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Wie wirkt Gott in der Welt?
(Predigt beim Gottesdienst zum "Dies academicus" am 1. Juni 2007 in der Jesuitenkirche)

Autor:Scheuer Manfred, Bischof der Diözese Innsbruck
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-06-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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m 15. Mai 1955 wurde der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet und damit die Freiheit und Souveränität Österreichs besiegelt. Davor gab es einen Gebetssturm durch den Rosenkranz-Sühnekreuzzug. Es ist die Überzeugung vieler, dass der Staatsvertrag durch das Gebet erreicht wurde und die Freiheit Österreichs einem Handeln Gottes zu verdanken ist. - Andere schreiben den Staatsvertrag eher dem Verhandlungsgeschick der österreichischen Delegation in Moskau und auch der Trinkfestigkeit des damaligen österreichischen Außenministers Figl zu. Der wiederum hätte allerdings seine Frau zu diesen Zeiten zur Wallfahrt nach Mariazell geschickt. Wie geht das alles zusammen: das Bittgebet, das Handeln Gottes in der Geschichte, politische Bemühungen um einen Vertrag, die körperliche Kondition und auch das Stehvermögen bei Alkoholkonsum?

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Im August 2005 wurde Tirol von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht. Innsbruck blieb weitgehend verschont. Nicht selten werden Priester und Bischof bei Festen - nicht nur von Politikern - als jene begrüßt, die einen guten Draht nach oben haben und für das gute Wetter verantwortlich sind oder auch ein Unglück wie das Hochwasser von Innsbruck fern gehalten haben. Wie ist dieser bischöfliche Draht zum Wettermacher Gott oder Petrus zu denken? Wie wirkt Gott in Naturereignissen?

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Dass Gott handelt und wirkt, gehört zu den Grundüberzeugungen der Hl. Schrift und der Kirche bzw. zum selbstverständlichen Vokabular des Gebetes. Diese Rede betrifft die Felder der Natur, der Geschichte und auch des persönlichen Lebens. Der biblische Glaube an die Geschichtsmächtigkeit und an das Handeln Gottes ist in allen Schichten des Alten und Neuen Testamentes greifbar. Er prägt die Exoduserfahrung des Alten Bundes ebenso wie den Auferstehungsglauben der Jünger nach dem Tod Jesu. Gottes Liebe und Heilswille geht dem menschlichen Beten voraus.

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Wie Gott wirkt und was er tut oder auch nicht tut, das drückt auch den kulturellen Zwiespalt aus, in dem wir stehen. Die erste unmittelbare Reaktion auf die theologische und spirituelle Rede vom Willen und Handeln Gottes wird vielfach ideologiekritisch sein: absolutistische Herrschaft, Despotie, Krieg, Zerstörung, Entfremdung, Heteronomie, quasi für alle Ideologien, die es im Verlauf der Geschichte gegeben hat, muss die Rede vom Handeln und vom Willen Gottes hinhalten. Zudem gilt die Identifikation des faktischen Geschichtsverlaufs mit dem Willen und Wirken Gottes (Hegel) zu Recht als triumphalistisch und zynisch. Dieser Gott der Verfolger und der Herrscher wird aus Amt und Würden entlassen.

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Ideologiekritik meldet sich auch gegenüber der Überzeugung einer persönlichen Erwählung oder Führung durch den Willen Gottes an. Ist ein solcher Glaube nicht von vornherein religiöser Narzissmus, eine egozentrische "Sentimentalität ohne Wahrheitssubstanz", die irrationalen Trost erheischt und irreale Stabilität gewährt? (Karl Barth)

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Anders gelagert ist die Kritik an der Rede vom Handeln Gottes im Bezugsrahmen der Naturwissenschaften: Mit der Mathematisierung, Geometrisierung und Mechanisierung des Naturverständnisses im Sinne eines von Gott eingesetzten und permanent stabilisierten, selbst regulativen Ordnungszusammenhanges war ein spontanes geschichtliches Handeln in das Naturgeschehen nicht mehr denkbar. Gott konnte nur mehr als Ingenieur oder Programmierer, aber nicht mehr als Akteur gedacht werden, der aktiv in den laufenden Prozess eingreift, geschweige denn jedes einzelne Geschehen unmittelbar initiiert und disponiert.

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Die einen ziehen sich auf den Heilswillen Gottes a priori zurück, dem gegenüber dann aber die geschichtliche Bewährung und Realisierung gleichgültig wird, die anderen auf eine eschatologische universale Heilswirklichkeit, die aber, da nicht mit der Gegenwart vermittelt oder nur negativ abgegrenzt, einen triumphalistischen Deus ex machina am Ende der Geschichte doch alles wieder richten lässt.

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Eine Folge davon ist ein Dualismus in der Vorstellung von Freiheit und Heil. Freiheit wäre nicht inkarnatorisch-leiblich, nicht welthaft und nicht intersubjektiv vermittelt. Damit verbunden ist die Gefahr, dass Gott und sein Handeln weltlos und "Du-los" gedacht werden, die Welt hingegen gott-, gnaden- und freiheitslos wird. Eine exklusive Verinnerlichung von Gnade lässt die Brüche des Lebens, das erfahrene Unheil, die konkrete Unversöhntheit außer acht. Sie entfremdet den Menschen von seiner realen Lebenswelt. Dieser Exodus aus den realen Beziehungen, die Immunisierung gegenüber der wirklichen Not, lässt die Rede vom Wirken Gottes aber in einer gespenstischen Ortlosigkeit und erfahrungslosen Bedeutungslosigkeit zurück.

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Basis der Erkenntnis des Willens Gottes ist die Selbstmitteilung Gottes (Hebr 1,1-3). Was der Wille Gottes als personale Kategorie im Vollsinn ist, kann sich nur in gnadenhafter Selbstmitteilung Gottes als Freiheit erschließen. Der einzige und zugleich lebendige Gott ist als absolute Freiheit zu denken. Gott ist sein eigenes Willens- und Aktivitätszentrum (Ex 3,14). Gott ist nicht "nur Ende, Resultat" des Denkens; "was man wirklich Gott nennt .... ist nur der, welcher Urheber seyn, der etwas anfangen kann", so Schelling in der Philosophie der Offenbarung. Gott ist nur der, der handeln und berufen kann, der den Menschen unmittelbar in Anspruch nehmen kann. Basis für ein rechtes Verständnis des Wirkens Gottes ist die Selbstmitteilung Gottes. In dieser Selbstoffenbarung ist Offenbarungs- und Heilshandeln eins. Wenn der Wille Gottes und die ihm entspringende Berufung eines Menschen in Gottes unbedingter Liebe wurzelt und in Jesus Christus nicht das Ja und Nein zugleich gekommen ist, sondern das Ja verwirklicht ist (2 Kor 1,20), dann äußert sich Gottes Willen und Wirken nicht zuerst in der Sprache des Kommandos oder des Drills, nicht mit dem Zeigefinger der bloßen Moral, nicht als nacktes Postulat des Sollens oder Müssens, sondern als Gabe, die Lebensraum eröffnet, die Freude schenkt, Hoffnung erschließt und Dankbarkeit auslöst.

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Die Freiheit Gottes ist der Ermöglichungsgrund der Freiheit des Menschen. Knapp und präzis mit Thomas von Aquin formuliert: "Deus vult nos velle." "Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." (2 Kor 3,17) Die göttliche Vollkommenheit der Herrschaft und Allmacht Gottes zeigt sich darin, dass sie nicht als Bemächtigung und Überwältigung, auch nicht als triumphalistische Harmonisierung am Ende, sondern als Ermächtigung zum Selbstsein in Freiheit - als Mächtigwerden der Liebe - geschieht. Von da her versagen sich Deutungen des Verhältnisses von Schöpfer und Geschöpf, die von den Polen aktiv-passiv, Form- Materie ausgehen, ebenso wie mechanistische (marionettenhafte) oder deistische Deutemeuster. Christlich gesprochen: die Liebe Gottes an sich geschehen lässt und sie um ihrer selbst willen wiederliebt. Deus vult condiligentes - Gott will Mitliebende! (Duns Scotus)

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Und: Gott zwingt nicht, sondern er zieht. "Deus non cogit, sed trahit." (Thomas von Aquin) Er sucht durch Akte des Lockens, Rufens, Beeinflussens die Menschen dazu zu disponieren und zu motivieren, seinem Aufruf in freiem Gehorsam Folge zu leisten. Er wirkt nicht ohne uns, sondern mit uns. Im Exerzitienbuch des Ignatius soll der Begleiter den Exerzitanden nicht zu irgendeiner Entscheidung hin manipulieren, sondern helfen, dass Gott selbst die Seele mit seiner Liebe umfangen und auf seinen Weg einstellen kann (Geistliche Übungen Nr. 15) Gottes Geist führt zu innerem Frieden, der böse Geist bringt Unruhe. Der gute Geist berührt die Seele mild, sanft und leicht, der böse Geist hingegen tut es scharf und mit viel Geräusch. (Geistliche Übungen Nnr.335)

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Gott wirkt außen und innen. Gerade der "andere" mit seinen Nöten, seinen Erwartungen und mit seiner Hilfsbedürftigkeit ist das Textbuch des Willens Gottes (Mt 25,40; Lk 10,25-37). Von Jesus her führt der Wille Gottes in konkrete Praxis angesichts einer unversöhnten Wirklichkeit. Die Einheit des (Heils-)willens Gottes erweist sich in der Verwandlung des Schmerzes, des Widerspruchs, des Gegensatzes, der Negativität und Abgründigkeit, des Todes.

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Freilich ist die Frage nach dem Willen und der Wirksamkeit Gottes angesichts des Übels in der Welt letztlich ein offenes Problem, das nicht mehr theologisch aufgelöst, sondern nur noch existentiell ausgehalten und im Modus der Klage vor Gott gebracht werden kann. Weil in der Zeit der Welt die Momente der Epiphanie gebrochen sind vom unleugbaren Ausstand der Evidenz, ist die Bitte mit der Klage verbunden und kann in diese übergehen. Die Wahrnehmung des Willens Gottes ist wie die der Antwort Gottes auf das Bittgebet ein Akt der Hoffnung, die nicht ohne Anhalt an konkreten Erfahrungen ist. Er ist zwar nicht am einzelnen Ereignis als dessen Teilfaktor greifbar, aber es gibt Momente, in denen dem Glaubenden Gewissheit erfahrbar wird: als Gelichtetheit (Trost), in dem eine mögliche Entscheidung transparent auf Gott hin ist und eine Zunahme an Glaube, Hoffnung und Liebe erschließt, als Vorschein des Sinnes von Ereignissen, die zunächst auseinander und gegeneinander stehen, absurd oder gleichgültig erscheinen und nun aus der Perspektive des gereiften Glaubens wahr werden, sinnvolle Figur des Lebens.

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 Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

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