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Verunglimpfung des Islam durch den Papst?
(Eine kritische Stellungnahme)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2006-09-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Papst Benedikt XVI. habe in seiner Rede an der Universität Regensburg den Islam beleidigt, so werden Stimmen immer lauter, er sei von Kreuzzugsmentalität getrieben und—man höre und staune—seine Worte gehörten in die Kategorie von Hitler und Mussolini. (1) Was ist passiert?

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In seinem wissenschaftlichen Vortrag hat Papst Benedikt einen Text des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos zitiert, der zwischen 1394 und 1402 von diesem niedergeschrieben wurde. Darin gibt der Kaiser ein Streitgespräch mit einem gebildeten persischen Muslimen wieder. In der Diskussion fordert er sein Gegenüber mit einer provokanten These heraus: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. (2) Der Papst fährt dann fort zu erläutern, dass Manuel II. Palaeologos demgegenüber darauf bestanden habe, dass die Verbreitung von Religion nur durch Überzeugung und nicht durch Gewalt sinnvoll sei, weil Gewalt dem Wesen Gottes und dem Wesen der menschlichen Seele widerspreche. Und—so der Papst weiter—für den Kaiser und für den Mainstream der christlichen Tradition sei das Wesen Gottes vernünftig, logos-gemäß. Dies sei nach Auskunft des Herausgebers des Dialogs, dem Münsteraner Professor Theodore Khoury, im Islam nicht der Fall. Dort stehe Gott so über der Welt und dem menschlichen Denken, dass von unserer menschlichen Vernunft her keine Rückschlüsse auf das Verhalten Gottes möglich seien.

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Papst Benedikt gibt zu bedenken, dass in der Frage, wie eine Kultur das Verhältnis von Vernunft und göttlichem Willem bestimmt, sich Wesentliches entscheide. Für eine säkulare Kultur wie die westliche ist die Frage, wie wir die wissenschaftlich anerkannte Vernunft mit dem von vielen nicht mehr als vernünftig anerkannten Glauben in Beziehung setzen, von brennender Aktualität und Wichtigkeit. Dies gelte ebenso im interkulturellen und interreligiösen Dialog, der auch mit Kulturen stattfindet, die nicht selbstverständlich auf dem Boden einer säkularen Vernunft stehen. Hier sei das Verhältnis von Vernunft und Gottes Willen „ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion […], der uns heute ganz unmittelbar herausfordert“ (3) , so dass Dialog der Kulturen immer auch eine Einladung sei, in der Weite der Vernunft zu argumentieren (so der Papst sinngemäß am Ende seines Vortrags).

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Was also beleidigt daran den Islam? Nun könnte die Aussage Kaiser Manuels II. Palaeologos, der Prophet habe nur Schlechtes gebracht, durchaus als Beleidigung des Islam aufgefasst werden. Doch ist dies nicht die Aussage des Papstes, sondern die eines Kaisers aus dem 14. Jahrhundert, die der Papst nur zitiert, und das auch nur, weil sie den „Ausgangspunkt“ (4) dafür bietet, worauf er eigentlich hinaus will: das Argument, dass Glaube nur auf gewaltlose, vernunftgemäße Weise verbreitet werden dürfe. Hierin stimmte Papst Benedikt dem Kaiser zu, in der Bewertung des Propheten aber nicht. Dass er Letzteres nicht ausdrücklich betonte, war—rückblickend betrachtet—ungeschickt. Es zeigt aber nur, wie sehr sein Augenmerk ganz auf andere Teile des Zitats gerichtet war. Der Papst deutete seine Distanz zu dieser Meinung des Kaisers allerdings an, indem er zwei Mal betont, wie überraschend „schroff“ (5) das Argument Manuels sei. Parlamentarier, Beauftragte von Regierungsstellen und Religionsführer—von denen die Kritik ausging—müssten eigentlich das erkennen, zwischen einem bloßen Referat und der Zustimmung zu dem so Referierten unterscheiden und dies auch anderen, die weniger gebildet sind, weitergeben können. Die Tatsache, dass der Papst sofort auf die Kritik reagierte und seine Wortwahl bedauerte, weist auch darauf hin, dass er die Weise, in welcher seine Worte (miss)verstanden wurden, nicht vorhergesehen hatte. Da Papst Benedikt wenige Tage zuvor in München—in deutlicher Anspielung auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen—sogar eigens dazu aufgefordert hat, zu respektieren, was anderen heilig ist, (6) dürfte um so klarer sein, dass er keineswegs eine Herabwürdigung des Propheten im Sinn gehabt hat. Beim Angelusgebet am heutigen Sonntag hat der Papst unmissverständlich klargestellt, dass Kaiser Manuels Gedanken nicht die seinen sind. (7) Dies wäre aber auch vorher schon erkennbar gewesen. Die Frage wirft sich also auf, warum man dem Papst eine solche Fehlinterpretation seiner Rede unterstellt hat?

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Wenn es keine sachliche Grundlage für einen Vorwurf gibt, ist es erlaubt, nach anderen—nicht in der Sache liegenden—Gründen dafür zu suchen. Könnte es sein, dass der Papst gerade mit seiner klar, aber dezent formulierten Einladung an alle Religionen, Stellung zu beziehen in der Frage, wie sie zu Gewalt im Namen Gottes stehen und wie sie das Verhältnis von Vernunft und Religion bestimmen, bei einigen Muslimen einen blank liegenden Nerv getroffen hat? Soll das Getöse um eine angebliche Beleidigung des Islam vielleicht verdecken, dass der Islam auf diese brennenden Fragen unserer Zeit noch keine eindeutige und von der Mehrheit der Muslime mitgetragene Antwort gefunden hat?

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Der Papst hat in seiner Ansprache eigens darauf verwiesen, dass es auch im Christentum Strömungen gab, die Gott jenseits aller menschlichen Vernunft sahen. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass das hohe Gut der Religionsfreiheit bei uns erst aus der Erfahrung des vielfachen, sinnlosen Blutvergießens der Religionskriege heraus erwuchs und mühsam gegen die institutionellen Kirchen durchgesetzt werden musste. Nicht als westliche Europäer und schon gar nicht als Christen haben wir Grund, hochmütig auf andere herabzublicken, die diese Errungenschaft (noch?) nicht anerkennen. Aber wir können auf unsere leidvolle Geschichte verweisen und darauf, dass die christlichen Kirchen aus ihr gelernt haben. Und es muss erlaubt sein, die Frage zu stellen, ob andere wirklich das alles noch einmal durchmachen müssen (sind es doch vor allem sunnitische und schiitische Muslime, die sich etwa im Irak, aber auch anderswo, gegenseitig umbringen) oder ob nicht auch ein Dialog der Kulturen zu der Einsicht führen kann, dass Religion und Gewalt nicht zusammengehören; eine Einsicht, die auch die christliche Kirche dem Kaiser Manuel II. Palaeologos Jahrhunderte lang nicht geglaubt hat—mit fatalen Folgen.

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Das Anliegen von Papst Benedikt war es, zu betonen: Gott und Religion auf der einen, Gewalt und Intoleranz auf der anderen Seite gehören nicht zusammen; und die Vernunft des Menschen, der von Gott als sein Abbild geschaffen ist, hilft uns, dies zu erkennen. Ob Mohammed dem zustimmen könnte oder nicht, müssen die Muslime selbst entscheiden. Aber die Auffassung eines Mannes aus dem 14. Jahrhundert dazu zu referieren, kann keine Beleidigung darstellen. Beleidigen nicht vielmehr diejenigen den Islam und den Propheten, die im Namen dieser Religion Gewalt ausüben und nun sogar mit Anschlägen auf den Papst drohen (8) , und müssten die muslimischen Religionsführer in allen Ländern nicht dagegen viel einhelliger, deutlicher und unbedingter Stellung beziehen?

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Anmerkungen:

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1. Vgl. einen Bericht in DER SPIEGEL online: http://www.spiegel.de/ politik/ausland/0,1518,437299,00.html

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2. Zitiert nach der Veröffentlichung des päpstlichen Vortrags auf der Homepage des Vatikan: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben -xvi_spe_20060912_university-regensburg_ge.html

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3. Ebd.

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4. Ebd. In der gesprochenen Fassung der Vorlesung, wie sie das Bayerische Fernsehen live übertragen hat, betonte der Papst „nur als Ausgangspunkt“ deutlicher als in der auf der Homepage veröffentlichten Fassung.

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5. Ebd.

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6. „Dieser Zynismus [der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht] ist nicht die Art von Toleranz und von kultureller Offenheit, auf die die Völker warten und die wir alle wünschen. Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schließt die Ehrfurcht vor Gott ein – die Ehrfurcht vor dem, was dem anderen heilig ist. Diese Ehrfurcht vor dem Heiligen der anderen setzt aber wiederum voraus, dass wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen. Diese Ehrfurcht kann in der westlichen Welt nur dann regeneriert werden, wenn der Glaube an Gott wieder wächst, wenn Gott für uns und in uns wieder gegenwärtig wird.“ Online: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/homilies/2006/documents/hf_ben-xvi_hom_ 20060910_neue-messe-munich_ge.html

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7.At this time, I wish also to add that I am deeply sorry for the reactions in some countries to a few passages of my address at the University of Regensburg, which were considered offensive to the sensibility of Muslims. These in fact were a quotation from a medieval text, which do not in any way express my personal thought.” Online: http://212.77.1.245/news_services/bulletin/news/18817.php?index=18817&lang=g e

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8. Vgl. DER SPIEGEL online: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,437461,00.html

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