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"Auch ich verurteile dich nicht"
(Gedanken zum 5. Fastensonntag 2007 (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-03-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Jes 43,16-21; (Phil 3,8-14); Joh 8,1-11

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 Liebe Gläubige,

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die bekannte Geschichte der Ehebrecherin ist eine eindrucksvolle, etwas seltsame Geschichte; eine Geschichte der Verwandlung von Altem in Neues; eine Geschichte von Bosheit, Verlogenheit und Gewalt – und von Güte, Wahrheit und Barmherzigkeit. Sehen wir sie uns genauer an:

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Jesus lehrt am frühen Morgen im Tempel wie ein Gesetzeslehrer und viele hören zu. Dann kommen die, die normalerweise lehren; die wissen, wie das Gesetz ist, und denen Jesus vielleicht die Leute abspenstig macht. Und sie sehen eine Gelegenheit, ihm eine Falle zu stellen. Gerade wurde eine Frau beim Ehebruch erwischt. Ihre Schuld steht eindeutig fest. Das Gesetz sagt nun, sie sei zu steinigen – so steht es im Buch Deuteronomium geschrieben (vgl. Dtn 22,22-24). Das war damals nicht barbarisch, das war nicht grausam; das war Gottes Recht und Gesetz – auch wenn es zur Zeit Jesu so gar nicht mehr vollstreckt wurde. Man sah halt doch lieber weg, als sich die Hände schmutzig zu machen.

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Aber diesmal wollten sie nicht wegsehen, denn diesmal ging es nicht um die Frau, nicht um die Heiligkeit der Ehe, nicht um Moral. Es ging darum, Jesus hereinzulegen. Er saß in der Zwickmühle: Stimmte er zu, dass die Frau gesteinigt werden solle, war es um seine Botschaft vom vergebungsbereiten Gott geschehen, er wäre unglaubwürdig geworden. Lehnte er es aber ab, die Frau hinzurichten, dann widersprach er direkt einem Gebot Gottes, das Moses verkündet hatte. Was er auch tat, es war falsch.

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Da ist es ganz verständlich, dass Jesus zunächst einmal nichts sagt. Er schweigt und schreibt mit dem Finger auf den Boden. Was soll denn das nun? Schweigen, um nachzudenken – das klingt vernünftig, aber auf dem Boden herumkritzeln? Noch seltsamer ist, dass uns der Evangelist nicht verrät, was Jesus da schrieb. Ist es vielleicht ganz belanglos? Kam es nicht auf das Geschriebene an, sondern auf das Schreiben selbst? Oder schrieb Jesus gar das Gesetz, auf das sich die Männer beriefen? Hatten sie nicht eine Kleinigkeit vergessen? Stand da nicht bei Moses: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau.“ (Dtn 22,22)? Wo aber war der Mann? Warum standen sie hier alle und wollten nur die Frau steinigen und nicht auch den Mann? Man wird heute das Gebot, das hier Mose in den Mund gelegt wird, hart und barbarisch finden, sexistisch war es nicht. Es hätte für beide Beteiligten gegolten. Die Verlogenheit der Fallensteller zeigte sich schon darin, dass sie einfach eine Hälfte des Gesetzes wegließen.

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Aber auch sie lesen nicht, was Jesus da schreibt. Sie wollen hören, was er sagt, wollen dabei sein, wie er sich selber ad absurdum führt oder ans Messer liefert. Deshalb bohren sie nach. Sie geben keine Ruhe. Und schließlich richtet sich Jesus auf, blickt sie an, und sagt diesen Satz, der in ihre Selbstgerechtigkeit hineinsticht wie in einen Luftballon: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“

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Es zeigt sich, dass Jesus seinen Gegnern in Raffinesse nicht nachstand. Wörtlich genommen hat er das Gebot bestätigt: Ja, man soll die Frau steinigen. Man konnte ihm nicht anhängen, er hätte gegen ein Gesetz des Mose agitiert. Aber mit diesem Satz legte er auch eine Prozedur für die Steinigung fest und beschrieb die Jobqualifikation für den Henker – und machte damit die Hinrichtung unmöglich. Die Prozedur ist: Einer beginnt und die anderen machen es nach.

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Auf diese Weise machen wir normalerweise andere fertig: einer fängt an, weil er besonders cool, besonders mutig, besonders frech ist; und die anderen wollen genau so cool, mutig und „in“ sein, und tun es ihm nach. Von der Kindergartengruppe über die Schulklasse zum Familiengericht; vom Kollegenmobbing bis zur Lynchjustiz und zum Völkermord – überall die gleiche Prozedur. Einer, der das halb unterdrückte Gesetz auf seiner Seite wähnt, beginnt; die anderen laufen mit ohne groß nachdenken zu müssen.

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Aber der erste, der den Anfang macht, der sollte gut nachdenken, worauf er sich da einlässt. Denn hinterher werden die anderen auf ihn zeigen und sagen: er hat angefangen; er ist Schuld; wir haben ja nur mitgemacht. Wir haben uns darauf verlassen, dass er das Richtige tut und sind ihm gefolgt. Und deshalb nehmen die eben noch so aufgebrachten Gesetzeshüter die Qualifikation, die Jesus verlangt, damit man der Erste sein darf, wider Erwarten ernst. Jesus macht deutlich: Wer den Ersten macht, exponiert sich, kann sich hinterher nicht herausreden, muss gerade stehen für das, was er in Gang gebracht hat. Nur wer selbst ohne Sünde ist, kann das tun, fordert Jesus. Ohne Sünde! Wer nie auch nur aus Nachbars Garten einen Apfel gestohlen, nie eine Frau geil angeschaut, nie einen Menschen verwünscht hat – der darf, der soll beginnen mit der Steinigung.

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Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt und wutschnaubend schimpft, was für schlechte Menschen sie sind, dann fühlt man sich so gerecht. Aber ist das Outen von anderen als SünderInnen nicht oft nur die Ersatzhandlung für ein eigenes Schuldbekenntnis, ein Abschieben des eigenen Schattens? Das durchbricht Jesus und macht allen klar: niemand ist ohne Sünde. Niemand von uns kann das behaupten. Und seine Gegner merken, wie Jesus den Spieß umgedreht hat. Jetzt sitzen sie in der Falle: Würden sie Steine werfen, sie würden sich versündigen durch die Behauptung, keine Sünde zu haben. Wenn sie aber die Frau laufen ließen, dann würden sie gegen das Gesetz des Mose verstoßen. Und so gehen sie einfach weg. Anstatt die Frau laufen zu lassen, suchen sie lieber selber das Weite. Sollte doch Jesus zusehen, wie er mit ihr fertig wird.

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Bis hierher verhält sich Jesus wie ein Gesetzeslehrer unter anderen, allerdings mit einer ganz anderen Auslegung des Gesetzes: „Die Gesetze des Mose mögen streng sein, aber weil sie Gottes Gesetze sind, dürfen sie nicht von sündigen Menschen vollstreckt werden.“ Wenn doch so manche vermeintlich frommen Menschen auch diese Gesetzesinterpretation akzeptierten: wenn du ohne Sünde bist, dann kannst du Gottes Todesurteile vollstrecken; sonst nicht! Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

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Alle sind gegangen. Und so stehen schließlich die in flagranti ertappte Ehebrecherin und Jesus allein da. Und es kling fast ironisch, als er sie fragt: „Hat dich keiner verurteilt?“ „Keiner, Herr.“ Da verlässt Jesus seine Rolle als Gesetzeslehrer, er nimmt eine Rolle als Richter an und spricht nun sein Urteil. Hier spricht der einzige, der die Qualifikation hat, der einzige, der ohne Sünde ist; der einzige, dem es zusteht, Gottes Urteile zu vollstrecken. Und er vollstreckt: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

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Hat Jesus zuerst nur angedeutet, dass sündige Menschen Gottes Todesurteile nicht vollstrecken dürfen, so stellt er nun eindeutig fest, dass Gottes Urteile kein Todesurteile sind. „Ich, der Sündenlose, ich, der Weg, die Wahrheit und das Leben, ich, der menschgewordene Gott, ich verurteile dich nicht. Ich habe es nicht nötig mein Gesetz mit tötenden Steinen, mit Mobs und Eiferern durchzusetzen. Ich habe die Macht, dir eine neue Zukunft, ein neues Leben zu eröffnen: Geh und sündige nicht mehr. Das ist es, was ich will.“

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Was mehr soll man noch dazu sagen, wie das uns heute betrifft? Jedes Mal, wenn wir mit dem Zorn der Gerechten jemanden büßen sehen wollen, ruft Jesus auch uns zu: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein.“ Und jedes Mal, wenn wir dastehen – bis auf die Knochen beschämt und gedemütigt und andere unsere gerechte Bestrafung fordern –, jedes Mal dann sagt er, der Sündenreine, auch zu uns: „Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Und wir können dazu eigentlich nichts mehr sagen außer – Amen.

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