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Mein Königtum ist nicht von dieser Welt
(Gedanken zum Christkönigssonntag (B))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Am Fest Christkönig sehen wir einen Christus, der mit Pilatus um sein Königsein debattiert; eine Debatte, von der wir wissen, dass sie mit der Verurteilung und Hinrichtung Jesu endet. Ein seltsamer König, das
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2006-12-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesung: Offb 1,5b-8; Evg.: Joh 18,33b-37

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 Liebe Gläubige,

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die Kirche erlaubt sich heute ein seltsames Schelmenstück mit uns. Am Fest Christkönig sehen wir einen Christus, der mit Pilatus um sein Königsein debattiert; eine Debatte, von der wir wissen, dass sie mit der Verurteilung und Hinrichtung Jesu endet. Ein seltsamer König, das.

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Und seltsam ist in der Tat auch die Beschreibung, die uns das Johannesevangelium von dieser Debatte liefert. Es scheint, als redeten Pilatus und Jesus ständig aneinander vorbei. Und so ist es in der Tat, denn alles, was Jesus sagt, hat zwei Bedeutungen: eine oberflächliche und eine tiefere. Und Pilatus hört meist nur die oberflächliche. Verstehen wir aber den tieferen Sinn?

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Wenn Jesus etwa Pilatus fragt: „Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?“ (Joh 18,34), dann heißt das zunächst einmal: ›siehst du selber in mir eine Bedrohung für dich und die römische Herrschaft oder haben dir andere das eingeredet?‹ Und Pilatus gibt unumwunden zu: ›ich habe keine Ahnung davon; ich kenne mich in eueren jüdischen Gebräuchen und Theologien nicht aus; ich muss mich auf das verlassen, was andere mir sagen.‹ Dahinter aber steckt noch etwas viel Tieferes: Die Frage an Pilatus—und auch an alle, die dieses Evangelium lesen, also auch an uns—: ›Was verstehst du denn unter einem ‚König‘? Wie muss jemand sein, dass er für dich ein König ist? Ist dein Verständnis von König schon festgeschrieben und bestimmt von dem, was MAN halt so sagt über das Königsein? Dann sind Könige entweder prunksüchtige Despoten oder armselige Opfer der Klatschpresse. Oder lässt du es noch offen, was Königsein genau bedeutet? Dann schau auf mich und lass dir zeigen, wie ich König bin.‹

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Aber auch Jesus tut sich schwer darin, zu beschreiben, wie er König ist. Er sagt daher zunächst, wie er nicht König ist, und grenzt sich damit klar ab, von den prunksüchtigen Despoten und auch den machtsüchtigen Präsidenten der Weltreiche: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.“ (Joh 18,36) Wie kommt das an bei Pilatus? Vielleicht so: ›Ich bin schon ein König, aber zu weit weg von meinem Herrschaftsgebiet. Wenn ich näher am Einsatzgebiet meiner Truppen wäre, dann würden sie kämpfen und mich befreien und die Gegner niedermetzeln—alles nur zu Verteidigungszwecken. Aber leider bin ich zu weit weg von meinem Reich.‹

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Wie aber könnte es Jesus gemeint haben? Ich denke so: ›Wenn ich mein Königsein so verstehen würde, wie es Könige normalerweise tun, dann hätte ich dem Petrus nicht befohlen sein Schwert wieder einzustecken (vgl. Joh 18,10f.), dann hätte ich dafür gesorgt, dass mehr so dächten wie er und mich verteidigen; dann würde ich mich mit Gewalt verteidigen und meine Ideen mit Gewalt durchsetzen. Gott ist groß und mächtig; seine Macht könnte mir alle unterwerfen, die sich mir widersetzen. Aber so verwendet Gott seine Macht nicht; und daher ist auch mein Königtum nicht so.‹ Es ist ein Verständnis von Machtausübung und Königsein, das dieser Welt völlig fremd scheint; es ist nicht von dieser Welt, es ist ganz wörtlich: welt-fremd.

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Und dann erklärt Jesus, wie er sein Königtum sieht: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18,37). Und Pilatus fragt: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38). Pilatus klingt hier ganz wie ein Politiker, der sich verplappert: ›Was ist schon Wahrheit? Mit Wahrheit erhält man sich nicht die Gunst des Kaisers und man gewinnt schon gar keine Wahlen. Wahrheit—ist das nicht das, was gerade ankommt? Wahrheit ist das, was man gerade dafür ausgibt, heute ist das eine wahr und morgen vielleicht sein Gegenteil. Wer weiß das schon? Und wie viel Unheil richten Leute an, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben? Sind das nicht alles Fundamentalisten? Leute, die andere umbringen wegen ihrer Wahrheit? Das ist mir zu gefährlich.‹

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Jesus aber spricht von einer anderen Art von Wahrheit. Nicht von der Wahrheit der Rechthaber, sondern von der Wahrheit im Herzen der Menschen, die sich selbst als zuverlässig erweist, wenn, ja wenn man sie nicht mit den Mitteln der Mächtigen dieser Welt erstickt. Es ist die Wahrheit, „die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt“ und sich nicht anders durchzusetzen sucht „als kraft der Wahrheit selbst“ (1) . Und wenn man es dieser Wahrheit verwehrt, sich auf so friedliche Weise durchzusetzen, dann lässt sie sich lieber ans Kreuz schlagen und umbringen, als zu anderen Mitteln zu greifen. Hätte das nur die Kirche zu allen Zeiten klar gesehen! Und würden es doch alle religiösen Menschen heute so sehen!

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Der „Fundamentalismus“ der Wahrheitstheorie des Jesus von Nazareth besteht darin, sich eher selber umbringen zu lassen, als um der Wahrheit Gottes willen Gewalt anzuwenden. Das ist in der Tat gefährlich, aber für niemanden anders, als den Christkönig selber—und für die, die sich darauf einlassen, ihm nachzufolgen und wie er Könige und Königinnen, Priester und Priesterinnen vor Gott zu sein. Von ihnen spricht das Buch der Offenbarung als denjenigen, die Christus durch sein Blut, also durch die Haltung, die ihn ans Kreuz brachte, erlöst hat.

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Ich habe eingangs behauptet, die Debatte mit Pilatus habe mit der Hinrichtung Jesu geendet. Liebe Gläubige, das ist falsch. Das ist die Sicht, die Pilatus haben würde. Die christliche Sicht ist eine andere: Die Debatte mit Pilatus hatte zwar Jesu Tod zur Folge, aber sie hat nicht damit geendet. Es folgte die Auferweckung und damit Rechtfertigung Jesu durch den Vater. Bis dahin hätte man immer noch sagen können: was Jesus da sagt und lebt, ist zwar ganz nett, es ist aber eben welt-fremd; er war halt ein naiver Spinner. Ostern aber sagt uns: Nicht er ist der naive Spinner, sondern die Pilatusse, Könige, Großinquisitoren, Präsidenten oder Fundamentalisten, die meinen Gottes Wahrheit würde sich mit den Gewaltmitteln dieser Welt durchsetzen. Gottes Wahrheit setzt sich am Kreuz durch; und nur wenige werden fähig, das zu erkennen, indem sie dem Auferstandenen begegnen. Sein Maßstab von Königsein und von Wahrheit wird der Maßstab des Gerichts sein am Ende der Zeiten.

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Die Debatte Jesu mit Pilatus endet nicht mit dem Tod Jesu, auch noch nicht mit seiner Auferstehung; sie zieht sich durch alle Debatten der Geschichte, in denen jemand Gottes Allmacht mit seiner eigenen Gewalt verwechselt; und sie endet, wenn Christus kommt „mit den Wolken, und jedes Auge [ihn sehen] wird […], auch alle, die ihn durchbohrt haben; und alle Völker der Erde werden seinetwegen jammern und klagen.“ (Offb 1,7) Sie werden jammern und klagen, weil sie nur allzu oft der Logik des Pilatus gefolgt sind und nicht der Jesu. Doch wenn er kommt als Richter der Welt, wird er sich nicht auf einmal wie ein König dieser Welt aufführen. Er wird Gericht halten mithilfe der Wahrheit, die sich kraft der Wahrheit selber in den Herzen der Menschen durchsetzt. Was dieses Durchsetzen verhindert, wird es dann nicht mehr geben. „Ja, amen. Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.“ (Offb 1,7f.)

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Anmerkungen:  

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 1.

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1 Zweites Vatikanisches Konzil: Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis Humanae, Nr. 1.

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