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Die Hochzeit zu Kana - an der Totenbahre
(Eine Predigt zur Frage: Wo werden wir des Himmels gewahr in unserem Leben? Auf dem Hintergrund von Joh 2,1-12 (in der Jesuitenkirche am 14. Januar 2007))

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2007-01-17

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Eine Predigt zur Frage: Wo werden wir des Himmels gewahr in unserem Leben? Auf dem Hintergrund von Joh 2,1-12 (in der Jesuitenkirche am 14. Januar 2007).

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„Aber was ist das, was ist das? Warum rücken die Wände auseinander? Ach ja... Das ist die Hochzeit, das Hochzeitsfest... ja, natürlich.“ In seinem Roman „Die Brüder Karamasov“ integriert der geniale russische Schriftsteller Fjodor Dostojewskij unser heutiges Evangelium in die Handlung des Romans an einer ganz besonderen Stelle: als Antwort auf die Frage nach dem Ort, an dem das Reich Gottes in dieser Welt einbricht, als Hinweis auf jenen Augenblick, in dem wir auf Erden des Himmels gewahr werden.

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Der Novize eines Klosters, Aljoscha, kniet vor der Totenbahre seines Freundes Starez Sossima. Mit monotoner Stimme liest ein Priester das Johannesevangelium vor: zur Totenwache. Aljoscha schläft ein und während der Priester die Geschichte über die Hochzeit zu Kana vorliest, träumt der Novize einen Traum: den Traum vom Himmel. Die Wände der Totenkapelle rücken auseinander, der Raum wird größer. An der langen Tafel sitzen unzählige Gäste. Unter Ihnen auch der Verstorbene. Der im Sarg liegende Leichnam ist nicht mehr da. Starez trägt dasselbe Gewand, in dem er die Gäste empfing, er tritt auf Aljoscha, den Novizen, zu, seine Augen strahlen: „Auch ich, mein Lieber ... auch ich bin geladen, geladen und gerufen. Wir sind fröhlich. Wir trinken den neuen Wein, den Wein der neuen großen Freude. Warum wunderst du dich über mich? Ich habe ein Zwiebelchen gereicht und bin nun hier. Und viele von denen, die hier sind, haben nur ein Zwiebelchen gereicht, nur ein ganz kleines Zwiebelchen... Was sind schon unsere Taten?“ Der Satz vom Zwiebelchen knüpft an eine Geschichte an, die im Roman bereits vorher erzählt wurde.

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Es ist die Geschichte von einem alten, bösen Weib, von der femina incurvata, von der Egoistin, die ihr Leben lang nur sich selber gesehen hat und die nach dem Tod in die Hölle hinabgestürzt wurde. Da ihr Schutzengel darüber sehr traurig war, handelte er mit Gott, dem Richter, aus, dass wenn die Frau auch nur eine einzige gute Tat in ihrem Leben vollbracht habe, sie in den Himmel gerettet werde. Diese einzige Tat wäre also der Ort und der Augenblick, wo und in dem sie in ihrem Leben des Himmels auf Erden gewahr wurde. Der Engel suchte und suchte. Nichts! Vergebens! Doch. Irgendwann hat die Frau einer lästigen Bettlerin ein verfaultes Zwiebelchen nachgeworfen. Freilich, um die Lästige loszuwerden. Am Zwiebelchen soll sie in den Himmel hinaufgezogen werden. Mühsam geht die Sache vor sich. Zu schwer ist die Last und zu schwach das Zwiebelseil. Und doch..., da klammern sich auch andere Verdammte an die alte Frau. Und es geschieht ein Wunder. Je mehr Menschen sich an die Frau klammern, umso leichter geht die Sache vor sich. Doch die Alte ist in ihrem Egoismus so verblendet, dass sie das Wunder nicht zu sehen vermag, dass sie den Augenblick des Einbruchs des Reiches Gottes in ihre verbohrte Welt übersieht. „Lasst los! Das ist mein Zwiebelchen. Das ist meine Chance!“ Blind schlägt sie um sich, schüttelt die Mitgeretteten ab. Und als der letzte Mensch, der mitgezogen wurde, von der Frau abgeschüttelt war, da riss auch das Zwiebelchen entzwei. Die Alte fiel in die Hölle zurück und der Engel ging weinend davon.

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Dem sich wundernden Aljoscha, der den verstorbenen Starez bei der Hochzeitstafel erblickt, sagt also der Verstorbene: „Ich habe ein Zwiebelchen gereicht und bin nun hier. Und wie viele von denen, die hier sind, haben nur ein Zwiebelchen gereicht, nur ein ganz kleines Zwiebelchen. Was sind schon unsere Taten?“ Sie sind keineswegs automatisch der Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Diese Worte sollen Licht bringen in die Dunkelheit der Hoffnungslosigkeit des jungen Novizen, einer Hoffnungslosigkeit, die uns alle befällt angesichts des Todes eines geliebten Menschen. Nicht der eigene Tod, sondern der Tod des geliebten Menschen bringt uns in eine Sackgasse hinein..., eine Sackgasse, wo der Himmel und die Erde auseinander fallen und uns die Decke der Gottverlassenheit auf den Kopf fällt.

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Aljoscha hat den besten Freund verloren, den alten Mönch..., der in der Klostergemeinschaft doch ein Sonderling war - vor allem mit seinen Ansichten über den Ort, an dem wir schon hier des Himmels gewahr werden, und den Zeitpunkt, an dem das Reich Gottes in unser Leben einbricht. Die Menschen kamen zu dem alten Mönch, weil er ein offenes Ohr für sie gehabt hat, weil er sie nicht verurteilte. Mehr noch. Seinen Brüdern predigte er sogar: „Brüder, fürchtet euch nicht vor der Sünde der Menschen. Liebt den Menschen auch in seiner Sünde, denn nur eine solche Liebe wäre ein Abbild der Liebe Gottes und die höchste irdische Liebe.“ Den Sünder gerade in seiner Sünde zu lieben, ihn bedingungslos anzunehmen -, kann das der Ort sein, an dem sich Himmel und Erde berühren? Ein solches Programm provozierte den Widerstand der Mitbrüder, vor allem jener, die in dieser Welt überall nur den Teufel am Werk sahen, unmenschlich fasteten..., sich selbst und auch ihre Mitmenschen verachteten und Gott fürchteten.

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Wer ist nun im Recht vor Gott? Der hagere Asket Pater Ferapont etwa, der überall den Teufel und die Sünde wittert, diese anprangert und gleichzeitig auch Menschen mit seinen Worten wie mit Steinen verletzt, auch vor sich selber nicht halt macht in seinem Selbsthass? Oder Pater Sossima, der den Sünder gerade in seiner Sünde liebt, deswegen auch von Menschen aufgesucht wird, Trost zu spenden vermag, der aber gerade deswegen von seinen Mitbrüdern beneidet und geradezu gehasst wird? Wer ist nun im Recht vor Gott und auch vor den Menschen? Denn: diese erwarten sich ein Zeichen; sie warten auf den Einbruch der Transzendenz. Nun stirbt der alte Pater Sossima und die Menschen warten auf ein Wunder. Der Himmel soll die Erde berühren, der barmherzige Alte soll sich nicht zersetzen, sein Leichnam nicht verwesen. Dieses Wunder bleibt aber aus. Unserem jungen Novizen fällt nicht nur die Decke auf den Kopf. Er hat nicht nur den geliebten Menschen verloren; alles spricht dafür, dass der Lebensweg des alten Priesters vor Gott nicht bestehen wird. Der Alte stinkt ja, der Verwesungsgeruch ist nicht zu übersehen. Da freuen sich die Zyniker und die frommen Menschenhasser über das vermeintliche Urteil des Himmels.

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In seiner Hoffnungslosigkeit schläft also unser junger Novize vor der Bahre seines Freundes ein. Einschlafend nimmt er die Worte des Priesters wahr, des Priesters, der zur Totenwache das Evangelium nach Johannes vorliest, die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Und im Traum wird dem Novizen und auch uns allen die klare Antwort gegeben auf die Frage nach dem Ort, an dem das Reich Gottes in diese Welt einbricht, und dem Augenblick, in dem wir des Himmels gewahr werden. „’Freuen wir uns’“, sagt der Alte im Traum, „’trinken wir den Wein neuer großer Freude. Siehst du, wie viele Gäste hier sind. Viele haben nur ein Zwiebelchen geschenkt, nur ein kleines, einziges. Siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?’ ‚Ich fürchte mit, ich wage nicht hinzusehen...’ flüsterte Aljoscha. ‚Fürchte Ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in Seiner Größe, furchtbar in Seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist Er zu uns in Seiner Liebe, und Er freut sich mit uns. Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die Freude der Gäste nicht aufhöre’“.

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Liebe Schwestern und Brüder, Er und nur Er vermag das trübe Wasser unseres Lebens, das halb verfaulte Zwiebelchen unserer Taten in den Qualitätswein zu verwandeln und in ein starkes Seil, an dem wir hinaufgezogen werden: aus der alltäglichen Hölle hinauf in den Himmel. Unendlich barmherzig ist er in seiner Liebe zu uns, deswegen können wir auch ein winzig kleines Stück barmherziger sein zu unseren Mitmenschen und auch zu uns selber. Wir können es wagen, Menschen auch in ihrer Sünde zu lieben.

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In der Barmherzigkeit, in der Chance, die den Verlorenen und den Verdammten zuteil wird, dass sie an einem halb verfaulten Zwiebelchen einer Egoistin mitgezogen werden können, wenn diese sie nicht abschüttelt, dort werden wir des Himmels auf Erden gewahr. Werden die Sünder abgeschüttelt, dann reißt die Verbindung zwischen Himmel und Erde ab. Sie fallen in die Hölle zurück. ‚Fürchtet Euch nicht!’, ruft auch uns Pater Sossima zu. ‚Auch Ihr habt schon ein kleines Zwiebelchen geschenkt... Ihr seid auf bestem Weg zur himmlischen Hochzeit. Schüttelt aber niemanden ab von denen, die mit Euch mitgezogen werden. Mit eingeladen. Sperrt sie nicht aus! Liebt den Menschen in seiner Sünde, denn das ist die Liebe, mit der Gott den Menschen liebt. Liebt auch Euch selber. Seid barmherzig auch zu Euch selber!’

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Liebe Schwestern und Brüder. Nehmen wir das Wort Jesu ernst! Füllen wir die Krüge mit dem trüben Wasser unseres Lebens. Das Wasser wird gewandelt. Durch den, der unendlich barmherzig ist in seiner Liebe. Und dann wird das trübe Wasser zu einem Qualitätswein!

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