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Begegnungszentrum des Universums
(Gedanken zum 3. Ostersonntag (LJ C), zugleich 10 Jahre Ausbildungs- und Begegnungszentrum für Theologiestudierende)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-05-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Apg 5,27b-32.40b-41;) Offb 5,11-14; Joh 21,1-19

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Liebe Gläubige, liebe Studierende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ausbildungs- und Begegnungszentrums, …

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ein „Ausbildungs- und Begegnungszentrum, was ist das?“ – so könnte man fragen. Ein Ausbildungszentrum – darunter kann sich auch jeder Zeitgenosse von der Straße etwas vorstellen: man lernt dort etwas, man bekommt Fertigkeiten und Fähigkeiten mit für einen künftigen Beruf. Das ist auch bei unserem Ausbildungszentrum so. Kein Problem. Bei „Begegnungszentrum“ wird es schon schwieriger. Begegnen kann man sich doch überall: auf dem Marktplatz, im Gasthaus, auf dem Fußballplatz, in der Disco – oder auch in der Kirche. Wozu braucht es da ein eigenes Zentrum? Und was ist so besonders am einander Begegnen? Tun wir das nicht sowieso jeden Tag ganz unvermeidlich? – Gut, man wird zugestehen, dass Menschen mit ähnlichen Interessen, ähnlichen Berufswünschen sich treffen wollen, aber würde dazu nicht auch ein Stammtisch genügen? Wozu ein eigenes Begegnungszentrum?

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Diese kritische Anfrage eines Zeitgenossen, liebe Gläubige, kann uns darauf aufmerksam machen, worum es nicht nur in unserem Ausbildungs- und Begegnungszentrum für Theologiestudierende geht, sondern letztlich in unserem Glauben: Das Christentum ist wesentlich Begegnung, und zwar Begegnung einer ganz eigenen Art. Es geht nicht darum, dass sich Gleichgesinnte über ihr gemeinsames Hobby austauschen oder man sich zufällig über den Weg läuft bei den Besorgungen des Alltags. Es geht darum, dass man selbst einander begegnet, d. h. die eine unverwechselbare und einmalige Person begegnet einer anderen, ebenso unverwechselbaren und einmaligen Person. Alles Reden über etwas, alles Tun von etwas, ist letztlich der Raum, in dem ein Mensch einem anderen begegnet, dadurch herausgefordert, beglückt, verunsichert oder gestärkt wird. Und dies sind nicht Alternativen, sondern das eine geschieht oft durch das andere: was mich herausfordert, kann zu meinem Glück führen, was mich zunächst verunsichert, kann mich später stärken.

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Unsere alltäglichen und zufälligen Begegnungen haben natürlich auch diese Tiefendimension. Wenn wir diese Dimension total ausklammern würden, würden wir uns unmenschlich verhalten, wir würden – wie es der Philosoph Immanuel Kant ausgedrückt hat – einen anderen Menschen nicht mehr als Zweck an sich behandeln, sondern ihn nur als Mittel missbrauchen. Diese Tiefendimension wahrzunehmen und auch bewusst zu pflegen, das ist eine Herausforderung für alle Christinnen und Christen, aber besonders für solche, die in kirchlichen Berufen arbeiten. Ein Ausbildungs- und Begegnungszentrum für Theologiestudierende ist also etwas sehr Sinnvolles, weil theologische Ausbildung und Begegnung eben nicht nebeneinander stehen, sondern ineinander gehören: Ausbildung durch Begegnung und Ausbildung zur Begegnung.

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Und doch ist hier auch eine Warnung angebracht. Diese Art der Begegnung kann man nicht herstellen, nicht machen, wie man vieles andere auf der Welt machen kann, eben weil jeder Mensch so unverfügbar einmalig ist. Beziehung, echte Begegnung, ist letztlich immer ein Geschenk, das man nur überrascht entgegennehmen kann. Den letzten Grund dafür habe ich aber noch verschwiegen: Die letzte Tiefe der Begegnung, um die es dem Christentum geht, ist die Begegnung jeder einmaligen menschlichen Person mit Gott. Und diese Begegnung wird uns eröffnet durch die einmalige Person Jesu Christi.

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Christus ist das Begegnungszentrum des ganzen Universums. Im Hinblick auf ihn sind wir als Gottes Ebenbilder geschaffen; in seiner Menschwerdung ist er ganz Mensch geworden, in allem uns gleich außer der Sünde. Er hat sich dadurch mit jedem Menschen verbunden (vgl. GS 22). Deshalb können wir glauben, dass uns echte zwischenmenschliche Begegnung letztlich zum Glück und zur Vollendung führt – und nicht in Entfremdung und Identitätsverlust. Im seinem Tod und seiner Auferstehung hat Christus alle Widerstände und Barrieren, die es gegen eine Begegnung mit Gott geben kann, unterwandert und uns die Begegnung mit Gott neu eröffnet. Deshalb ist er das eigentliche Begegnungszentrum der Menschen untereinander und der Menschen mit Gott. Die Begegnung, die er herstellt, ist von ganz einmaliger Art: sie ist nämlich die intensivste, persönlichste, ja intimste Beziehung, die man sich denken kann – und dennoch achtet sie ganz die Freiheit, die Einmaligkeit, die Identität aller Beteiligten und vereinnahmt niemanden, genauso wenig, wie sie jemanden ausschließt. Zu einer solchen Begegnung kann man natürlich streng genommen nicht „ausbilden“. Das ist etwas, das geschenkt wird – vom Geist Gottes, der in den Herzen der Menschen wirkt. Aber die Wahrnehmung schärfen für dieses Wirken, das können wir in der Kirche, an der Fakultät und besonders an einem Ausbildungs- und Begegnungszentrum für Theologiestudierende.

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Eines scheint mir dabei noch wichtig, worauf uns auch das heutige Evangelium hinweist: Diese Art der Begegnung kann nicht gelingen, wenn man die eigenen dunklen Flecken verleugnet und auf solche Weise hinter sich lassen will, dass man sie ausblendet und verdrängt. Nur als Menschen, die um ihre Schwächen und Dunkelheiten wissen und sie als Teil ihrer selbst angenommen haben – was etwas anderes ist, als sie für unproblematisch zu erklären und auszuleben –, sind wir fähig zu einer echten und so tiefen Begegnung, wie Christus sie uns schenken will. Petrus musste dies schmerzhaft erfahren. Dreimal fragte ihn Jesus, wie sehr er ihn liebt, und erinnerte ihn so an seine dreimalige Verleugnung. Jesus tat das nicht, weil er nachtragend war, auch nicht aus Unachtsamkeit, sondern er sagt damit: du kannst meine Schafe nur weiden, wenn du deine eigene Katastrophe nicht verdrängst; deine Liebe zu mir kann nur echt sein, wenn sie um ihre Schwäche weiß; sonst ist sie eine Illusion; sonst verwechselst du deine Sehnsucht danach mich zu lieben mit der Tat, mich zu lieben. Wenn du deine Sünde vor mir nicht verdrängen und verleugnen musst, dann ist deine Beziehung zu mir tief genug, dann bin ich zum Zentrum deiner Begegnungen geworden. Jesus ermöglicht dem Petrus also auch eine tiefere Begegnung mit sich selbst. Petrus begegnet dem Petrus neu und muss an dieser verstörenden Begegnung wachsen.

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Das gilt für Petrus, den ersten der Apostel, und daher für seine Nachfolger im Petrusamt; das gilt aber auch für Petrus, den Gläubigen, und damit für uns alle; für jeden und jede in der Nachfolge Christi. Als liebende, die um die Schwäche ihrer Liebe wissen, lädt Jesus auch uns ein: Folge mir nach. Bitten wir um den Beistand des Heiligen Geistes, dass er uns echte Begegnungen schenke – mit uns selber, miteinander, mit dem Auferstandenen in der Eucharistie –, damit wir zu dieser Nachfolge fähig werden. Und bitten wir, dass unser Ausbildungs- und Begegnungszentrum für Theologiestudierende eine Stätte solcher Begegnung sei und bleibe.

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