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Anwalt des Humanum - In memoriam Walter Kern
(Ansprache des Dekans beim Begräbnis von Univ.-Prof. DDr. Walter Kern SJ in der Jesuitenkirche am 2. Februar 2007)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-02-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Die Leopold-Franzens-Universität verabschiedet sich heute von einem ihrer brillantesten Lehrer und Forscher aus den 70-er und 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Oberflächlich betrachtet hat sie sich von ihm schon vor acht Jahren verabschiedet..., an jenem Tag, als Walter Kern durch den Schlaganfall dem aktiven Leben entrissen wurde, seine Forschungstätigkeit und emsige Publikations- und Redaktionsarbeit endgültig unterbrochen hat und in der Abgeschiedenheit des Sanatoriums ein Leben der scheinbaren Passivität führte - von der Öffentlichkeit vergessen! Die Institution Universität hat ihn bereits 1989 emeritiert - den verdienstvollen Professor von der lästigen alltäglichen akademischen Routine entpflichtet, ihm damit auch die Chance gegeben, seinen professoralen Leidenschaften in Freiheit eines Emeritus nachzugehen. Dass er dies in Verbindung mit dem Pfarrdienst tat, lag an seinem akademischen Selbstverständnis.

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Seine alltägliche Beschäftigung mit Fundamentaltheologie schätzte er nämlich als ein Privileg ein: "von Berufs wegen" durfte er das studieren, was ihn persönlich anging: Die Frage, "was es damit auf sich habe, sich heutzutage Christ zu nennen", diese Frage raubte ihm nicht nur den Schlaf aus den Augen und bescherte ihm nicht nur den sprichwörtlichen Stress. Die Beschäftigung mit dieser Frage bereitete ihm Freude, ja sichtbaren Spaß und schenkte dem bescheidenen P. Kern ein enormes Selbstwertgefühl. Der kleine Mann war ein großer und stolzer Christ!

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Denn: Walter Kern war davon überzeugt, dass der Freiheitsimpuls des Evangeliums Jesu Christi der Ursprung der Moderne ist. Auch gegen den Widerstand von Kirchenbehörden wirkte das Evangelium der Freiheit auf die emanzipierte Kultur ein, auf demokratische Gesellschaftsstrukturen, auf Menschenrechte. Mit einem Wort: auf all das, was unser heutiges Leben menschlich und lebenswert macht. Und noch eines stärkte sein Selbstwertgefühl. Er glaubte, dass das Wissen um diese Zusammenhänge - die Zusammenhänge zwischen Christentum und Moderne - Menschen vor enthumanisierendem Götzendienst bewahren kann: vor der Barbarei. Fundamentaltheologe als Anwalt menschenfreundlicher Moderne, damit auch als advocatus des Humanum: das war Walter Kern. Erlauben Sie mir, ein paar Nuancen dieser Advokatentätigkeit zu nennen.

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Walter Kern übte seine Anwaltschaft des Humanum aus an jedem Schreibtisch, der gerade in seiner Reichweite zu finden war. Die Neugier des Forschers trieb ihn dazu, jedes Stück Papier und jedes Buch, das in seine Hände kam, anzuschauen, das Lesenswerte sofort zu exzerpieren. Mit den geglückten Formulierungen ging er so um wie mit gefundenen kostbaren Perlen. Er sammelte sie und schmückte mit ihnen seine Ausführungen.

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Er übte die Anwaltschaft des Humanum v.a. aber auf dem Katheder aus. Woche für Woche suchte der quirlige Professor hunderte von post 68-er-Studenten davon zu überzeugen, dass der Abschied von Kirche, ja der Abschied vom Christentum und die Faszination durch den Marxismus, durch eine zu kurz gegriffene Psychoanalyse ein Irrweg bleibt. Dass die kritische Theorie die Fratze des drohenden Totalitarismus nicht zu beseitigen vermag, weil sie ein Vakuum hinterlässt, ein Vakuum, in dem sich zerstörerische Mächte und Gewalten austoben. Mit dieser Anwaltschaft hat er sich nicht nur Freunde unter den revoltierenden Studenten der 70-er Jahre geschaffen. Der von Vitalität strotzende Mann und der beweglichste aller Professoren war eben kein Wellensurfer. An dem kleinen Mann zerbrachen die Wellen der Moden wie an einem Wellenbrecher. Der moderne Fundamentaltheologe war ein Apologet - ein nach vorwärts gewandter Verteidiger der Tradition.

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Pater Kern übte seine Anwaltschaft aus, indem er sich - wie kaum ein anderer aus unserer Fakultät - in den Dienst der scientific community stellte. Tausende und Abertausende von Manuskriptseiten wurden von ihm penibelst korrigiert und redigiert. Nicht seine eigenen Manuskripte. Nein! Manuskripte junger Wissenschaftler wurden von ihm publikationsreif gemacht. Dutzende von hier sitzenden Theologen denken heute wehmütig an jenen atemberaubenden Augenblick zurück, als sie das redigierte Manuskript von P. Kern zurückbekamen und den kleinen Unterschied zum eigenen Text bemerkten. Einer der Kollegen sagte mir in der Sakristei, er habe sich ein Blatt zur Erinnerung aufbewahrt, denn das, was P. Kern gemacht hatte, das war ja genial. Der Forscher war eben der Redakteur. Meistens dort, wo sein Name nicht einmal genannt, oft nur mitgenannt wurde. Das trifft zu auf das "Handbuch der Fundamentaltheologie", v.a. aber auf die "Innsbrucker theologischen Studien". Die Reihe hat in kürzester Zeit den außergewöhnlichen Rang bekommen, weil Walter Kern seine Hand an jede Zeile, die dort publiziert wurde, angelegt hat. Und gerade diese Arbeit präsentiert den Anwalt des Humanum von seiner besten Seite. Angesichts einer Moderne, die den Neid und die Rivalität, ja die Eitelkeit des originellen Wissenschaftlers entfesselte, bezeugte P. Kern den menschenfreudigen Charakter der Bescheidenheit und des selbstlosen Dienstes für andere. Er war einer jener Meister, die keinen Wert auf die Signatur auf dem Bild legten: die Qualität des Werkes - nicht der Name - sollte für die Wahrheit Zeugnis ablegen!

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Er übte seine Anwaltschaft des Humanum selbstverständlich in der Kirche aus. "Die Kirche ist unser Schicksal", so lautete eines seiner Bonmots. Und weil das so ist, deswegen konnte er programmatisch formulieren: "Christsein heißt miteinander essen".

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Schlussendlich übte er seine Anwaltschaft in einem Zusammenhang aus, wo man dies kaum vermuten würde. Mit den Herausgebern des "Handbuchs" musste er ringen um die Aufnahme der Kreuzesthematik in das Programm. Er war advocatus des Humanum, weil und indem er das Wort vom Kreuz auf seine Tiefe hin reflektierte. "Muss man das harte Wort vom Kreuz schlucken, um Christ sein zu können", fragte er und zitierte den drastischen Thomas Müntzer: "Wer den bitteren Christus nicht haben will, wird sich am Honig totfressen." Auch dem Satz von Leon Bloy stimmte er zu und zitierte ihn öfters: "Der Mensch hat Bereiche in seinem armen Herzen, die noch nicht existieren, in die erst der Schmerz einziehen muss, damit sie seien." Wir können nur ahnen, welcher Schmerz in sein Herz eingezogen ist, an jenem Tag, an dem der superaktive Mann zur scheinbaren Passivität verurteilt wurde: zur Passio! Wer weiß, vielleicht übte der akademische Lehrer seine Anwaltschaft des Humanum am überzeugendsten gerade durch seine Passio aus.

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Lieber Pater Kern! Die Theologische Fakultät nimmt heute Abschied von Ihnen. Noch einmal möchte ich Ihnen als Dekan danken, dass sie den Ruf an unsere Fakultät im Jahre 1969 angenommen haben, dass Sie den verlockenden Ruf auf einen philosophischen Lehrstuhl in Tübingen im Jahre 1972 abgewehrt und bald auch nach Münster signalisiert haben, Sie werden den Ruf nicht annehmen. Ich danke Ihnen, dass Sie die akademische Kultur an unserer Fakultät auf Ihre Art geprägt haben. Auch als einer von denen, die gegen Sie rebelliert haben, und auch von denen, die Sie als Wellenbrecher zwar zur Weißglut gebracht, aber auch gerettet, geschützt und gar gefördert haben, danke ich Ihnen für Ihr Dasein. Als Dekan möchte ich aber auch all jenen Fakultätsmitgliedern danken, die Sie in den letzten Jahren aufgesucht haben. Stellvertretend sollen zwei Namen genannt werden: Ihre ehemalige Sekretärin Frau Elisabeth Corazza und ihr Nachfolger auf dem Lehrstuhl P. Neufeld.

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Lieber P. Kern, an Ihrem Sarg stehend habe ich noch zwei ihrer Aussagen im Ohr. Im Aufsatz "Christsein heißt miteinander essen" kann man nachlesen: Menschen werden mit dem Menschensohn "essen und sich niederlegen und aufstehen vom Tisch in alle Ewigkeit". Wir hoffen, dass Sie gerade dabei sind, vom Tische aufzustehen, vom himmlischen Hochzeitsmahl. Und was sehen wir da? Irgendwann haben Sie schmunzelnd gesagt, "im Himmel, da möchte ich fünf Zentimeter größer sein." Sie dürfen im Himmel jene Größe haben, die Ihrer Leidenschaft entspricht. Und diese war ja enorm.

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Lieber Pater Kern, auch im Namen unseres Rector magnificus sage ich Ihnen: Vergelt's Gott!

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