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Forschungsgeleiteter Lehrer - In memoriam P. Arnold Gamper SJ
(Ansprache des Dekans beim Begräbnis von em. Univ.-Prof. Dr. Arnold Gamper SJ am 18. September 2007 in der Jesuitenkirche in Innsbruck)

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Abstrakt:
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-09-20

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Unvergesslich sein Hineinhuschen in den Hörsaal, den Blick fest auf Pult und Text der hebräischen Bibel oder seines Manuskriptes gerichtet. Unvergesslich seine Anfangsworte: ‚Wie Sie ja sicher schon wissen...‘, weil er ein ungeheures Wissen bei den Studierenden insinuierte. Selbst die Vorlesung ‚Einleitung in das Alte Testament‘ begann mit dem Satz: ‚Wie Sie ja wissen, besteht die Bibel aus zwei Testamenten: dem Neuen und dem Alten.‘“ So oder ähnlich beschreiben ihn jene, die ihn als Studierende gehört haben. „Unvergesslich seine Gewohnheiten! Sein zweimaliges Auftauchen im Institut etwa. Immer zur selben Stunde. Vormittags nach der Vorlesung, abends um halb sieben. Unvergesslich seine Kleidung. Immer im Kollar und am ersten Tag der Ferien im karierten Hemd mit offenem Kragen. Unvergesslich seine Einladungen zum Essen, bei denen er wegen seiner Diät nicht anwesend war, sich aber freute, wenn andere ‚auf seine Kosten‘ aßen und tranken. Unvergesslich schließlich auch sein Respekt vor der Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ So oder ähnlich schildern ihn die ehemaligen Assistenten und Assistentinnen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der am Institut von Pater Gamper der Prozentsatz der weiblichen Mitarbeiterinnen höher war als der der männlichen.

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Die Leopold-Franzens-Universität verabschiedet sich heute von einem ihrer emsigsten Lehrer - einem Professor, der unermüdlich, Semester für Semester, sein Lehrdeputat großzügig überschritten hat. Zwölf Semesterstunden waren bei ihm oft die Regel, die hin und wieder auch überschritten wurde. Und dies, weil er in seiner forschungsmäßigen Beschäftigung mit der Alttestamentlichen Wissenschaft auf ausgefallene Sprachen, Themen und Probleme stieß und von ihnen so begeistert war, dass er sie in seinen Kursen weitergeben wollte. Selbst dann, wenn nur wenige dies zu schätzen wussten: wenn nur die sprichwörtlichen „zwei oder drei“ sich um ihn sammelten. Er wollte das mitteilen, was er selber gelernt hat. Das war seine Art der Kommunikation! Nur Äthiopisch lernte er sein leben lang und behielt die Sprache für sich selber. Ausgefallen waren seine Themen und Sprachen, ausgefallen auch die Studierenden. Althistoriker, Altorientalisten, Mathematiker, Philosophen und natürlich auch Theologen tummelten sich um ihn - oft bis zu 15 Personen, wenn es darum ging, Altägyptisch, Koptisch und Aramäisch zu lernen und Texte zu lesen.

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Pater Gamper war der Inbegriff eines forschungsgeleiteten Lehrers. Das Spektrum seiner Interessen war sehr breit. Die Vielfalt und Mannigfaltigkeit der Interessen war aber geordnet und von einem klaren systematischen Konzept getragen. Lassen wir ihn selber zu Wort kommen: „Wer sich die Mühe nimmt, die Geschichte Gottes mit den Menschen nach den Quellen der alttestamentlichen Überlieferung zu verfolgen, wird bald gewahr, dass hier nicht nur der äußere Verlauf eines Weges aufgezeichnet ist. Vielmehr wird nicht selten auch dargetan, welcher Sinn sich hinter diesen so verschiedenen Führungen verbirgt.“ Schaut man sich die Aufsätze von Pater Gamper an, die in den 60er-Jahren publiziert wurden, so staunt man über die methodischen Schritte, die ihn leiteten. „Der ‚Abstieg‘ des Glaubens in die Geschichte hinein (kann) in der Weise geschehen, dass er eine historische Erkenntnis freisetzt, ohne sein Eigensein als Glaube zu verlieren.“ Man wird als Wissenschaftler niemals das reine historische Faktum erkennen und als Glaubender niemals das reine göttliche Geschehen glauben. Denn - und hier fängt das Herz des Dogmatikers schneller zu schlagen an - Glaube und Wissen sind in Analogie zur chalcedonensischen Formel zueinander in Beziehung zu setzen. Glaube und Wissen sind unvermischt und ungetrennt. Im Jahre 1964 publizierte P. Gamper zusammen mit dem Dogmatiker P. Muschalek den oft zitierten Aufsatz „Offenbarung in Geschichte“, in dem er aus der Position der katholischen Exegese die These begründet: Die Welthaftigkeit der Offenbarung ist auch und wesentlich ihre Geschichtlichkeit. Deswegen muss die Exegese historisch-kritisch arbeiten, die Liebe zum Detail erwecken und pflegen. Sie darf aber den Gesamthorizont nicht vergessen, den Horizont, den P. Gamper in seinen bibeltheologischen Vorlesungen nachzuzeichnen suchte. Heute - 50 Jahre später - würde man viele seiner methodischen Schritte mit der modern klingenden Bezeichnung „canonical approach“ qualifizieren und den „letzten Schrei“ aus den USA vermuten. P. Gamper als hochmoderner Exeget, gar seiner Zeit voraus? Das wollte er niemals sein, obwohl er immer die aktuellsten Forschungsergebnisse in seine Vorlesungen integrierte.

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Er wollte das sein, was seine Berufung war: ein Alttestamentler, der - erlauben Sie mir einen überraschenden Vergleich, zu dem mich sein langjähriger Weggefährte und treuer Mitarbeiter Koll. Josef Oesch inspirierte - seine Aufgabe ähnlich begreift wie die altkirchlichen Exegeten. Der hl. Hieronymus etwa: Sprachengenie, auf Details in der Originalsprache bedacht, der Umwelt des Geschehens zugewandt, aber den Glaubenshorizont und auch die gesamte Weltgeschichte niemals aus den Augen verlierend, selbst dann, oder gerade dann, wenn man in der Einsamkeit einer Berghöhle lebt. Ob in Bethlehem oder im Jesuitenkolleg in Innsbruck. P. Gamper ging nicht nach Palästina wie Hieronymus. Die Länder, für deren Kulturen sein Herz höher schlug, hat er niemals bereist. Umso mehr Wert legte er auf das Anschauungsmaterial. So regte er die Dia-Sammlung im Institut an, die inzwischen enorm angewachsen ist. Begeistert griff er die Idee seiner Assistenten Oesch und Mohr auf, eine lückenlose Literaturdokumentation zum Alten Testament anzulegen, unterstützte deren Ausbau und Modernisierung. „Wozu brauchen Alttestamentler Computer?“, staunte der damalige ZID. Heute ist BILDI - Biblische Literaturdokumentation - weltweit bekannt. Tagtäglich pilgern Tausende nach Innsbruck, wenn auch nur auf virtuellen Kanälen, um sich hier Hilfe für ihre wissenschaftliche Arbeit zu holen.

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Dieser für viele als unnahbar erscheinende Mensch, der an seiner Kriegsverletzung und anderen Krankheiten sein Leben lang zu leiden hatte, deswegen auch eine enorme Lebensdisziplin aufwies, studierte viele Fächer. Altphilologie, Orientalistik, Altägyptologie, Philosophie und Theologie, machte das biblische Lizentiat in Rom, promovierte bei uns mit einer Arbeit zum Thema „Gott als Richter und Retter@ (1961), war seit 1962 an der Fakultät in der Lehre tätig, habilitierte sich und wurde 1964 Dozent, er wurde 1968 zum Professor berufen, war 1971/72 Dekan und emeritierte im Jahre 1995.

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Der forschungsgeleitete Lehrer, der Institutsvorstand, der auf die Formen des Zusammenlebens und Arbeitens bedacht war, erfüllte seine Pflichten so, dass ihm die Freizeit fast abhanden kam. Eine Anekdote wird die Brixner Kollegen besonders erfreuen. Beim Professorentreffen in Brixen war er nie dabei. Einmal überredet, kam er mit dem Zug bis zum Brenner, dann fuhr er zurück und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Als Dekan trug er zur Aufklärung einer Schwindelaktion bei, als ein Student an die 30 Zeugnisse gefälscht hatte. P. Gamper ist nur aufgefallen, dass dieser Name bei den Prüfungen, die bei ihm abgelegt wurden, nie vorgekommen ist - er hatte ein phänomenales Namensgedächtnis.

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Gelacht hat er kaum. Freilich kann jeder, der ihn näher kannte, seine Geschichte erzählen, die P. Gamper zum erstarrten Lächeln oder - was kaum vorkam - zum Lachausbruch gebracht hat. Lieber Pater Gamper, ich selber habe Sie einmal schallend lachen gehört. Bei meiner Prüfung über die Exegese des Buches Exodus. Als Literatur haben Sie mir den Band von Martin Noth aus der Reihe ATD (Altes Testament Deutsch) verordnet. In den 70er-Jahren noch in gotischer Schrift gedruckt. „Opfer“ hieß dann die Prüfungsfrage, und ich fing an zu erzählen über die Kinder, die von den Israeliten regelmäßig Gott geopfert wurden. „Ja“, kam Ihre Reaktion. Sie sagten zu den Prüflingen immer „ja“ und niemals „nein“; selbst dann, wenn diese größten Blödsinn erzählt haben. Da kam höchstens: „Ja, aber...“ Am Ende angelangt, hörte ich eine für den Prüfling doch seltsame Frage: „Darf ich Sie etwas fragen..., von wo haben Sie die Sache mit den Kinderopfer?“ „Das steht doch bei Noth!“ P. Gamper stand von seinem blitzblank aufgeräumten Schreibtisch auf, ging zur Bücherwand und holte den „Noth“ heraus. „Zeigen Sie es mir!“ Ich schlug das Buch auf und zeigte die Stelle. Da lachten Sie laut: „Das heißt doch Rinder!“ So habe ich den Unterschied zwischen „R“ und „K“ gelernt.

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Lieber Pater Gamper, im Namen der Theologischen Fakultät sage ich Ihnen herzlichen Dank für all ihre Arbeit und für Ihre Bemühung, die Liebe zum Alten Testament zu wecken. Viele der ehemaligen Studierenden bewahren die Skripten aus Ihren Vorlesungen auf. Meinen Dank möchte ich schließen mit den alttestamentlichen Visionen. Etwa jener von Jesaja, in der vom Festmahl auf dem Berg Zion die Rede ist, oder aber jenen Aussagen aus dem Psalm, wo davon die Rede ist, dass wir alle nach der Befreiung wie Träumende waren und unser Mund voll Lachen. An Ihrem Sarg stehend stelle ich mir vor, wie Sie im Kollar - oder im offenen Hemd - beim himmlischen Hochzeitsmahl dabei sitzen, diesmal auch essend und trinkend (Diätprobleme sind ja nicht mehr existent), äthiopisch redend... Und Ihr Mund ist voll Lachen!

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Pater Gamper, vergelt´s Gott!

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