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Das Martyrium nicht verdrängen - gerade im Kontext akademischer Theologie
(Predigt beim Gottesdienst zur Eröffnung des Sommersemesters 2007 in der Jesuitenkirche am 1. März 2007 um 11 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-03-09

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Offenbare Dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut!“ (Est 4,17r) Der Hilferuf einer Frau! Von Todesangst ergriffen betet Esther - eine Tochter Israels. Dieses uralte Gebet um Hilfe angesichts des drohenden Martyriums, angesichts der gesetzlich verordneten Ausrottung aller Juden in den 127 Provinzen des Perserreichs von Indien bis Kusch, dieses uralte Gebet legt die heutige Liturgie uns allen in den Mund: „Offenbare Dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut!“ Die Liturgie legt diesen Schrei uns in den Mund, uns, die wir heute das Sommersemester eröffnen und uns auch auf tolle Stunden miteinander freuen, feste Pläne schmieden, wie wir auf dem Weg der Berufsvorbereitung oder aber Karriere vorwärtskommen, uns gar auf die Spitze hinauf katapultieren. Das Gebet wird uns in den Mund gelegt, uns, die wir auch unsere Probleme haben: den Liebeskummer, den Prüfungsstress, Probleme mit dem Job, mit der Gesundheit, mit psychischer Stabilität..., Probleme also mit uns selber. „Offenbare Dich in der Zeit unserer Not!“

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So tröstend diese Rollenidentifizierung auch sein mag, so legt sie doch zuerst einen Zweifel nahe: Findet nicht eine Verharmlosung durch eine solche liturgische Vergegenwärtigung statt? Kann die Gemeinschaft der Theologischen Fakultät in Innsbruck, können die Studierenden und die Lehrenden, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Professorinnen und Professoren, können wir dieses Gebet so ohne weiteres beten? Oder uns das Gebet auch betend anhören, ohne den Gehalt zu banalisieren? Das Gebet hat doch einen klaren Sitz im Leben, werden die Puristen einwenden. Und ich gebe zu bedenken: Ja, vielleicht einen allzu klaren!

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Das Gebet entspringt dem Mund jener Tochter Israels, die in der fremden Umwelt des Perserreiches lebt. Als Fremde, als Ausländerin macht sie dort eine Traumkarriere. Ihre Familie wurde durch Nebukadnezar nach Babylon verschleppt, ihre Eltern starben. Der Onkel Mordechai nimmt sich des Waisenkindes an, erzieht die Schöne. Denn: Fesch war sie schon... die Esther. Und aus der Schönheit lässt sich bekanntlich Kapital schlagen. Nicht erst die Zeit des „Playboys“ katapultiert die Models an die Spitze gesellschaftlicher Hierarchien. Auch die Heilsgeschichte kennt solche Wege. Die bildhübsche Jüdin schafft es bis zur Spitze. Sie wird persische Königin. Fortan könnte sie im Luxus leben und sich des Lebens erfreuen. Wenn es da nicht die Intrigen gäbe und die Politik, in die sie sich gefälligst nicht einmischen soll.

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Liebe Schwestern und Brüder! Was dieses Buch Esther so außergewöhnlich macht, ist sein profaner Blick auf den Alltag. Da wird vom Krieg und Rivalität, von List und Lüge, von Geilheit, vom Verrat und der Aufdeckung des Verrats erzählt. Und von dem, wie man aus jeder Situation das Beste zu machen versucht: „with a little help from my friends“ kommt man eben vorwärts, oder man stürzt hinab. Dem beispiellosen Aufstieg der schönen Esther steht nun scheinbar völlig unvermittelt der Absturz eines ganzen Volkes gegenüber. Derselbe König, der die Schöne ins Bett zerrt, unterschreibt das Todesurteil gegen ihr Volk. Und sie? Buchstäblich dazwischen! Soll sie den Mund aufmachen und den Luxus aufs Spiel setzen, gar ihr Leben riskieren? „Ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir, die Gefahr steht greifbar vor mir“ (Est 4,17t), betet sie nun und bringt zum ersten Mal ausdrücklich Gott ins Spiel, weil sie sich entschlossen hat, den Mund aufzumachen, Partei zu ergreifen, nicht nur im Rahmen gesellschaftlicher Alltagsrationalitäten das Spiel zu spielen, Nutzen zu maximieren oder die normalen Schläge einzustecken. Nein! Mit ihrem Schritt sprengt sie den Rahmen, findet sich ausdrücklich an jenem Ort wieder, an dem die Opfer tagtäglich mit ihrem Tod rechnen müssen. „Offenbare Dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut!“ Ihr Gebet stellt wirklich einen außergewöhnlichen Akt dar. Schon wegen dem Sitz im Leben! Es ist ein Gebet angesichts des drohenden Martyriums. Können wir es also betend anhören, ohne es zu verharmlosen?

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Wir können es... und dies zuerst deswegen, weil einige von uns dieses Gebet schon gebetet haben. Genauso wie Esther. Von Todesangst ergriffen! Es gibt ja unter uns Studierende, die aus den Gebieten kommen, in denen Kriege und die Verfolgung um des Glaubens willen keine historische Angelegenheit sind. Ihr eigenes Leben oder aber das Leben der Angehörigen und Freunde stand schon auf dem Spiel ...oder steht immer noch auf dem Spiel. Weil sie oder ihre Eltern, oder die Freunde, die Katechisten, die Schwestern, die Priester den Mund öffneten, Partei ergriffen haben, sich an jenen Ort stellten, wo sie täglich mit dem Tod rechnen müssen.

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An die 180.000 Christinnen und Christen sterben jährlich um ihres Glaubens willen. Abertausende - wenn nicht gar Millionen - gehen tagtäglich einen Weg des Martyriums im wörtlichen Sinn des Wortes. Ihretwegen können wir - oder müssen wir - das Gebet der Esther uns zu eigen machen. Als Christen bilden wir ja alle den einen Leib Christi. Zusammen mit denen, die in Todesnot schreien, beten wir also heute: „Offenbare Dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut!“ Gib mir Mut, den Glauben zu leben, zu bekennen, zu reflektieren, vor der Welt zu begründen. Hineingestellt in den Kontext des Martyriums um des Glaubens willen verliert auch unsere Bemühung um die theologische Rationalität den Anschein der banalen Bürgerlichkeit.

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Liebe Schwestern und Brüder! Es geht beim Studium und bei der Forschung in der Theologie um mehr als um den bürgerlichen Beruf, um mehr als um die Kariere, um mehr als um tolle Zeit miteinander. Es geht um den lebendigen Gott. Jenen Gott, der den Märtyrern in ihrer Einsamkeit beisteht, jenen Gott, der die Märtyrer aus ihrer Einsamkeit rettet. Die Kraft dieses Gottes, die Kraft, die sich in der Liebe bis zum Kreuz entäußern kann, diese Kraft ist stärker als die frontale oder auch die subtile Gewalt. Die Kraft dieser Liebe wünsche ich uns allen für das kommende Semester, für das ganze Studium, für das ganze Leben. Ja, für die ganze Ewigkeit.

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