unsere Fakultät ein Bakkalaureatsstudium an. Dieses kennt keine großen Abschlussarbeiten. Frau Astrid Vantsch und Herr Hubert Jäger lernten aber in ihrem Studium das, was alle lernen: den Blick über die reine Diesseitigkeit hinaus. Deswegen haben sie auch einen Grund zur Freude und zum Feiern. Aber auch ihre Bakkalaureatsarbeiten zeigen etwas von diesem Motto: Frau Vantsch schrieb eine ihrer Arbeiten über die Montessoripädagogik im Kindergarten. Herr Jäger setzte sich mit der Problematik der Euthanasie auseinander. Vielleicht fällt uns deswegen eine Diskussion über dieses Thema so schwer, weil uns die Perspektive für das ‚Jenseits des Todes' abhanden gekommen ist.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen, zum Schluss noch eine Frage. Wer hat euch den ‚Himmel offen gehalten'? Die Eltern, die Freundin, der Freund, Menschen, die an euch geglaubt haben, euch materiell unterstützt haben, gar für euch gebetet haben! Deren konstante Beziehung zu euch, das immer wieder euch zugewandte Gesicht, das auf je eigene Art und Weise verschiedene Nuancen der Gottebenbildlichkeit spiegelt und euch gerade in den Situationen der Krise, der Frustration den ‚Himmel offen zu halten' half, all das sei heute nicht vergessen. All das sei ein Grund zur Freude, zur ausgelassenen Feier und zu einem festlich gepflegten ‚Blick in das Fenster des lieben Gottes'. Bleiben Sie unserer Fakultät treu! Seien Sie stolz auf Ihre Berufung: den Menschen der Gegenwart den ‚Himmel offen zu halten'. Und vergesst nicht: "Wer dem lieben Gott ins Fenster geschaut hat, langweilt sich nicht", hat keinen Leistungsstress - der liegt schon hinter Ihnen. Er hat auch keinen Erlebnisstress. Der könnte noch vor Ihnen liegen. Deswegen mein Wunsch an euch und Sie alle: fröhliche Gelassenheit beim Feiern!

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