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Was bleibt vom Papstbesuch?

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-09-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der Papstbesuch verdichtete die Lebenszeichen, aber auch die Widersprüche und Spannungen der österreichischen Kirche. Und dies schon deswegen, weil er ein enormes Medienecho auslöste. Schon Wochen vor Beginn stand die Kirche auf eine kaum zu überbietende Art und Weise im Fokus medialer Aufmerksamkeit. Der Grundton der Analysen konnte freilich kaum überhört werden: Die Kirche Österreichs stirbt! Wenn auch sehr langsam. Der Papstbesuch werde aber - so der kirchenamtliche Tenor der Legitimation des Ereignisses - neue Impulse setzen, gar den Trend umdrehen. In vielen Köpfen wuchs die Gestalt des Papstes zu einer messianischen Gestalt an. Durch sein Wort und seine Person wird er Begeisterung wecken, Zukunftsperspektiven aufzeigen und Menschen zu neuer Kirchlichkeit bewegen. An diesem Glauben hatten auch die Kritiker ihren Anteil. Die Kirchenfresser malten den Papst als intoleranten Fundamentalisten an die Wand, von dem sie die Zerstörung ihres Lebensraumes befürchteten. Die kirchlichen Kritiker des Papstes und Reformer der Kirche wurden nie müde, die sogenannten “heißen Eisen” aufzuwärmen. Ihr Ruf, der Papst möge sich diesen stellen, gar die Probleme in ihrem Sinn lösen, erweckte ja die Erwartung, dass beispielsweise die Aufhebung des Zölibats die Massen in die Kirche bringen würde.

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Die Anstrengungen bei der Vorbereitung waren enorm. Alles wurde bis ins Kleinste geplant, Hunderttausende von Arbeitsstunden wurden in die Kirchlichkeit investiert, um ein Gelingen des “großen Festes” zu gewährleisten. Es kam ganz anders! Es kamen Kälte und Regen - und dies in einem Ausmaß wie dies niemand - aber gar niemand - erhoffen oder befürchten hätte können. “Der Himmel” überraschte. Dieses Widerfahrnis jedoch erinnerte uns alle an die fundamentale Wahrheit: Das Christentum kann sich seine Welt und auch seine Zeit nicht aussuchen. Es wird in die konkrete Situation förmlich hineingezogen. Es kann sich nur in dieser Situation bewähren. Das gilt wortwörtlich für die drei Tage, und das gilt auch für die konkrete österreichische Situation einer verunsicherten Kirche, die ständig mit Visionen des Untergangs konfrontiert wird und sich tagtäglich in einer verhältnismäßig politisch und wirtschaftlich stabilen Konsumkultur zu bewähren hat. Gelang diese Bewährung?

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All jene, die eine messianische Gestalt erwartet oder befürchtet hatten, wurden zutiefst enttäuscht. Die Worte des Papstes waren ausgewogen, meistens auf hohem theoretischen Niveau und brachten kaum etwas Überraschendes - weder für die Papstbegeisterten noch für die Kritiker. Die Gestalt des Papstes verursachte nicht jene Stürme der Begeisterung, die Johannes Paul II. entfachte. Dies schon deswegen, weil Benedikt das nicht kann, aber auch nicht will. Deutlich bremste er die sachte aufbrausende Spontaneität der Gläubigen in der Liturgie und führte sie in den “rituellen Rahmen” zurück. Er ist kein “Messias”, der dem religionslos werdenden Österreich mit dem Hoffnungspotenzial seiner eigenen Person zur Zukunft verhelfen kann. War also der Papstbesuch ein Reinfall? Nur ein Event, das im Regen ertrunken ist? Nein! Ganz im Gegenteil!

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Eine Pilgerin, die nach Mariazell gepilgert war, brachte die “Frucht” des Besuchs auf den Punkt. Durchnässt und unterkühlt sagte sie zu mir: „Ich habe mich dauernd gefragt, ob ich verrückt bin. Stundenlang dazustehen. Das verdient doch kein Popstar, kein Politiker und auch nicht der Papst. Wenn Menschen aber in dieser trostlosen Situation ausharren, so doch deswegen, weil sie innerlich begreifen, dass es in dieser konkreten Situation des Widerfahrnisses, die all die Vorbereitungen und Erwartungen buchstäblich im Wasser ertränkt und Resignation nahelegt, das Zeugnis des Glaubens abzulegen gilt. Wir sind doch zum Gebet nach Mariazell gekommen und nicht bloß, um den Papst “zu schauen““. All die Menschen, die während der ganzen Reise im Regen ausharrten, beteten, einander stärkten, aber auch die enorme Arbeit der Durchführung des Besuchs unter diesen Bedingungen erledigten, revidierten die überspannten, letztendlich auch falschen Erwartungen an den Papstbesuch. Nicht der Papst wird uns und unsere österreichische Kirche retten, sondern das lebensfrohe Bekenntnis zur eigenen Religiosität, ein Bekenntnis, das im Gebet, im Tun und im Ergehen abgelegt wird. Und dies nicht gegen den Papst oder auch in einer stillen Opposition gegen die “Amtskirche”, sondern zusammen mit dem Papst und den Bischöfen.

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Was hat er uns aber gesagt, und wie zeigte er sich? So wie man ihn kennt. Benedikt zeigte sich in Österreich als menschenfreundliches konservatives Kirchenoberhaupt. Das exakte Gegenteil also von einem intoleranten Fundamentalisten. Deutlich sichtbar wurde diese Haltung in seiner Rede in der Hofburg - einer Rede, die er vor den Politikern hielt. Schon im Vorfeld der Rede war das Gerücht zu hören, der Papst werde das Verbot der Abtreibung verlangen. Die “Tiroler Tageszeitung” brachte prompt die Rede des Papstes in die Schlagzeilen: “Papst für Abtreibungsverbot”. Stimmt das aber? Anknüpfend an die europäische Tradition zur Selbstkritik korrigierte der Papst die kulturellen Trends, die die Abtreibung zum Menschenrecht stilisieren. Dies aber nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger, der selbstgerecht auf andere zeigt, sondern durch die Übernahme der Anwaltschaft für Ungeborene. Selbstverpflichtung stand hier im Vordergrund, eine Selbstverpflichtung, deren Glaubwürdigkeit von der solidarischen Hilfsbereitschaft der Kirche abhängt. Auf diesem Hintergrund ist der Appell an die Politiker zu verstehen, gegen den kulturellen Trend zu agieren, Kinder zu einem “Krankheitsfall” zu machen. Die Aufrechterhaltung der Qualifizierung der Abtreibung als Unrecht in der geltenden Rechtsordnung ist ein konkreter Weg dorthin. Der konservative Papst entpuppte sich nicht als Hetzdemagoge, der Intoleranz und strafrechtliche Verfolgung herbeizwingen wird. Das wollten freilich seine Gegner. Eines der Plakate bei der spärlichen Demonstration gegen den Papst in Wien lautete: “Tötet die Ketzer!” Die Kirchenkritiker, die die Intoleranz und Gewalt der Kirche geradezu herbeibeten, arbeiten unermüdlich am Zerrbild einer fundamentalistischen und gewaltbereiten Kirche, die sie dann auch bekämpfen können. Gerade weil die Versuchung, dieses Zerrbild zu schaffen, in der österreichischen Öffentlichkeit so groß ist, wirkte die Erscheinung des menschenfreundlichen konservativen Kirchenoberhauptes, das niemals den erhobenen Zeigefinger zeigte, als heilsame Korrektur.

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Neben der Einschärfung des Bewusstseins “Abtreibung ist kein Menschenrecht” ging mir sein Appell zur Kinderfreundlichkeit zu Herzen. Kinderfreundlichkeit setzt Strukturen und Umstände voraus, die es den jungen Paaren ermöglichen, Kinder aufzuziehen, und die ein Klima der Freude und Lebenszuversicht schaffen, das Kinder nicht als Last sondern als Geschenk empfindet. (Interessanterweise fehlte in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die Ehe und auch die Ehescheidungsproblematik).

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Das Recht auf Leben von der Geburt bis zum Tod schließt auch eine bestimmte Haltung zur Frage der Sterbehilfe mit ein. Die Warnung vor der kulturellen Atmosphäre, die den Druck auf Schwerkranke und alte Menschen erzeugt, ist sicher einer der entscheidenden Warnhinweise für unsere Gesellschaft. Leider fehlte bei den Worten des Papstes der Hinweis auf den Vier-Parteien-Konsens in Österreich und auch die Ermutigung an die Politiker, an diesem Konsens festzuhalten. Das klare Bekenntnis zum Wert der Sterbebegleitung und Palliativmedizin, gekoppelt an die Aufforderung “zur strukturellen Reform in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme”, war eine der wenigen ganz konkreten Forderungen an die Politik, die bei diesem Besuch ausgesprochen wurden.

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Der allgemeine Appell an die Politiker, dass Europa die Führungsrolle bei der Bekämpfung der Armut in der Welt und dem Einsatz für den Frieden übernehmen sollte, entspringt der Vision von Europa. Auf der jüdisch-christlichen Tradition Fuß fassend, die Werte der Aufklärung und der Menschenrechte als eigenes Erbe preisend, kann Europa die einseitig ökonomisch ausgerichtete Globalisierung nicht stillschweigend hinnehmen. Freilich wird Europa die Kraft zu diesem politischen Handeln nur dann haben, wenn es sich seiner Wurzeln bewusst bleibt. Deswegen auch der eindringliche Appell an die Politiker: Es muss das Anliegen aller sein, das Sterben der europäischen Tradition - hier vor allem des christlichen Erbes - zu verhindern.

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Dieses Anliegen legte der Papst allen Politikern ans Herz; interessanterweise erwähnte er bei diesem Treffen die “christlichen Politiker” nicht und sprach auch nicht vom spezifisch christlichen Zeugnis in der Politik. Der Name “Christus” kam in der Rede nicht vor und auch nicht das Motto der Pilgerfahrt: “Auf Christus schauen”. Die Erhaltung des christlichen Erbes ist das Anliegen aller. Das Zeugnis von Christus setzt den Glauben voraus.

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Vom Zeugnis von Christus wurde in den Predigten viel gesprochen. Das Leben des Christen sei mit dem Pilgern zu vergleichen, dessen Ziel klar vorgegeben ist: Es ist Christus, der absolute Heilsmittler. Immer und immer wieder ermutigte Benedikt die Gläubigen, Zeugnis abzulegen für diese Wahrheit des Glaubens. Dieses Zeugnis sei nicht ein Ausdruck der Intoleranz und der Geringschätzung anderer Religionen. Der Christ ist von seinem Glauben ergriffen und lebt aus dieser Ergriffenheit. Die Wahrheit des Glaubens ist aber eine ohnmächtige Wahrheit, die Wahrheit, die wir mit der Gestalt des Kindes und des Schmerzensmannes am Kreuz verbinden. Es ist die Wahrheit der Liebe. Diese Worte der Predigt ergänzen die von diesem Papst immer wieder angesprochene Verbindung von Glaube und Vernunft. Die Verbindung ereignet sich über die Brücke des Vertrauens, dass die Erkenntnis der Wahrheit möglich ist. Eine Wahrheit, die mit der Person Jesu Christi identisch ist, kann nicht zur fundamentalistischen Verengung degenerieren (auch wenn es in der Geschichte den Missbrauch der Religion in diesem Zusammenhang gab - wie der Papst im Stephansdom sagte). Christsein ist ja auch nicht mit einem Moralsystem zu verwechseln. Es ist die Freundschaft mit Christus, eine Beziehung, die den Menschen trägt und prägt: im Leben und auch im Sterben. Gott bietet uns ein Du an! Er trägt uns durch seine Gnade, die er uns umsonst anbietet. Überraschenderweise kam in diesem theologischen Kontext das Ehrenamt zu einer theologischen Würdigung am Ende der Reise im Konzerthaus. Weil das Ehrenamt “umsonst” ausgeübt wird, ist es auch der Vollzug des Glaubens; die Ehrenamtlichen sind geradezu “Mitliebende” eines Gottes, der selber Liebe ist. Hin und wieder habe ich mir - bei aller Anerkennung und Hochschätzung des Stils von diesem Papst, der auf allzu große Konkretionen zugunsten von allgemeiner theologischen Logik verzichtet - doch konkretere Bilder und Aussagen gewünscht. Wenn im Stefansdom etwa von den Menschen die Rede war, die sich in der Leidenschaft für Christus verloren, ihr Leben hingaben und so zur Hoffnung wurden, hätte ich als Beispiel - wenn schon nicht den Namen von Franz Jägerstätter -, so zumindest doch einen der österreichischen Heiligen gerne gehört. Auch fehlte mir der tourismusbezogene Hinweis auf die Sonntagskultur, denn der Verlust der Sonntagskultur trägt dazu bei, dass schon jetzt immer mehr Menschen am Sonntag arbeiten müssen. Schlussendlich hätte der Hinweis auf die Menschen, die in fremde Länder ausziehen um Zeugnis von Christus abzulegen, auch nach einer anerkennenden Bemerkung über all jene Priester und Ordensleute verlangt, die nach Österreich gekommen sind und hier in der Seelsorge arbeiten.

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Und symbolträchtige Augenblicke? Die Überreichung des Lichtes - des Symbols für Christus - durch den steirischen evangelischen Superintendenten an den Papst bei der Marienvesper! Es war dies die tiefste ökumenische Geste bei dieser Reise. Auch das Schweigen des Papstes am Judenplatz: stilles - solidarisches Mitbeten beim Kaddisch des Oberrabiners. Schlussendlich das herzhafte Lachen im Wiener Konzerthaus, als Bundespräsident Fischer Kardinal Schönborn mit Kardinal König verwechselte.

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