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"Wollt auch ihr weggehen oder wollt ihr bleiben?"
(Gottes Werben um unsere Freiheit. Gedanken zum 21. Sonntag im Jahreskreis, LJ B)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Gott lässt uns die freie Wahl - so heißt es. Wie aber reagiert er, wenn wir nein sagen?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2006-08-28

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Jos 24, 1‑2a.15‑17.18b; (Eph 5,21‑32); Joh 6,60‑69

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Liebe Gläubige,

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ist Ihnen aufgefallen, wie ähnlich die beiden Texte, der aus dem Buch Josua, und der aus dem Johannesevangelium einander sind? Da steht beide Male ein Mann Gottes vor dem Volk und merkt, dass diesen Menschen ihr Gott nicht mehr ganz passt. Sie sind unzufrieden, das, was sie vom Mann Gottes über Gott gehört haben, trifft nicht ihren Geschmack. So wollen sie ihren Gott nicht.

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Im Evangelium heißt es sogar, dass viele Jesus von da an verließen. Und es bleiben die Zwölf, die doch gerade deshalb zwölf sind, weil sie die zwölf Stämme Israels, die Vollständigkeit des Volkes symbolisieren sollen. Und Josua und Jesus reagieren auch ganz ähnlich auf die Unzufriedenheit der Leute. Sie fragen sie direkt auf den Kopf zu: wollt ihr lieber gehen, wollt ihr lieber einem anderen Gott dienen?

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Ich finde das für sich genommen schon ungeheuerlich. Man bedenke, wie heute die Kirchen jammern, weil nur noch wenige kommen. Josua und Jesus stellen lieber die klare Frage: Wollt auch ihr weggehen? Es geht ihnen nicht um Anhänger um jeden Preis, es geht ihnen um eine echte Entscheidung. Und echte Entscheidung setzt voraus, dass es auch die Möglichkeit gibt, nein zu sagen; setzt Freiheit und den Respekt für die Freiheit voraus. Jesus und Josua waren keine Männer für pädagogische Tricks. Wir müssen annehmen, dass ihre Frage durchaus ernst gemeint war. Wollt ihr weggehen? Dann geht. Es ist euere Entscheidung. Ich respektiere euere Freiheit.

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Auch das Volk bei Josua und die Zwölf bei Jesus, die das ganze Volk symbolisieren, reagieren gleich: mit dem Versprechen, zu bleiben. Vielleicht hielten sie ja die Frage, ob sie gehen wollen, für einen pädagogischen Trick. Vielleicht konnten sie sich nicht vorstellen, dass Gott die menschliche Freiheit so sehr respektieren würde, dass sie einfach gehen könnten. Wie würde Gott denn reagieren, wenn sie sich nun einfach abwenden würden von ihm? War er nicht ein eifersüchtiger Gott, dieser Jahwe? Kann man es glauben, dass er einen einfach so ziehen lässt? Lieber bleiben und neue Vorsätze fassen, diesem Gott die Treue zu halten. Wir dürfen ruhig davon ausgehen, dass auch die Menschen das ernst meinten. Es war nicht nur so dahin gesagt. Es war wohlbegründet: Gott hat uns aus Ägypten herausgeführt. Zum wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens, denn du bist der Heilige Gottes. Es wäre doch nicht nur unverschämt sondern auch ungeheuer dumm, da weg zu gehen.

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Muss es eigentlich immer so sein, dass diesen gut gemeinten und heiligen Schwüren dann genau das Gegenteil folgt, der Verrat und der Abfall? Es scheint so. Wie es Jesus ergangen ist, und dass auch die Zwölf ihn verließen und einer von ihnen ihn verriet, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Das ist hinlänglich bekannt. Aber wie ist es mit dem Volk weiter gegangen, zu dem Josua gesprochen hat? Das kann man im 2. Kapitel des Buchs der Richter nachlesen: Kaum waren Josua und seine Generation gestorben, da heißt es: „Die Israeliten taten, was dem Herrn missfiel, und dienten den Baalen. Sie verließen den Herrn, den Gott ihrer Väter, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte, und liefen anderen Göttern nach, den Göttern der Völker, die rings um sie wohnen. Sie warfen sich vor ihnen nieder ..." (Ri 2,11-12).

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Nun, da haben wir's ja. Wir Menschen können es scheinbar nicht. Seien wir ehrlich: es sind nicht nur die Israeliten zur Zeit der Richter und die ersten Jünger Jesu, die sich so verhalten. Geht es uns nicht auch so, dass wir dem verfallen, was gerade „die Völker um uns", sprich die Meinungsführer in Mode, Politik, Werbung, Medien und Gesellschaft uns vormachen? Wie vieles nimmt uns in Beschlag und lenkt uns ab vom Eigentlichen, vom Wesentlichen? Wie viel wird zu unseren fremden Göttern, weil es so anziehend ist, und wie oft laufen wir vor unserem Gott davon, weil er uns so schwer erträglich erscheint? Wir sind nicht anders als die Menschen in der Bibel.

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Dann aber wird nun die Frage brisant und auch für uns entscheidend? Wie verhält sich Gott gegenüber den Abgefallenen? Es sind zwar jetzt keine mehr, die ehrlich und anständig gesagt haben, dass sie sich verabschieden, es sind solche, die beteuert haben zu bleiben und doch gegangen sind. Wie reagiert Gott nun darauf?

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Hier liebe Gläubige, hier, in der Reaktion Gottes auf den Abfall der Menschen, unterscheiden sich das Buch der Richter, das die Geschichte aus Josua weiter erzählt, und das Johannesevangelium fundamental. Bei Richter heißt es: Es „entbrannte der Zorn des Herrn gegen Israel. Er gab sie in die Gewalt von Räubern, die sie ausplünderten, und lieferte sie der Gewalt ihrer Feinde ringsum aus, so dass sie ihren Feinden keinen Widerstand mehr leisten konnten." (Ri 2,14) Und dann setzt Gott Richter ein. Solange das Volk diesen gehorcht, ist Gott auf seiner Seite. Sobald aber ein Richter stirbt, läuft das Volk wieder den Götzen nach, und Gott wendet sich gegen dieses abtrünnige Volk.

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So in etwa würde man das ja auch erwarten, dass ein allmächtiger Gott umgeht mit Leuten, die nicht wissen, was sie an ihm haben. Sie benehmen sich wie unmündige Kinder, und er geht mit ihnen um wie mit unmündigen Kindern. Er braucht Richter, vielleicht gütige und kluge Männer, aber eben doch Aufpasser, damit das Volk ihm treu bleibt, und seine Zuwendung ist abhängig vom Wohlverhalten des Volkes. Die große Frage ist, ob ein Gott, der seinem Volk vor allem durch Richter und Aufpasser gegenüber tritt, irgendwann nicht selber nur mehr als Richter und Aufpasser erscheint. Gegenüber diesem Gott gibt es dann keine freie Entscheidung mehr, ihm gegenüber bleibt nur ein Abhängigkeitsgefühl und das ungute Empfinden der ständigen Beobachtung: „Gott sieht alles" ist dann eine Drohung, die alle Menschen zu unmündigen Kindern vor diesem Gott macht.

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Wie aber ist das mit dem Vater Jesu? Wie reagiert der Vater Jesu Christi, nachdem die Menschen seinen Sohn zum Gespött gemacht, gefoltert und ermordet haben und seine Zwölf dabei mithalfen durch Verrat, Verleugnung und Flucht? Bei Johannes im 20. Kapitel kann man es nachlesen: Dieser Getötete kommt als vom Vater Auferweckter zurück zu den noch übrigen Elfen und sagt zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. ... Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben." (Joh 20,21.22b-23a)

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Das ist die Reaktion des Vaters Christi auf den Verrat durch die Menschen: Dieser Vater hat es nicht nötig, Abwendung mit Liebesentzug und Schutzlosigkeit zu vergelten, er setzt auch nicht auf Aufpasser und Überwachung. Vielmehr kennt er und rechnet er mit der Schwäche der Menschen und weiß, dass die einzige Weise, ihnen zu helfen, die ist, ihnen immer wieder die Sünden zu vergeben und ihnen den Geist zu schenken, der sie zu mündigen Kindern Gottes, zu Geschwistern seines Sohnes, macht.

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Gott will die Menschen an sich binden, aber er will, dass sie sich selbst an ihn binden aus Liebe. Denn die Liebe Gottes ist nicht „eifersüchtig", sie ist nicht einengend, sie respektiert die menschliche Freiheit, sie respektiert auch ein Nein. Sie führt uns aber immer wieder die drastischen Folgen eines solchen Neins vor Augen. Nicht Gott schickt „Räuber" oder sonstiges Unglück, wenn wir uns von ihm abwenden, sondern unser Abwenden wäre so, als ob wir uns gerade vom Leben und vom Glück selber abwenden. Darum gibt es eindringliche Worte, die uns davor bewahren sollen. Aber Gott lässt uns diese Möglichkeit. Und er wird nicht zum Richter und Aufpasser in einem bevormundenden und entmündigenden Sinn; vielmehr zum Hirten, der die verlorenen Schafe sucht, und zum barmherzigen Vater, der dem heimkehrenden Sohn mit großer Freude vergibt. Können wir den Spruch „Gott sieht alles" auch auf diese Weise verstehen, als liebevollen Blick eines Vaters, der uns begleitet ohne uns einzuengen?

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Ich befürchte, dass uns oftmals gerade der Verdacht, Gott könnte ein Aufpasser und Richter sein, dazu bringt, uns von ihm abzuwenden. Zentrale Botschaft Jesu ist es aber, dass wir uns nicht vor Gott fürchten müssen. Und darum tut er alles, - bis zur Hingabe seines eigenen Lebens -, um uns von der Güte des Vaters zu überzeugen, um uns das spüren zu lassen.

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Doch eines tut er nicht: er schafft unsere Freiheit nicht ab, er stellt uns vor die Wahl: wollt ihr weggehen oder wollt ihr bleiben? Ich brauche keine Menschen, die aus Angst bleiben. Ich will auch nicht, dass ihr aus Angst vor mir flieht. Ich will Menschen, die aus Liebe bleiben, weil sie erkannt und erspürt haben, wie lebensspendend ich für sie bin, der Gott, der sie aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat, der ihnen die Sünden immer wieder vergibt und ihnen den Geist der mündigen Kindschaft schenkt, der für sie den Tod überwindet und ihnen ewiges Leben anbietet, um mit ihnen eine ewige Gemeinschaft der Fülle des Lebens einzugehen.

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Entscheidet euch: wollt auch ihr weggehen oder wollt ihr bleiben?

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