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Ein Plädoyer für Ethik - auch wenn sie mir keinen Vorteil bringt
(Antwort auf A. Gansterer)

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-10-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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In der Zeitschrift profil vom 17. September 2007 setzt sich Helmut A. Gansterer mit meinem Buch “Die List der Dinge. Sackgassen der Wirtschaftsethik in einer funktional differenzierten Gesellschaft.” in einer Weise auseinander, die eine Reaktion erfordert. Was Gansterers Vermutungen über meinen Charakter und meine Motive angeht, möchte ich mich nicht weiter äußern. Das scheint wenig zielführend, zumal diese sich selbst disqualifizieren. Nur so viel: Nicht jede Position muss nur deshalb, weil sie einem kirchlichen Lehrdokument entstammt, oder von einem Papst vertreten wird, auch schon falsch sein.

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Nun aber zur inhaltlich geäußerten Kritik. Ich muss gestehen, ich weiß nicht, welches Buch Herr Gansterer gelesen hat. Anhand meines Textes kann er nämlich unmöglich folgende Schlüsse gezogen haben: “Wirtschaftsethik ist irrelevant, weil nicht machbar (1). Jeder Politiker ist irregeleitet, der unter der Ethik-Flagge den Reichen was wegnimmt und den Armen was gibt (2).”

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Auf den offenbar so schwer zu verkraftenden 429 Seiten Text komme ich ganze vier Mal auf das Thema Umverteilung zu sprechen. An jeder dieser Stellen betone ich, dass die dominierenden Strömungen in Wirtschaftstheorie und -ethik unterstellen, man könne auf Teilen und Umverteilen verzichten, solange man auf Wachstum setzt. In dieser Haltung besteht meines Erachtens eine Sackgasse. Wer auf einem begrenzten Planeten sitzt, kann unmöglich auf Dauer die Strategie grenzenlosen Wachstums verfolgen. Offenbar muss uns die globale Erwärmung noch deutlich mehr einheizen, bevor wir endlich begreifen, dass es höhere Ziele gibt, als in ökonomischen Erfolgsstatistiken die ersten Plätze einzunehmen. Das Überleben der Menschheit, auch der auf der südlichen Hemisphäre, wäre ein solches.

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Wirtschaftsethik ist keineswegs irrelevant. Was ich kritisiere sind jene Ansätze der Wirtschaftsethik, die den aufgeklärten Egoismus zur ultimativen Norm erheben. Der nach Gansterer humanisierende Egoismus entspricht der Haltung jener religiösen Würdenträger im Evangelium, die einen Schwerverletzten am Wegrand liegen sehen und im Sinne rationaler Nutzenmaximierung entscheiden, ihn dort seinem Schicksal zu überlassen. (Lukas 10,25-37) Das hat nichts mit Abneigung zu tun; nein, das ist eine nüchterne Vorteilsrechnung zu eigenen Gunsten. Freilich wäre es schön, wir hätten angesichts solchen Verhaltens eine gesellschaftliche Rahmenordnung, die dennoch eine menschliche Welt schaffen würde. Was, wenn aber auch die Politik ein Geschäft geworden ist, in dem es um jeden Preis um Wähler-Marktanteile und um die Maximierung von Kapital - in Form von Umfragewerten - geht? Können wir von dieser Politik dann noch erwarten, dass sie die Ergebnisse der so nüchternen und so unmenschlichen Kosten-Nutzen-Kalküle korrigiert? Die Faszination an emotionslosen Spielregelethiken rührt, wie ich meine, daher, dass wir uns die Auseinandersetzung mit unseren ganz und gar nicht harmlosen Leidenschaften und Begierden ersparen wollen. Sie sind es, die eine wirklich zukunftsorientierte Ethik in den Blick zu fassen hat. Bei aller notwendigen strukturellen Gestaltung unserer Welt kommen wir um das Thema eines Gesinnungswandels nicht herum.

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Mit Gesinnungswandel freilich hat es nichts zu tun, wenn Sündenböcke definiert werden, die anscheinend für das Misslingen unserer ökonomischen Konzepte verantwortlich zeichnen. Genau das aber schlägt Gansterer vor, wenn er meint, man müsse nur die Managerklasse mit einem progressiven Einkommenssteuersatz quälen; dann hätten wir endlich eine wirklich ethisch gelungene Wettbewerbswirtschaft. Wie simpel - in jeglichem Sinn des Wortes!

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Worum es mir in meinem Buch geht, ist die Betonung der Unverzichtbarkeit der Gesinnungsebene auch in der Wirtschaftsethik und die Unverzichtbarkeit von Vorleistungen in Richtung einer mehr kooperativen und weniger kompetitiven Ökonomie, der es mehr um Nachhaltigkeit als um Wachstum geht und in der Vertrauen langsam Überhand über die Angst vor der Konkurrenz gewinnt. Ich muss aber wohl zur Kenntnis nehmen, dass es in unserer schnelllebigen Zeit eine Zumutung darstellt, solche Gedanken über mehrere hundert Seiten hinweg argumentativ zu entfalten. Dass sie am Markt der Meinungen nicht zu den Top-Sellern zählen werden, war mir schon vorher bewusst.

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