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Auferstehung und Schuldvergebung
(Predigt im Anschluss an Joh 21,15-23 im Rahmen der Universitätspredigten zum Thema "Auferstanden am dritten Tag gemäß der Schrift")

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Predigt, gehalten in der Jesuitenkirche am 22. April 2006 um 11.00 Uhr
Datum:2007-05-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt im Anschluss an Joh 21,15-23 im Rahmen der Universitätspredigten zum Thema "Auferstanden am dritten Tag gemäß der Schrift"

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 (gehalten in der Jesuitenkirche am 22. April 2006 um 11.00 Uhr)

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"Die Tränen Petri" - so heißt eines der Bilder von El Greco. Es ist ein Gemälde, das zu den tiefsinnigsten religiösen Bildern dieses aus Kreta stammenden genialen Meisters gehört. Die Bildfläche ist in zwei ungleiche Teile unterteilt: in einen dunklen und in einen hellen Teil. Das ganze Bild wird von der Person des Petrus beherrscht. Der Großteil der Gestalt ist in der dunklen Hälfte platziert, die Konturen des Apostels scheinen zu verschwimmen mit dem pechschwarzen Hintergrund: Zu groß ist sein Versagen, zu schrecklich seine Schuld! Sie erinnern sich ja... an die Skandalgeschichte aus der Bibel. Da wird Jesus festgenommen. In der Nacht zieht die Tempelwache aus, mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet. Sie erwi-schen Jesus im Garten. Allgemeine Verwirrung. Und was machen die Jünger? Sie haben Angst. Allzu gut wissen sie, was ihr "schwaches Fleisch" bewirken kann und deswegen machen sie sich auch keine Illusionen. Sie haben Angst, Angst um ihr Leben und deswegen fliehen sie. Petrus aber, Petrus der Bekenner, der schon einmal mutig das Bekenntnis wagte: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes" (vgl. Mt 16,13-20), Petrus - den Jesus damals auch lobte auf eine geradezu atemberaubende Art und Weise: "Selig bist du, Simon... denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel". Petrus, der geistliche und geistige Führer, dieser Petrus, der noch vor Kurzem beteuerte: "Wenn auch alle anderen dich verlassen... all die Gleichgültigen und Lauen, all jene, welche die Sache mit der Nachfolge nicht ernst nehmen: die Durchschnittsjünger, die Hoch-festaposteln..., die nur einmal im Jahr, höchstens zweimal..., all die ‚Wellenreiter', die Surfer und die Anything-goes-Typen, jene, die bloß darauf schauen, dass es ihnen gut geht, deswegen auch auf verschiedenen Tanzparketts tanzen und Parteien wechseln, bei erstbester Gelegenheit, wenn all die Wendehälse weglaufen, ich ... ich Petrus, der Fels, werde dir beistehen: Ich werde Treue zeigen bis in den Tod!" (Vgl. Mt 26,33) "Bin ja doch einer, dem der Vater selbst direkt vom Himmel das Geheimnis anvertraute. Du weißt es, ich der ‚spiritual leader of the world!'"

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Dieser Petrus versagt kläglich! Wie ein Pubertierender fuchtelt er da mit seinem Schwert (vgl. Joh 18,10), richtet bloß noch mehr Unheil an... dann aber, als es darauf ankommt, Spi-ritualität Fleisch werden zu lassen, leugnet er die Beziehung. "Du warst doch auch mit die-sem?" "Wer? Ich? Nein! Niemals. Unsere Lebenswege haben sich niemals gekreuzt" (vgl. Joh 18,12-27). Eine Skandalgeschichte par excellence. In ein rechtes Licht gerückt erschei-nen die Sexskandälchen der "spiritual leaders" unserer Zeit recht banal angesichts dieses Treueverrats. Dreimal bekommt der geistige und geistliche Leader die Gelegenheit. Dreimal verleugnet er die Beziehung, dreimal bricht er die Bindung ab: der vermeintliche geistliche Führer! Welche Art von Schuld lädt er da auf sich? Sein Verrat stellt ja nichts anderes dar als einen Akt der Anpassung. Immer schon wollte er einfach dazu gehören, um jeden Preis, auch um den Preis spektakulärer Bekenntnisse, Versprechungen und Liebesbeweise... Die Situation hat sich geändert, deswegen wechselt er die Fronten. Also doch ein Wendehals? Ein Wellensurfer? Ein durchaus moderner Mensch! Einer, der auf die Stimmung der Masse achtet, Statistiken ernst nimmt, aus den Umfrageergebnissen Handlungsperspektiven entwickelt und mit dem Strom schwimmt, selbst oder gerade dann, wenn dieser Strom Unschuldige in den Untergang reißt. Der perfekte Volkstribun und Populist. Vergessen wir aber nicht, dass die Begriffe Populist und Demokrat dieselbe Wurzel im Begriff haben: "das Volk", das eine Mal vom Lateinischen, das andere Mal vom Griechischen abgeleitet. Petrus, der Leader, der geistige und geistliche Führer, der selbst ein Mitglied der Volksmasse, der turba - der Verfolgungsmeute - wird. Das ist der Skandal und auch die Schuld ... die Schuld Petri. Der geniale Meister El Greco weiß, dass ein solches Verhalten keine Ausnahme von der Regel ist. Schon eher die Regel in einer Welt, wie der unsrigen. Deswegen widmet er dieser Logik den Großteil der Bildfläche auf seinem Gemälde.

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In der hinteren Hälfte seines Bildes deutet er aber die revolutionäre Wandlung an. Die dunklen Wolken lichten sich. Fast die Hälfte des Gesichtes von Petrus ist bereits auf dieser hellen Seite gemalt. Seine Augen glänzen, weil sie tränengefüllt sind. Doch nicht nur deswegen. Sie erblicken etwas, was nicht pechschwarz ist. Sie sind nicht auf das Versagen fixiert, nicht auf den Skandal, nicht auf den Treuebruch und auch nicht auf die Gewalt, die diesem Treuebruch folgte. Nein. Sie erblicken das geöffnete Grab und am Grabeseingang einen leuchtenden Engel und dann auch Maria von Magdala, wie sie vom leeren Grab wegeilt. Freudenerfüllt trägt sie die Botschaft in die Welt: "Auferstanden! Heute! Am dritten Tag!". Die Augen Petri glänzen, weil sie durch diese Vision zu ‚österlichen Augen' verwandelt wurden. Deswegen auch Tränen zulassen und eine neue Wahrnehmung der Pechschwärze ermöglichen, jener Pechschwärze, die den Großteil der Bildfläche beherrscht. Was soll das heißen?

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Der Treuebruch, der Skandal, der letztendlich ein Teil des Verhängnisses zu sein scheint, jenes Verhängnisses, das durch die pechschwarze Farbe angedeutet wird, das Verbrechen und die schreckliche Schuld, all das wird verwandelt. Es wird zur "felix culpa", zur glückseli-gen Schuld! Als "felix culpa", als glückselige Schuld, kann der Verrat zu einem Teil der Le-bensgeschichte werden. Einem Teil, der nicht verdrängt wird und auch nicht geleugnet: "Na..., eigentlich kann ich mich nicht erinnern, was damals vorgefallen ist... Na..., zu diesem Zeitpunkt war ich doch gar nicht mehr der Stadt." Mit ‚österlichen Augen' wahrgenommen kann das Versagen zum integrierten Teil der Lebensgeschichte werden, einem Teil, der auch nicht wegrationalisiert werden muss. Weder durch die fast schon altertümlich klingen-den Hinweise auf ödipale Verstrickung: "Ich konnte nicht anders, weil die übermächtige Vatergestalt!" Noch durch die hochmoderne wissenschaftliche Vernebelung und die Annahme neurobiologischer Determinierung menschlicher Taten: "Der Verrat war genetisch vorprogrammiert!"

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Schlussendlich lassen die ‚österlichen Augen' auch die Banalisierung des Treuebruchs und des Verrats, die Banalisierung der Schuld nicht zu. Weil sie nicht die Pechschwärze fixieren, sondern das leere Grab, verleiten sie nicht zu der Logik, die nur eines kennt: "In der Nacht sind alle Schafe grau, warum auch nicht der Hirte. Wenn alle verraten, dann ist der Verrat ein Kavaliersdelikt. Wenn alle korrupt sind, dann ist die Korruption banal." Nein! Die ‚österlichen Augen', die Augen, die die Tränen erst ermöglichen, nehmen die Schuld wahr, aber sie nehmen sie wahr im Modus der Vergebung!

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Liebe Schwestern und Brüder! Das ist der zweite fundamentale revolutionäre Aspekt, der mit der Auferweckung Christi in die Welt gekommen ist. Der erste Aspekt weist darauf hin, dass der Tod überwunden worden ist und wir Menschen auferweckt werden. Leiblich auferweckt! Und der zweite: Für die Christen gibt es die Schuld nur im Modus der Vergebung... Deswegen können sie das Versagen, den Verrat und das Verbrechen in ihre Lebensgeschichte integrieren: als "felix culpa", als glückselige Schuld. Aus dem Verhängnis der Schuld, aus der Tragödie der Antike, ist christliche Freiheit geworden. Und da heißt es: "Ich darf schuldig werden!" Und das hat Petrus gelernt. Diesen Übergang vom Verhängnis in die christliche Freiheit. Das Verhängnis, an dem er Anteil hatte, lautete: Wenn auch alle anderen sündigen, ich werde heilig bleiben! Ich bleibe recht fromm und gut. Ich verrate nicht, ich werde dem Verhängnis trotzen! Gerade dieser Mensch fällt tiefer als alle anderen. Doch nicht dieser Skandal ist entscheidend, wichtiger ist, dass er das Geschehene nicht verdrängt, nicht weg-rationalisiert, sondern, dass er zu seinem Versagen steht. Das kann er aber nur, weil ihm die Vergebung zuteil wurde, weil die Sackgasse des schlimmsten Verrats - im Grunde ist der Verrat des Petrus größer als der des Judas -, weil ihm dieser Verrat vergeben wurde. Die Begegnung mit dem Auferweckten hat also eine Kurzformel: "Friede sei mit dir!" Dir ist die Vergebung der Schuld zuteil geworden, ganz gleich, welcher Schuld: der Lauheit eines "Anything-goes-Menschen", der kleinen Feigheit des Durchschnittsmenschen, der Schuld des Judas oder gar der Schuld des Petrus, der meinte, er sei besser als andere. Dir ist die Schuld bereits vergeben! Lasse die ‚österlichen Augen' zu! Fixiere dich nicht auf das Versa-gen! Werde nicht zum Skandal deiner selbst, sondern blicke auf den Auferweckten und höre auf das, was er den Verräter Petrus heute fragt (vgl. Joh 21,15-23): "Liebst du mich?" Drei-mal hat er ihn gefragt. Dreimal durch den Verrat hindurch. Liebe Schwestern und Brüder! Das Christentum ist keine Ansammlung von Lehren und Praktiken, von guten Vorsätzen, die dann doch gebrochen werden. Das Christentum ist inniger und tiefer. Es ist eine Freund-schaftsbeziehung, ja eine Liebesbeziehung zu Jesus Christus, eine Beziehung, die durch das Versagen, den Verrat hindurch gelebt wird. Und wenn Sie all das auf eine Kurzformel gebracht haben wollen: Ein Christ ist einer, der schuldig werden darf, weil seine Schuld schon immer in einem noch größeren Horizont der Vergebung integriert bleibt. Beten wir um österliche Augen: für uns selber, für jene, die uns am Herzen liegen, für jene, die diese Au-gen am meisten brauchen, weil sie unter Schuldkomplexen zerbrechen: "Der Friede des Auferstandenen sei mit uns und auch mit ihnen!"

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