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Motivation und Freiheit

Autor:Rotter Hans
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Klaus Arntz, Peter Schallenberg (Hg.), Ethik zwischen Anspruch und Zuspruch. (Festschrift für Klaus Demmer zum 65. Geburtstag). (Studien zur theologischen Ethik. 71). Freiburg/Schweiz 1996, 177-187.
Datum:2001-10-13

Inhaltsverzeichnis

 
 
 
 

Inhalt

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Moraltheologie hat sich sehr oft mit Fragen zu beschäftigen, die einerseits den Bereich der Humanwissenschaften betreffen, etwa der Wirtschaft, der Medizin etc., anderseits aber auf eine transzendente Wirklichkeit bezogen sind, auf Gott, Erlösung, Gnade, oder auch auf das sittlich Gute, die Verpflichtung usw. Immer wenn man sich dabei entweder nur auf empirische oder nur auf ethisch-theologische Methoden beschränkt, verfehlt man das Spezifische solcher Fragestellungen.

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Anderseits lassen sich diese beiden Bereiche und die ihnen zugehörigen Methoden aber auch nicht einfach unverbunden nebeneinanderstellen. Sonst wäre unklar, welche Bedeutung etwa der psychologische oder soziologische Aspekte einer Handlung für die Ethik und anderseits Gottesglaube, bzw. überhaupt eine sittliche Verpflichtung für das konkrete Verhalten des Menschen hat oder haben sollte.

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Eine besonders charakteristische "Nahtstelle" zwischen Empirie und Transzendenz ist die menschliche Freiheit. Man müsste diese ignorieren oder leugnen, wenn man nur mit den gewöhnlich objektiv-deterministischen Methoden der Erfahrungswissenschaften vorginge(1). Man könnte sie anderseits sehr leicht überschätzen und in einer unzulässigen Weise verabsolutieren, wenn man sie nur durch die Brille von Philosophie oder Theologie betrachtet und ihre Bedingtheit durch anthropologische Motive missachtet. Das Ergebnis könnte dann ein radikales, fundamentalistisches Modell von Ethik sein, das sich nicht mehr an den Möglichkeiten des Menschseins und des Gemeinwohls orientiert. Es ist sehr hilfreich, dieses Verhältnis zwischen den Motiven menschlichen Handelns und der Freiheit des Menschen einmal etwas näher zu betrachten. Hier müssen immer beide Perspektiven zusammen gedacht werden.

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Die individuelle Freiheit

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Es ist eine Tatsache, dass der Mensch ein gewisses Maß an psychischem Antrieb braucht, um überhaupt leben zu können. Wenn er keinerlei Interesse und keine Lust zum Leben mehr hätte, müsste er schließlich sterben. Besonders bei alten und einsamen Menschen kann oft der Lebenswille nachlassen. Ganz abgesehen von Tendenzen zu Suizid und Euthanasie geben sie auch bei einer vielleicht sonst ungefährlichen Krankheit den Kampf um die Gesundheit auf und sind dann oft nicht mehr imstande, Krankheit und Tod zu widerstehen. Afrikanische Medizin spricht deshalb davon, dass die Krankheit vom Kopf her besiegt werden müsse.

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Bekannt ist weiters das Phänomen, dass etwa ein Kranker oder Erschöpfter nicht die Kraft aufbringt, notwendige Entscheidungen zu treffen, und froh ist, wenn ihm andere das abnehmen. Eine freie Entscheidung braucht Energie, die nicht immer in ausreichendem Maß vorhanden ist. Anderseits kann es sein, dass jemand in seiner Entscheidung völlig starr bleibt und nicht in der Lage ist, umzudenken und seine Haltung zu revidieren. Zur Vitalität eines Menschen und zur Fähigkeit, den freien Willen zu gebrauchen, gehören also entsprechende Voraussetzungen in der Triebstruktur, in der Emotionalität des Menschen. Eine Aszese, die vor allem auf "Abtötung" aus ist und keinen Sinn für den Wert der Lebensfreude hat, widerspricht diesen Einsichten. Es bedarf einer Entwicklung und Pflege der Vitalität, wenn man fähig sein soll, den großen Werten des Daseins nachzustreben. Wichtig ist dazu vor allem, dass die Triebbedürfnisse des Menschen in ausreichendem Maße ihre Befriedigung finden. Das mag bei einer einzelnen Entscheidung vielleicht nicht ins Auge fallen, auf die Dauer ist es von größter Bedeutung.

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Anderseits können Triebe so stark werden, dass es schwer ist, sie zu beherrschen. Man denke an Hunger, sexuelles Verlangen, Furcht, Aggression, Eifersucht, Verlangen nach Macht usw. Es mag zwar sein, dass man sich grundsätzlich die Freiheit bewahrt, auf eine Erfüllung dieser Wünsche zu verzichten. Aber besonders auf längere Sicht neigt man dann gewöhnlich immer mehr dazu, auch eine theoretische Begründung für die Erfüllung seines Verlangens zu sehen, während man die Gründe dagegen oft bagatellisiert oder verdrängt. Man redet sich ein, dass das berechtigt ist, was man sich wünscht. So sieht man sich schließlich gerechtfertigt, seinen Wünschen nachzugeben. Noch mehr verliert man die Kontrolle über sein Handeln, wenn man starke Triebwünsche zu verdrängen sucht.

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Triebkräfte sind immer im Spiel, wenn ein Mensch etwas begehrt, etwas will, vor etwas zurückscheut, etwas ablehnt usw. Sie sind nicht nur ein neutraler Energievorrat, sondern sie drängen das Handeln in eine bestimmte Richtung, um eine ganz konkrete Befriedigung zu finden. Diese Motive sind der psychische, gefühlshafte Anteil an jeder freien Entscheidung. Sie sind deren Voraussetzung und schwingen immer mit. Es geht also in der Reifung der sittlichen Persönlichkeit darum, die einzelnen Triebkräfte so zu kultivieren und in die gesamte Triebhaftigkeit des Menschen zu integrieren, dass sie sich der Realisierung ethischer Werte und Zielsetzungen unterordnen und ihnen nicht im Wege stehen.

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Die Freiheit des Menschen besteht nun offenbar nicht darin, dass er diesen Triebkräften auf gleicher Ebene eine andere Kraft entgegensetzen kann, um sie zu neutralisieren oder umzulenken. Die anthropologische Ermöglichung der Freiheit wird vielmehr sichtbar, wenn man die Motive des menschlichen Handelns in ihrer Einbettung in einen zeitlichen und geschichtlichen Zusammenhang betrachtet.(2)
Zunächst ist festzustellen, dass die Erfüllung der Triebwünsche des Menschen in einer näheren oder ferneren Zukunft liegt. Aber die Zukunft ist ungewiss. So ist sich der Mensch auch bewusst, dass er keine Sicherheit hat, dieses Ziel zu erreichen. Es kann auch verfehlt werden. So hat man keine Sicherheit, ob sich der Einsatz für ein zukünftiges Ziel tatsächlich lohnen wird. Außerdem besteht immer eine Konkurrenz zwischen den verschiedenen Triebwünschen: Man möchte seinen Hunger stillen - mit der oder jener Nahrung. Man möchte aber auch unnötige Anstrengungen vermeiden, mit anderen Menschen nicht in Konflikt kommen usw. Die vielen Möglichkeiten, die bei einer Wunscherfüllung vor Augen treten, und die vielen möglichen Wege zum Ziel verlangen eine Entscheidung.

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Die notwendige Wahl angesichts der Pluralität der innerweltlichen Ziele und Mittel muss nun immer in dem Bewusstsein der Ungewissheit der Zukunft erfolgen. Der Mensch muss also immer damit rechnen, dass das innerweltliche Ziel, auf das hin er sich entscheidet, nicht erreicht wird, sei es, weil es von sich aus unmöglich geworden ist, sei es, weil dem Menschen nicht mehr die Zeit dazu gegeben ist. Er muss also immer ein Risiko auf sich nehmen, das den Sinn der Entscheidung in Frage stellt. Hingegen behält das transzendente Ziel seine Gültigkeit. Es kann deshalb dem Menschen Sinn und Kraft geben, die Entscheidung zu treffen, weil auch ein Verfehlen des innerweltlichen Zieles das transzendente und absolute nicht hinfällig macht. Allerdings ist dieses Ziel kein greifbarer Gegenstand, dessen man sich jederzeit vergewissern kann, sondern Objekt des Glaubens.

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So kann es z.B. sein, dass jemand für seinen Sohn große Opfer bringt, um ihm eine gute Zukunft zu ermöglichen. Aber der junge Mann kommt bei einem Unfall vorzeitig ums Leben und gelangt jetzt nicht mehr in den Genuß dessen, was der Vater für ihn erarbeitet hat. An sich hätte der Vater mit einer solchen Möglichkeit immer rechnen müssen. Er hat dieses Risiko vielleicht auch bewusst auf sich genommen. Zwar haben seine Opfer und Mühen ihren innerweltlichen Sinn verloren. Ihr sittlicher Wert bleibt aber bestehen. Deshalb war es richtig, die Entscheidung für den Zukunft des Sohnes so zu treffen. Die rationale Rechtfertigung liegt hier in dem transzendenten Wert des Einsatzes des Vaters.

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Die Motive, die einen Menschen bewegen, sind keine feststehenden Größen, über die der Mensch nach Belieben verfügen könnte. Die Psychologie spricht davon, dass die Motive beim Kleinkind noch "polymorph pervers" seien. Sie müssen erst noch reifen und sich in ein humanes Gesamtverhalten integrieren. Dabei bleibt diese Reife oft sehr relativ und unvollkommen. F. Riemann(3) hat z.B. gezeigt, wie sich Angstprägungen in der Kinderzeit auf das Naturell eines Menschen für sein ganzes Leben auswirken können. Damit ist eine bestimmte Art des Reagierens und Verhaltens vorgegeben.

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Die kann positiv sein, wenn charakterliche Anlagen und Prägungen zu einem sittlich erwünschten Verhalten hindrängen, etwa wenn ein ausgeprägtes Mitgefühl zu Solidarität mit Leidenden veranlasst oder eine spontan in der menschlichen Natur angelegte Mutterliebe auch zu einem äußersten Einsatz für das eigene Kind führt.(4) Zwar ist auf diese Weise nicht jede Freiheit aufgehoben. Aber es kann jemand z.B. sehr schnell an die Grenzen seiner Möglichkeit, speziell seines guten Willens kommen, wenn er - besonders auf längere Zeit - gegen seine innere Anlage angehen soll. Ein Hysteriker, der vor jeder festen Bindung und Ordnung zurückschreckt, wird es nicht fertig bringen, diese Veranlagung auf Dauer zu verbergen und sich wie ein repressiver Typ zu verhalten, für den Gesetz und Ordnung oberste Werte sind. Oder es kann sein, dass jemand sehr konfliktscheu ist und auch notwendigen Auseinandersetzungen aus dem Weg geht, während ein anderer offenbar kaum ohne Streit leben kann. Natürlich kann es sein, dass so jemand im Einzelfall über seinen Schatten springt. Auf die Dauer wird er sein Naturell kaum verbergen können, wenn er auch daran arbeiten und manche Schwächen verbessern kann.

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Wenn also das Schreiben der Glaubenskongregation an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Seelsorge an homosexuellen Personen vom 1. Oktober 1986 davon schreibt, es sei eine "ebenso unbegründete wie demütigende Annahme, das geschlechtliche Verhalten homosexueller Partner sei immer und vollständig dem Zwang unterworfen und daher frei von Schuld" (Nr.11), dann ist das natürlich in dieser extremen Form ("immer und vollständig") richtig. Dem wird wohl auch niemand widersprechen. Aber positiv muss man doch der Bedeutung der Motivationen für das menschliche Verhalten ein beträchtliches Gewicht beimessen. Das dauernde Kämpfen gegen seine eigene Veranlagung, mit dem sich starke Schuldgefühle bei Versagen verbinden, kann in manchen Fällen eine Überforderung sein. Das kann schließlich zu Resignation und Verzweiflung führen. Im Falle der Homosexualität erklärt es wohl zum Teil auch die signifikant hohen Suizidraten. Zumindest muss man einer ausgeprägten emotionellen Prägung, wenn sie zu sozial negativen Verhaltensweisen drängt, wie z.B. Jähzorn, Feigheit, Eitelkeit, Geiz, Verschwendungssucht usw., ethisch eine teilweise entschuldigende Funktion zubilligen.

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An solchen Beispielen wird auch deutlich, dass man für ein Handeln gegen die innere Veranlagung auf Dauer sehr viel Lebensenergie aufwenden muss, die nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Es kann sein, dass jemand im Kampf gegen seine Anlage zum Skrupulanten wird, dass er eine rigorose Strenge entwickelt, die sich dann auch gegenüber den Mitmenschen ungünstig auswirkt, oder dass er im Konflikt mit sich selbst sich nicht mehr voll bejahen und annehmen kann. Auf solche Weise kann er dann in seiner Freiheit eingeschränkt werden. Dadurch kann auch seine Liebesfähigkeit beeinträchtigt werden. Das mag in bestimmten Fällen vielleicht unvermeidlich sein, aber es ist jedenfalls für die Entwicklung der Persönlichkeit nicht unerheblich und nicht unproblematisch. Die Freiheit ist nicht einfach nur entweder da oder nicht da, sondern sie kann in Zusammenhang mit der Entwicklung der psychischen Motivationen wachsen oder sich reduzieren.

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In der sittlichen Freiheit geht es nicht bloß um die Wahl zwischen verschiedenen objektiven Sachen, sondern primär um die Hinordnung auf Personen und letztlich um die Liebesfähigkeit, also um die Frage, wie weit und wie radikal sich jemand für eine Person einsetzen und sie lieben kann. Entscheidend ist hier, dass man sich Werten wie Liebe, Treue, Solidarität, Vergebungsbereitschaft usw. verpflichtet weiß und sein Handeln daran ausrichtet. Die sittliche Grundaufgabe ist deshalb das Reifen und die Vertiefung der liebenden Hinwendung auf den Mitmenschen. Davon hängt ab, wie gut im ethischen Sinn ein Mensch ist.

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Das gute Handeln ergibt sich zum großen Teil aus dieser ethischen Grundhaltung. Die Umsetzung ist zwar nicht als ein Automatismus zu verstehen, weil die Handlungssituation selbst auch ein Kairos für die Entwicklung der Liebesfähigkeit ist, sie vertieft oder abschwächt, also nicht völlig durch sie determiniert ist. Aber zu einem großen Teil ist sicher die Richtung einer Entscheidung schon durch die innere Haltung, die "optio fundamentalis"(5) vorgegeben. Dabei ist diese Grundentscheidung nicht einfach ganz abstrakt zu verstehen, als ob man sich in gleicher Weise zu jedem sittlichen Handeln entscheiden würde. Je nach der emotionalen Prägung ist es eben denkbar, dass sich jemand z.B. in sozialer Hilfe für andere sehr einsetzt, aber in seiner eigenen Ehe versagt. Die sittliche Grundentscheidung ist immer schon eingefärbt durch die Persönlichkeitsstruktur und das eigene "Triebschicksal". Es gibt keine Entscheidung zu einem völlig abstrakten Guten, sondern immer nur Entscheidungen, die auch zu konkreten Werten in Beziehung stehen.

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Die Bindung an Werte, etwa des Vertrauens, der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit usw. die für die sittliche Grundentscheidung so wesentlich ist, ist aber nun wieder nicht bloß eine Angelegenheit der Ratio, sondern hat sehr viel mit den Motivationen zu tun. Vor allem kann man Werte nicht einfach bloß geistig konstruieren, sondern man muss sie erfahren, um sie hochschätzen und zur Orientierung seines Handelns machen zu können. Besonders im Vergleich verschiedener Kulturen zeigt sich oft eine erstaunlich große Verschiedenheit der Einstellung zu Werten. So gibt es z.B. große Unterschiede in der "Arbeitsmoral" oder im Zusammenhalt und in der gegenseitigen Verpflichtung der Familien. Man hat diese unterschiedlichen Einstellungen von klein auf erfahren und internalisiert und empfindet jetzt im Sinne der betreffenden Kultur.

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Eine solche Werterfahrung empfängt aber umgekehrt wieder ihre Intensität wesentlich von der eigenen Motivation her. Wenn jemand sehr hungrig ist, dann erfährt er mehr als ein anderer, wie gut das Essen schmecken kann. Wenn jemand Angst hat, dann spürt er es doppelt, wenn sich jemand um ihn annimmt und ihn beschützt. Wenn jemand Schuldgefühle hat, dann berührt ihn die Barmherzigkeit dessen, an dem er schuldig geworden ist, besonders stark usw. Anderseits kann man Werte nicht hochschätzen, wenn man kein Verlangen nach ihnen hat. Das eigene emotionale Bedürfnis ist Voraussetzung und konstitutiver Bestandteil der Werterfahrung.

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Die Erfahrung von Werten ist deshalb auch abhängig von der emotionalen Reife der Persönlichkeit. Es gibt Menschen, die im Sinne einer "moral insanity" kein Gewissen zu haben scheinen. Sie finden nichts dabei, Tiere zu quälen. Sie sind gegenüber den Mitmenschen unerträglich und verhalten sich geradezu sadistisch, obwohl sie sich dadurch oft selbst sehr schaden und das vielleicht auch einsehen.

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Es gibt auch Menschen, die ihre Aggressionen gegen sich richten, indem sie jeden Ärger in sich hineinschlucken, sich selbst beschuldigen und dadurch ihre Liebesfähigkeit beeinträchtigen. Der Grund ist bei solchen Menschen gewöhnlich nicht in der sittlichen Bosheit als solcher zu suchen, sondern in der "Triebgeschichte", d.h. darin, dass die Entwicklung und Integration der Motivkräfte nicht harmonisch verlaufen und in mancher Hinsicht gestört und misslungen ist.

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Aus diesem Grund sind Menschen, die sich wiederholt und schwer verfehlen, in vielen Fällen eher einer psychoanalytischen Behandlung zugänglich, als einfach zur Bekehrung aufzufordern. Man denke hier z.B. auch an sexuellen Kindesmissbrauch, an wiederholte Brandstiftungen usw. Es geht aber nicht bloß um so schwere, kriminelle Handlungen, sondern auch um weniger bedeutsame Verhaltensweisen, um Fehler, zu denen jemand von seinem Naturell her neigt.

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Es soll nicht gesagt werde, dass solche Vergehen nicht auch sittlich zu bewerten sind. Die Täter haben im Einzelfall die sittliche Freiheit, ihrer Veranlagung zu wiederstehen. Aber diese Freiheit ist oft sehr schwach und es dürfte bei schweren Fehlhaltungen viel mehr Erfolg versprechen, wenn man die emotionalen Konflikte und Probleme in einem solchen Menschen mit psychoanalytischen Methoden angehen würde. Aber auch bei weniger schweren Verfehlungen sind die Motive ähnlichen Methoden, besonders etwa der Lern- und der Gruppenpsychologie zugänglich. Selbstverständlich bedarf es bei ethischen Verfehlungen immer auch der Bekehrung. Oft wird das ein wirkliches "Ausleiden der Vergangenheit"(6) sein.

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Die menschliche Freiheit setzt also Emotionen voraus, und wenn das freie Handeln gelingen und bestimmten sittlichen Standarts genügen soll, müssen die Emotionen auch entsprechend entfaltet und integriert sein. Die sittliche Aufgabe des Menschen besteht insofern darin, dass er an dieser Kultivierung seiner Antriebe arbeitet, um zu einem ausgewogenen und gleichzeitig vitalen Gefühlsleben zu gelangen. Freilich ist diese Kultur der Emotionalität nicht einfach in die Hand der betreffenden Person gelegt, sondern durch viele Faktoren, besonders genetischer und sozialer Art geprägt. Insofern ist dann auch die Schuld bei einem Fehlverhalten nicht einfach der betreffenden Person allein zuzuweisen.

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Es ist in gewissem Maße irreführend, wenn die Ethik danach fragt, was der Mensch an sich zu tun oder zu lassen hat. Für den konkreten Menschen stellt sich immer die Frage, wozu er als individuelle Person fähig ist und worin er seine sittliche Aufgabe und Berufung sieht. Man kann nicht sagen, dass der Mensch an sich verpflichtet sei, als Entwicklungshelfer zu arbeiten. Es kann aber sehr wohl sein, dass sich der konkrete Einzelmensch zu einer solchen Aufgabe berufen fühlt. Es gehört deshalb auch zu den entscheidenden sittlichen Aufgaben, dass man sein Leben so gestaltet, dass auch sinnvolle Inhalte möglich werden. Das bloße Nicht-Übertreten von Normen genügt zu einer solchen Lebensgestaltung nicht.

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Der soziale Aspekt der Freiheit

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Wenn man von Freiheit spricht, ist also nun ganz besonders auch die soziale Seite zu betrachten. Freiheit wird ja ursprünglich, etwa in der griechischen Antike, als politischer Begriff gesehen. Der Mensch ist frei, wenn er kein Sklave ist, sondern die Rechte des Vollbürgers der Polis genießt. Freiheit herrscht, wenn keine Tyrannei besteht, wenn man bestimmte Rechte von außen her zugestanden bekommt. Freiheit wird hier also von vorneherein als relativ zum sozialen Kontext verstanden.

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Auch so gesehen ist Freiheit vielfältig strukturiert. Zunächst könnte man die Existenz der Freiheit in sozialer Hinsicht in Frage stellen. Es mag zwar sein, dass sich der Bürger frei fühlt. Dennoch ist er in vieler Hinsicht durch Motive gesteuert. Er ist erfüllt von den Bildern, die ihm das Fernsehen täglich liefert. Wenn er dann ein bestimmtes Waschmittel kauft, dann letztlich meist nicht aus dem Grund, weil er es geprüft und mit anderen Mitteln verglichen hat, sondern weil ihm die Reklame beigebracht hat, dass es besser ist als die Produkte der Konkurrenz. Vieles geht auf Erziehung zurück, die einen lehrt, wie man sich benimmt. Es gibt zahllose Einflüsse, die auf den einzelnen Bürger eindringen, besonders natürlich über die Medien, und die bewirken, was der einzelne tut und unterlässt, ja auch, was er wünscht und ablehnt. Insofern ist der Mensch durch die Gesellschaft, in der er lebt, und durch seine ganze Umwelt immer tausendfach determiniert.

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Dennoch gibt es auch politische Freiheit. Sie besteht nicht im Fehlen äußerer Faktoren, die das Handeln des einzelnen bestimmen, sondern darin, dass dieser auf die Faktoren Einfluss nehmen kann. Denn der Mensch hat kraft seiner Vernunft die Möglichkeit, reale oder gedachte politische, wirtschaftliche und andere Alternativen zu vergleichen und zu favorisieren. Dass ein Staat frei ist, sagt nicht, dass nicht Tausende von Handlungsmotiven auf den einzelnen einwirken, sondern dass er verschiedene Möglichkeiten vergleichen und seine Präferenz in wirksamer Weise zum Ausdruck bringen kann. Es besteht hier eine dialogische Beziehung zwischen den Einflüssen von außen und der Entscheidung von innen deren Ergebnis die sich ständig wandelnde gesellschaftliche und politische Realität ist.

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Die verschiedenen Einflüsse von außen sind ethisch nicht einfach neutral, sondern begünstigen oder erschweren die richtige Entscheidung. Deshalb ist es eine dringende sittliche Verpflichtung, sich für eine positive Gestaltung politischer Strukturen und Entscheidungen zu engagieren. Jeder Bürger trägt im Maße seiner Möglichkeiten eine Mitverantwortung für das Geschehen in einer Gesellschaft. Er kann diese Verantwortung durch Unterstützung oder Protest, durch verschiedenste Formen des Einflusses auf die öffentliche Meinung, durch Wahlen usw. ausüben. Eine Gesellschaft kann in dem Maße als frei bezeichnet werden, wie sie das Mitwirken der Bürger an der politischen Meinungsbildung und an konkreten Entscheidungen zulässt und begünstigt.

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Insofern ist Freiheit auch in sozialer Perspektive, ähnlich wie beim einzelnen Menschen, keine feststehende metaphysische Größe, sondern eine Realität, die in verschiedenem Maße vorhanden ist und von Gesellschaft und Staat ständig neu zu erstreben und zu vergrößern ist.

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Die Verwirklichung von Freiheit kann nicht dadurch geschehen, dass sich der einzelne Bürger in völliger Willkür verhalten kann, wie er will. Das würde Konflikt über Konflikt heraufbeschwören, den einzelnen überfordern und somit seine Freiheit drastisch einschränken und zerstören. Deshalb muss Freiheit durch Gesetze, Regeln und Prinzipien geschützt werden. Nur so kann ein gerechter Ausgleich zwischen den Interessen der Bürger und ein Schutz der Rechte der einzelnen sichergestellt werden. Insofern sind Freiheit und Gesetze keine Gegensätze.

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Anderseits können aber Gesetze, abgesehen von dem Fall, wo sie unmittelbar gegen den Willen der Bürger gerichtet sind, auch insofern Freiheit einschränken, als ein Übermaß von "law and order", eine kleinliche Regelung jedes Details des gesellschaftlichen Lebens und der Versuch, jeden Missbrauch auszuschließen, die Bewegungsfreiheit des einzelnen Bürgers und die Elastizität von Handlungsmöglichkeiten über Gebühr einschränken kann.

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Sicher hängt die Einschätzung der Freiheit in einer Gesellschaft auch vom einzelnen Bürger ab. Wenn die Verhältnisse, besonders auch die politische Orientierung seinen Vorstellungen entspricht, dann wird er sich weitgehend frei fühlen. Wenn er hingegen entschieden abweichende Vorstellungen vertritt, dann wird er sich eingeengt und unfrei fühlen.

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Glaube und Freiheit

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Das Maß der Freiheit ist nicht einfach an objektiven Gegebenheiten abzulesen. Es hängt auch davon ab, ob sich jemand z.B. in eine soziale Ordnung einfügen kann, die unvermeidliche Einschränkungen umfasst. Manche Menschen empfinden dies als Begrenzung ihrer Freiheit, andere sind dankbar für die Sicherheit, die ihnen dadurch gegeben ist, und sehen darin auch einen Dienst am Gemeinwohl, den sie bejahen. Gerade die Frage, ob man nur an den eigenen Vorteil denkt, oder ob es einem wesentlich auch um das Wohl anderer und der Gemeinschaft geht, ist für das Gefühl der Freiheit von großer Bedeutung. Dieses Gefühl stellt ein konstitutives Moment der Freiheit dar. Denn es drückt auch aus, was man selbst will. Wenn die soziale Ordnung aber so ist, wie ich sie selbst haben will, dann ist sie eben nicht gegen sondern im Sinne meiner Freiheit.

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Freilich ist die soziale Ordnung keine einheitliche Größe. Manches würde man gerne annehmen, anderes verlangt Überwindung, manches steht im Gegensatz zu den eigenen Wünschen und Vorstellungen. Insofern wird auch die Freiheit, die diese Ordnung gibt, immer nur relativ sein. Man fühlt sich teilweise gesichert, teilweise eingeengt; man anerkennt manche Normen als notwendig und dienlich, andere als nachteilig auch für das Gemeinwohl, muss sie aber hinnehmen, weil man keine Möglichkeit der Änderung hat, ohne auch die Vorteile zu gefährden.

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Der Mensch wird sich frei fühlen, wenn er das tun kann, was er selbst will. Entscheidend für eine wahre, menschengemäße Freiheit ist deshalb, dass man Ziele anstrebt, die zum Wohl des Menschen sind, und durch die der Mensch sich nicht selbst zerstört. Es kommt also zunächst darauf an, sich die richtigen Ziele zu setzen. Diese müssen sich aber erst zeigen und den Menschen ansprechen.

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Schon hier zeigt sich die Bedeutung des Glaubens für die Freiheit. Denn es kann für die Selbstverwirklichung des Menschen nicht beliebig sein, was er anstrebt. Es wird vielmehr wichtig sein, welche Werte für ihn gelten, was er hochschätzt oder für belanglos hält. Diese Bewertung hängt letztlich davon ab, was für den Menschen das oberste, letzte Ziel ist. Natürlich lässt sich von diesem letzten Ziel nicht eindeutig für den konkreten Einzelfall deduzieren, was zu tun oder was vorzuziehen ist. Aber es fallen doch recht unterschiedliche Akzente auf das menschliche Wollen, je nachdem, ob jemand an den Gott glaubt, der sich in Jesus Christus, in seiner Liebe, Barmherzigkeit und Güte gezeigt hat; oder ob er von einem Nirvana überzeugt ist und deshalb alles innerweltliche Leben als ein Durchgangsstadium betrachtet, von dem er sich befreien möchte; oder ob er glaubt, nach dem Leben sei alles aus, und man solle deshalb das irdische Dasein genießen.

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Jede dieser Vorstellungen modifiziert das Lebenskonzept, bzw. eröffnet einen Zugang ("befreit") zu einem bestimmten Modell und motiviert dazu, entsprechend zu leben. Niemand kann ohne einen derartigen Letztentwurf existieren. Jeder muss sich auf irgendeine Weise eine Antwort auf die Frage nach seinem Lebenssinn geben, und sei es auch eine negative im Sinne einer Verneinung eines solchen Sinnes oder im Sinne eines totalen Zweifels. Jede Ethik setzt eine ganz bestimmte Eschatologie voraus und wird durch sie geprägt.

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Aber trotz all dieser transzendenten Perspektiven, die in der Ethik eine unleugbare Rolle spielen, ist von dort her allein keine konkrete Moral zu deduzieren. Dazu gehört immer auch der konkrete Mensch mit seinem Naturell, seinen Veranlagungen und den Möglichkeiten, die ihm von außen gegeben werden. Dazu gehört auch die konkrete Situation, der kulturelle Raum, in dem sich ein Leben abspielt. Wenn man diese Faktoren nicht berücksichtigt, dann erscheint Moral mit ihren universellen Aussagen sehr bald als abstrakt, bedrückend, einschränkend, als ein System, das Leben nicht erleichtert und leitet, sondern das der Menschlichkeit nur hinderlich ist. Wenn Moral der Menschlichkeit dienen will, dann muss sie konkret sein und dem Raum der Freiheit des einzelnen Rechnung tragen. Dann muss sie auch wissen um die vielfältigen Motive, die den Menschen bewegen, und um die konkreten Bedingungen, unter denen sich der Vollzug der menschlichen Freiheit ereignet.

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Anmerkungen:

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 1. Vgl. dazu die Ausführungen von K. Demmer über das Naturrecht in: Ders., Moraltheologische Methodenlehre. Freiburg, Schweiz 1989, 178-186.

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2. Dieser Gedanke ist ausführlich dargelegt bei H. Rotter, Freiheit durch Hoffnung in der Sicht einer theologischen Anthropologie. In: ZkTh 95 (1973), 174-185.

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3. F. Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. München 1975 (1989).

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4. Vgl. die schöne Studie von I. Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Haß. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen. München 15. Aufl. 1991.

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5. Dazu ausführlich K. Demmer, die Lebensentscheidung. Ihre moraltheologischen Grundlagen, Paderborn 1974; sowie das Theorem von der Grundentscheidung, in: ders., Die Wahrheit leben. Theorie des Handelns, Freiburg Br. 1991, 187-193. - Eine sehr gute Darstellung der Problematik der Grundentscheidung und des Diskussionsstandes findet sich bei H. Weber, Allgemeine Moraltheologie, Graz 1991, 230-244 u.ö.

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6. K. Demmer, Deuten und Handeln. Grundlagen und Grundfragen der Fundamentalmoral, Freiburg/Schweiz 1985, 235. 

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