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Gott und die Wissenschaftskultur der Gegenwart
(Beitrag zur Podiumsdiskussion anlässlich des Dies Academicus am 1.6.2007)

Autor:Vonach Andreas
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-07-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Berešit bara’ Elohim – „im Anfang schuf Gott“; mit dieser wohl grundlegendsten Aussage über Gottes Tun und Wirken beginnt die jüdisch-christliche Bibel. Und es bleibt innerbiblisch auch völlig unhinterfragt, dass dieses „Schaffen“ das erste Tun Gottes überhaupt war und dass dieses Schaffen dazu führte, dass die Welt, der Kosmos, im Laufe der Zeit dann auch Leben wurde, oder mit anderen Worten, dass Sein und Seiendes werden und sich entwickeln konnte. Dabei ist interessant, dass das entscheidende Verbum bara’ innerhalb der gesamten Hebräischen Bibel ausschließlich Gott zum Subjekt haben kann. Insgesamt kommt es 49 Mal vor und bedeutet immer ein „Schaffen“ Gottes im Sinne von „Hervorbringen“. Bara’ ist demnach nicht nur das grundlegende göttliche Handeln im Anfang und auch das erste Verbum der jüdisch-christlichen Bibel, sondern bara’ ist gleichzeitig auch eine exklusive Bezeichnung für das Tun und Wirken Gottes schlechthin, das sich durch die gesamte Schrift hindurchzieht. Mit bara’ wird nicht nur ausgesagt, dass Gott wirkt, sondern das Hebräische kennt mit diesem Verbum sogar eine Gott vorbehaltene, besondere Qualität eines wesentlichen Aspektes seines Handelns.

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In 2 Chr 36,23 endet die jüdische Bibel mit einer Ankündigung des Perserkönigs Kyrus, Jahwe, der Gott des Himmels, selbst habe ihm aufgetragen, in Jerusalem den Tempel wieder aufzubauen; gleichzeitig spricht er den exilierten Judäern das Mitsein ihres Gottes mit ihnen, und damit den Schutz und Beistand durch ihren Gott zu.

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Unser Altes Testament endet mit der prophetischen Weissagung des Maleachi (Mal 3,23-24), dass „der Tag des Herrn“, der Tag des letzten Gerichtshandelns Gottes also, kommen wird und dass Gott zuvor den Propheten Elija nochmals in die Welt senden wird, um Israel davor zu bewahren, dass sein Land dann dem Untergang (durch Gott!) geweiht sein wird.

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Das christliche Neue Testament beginnt nach dem matthäischen Stammbaum Jesu, der diesen ganz in die Tradition der alttestamentlichen Heilsgeschichte stellt, mit der Botschaft des Engels Gottes an Josef, dass bezüglich des Kindes, das seine Verlobte, Maria, erwartete, der Geist Gottes eine aktive Rolle spielt und dass dieses Kind sein Volk von seinen Sünden erlösen wird (Mt 1,20-21).

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Das Neue Testament und damit die gesamte christliche Bibel endet schließlich in Offb 22,19-21 mit der Ankündigung, dass Gott einzelnen Menschen den Anteil am Baum des Lebens und an der Heiligen Stadt – gemeint ist jeweils das jenseitige Leben im Sinne der Apokalyptiker – zuteilen oder eben aber auch wegnehmen kann; gleichzeitig wird die Wiederkunft Jesu und seine Gnade erfleht.

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In diesem Sinne sind aber nicht nur die jeweiligen Kanones der verschiedenen Heiligen Schriften bzw. Schriftcorpora von Aussagen oder gar Bekenntnissen über das Handeln Gottes gerahmt, sondern der gesamte Inhalt der Bibel(n) ist davon geprägt. Mit anderen Worten: Als Bibelwissenschaftler habe ich eine konkret abgegrenzte Textmasse zum primären Gegenstand meiner Forschung, in der die Rede vom Handeln Gottes – auch in der konkreten Geschichtlichkeit der erfahrbaren Welt – schlichterdings unhinterfragt einen wesentlichen Platz einnimmt, ja eigentlich die zentrale Rolle spielt. Die biblischen Schriften gehen vom Handeln Gottes aus, sprechen unbefangen und selbstverständlich davon und leben im Grunde genommen auch davon. – Angesichts dieser Gegebenheit kann und muss man natürlich fragen, welchen Gültigkeitscharakter diese Schriften aus welchen Gründen und in welchem Kontext für sich in Anspruch nehmen können, welche Lebens- und Erfahrungswirklichkeiten sie im Endeffekt wirklich widerspiegeln und welcher Stellenwert ihnen von daher innerhalb der modernen Wissenschaftskultur überhaupt zukommt bzw. zukommen kann und darf. Dafür scheint es sinnvoll, einen Blick auf den grundsätzlichen Charakter dieser Schriften zu werfen, die so selbstverständlich das Handeln Gottes thematisieren und zum Inhalt haben. Schon ein sehr oberflächlicher Blick auf die Entstehungsdaten und konkreten Hintergrundmilieus der einzelnen biblischen Bücher zeigt, dass es sich insgesamt bei solchen Kanones um Sammlungen von Einzelschriften handelt, die über Jahrhunderte und teils sogar über Jahrtausende hinweg entstanden sind, aber eines gemeinsam haben: Sie sprechen über das Wirken und Handeln desselben Gottes an seinem Volk, an den Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Das heißt, dass ein solcher Bibelkanon letztlich Kontinuität, Verlässlichkeit und auch zukünftige Faktizität des (Heils)handelns Gottes vermittelt. Und da eine Heilige Schrift – zumindest nach modernem christlichem Verständnis – immer nur Gotteswort im Menschenwort sein kann, heißt dies, dass diese Kontinuität nicht bedeuten kann, dass in diesen Schriften klipp und klar und ein für allemal von oben her gesagt wird, wie und was Gott ist, sondern wie die Menschen ihn über Jahrhunderte hindurch erfahren, erlebt und deshalb auch verehrt haben. Das Handeln Gottes wird daher in den Heiligen Schriften – um es in derzeit modernen wirtschaftsorganisatorischen Termini auszudrücken – nicht top-down, sondern bottom-up dargestellt. Und genau diese Kontinuität, in der die Menschen auf individuell verschiedene, aber strukturell analoge Art und Weise das Wirken Gottes erfahren und zu Papier gebracht haben, verleiht diesem eine gewisse Plausibilität und Realität. „Dieser Gott wirkt!“ – Das ist eine Erfahrung, die unzählige Menschen durch die gesamte Menschheits- und Heilsgeschichte hindurch auf verschiedene Arten und Weisen gemacht haben. Die biblischen Schriften sind somit authentische Zeugnisse, wie verschiedene Menschen, Menschengruppen, Völker und Völkerschaften das Sein und Wirken Gottes durch die Zeiten hindurch erlebt haben, und zwar sowohl individuell als auch kollektiv.

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Diese Schriften zunächst in ihren jeweiligen Kontexten zu erschließen, sodann aber miteinander in Beziehung und in Dialog zu bringen und so deren innere Zusammenhänge aufzuzeigen, um dann so die sich durch sie hindurchziehenden allgemein gültigen, zeitlosen und bleibenden Elemente darzustellen und zu systematisieren ist die Aufgabe der Bibelwissenschaftlerinnen und Bibelwissenschaftler. Aber welchen Platz, welche Stellung und letztlich welche Berechtigung haben sie mit diesem Forschungsgegenstand innerhalb der gegewärtigen Wissenschaftskultur? Kann die Beschäftigung mit so verstandener Offenbarung Gottes im Konzert mit von Aufklärung geprägter Geisteswissenschaft, mit die Grenzen der erfahrbaren Welt längst überwundener Naturwissenschaft, mit auf Gewinnmaximierung und auf globale Märkte mit für viele kaum mehr überschaubaren Wettbewerbsstrukturen ausgerichteter Wirtschaftswissenschaft und schließlich mit vermeintliche menschliche Grenzen des Machbaren immer wieder überschreitender medizinischer Forschung überhaupt mitspielen?

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Nun, die erste Geige wird sie in diesem Konzert vermutlich nicht spielen. Aber die schönste Symphonie, die meisterhafteste Komposition klingt unvollständig und unbefriedigend, wenn nur die ersten Geiger anwesend sind. Sie lebt vielmehr vom harmonischen Zusammenspiel aller Instrumente, um ihre ganze Schönheit und ihren Wohlklang voll entfalten zu können. – Wenn also eine Wissenschaftskultur von heute eine sein will, die das Ganze der Welt und des Menschen, vor allem alle Dimensionen des Menschseins, entsprechend in den Blick nehmen möchte, dann kann sie letztlich auch auf die religiöse Dimension nicht verzichten. Die Transzendenzfähigkeit und eine gewisse Wahrnehmungsfähigkeit göttlicher Offenbarung sowie die Entwicklung kultischer und ritueller Antworten darauf sind letztlich aus der menschlichen Kulturgeschichte nicht wegzudenken; heilige Schriften legen ein beredtes Zeugnis davon ab und die Bibelwissenschaft als Teildisziplin der Theologie hält sie im Bewusstsein und bringt ihre Saiten immer wieder neu zum Klingen. Im Einklang mit anderen theologischen Disziplinen hält sie so im großen Konzert der modernen Wissenschaften die Erkenntnis und das Bekenntnis wach: Gott wirkt!

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