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Diese Krankheit führt nicht zum Tod
(Predigt zum 5. Fastensonntag, gehalten beim 11. Uhr Gottesdienst in der Jesuitenkirche am 25. März 2007)

Autor:Scheuer Manfred, Bischof der Diözese Innsbruck
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-03-30

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Im heutigen Evangelium ist von einer Krankheit die Rede, die nicht zum Tode führt (Joh 11,4). Sören Kierkegaard (1813-1855) hat dieses Wort aufgegriffen und spricht von der „Krankheit zum Tode“. Was ist damit gemeint? Man fühlt sich verlassen und minderwertig, gelähmt und müde, matt und lustlos, unzufrieden mit der Arbeit und mit sich selbst schleichen. Das Leben ist langweilig und traurig. Innerliches Schimpfen, Jammern, Selbstmitleid und Groll machen sich breit. Zurück bleibt eine Schlaffheit und Antriebslosigkeit der Seele, Nullbock! Auch Abstumpfung, Schläfrigkeit, Umherschweifen, Schwatzhaftigkeit und Neugier, Unruhe, Rücksichtslosigkeit, körperliche und geistige Unstetigkeit hängen eng damit zusammen. Es gilt als Gemeinheit, leben zu müssen. Jegliches Wollen wird verdächtigt und entlarvt. Auch jeder moralische Anspruch gilt als unzumutbar. Menschliches Leben als solches ist Verzweiflung, ist tragisch, ist ein Unglück. Übrig bleibt die Resignation. Man kann gar nicht mehr erkennen, was böse ist. Man verliert den Blick für die List und Infamie des Bösen und nimmt nicht mehr wahr, was Haltungen und Taten bei sich und anderen anstellen. Und es fehlt an positiver Kraft und am Geschmack für das Gute. „Menschen können zu passionierten Liebhabern des Absurden werden, Mönche und Nonnen des Widerspruchs und des Widersinns.“ (1)

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Sören Kierkegaard spricht von der Schwermut, der Krankheit zum Tode als der Sünde, die an der Wurzel aller Sünden steht. Kierkegaard nennt dabei grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Verzweiflung: „Sünde ist: dass der Mensch vor Gott verzweifelt nicht er selbst sein will oder dass er vor Gott verzweifelt er selbst sein will.“ (2) Die Kehrseite der fixierten Suche nach sich selbst ist die neurotische Flucht vor sich selbst. Die Schwermut als die Krankheit zum Tode will den eigenen Untergang und hält es nicht aus, dass es anderen besser geht. So muss sie bestrebt sein, anderen die Freude zu vermiesen, zynisch jede Suche nach Sinn zu karikieren und andere zu entwurzeln bzw. zu zerstören. Die Verzweiflung liegt wohl am eigenen Leben, aber mehr noch an Gott. Im Leben ist ein bleibender Trotz gegenüber Gott, auch jede Erlösung wird verweigert, um eine bleibende Anklage gegen den Herrn der Welt zu bilden.

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 Gottgewollte Traurigkeit und Krankheit zum Tode

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Jesus selbst ist kein Stoiker. Der Tod des Lazarus und der Schmerz der Angehörigen über diesen Tod bringen ihn zum Weinen (Joh 11,35). Es gibt von Jesus her eine Traurigkeit, die von Gott kommt, die dem Leben und der Liebe Not tut, es gibt die Gabe der Tränen, die befreien, einen Schmerz, der mit keinem Vergnügen der Welt zu vertauschen ist. Es gibt eine „gottgewollte Traurigkeit“, die dem guten Schmerz über die eigene Sünde entspringt und zu Reue und Umkehr führt. Gottgewollt können Trauer und Trostlosigkeit auch sein, wenn der Mensch auf die gute Selbstlosigkeit der Liebe hin gereift werden soll. Gottgewollt sind Trauer und Trostlosigkeit, wenn sie der Solidarität und Anteilnahme mit anderen entspringen. Eine solche Trauer wurzelt in der Tiefe des Lebens und der Liebe.

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Im Neuen Testament gibt es aber auch eine „weltliche Traurigkeit“, die zum Tode führt (2 Kor 7,10). So hält der reiche Jüngling die Spannung zwischen dem Anspruch Jesu und der Verlockung des Reichtums nicht aus und geht traurig weg (Mt 19,22).

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 Der Gott allen Trostes

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Gott ist der Vater der Erbarmungen und der Gott allen Trostes, Jesus ist der Trost Israels. Trost befähigt den Menschen, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, mit seiner Größe und mit seinem Elend, mit der Zerbrechlichkeit und mit seiner Fülle ohne Ausblendung des Bösen und der Schuld im Vertrauen und ohne Illusion anzunehmen, diesem Leben standzuhalten und es auch im Angesicht von Not, Verlust und Tod neu zu wagen. Dieser Trost ist nicht vertröstend. Er befreit zu befreiendem Handeln und zu Veränderung und sucht die Verwirklichung von Humanität, Gerechtigkeit und Frieden. Er gibt aber auch Bestand in gegenwärtig unveränderbaren Situationen, er lässt beistehen, wo kein Erfolg mehr lockt, wo es im Leben nichts mehr zu hoffen gibt.

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 Was tröstet?

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Manchmal lassen sich Schmerz und Traurigkeit durch Schlaf und Bäder lindern. Was ein Bad und ein Gesundheitsschlaf erreichen können, ist auf anderer Ebene manchmal einfach körperliche Bewegung. Auch die Wirkung der frischen Luft, von Helligkeit, Sonne und Wärme sollen genutzt werden. Ein altes Heilmittel, um ein betrübtes Gemüt aufzuhellen, um sich von eingefressenen Grübeleien abzulenken, ist die Musik. Trösten können Bücher: Schon für das Volk Israel waren die Psalmen in geschichtlichen Katastrophen des Volkes wie auch in Krankheiten und Niederlagen einzelner ein Trostbuch. Vom Trost der Freundschaft weiß schon das Buch Jesus Sirach: „Das Leben ist geborgen bei einem treuen Freund.“ (6, 5-17)

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Trost, d.h. Ermutigung und Stärkung im Glauben ist für den Christen die Gemeinschaft: „Die leibliche Gegenwart anderer Christen ist dem Gläubigen eine Quelle unvergleichlicher Freude und Stärkung.“ (3) Trost ist für viele Christen die Verbundenheit mit den Heiligen, die in spezifischen Situationen der Not und der Angst als wirkmächtig gelten (z.B. die 14 Nothelfer).

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Was tröstet? Ignatius empfiehlt das Schauen auf Jesus Christus. Der Gekreuzigte soll denen Trost geben, die angesichts des Todes daniederliegen.

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Gottes Trost ist kein verfügbarer Vorrat. Wohl schenkt er sich sakramental in der Schöpfung, in kleinen Dingen, in Begegnungen, in Gemeinschaften, im Wort und in der Eucharistie. Die Treue und Liebe zu Gott in Solidarität mit den Menschen kann letztlich auch zum Entzug von Trost führen. Jesus selbst hat Gott um Gottes willen gelassen: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen.“ (Mt 27,46)

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 Und in der Trostlosigkeit?

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Ignatius empfiehlt, in Zeiten der Trostlosigkeit niemals eine Änderung zu treffen, sondern fest und beständig in den Vorsätzen und dem Beschluss stehen, in denen man an dem solcher Trostlosigkeit vorangehenden Tag stand. Wohl sollen Maßnahmen gegen diese Trostlosigkeit getroffen werden und es ist „sehr von Nutzen, sich intensiv gegen die Trostlosigkeit selbst zu ändern“ und zwar durch Gebet, Besinnung, Gewissenserforschung und Buße (4). Zudem empfiehlt Ignatius, alle natürlichen Möglichkeiten zu nutzen, um den Versuchungen und Bewegungen des Feindes zu widerstehen (5). Dazu gehört die Kraft der Erinnerung, die Dinge ins Gedächtnis ruft, die zu Gefallen, Fröhlichkeit und Freude bewegen.

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Anmerkungen:  

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 1. Albert Görres, Das Böse. Wege zu seiner Bewältigung in Psychotherapie und Christentum, Freiburg 1982, 69.

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2. Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode (Ges. Werke Abt. 24 und 25), Düsseldorf 1957, 75.

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3. Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1979, 11.

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4. Ignatius, Geistliche Übungen Nr. 318.

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5. Ignatius, Geistliche Übungen Nr. 320.

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